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Geistliches Wort – "Alles hat seine Zeit"

Am 5. August 2003 meldet das Hamburger Abendblatt: Harrods startet die Weihnachtszeit! 144 Tage vor dem Fest bei drückender Sommerhitze bietet das Kaufhaus in London seine Weihnachtsartikel an. Wenig später werden auch bei uns die ersten Dominosteine in den Geschäften gesichtet.

Am 17.11.2003 berichtet der Öffentlicher Anzeiger von dem Vorschlag, die Geschäfte an den Adventssonntagen zu öffnen.

"Jede Maßnahme, die das Weihnachtsgeschäft belebt, ist dieses Jahr mehr als notwendig."

Denn es werden positive Impulse für den Einzelhandel erwartet.Da fragen wir uns: Sind wir noch zu retten?

Menschen brauchen Rhythmen. "Alles hat seine Zeit." Dies ist nicht nur eine alte Weisheit der Bibel, sondern das haben Menschen seit Jahrhunderten erfahren: Mit abgegrenzten Zeiten, mit Rhythmen, die unser Leben gliedern, leben wir sicherer und beruhigter. Sie geben uns Zeit zum Aufatmen, sie geben der Seele Raum zum Innehalten und Entspannen. Es gibt einen Rhythmus des Lebens. Es gibt einen Rhythmus des Jahres, der geprägt ist von der christlichen Tradition. Warten, Vorfreude, Vorbereitung haben einen Sinn, ebenso wie die großen Feste des Jahres.

Gerade die Adventszeit ist eine besondere Zeit des Jahres. Es ist eine Zeit der Einkehr und der Stille, der Vorfreude und der Erwartung, Zeit für gemütliche Runden in der Familie oder im Freundeskreis bei Kerzenschein und Gebäck, beim Hören adventlicher Musik und adventlicher Texte. Und der Advent hat seine bestimmte Zeit. Nach dem Ewigkeitssonntag beginnen die vier Wochen der wunderbaren Spannung auf Weihnachten hin.

Doch sind aus den vier Wochen oft schon fünf, sechs oder mehr geworden, an manchen Orten sind bereits Mitte November Straßen und Geschäfte weihnachtlich geschmückt. Die Adventszeit mit ihren besonderen Farben und Düften, mit Lichtern und Plätzchen verliert an Bedeutung und Sinn, wenn wir ihr keinen festen Rahmen mehr geben. Worauf sollen wir uns eigentlich noch freuen, wenn der Spekulatius schon seit Wochen auf dem Tisch steht, alles immer gleich verfügbar und damit beliebig ist?

Alles hat seine Zeit - Advent ist im Dezember:
Für die christliche Adventskultur sollten wir uns deutlicher und klarer als je zuvor einsetzen. Damit richten wir uns nicht gegen Geschenke, Lebkuchen und Weihnachtsmärkte! Im Gegenteil, wir freuen uns auf den Advent - aber zur rechten Zeit.

Wir wünschen uns, dass der Advent wieder die Zeit wird, in der wir uns auf Weihnachten vorbereiten. Advent heißt übersetzt Ankunft. Die Geburt des Gotteskindes wird vorbereitet. Die Adventszeit ist voller schöner Rituale. Die brauchen wir, die tun unserer Seele gut und auch unseren Kindern. Erinnern Sie sich noch, warum die Äpfel am Kranz oder am Weihnachtsbaum eine blasse und eine rote Seite haben sollen? Kennen Sie die Tradition der Barbarazweige, die aus dem 15. Jahrhundert stammt? Wissen Sie, was es mit dem Adventskranz auf sich hat, der seit Anfang des 20. Jahrhunderts (fast) jedes Haus in Deutschland schmückt? Und ist Ihnen bekannt, dass Lebkuchen etwas mit der Heilkunst und den Arzneien mittelalterlicher Klöster zu tun haben? Das sind uralte Adventstraditionen, die wir neu beleben können.

So gibt es auch in diesem Jahr wieder einen Adventskalender mit dem schönen Titel "Der andre Advent". Es ist ein Adventskalender für Erwachsene, der über Heiligabend hinausgeht. Vom 30. November bis zum 6. Januar gibt es jeden Tag eine Geschichte, ein Gedicht, ein Bild. Zum Träumen, Nachdenken und Schmunzeln. Mit Texten von Astrid Lindgren bis Leonardo da Vinci, vom Alten Testament bis Erich Fried. Jeden Tag also eine kleine Überraschung.

Zum Beispiel, wenn Barbara Kamprad erzählt, wie sie bei einer Tasse heißer Schokolade einen "Schwatz mit dem lieben Gott" hält. Darunter viele praktische Tipps: Wie man als Single das Weihnachtsfest plant. Oder wie man Heiligabend feiert, wenn man um das eigene Kind trauert. Elke Heidenreich fragt nach dem Sinn des Lebens und Kardinal Hengsbach lädt zur Gewissensprüfung ein. Dazu gibt es viel zum Schmunzeln: Zum Beispiel, wenn Uli Steins Heilige Drei Könige darüber streiten, ob sie für Myrrhe, Gold und Weihrauch eine Spendenquittung verlangen sollen. Loriot beschreibt einen geplagten Ehemann, der vergeblich um ein bisschen Ruhe kämpft.

Diese Adventskampagne unserer evangelischen Kirche will Menschen Lust und Mut machen, Advent wieder in der Adventszeit zu feiern. Darum laden wir Sie herzlich ein: Machen Sie mit!

In einem Adventskalender aus früheren Jahren werden Gedanken von Jorge Luis Borges wiedergegeben, die wir im Blick aufs neue Jahr zum Schmunzeln, zur Zustimmung oder Kritik gerne weitergeben:

"Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte, im nächsten Leben, würde ich versuchen, mehr Fehler zu machen. Ich würde nicht so perfekt sein wollen, ich würde mich mehr entspannen. Ich wäre ein bisschen verrückter, als ich es gewesen bin. Ich würde viel weniger Dinge so ernst nehmen. Ich würde mehr riskieren, würde mehr reisen, Sonnenuntergänge betrachten, mehr bergsteigen, mehr in Flüssen schwimmen ... Wenn ich noch einmal leben könnte, würde ich von Frühlingsbeginn an bis in den Spätherbst hinein barfuss gehen. Und ich würde mehr mit Kindern spielen ..."

So wünschen wir Ihnen allen ein besinnliche Adventszeit, ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest und ebenso ein gesundes neues Jahr.

Wolfgang Fleißner - Manfred Zuzak - Ingo Lüderitz

Erstellt: 9.1.2005
Zuletzt aktualisiert: 7.4.2011 19:00 Uhr
Redakteur: Anders Grüning

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