Fasten
Liebe Gemeinde,
Bei dem Wort Fasten denken viele zunächst an Abnehmen. Von religiösen Fastenzeiten erzählt schon das Alte Testament. Mose fastete 40 Tage, um sich auf die Begegnung mit Gott vorzubereiten. Jesus ging für 40 Tage fastend in die Wüste und kämpfte gegen heftige Versuchungen. Daran anlehnend gibt es seit dem 4. Jahrhundert die vierzigtägige Fastenzeit als Vorbereitung auf Ostern. Sie beginnt mit Aschermittwoch und endet am Karsamstag.
Auf die zahl 40 kommt, wenn man die Sonntage nicht mitzählt. Sie zählen ursprünglich nicht als Fastentage, sondern sind schon kleine Ostertage. Im Mittelalter galten strenge Regeln: kein Fleisch, keine Eier oder Milchprodukte, keine Tanzveranstaltungen. Mit vielen Tricks wurden manche Verbote umgangen: So wurden Gänse und Biber angeblich kurzerhand zu "Wassertieren" und damit zu erlaubten Speisen erklärt.
Beim Fasten geht es nicht vorrangig darum, schlanker oder gesünder zu werden. Der Verzicht auf Betäubendes und Einengendes schärft die Sinne für religiöse Erfahrungen. Wer weniger konsumiert und weniger Zeit mit Überflüssigem verbringt, entdeckt neue Freiräume. Spürt, was das eigene Leben bewegt, was wirklich wichtig ist. Spürt, nicht abhängig zu sein von den kleinen Annehmlichkeiten des Alltags. Vielleicht entdeckt der eine oder die andere neue Möglichkeiten. Der Verzicht auf das Fernsehprogramm führt zu einem guten Buch, der Verzicht auf das Auto beschert ein paar Frühlingsspaziergänge.
"Wenn ihr fastet, blickt nicht wie die Blender trübselig drein. Denn sie machen verhärmte Gesichter, um vor den Menschen als Fastenden zu erscheinen. War ist's, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon. Wenn aber du fastest: Salbe deinen Kopf und wasche dein Gesicht, damit du nicht den Menschen fastend erscheinst, sondern deinem Vater - der im Verborgenen wohnt. Und dein Vater, der ins Verborgene blickt, wird dich belohnen." (Matthäus 6,16-18)
Ein verhärmtes Gesicht zu machen und damit auf die Anerkennung der Umgebung zu warten, darum geht es schon lange nicht mehr. Die Umgebung schüttelt sowieso nur den Kopf übers Fasten, solange es nicht ums Abnehmen geht. Dem Matthäusevangelium geht es auch nicht um den Lohn, sich selbst auf die Schulter zu klopfen, da hab ich es mir selbst gezeigt! Viel mehr! Es gibt die Chance auf mehr!
Die Fastenzeit kann in das Verborgene führen, das hinter den Alltagssüchten und Ablenkungsgewohnheiten liegt. Meine Angst zu kurz zu kommen, meine Sorge, die erwartete Leistung nicht zu bringen, meine Trauer über das Älterwerden. Wenn ich das ins Gebet nehme, kann mir eine Erfahrung geschenkt werden, dass dort mein Vater wohnt, dort im Verborgenen.
Ich wünsche uns allen eine gesegnete Fastenzeit und lade Sie herzlich ein an den Passionsandachten und Gottesdiensten teilzunehmen, die sich je auf ihre Weise damit beschäftigen, ins Verborgene zu führen, bis an Ostern das Lachen aufstrahlt, das Paul Gerhardt so beschreibt.
Die Welt ist mir ein Lachen
Mit ihrem großen Zorn,
sie zürnt und kann nichts machen,
all Arbeit ist verlorn.
Die Trübsal trübt mir nicht
mein Herz und Angesicht,
das Unglück ist mein Glück,
die Nacht mein Sonnenblick.
Ihr Pfarrer Wolfgang Fleißner
