Geistliches Wort – "Aktuelles Geistliches Wort"
Liebe Gemeindeglieder!
"Können Sie noch warten?" auf die Zeit der Vorfreude, darauf, dass die nachdenklich stimmende Dunkelheit des Novembers vom wärmenden Kerzenschein im Advent abgelöst wird? Die Adventszeit mit ihren besonderen Farben und Düften, mit Lichterglanz und Weihnachtsbäckerei braucht ihren festen Rahmen, wenn sie ihre Bedeutung und ihren Sinn nicht verlieren soll. Nur dann können wir wahrnehmen und erleben: "Kommt Zeit, kommt Advent", die Ankunft Gottes.
Dazu gehören auch die Adventslieder, die vom Warten, vom Erwarten der Ankunft erzählen.Es kommt ein Schiff, geladen bis an sein' höchsten Bord,
trägt Gottes Sohn voll Gnaden, des Vaters ewigs Wort.
Das Schiff geht still im Triebe, es trägt ein teure Last;
das Segel ist die Liebe, der Heilig Geist der Mast.
Der Anker haft' auf Erden, da ist das Schiff am Land.
Das Wort will Fleisch uns werden, der Sohn ist uns gesandt.
Zu Bethlehem geboren im Stall ein Kindelein,
gibt sich für uns verloren; gelobet muss es sein.
Dieses Lied fasziniert mich, es erscheint mir geheimnisvoll. Es hat etwas Altvertrautes, aber gleichzeitig auch etwas Befremdliches. Ich weiß nicht, wie es Ihnen mit diesem Lied geht: Überwiegt das Vertraute oder das Befremdliche?
Die Strophen des Liedes wenden sich, was mir gefällt, nicht mit abstrakter Theologie an den Verstand, sondern mit Bildern an das Herz.
Das Weihnachtsschiff taucht vor unseren Augen auf. Es kommt vom jenseitigen Ufer und treibt lautlos auf uns zu. Langsam wird es am Horizont sichtbar, es kommt immer näher und dann beim Oktavton in der dritten Zeile, beim Wort "Sohn" ist es in voller Größe zu sehen. Im gleitenden Schweben kommt es zum Ufer, wo es seine teure Last entlädt.
Auffällig ist der Taktwechsel mitten im Lied. Zunächst der Dreiertakt, der die wiegende Wellenbewegung nachempfindet, und dann der ruhige, eher schreitende Zweiertakt. Dem entspricht auch der Inhalt der Strophen. Die erste Hälfte jeder Strophe malt das Bild des Schiffes aus. Die zweite Hälfte jeder Strophe deutet das jeweilige Bild: Wir können also übersetzen:
- Die Ladung des Schiffes ist der Sohn Gottes, der aus der Ferne zu uns auf die Erde kommt.
- Der Mast ist der Heilige Geist, an dem das Segel der Liebe befestigt ist. Die Liebe treibt das Schiff voran.
- Der Anker ist der Anker der Hoffnung, die erfüllt wird, wenn das Schiff an Land und der uns gesandte Sohn angekommen ist.
Dabei geht es in diesem Lied nicht um ein vergangenes Ereignis, sondern um die Aneignung der Fracht, die das Schiff bringt. Der schlesische Mystiker Angelus Silesius hat das so ausgedrückt:
"Wäre Christus 1000 mal in Bethlehem geboren, und nicht in dir, du bliebest noch ewiglich verloren."
So heißt es folgerichtig in den beiden letzten Strophen:
Und wer dies Kind mit Freuden umfangen, küssen will,
muss vorher mit ihm leiden groß Pein und Marter viel,
danach mit ihm auch sterben und geistlich auferstehn,
das ewig Leben erben, wie an ihm ist geschehn.
Die Vergangenheit ist Gegenwart. Das Schiff kommt jetzt.
Weihnachten einmal heute erleben in der Gegenwart. Nicht als ein Geschehen, das vor 2000 Jahren geschah und mit mir eigentlich nichts mehr zu tun hat. Nicht als eine Reminiszenz an die Kindheit, in der es so schön war - und so schön sollen es doch die Kinder heute auch haben. Ich bin da nicht so wichtig. Nicht als ein "Alle Jahre wieder..." - und das geht auch vorbei. In der Adventzeit das Kommen des Schiffes erwarten und dann sich einlassen auf das, was Gott mit uns Menschen vor hat, indem er uns die teure Last, seine Sohn, gesandt hat. Dazu lädt uns das Lied ein.
Ihr Pfarrer Wolfgang Fleißner
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