Entschlüsselung
Jesus Christus spricht:
Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle
Offenbarung 1,18
Wer kennt das nicht?
Da steht man vor der Haustür und hat keinen Schlüssel. Irgendwo hat man ihn liegen lassen, nur fällt es einem nicht gleich ein, wo das war. Dann ist guter Rat teuer. Wenn nirgendwo ein Schlüssel als Ersatz versteckt ist oder bei einem Nachbarn hinterlegt, dann zahlt man viel Geld für den Schlüsseldienst, um in die eigene Wohnung zu kommen.
Wer kennt das nicht?
Da fällt beim Frühjahrsputz einem eine alte abgeschlossene Schatulle in die Hände. Doch ein Schlüssel fehlt. Und dann versucht man mit verschiedenen Schlüsseln, das Schloss zu öffnen. Vielleicht passt dieser oder jener? Wir wollen doch zu gern wissen, was darin liegt.
Wer kennt das nicht?
Vor uns liegt ein auszufüllendes Formular. Wir verstehen nur „Bahnhof“. Wie gut, wenn es dann jemanden im Bekanntenkreis gibt, der sich im Verwaltungsdeutsch auskennt, der uns das Formular „entschlüsselt“.
Nun heißt die gute Nachricht zu Ostern: Christus hat die Schlüssel des Todes und der Hölle. Wir brauchen nicht mehr länger zu suchen, umherzufragen. Da gibt es also einen Fachmann, der uns den Sinn des Lebens entschlüsselt.
Leben ist keine ewige Wiederkehr von Werden und Vergehen. Darum liefen die Frauen am Ostermorgen mit Angst und Schrecken davon, als sie das Grab Jesu leer vorfanden. Denn das überstieg ihren Verstand. Erst die Begegnung mit dem Auferstandenen verwandelt sie von müden, resignierten Leidtragenden zu Hoffnungsträgerinnen. Sie können trotz ihrer Angst frei atmen. Sie können mit Jesus rechnen. Wie früher. Und doch anders. Denn die Erfahrung der Todesnacht lässt sich nicht so einfach abschütteln. Alle Naivität ist verloren gegangen. Die bleibenden Wundmale Jesu verdeutlichen es.
In schweren Zeiten ähneln wir den Frauen, die damals zum Grabe gingen. Auch uns kann es geschehen, dass wir verwandelt werden. Auch uns fällt es dann schwer, auszudrücken, wie es sich genau vollzogen hat. Es ist als habe jemand den Schlüssel entdeckt, um uns aus unserem Dunkeln zu befreien. Uns erreicht wieder ein Wort. Die Nähe mancher Menschen erfahren wir wieder als wohltuend. Ganz langsam bahnt sich für uns ein Ostererlebnis an. Wir werden hinaus geführt in einen weiten Raum.
In sehr einfachen Worten beschreibt ihn Marie Luise Kaschnitz:
Glauben Sie, fragte man mich,
an ein Leben nach dem Tode.
Und ich antwortete: Ja.
Aber dann wusste ich keine Antwort zu geben,
wie das aussehen sollte,
wie ich selber aussehen sollte
dort.
Ich wusste nur eines:
Keine Hierarchie
Von Heiligen auf goldenen Stühlen sitzend,
Kein Niedersturz
Verdammter Seelen,
nur -
nur Liebe frei gewordene,
niemals aufgezehrte
mich überflutend-
Mehr, also fragten die Frager,
erwarten Sie nicht nach dem Tode?
Und ich antwortete:
Weniger nicht.
Eine gesegnete und gefüllte österliche Zeit wünsche ich uns allen
Ihr Pfarrer Wolfgang Fleißner