AUF!KLÄREN

Geistliches Wort - Pfr. Wolfgang Fleißner

Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.
Römer 12,3

Liebe Gemeinde,

ein Soziologe hat uns heutige Menschen mit einem Radargerät verglichen, das immer auf Empfang ist. So richte der heutige Mensch sein Verhalten fortlaufend nach den Signalen der öffentlichen Meinung. Er sei ein Meister der Anpassung geworden. "Stellt euch nicht dieser Welt gleich", hat Paulus gesagt. An zwei kleinen Beispielen aus der Geschichte möchte ich verdeutlichen, was das heißen könnte.

Auf dem Reichstag zu Speyer 1529 protestierte eine kleine Minderheit von zwanzig Reichsständen dagegen, dass man sich in Gewissensentscheidungen des Glaubens der Mehrheit zu beugen habe, denn: "in Sachen Gottes Ehre und der Seelen Gerechtigkeit muss ein jeglicher vor Gott stehen und Rechenschaft geben, also dass sich niemand mit dem Handeln oder Beschließen einer [...] Mehrheit entschuldigen kann." Dieser Protest hat ihnen damals den Namen "Protestanten" eingetragen. Der Einzelne in seinem Gewissen vor Gott macht seine Würde aus.

Das andere Beispiel stammt aus der Zeit des 2. Weltkrieges.
Nach der Besetzung Dänemark durch das Dritte Reich wurde der Befehl veröffentlicht, dass ab sofort jeder Jude einen Judenstern zu tragen habe. Da habe der dänische König im Rundfunk die Nachricht verlesen lasen, er selber werde diesen Stern dann auch tragen und erwarte das auch von jedem anständigen Dänen. Am nächsten Morgen sollen viele Dänen den Judenstern getragen haben. Schließlich sei der diskriminierende Befehl zurückgezogen geworden.
Zivilcourage zeigen, wo Achtung vor Andersdenkenden und ihrer Gesinnung mit Füßen getreten wird. Zivilcourage zeigen, wenn es um das Recht und den Schutz der Schwachen geht.

Die vor uns liegenden Fastenzeit steht unter dem Motto: auf!klären. Zum 21. Mal ruft die Aktion "7 Wochen ohne" dazu auf, sich zu beteiligen. Bei dem diesjährigen Motto auf ! klären gefällt mir die Unterbrechung des Wortes. "auf !" appelliertes an uns, sich "auf!zumachen" oder auch sich "auf! zu machen" - "-klären" hat etwas mit "klar" zu tun; dem gemäß werden wir bei der diesjährigen Aktion aufgerufen, sich über alles Mögliche Klarheit zu verschaffen. Worüber? in der Passionszeit (vergleichbar der Adventszeit) über die Abhängigkeiten, die Grundlagen, Traditionen, Werte des eigenen Lebens. Des Guten vergewissere ich mich und das Schlechte vermeide ich. Das alles aber mit einer Leichtigkeit, denn: ich bin geliebt von Gott und weiß mich in seiner Hand geborgen. Die Fastenzeit ist Aus!zeit. Ich freue mich wieder darauf und wünsche uns, dass das Wort des Paulus aus seinem Römerbrief zum Wegweiser werden möge.

Ihr Pfarrer Wolfgang Fleißner

Erstellt: 9.1.2005
Zuletzt aktualisiert: 10.1.2010 11:21 Uhr
Redakteur: Simone Schreiner
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