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Geistliches Wort – "100 Jahre Frauenhilfe Guldental"

Die Dialogpredigt zum 100jährigen Bestehen der Guldentaler Frauenhilfe hatte als Grundlage die Eliageschichte aus 1. Könige 17: Elia und die Witwe von Zarpat

1. Spr: Was für ein eigenartiger Text! Und so was zu unserem Jubiläum. 100 Jahre Frauenhilfe. Das ist doch eine Zumutung. Meint ihr nicht?

2. Spr: Na ja. Die Geschichte steht nun mal in der Bibel. Und die Frau finde ich bewundernswert. Sie hat nichts und teilt das Wenige mit einem ihr wildfremden Mann.

3. Spr: Auf den ersten Blick ist es fürwahr eine merkwürdige Geschichte. Da gebe ich dir schon Recht. Doch will uns diese Wundergeschichte nicht auch ermutigen?

1. Spr: Also, ich verstehe euch nicht. Da kommt der Prophet Elia zu einer Frau, die nicht einmal mehr das Nötigste zum Überleben hat und verlangt von ihr auch noch ganz ungeniert, dass sie das wenige, was sie hat, ausgerechnet ihm geben soll. Ein Elia, der nicht nur äußerst unsympathisch, sondern auch sehr egoistisch und selbstsüchtig rüberkommt. Auch wenn es um ein Wunder geht, ich hätte da trotz allem, meine Schwierigkeiten damit, von der Frau ihren letzten Bissen für mich selbst haben zu wollen. Und ich habe deshalb auch meine Schwierigkeiten mit dieser Erzählung von Elia und der Witwe von Zarpat, wenn ich den Text einfach so lese, wie er sich heute darstellt.

2. Spr: Vielleicht geht es darum, nicht das Anstößige so sehr in den Vordergrund zu stellen, sondern mehr auf das Hintergründige der Geschichte zu achten.

3. Spr: Du meinst also: Es geht gar nicht so sehr um die Witwe oder um das Essen, das sie hat oder auch nicht hat. Vielleicht geht es gar nicht so sehr um diese Geschichte, dass sie sich so zugetragen hat. Es geht eher um ihre symbolische Bedeutung.

1. Spr: Na, da schummelst du dich aber schnell über alle Schwierigkeiten hinweg. Wenn ich an der Stelle der Witwe gewesen wäre, dann hätte ich den Elia abgewiesen: Ich kann dir nichts geben, ich kann mich nicht um dich kümmern, ich habe ja selbst nichts mehr – für mich und meinen Sohn. Ich muss jetzt erst einmal an mich denken. Das wäre das einzig Vernünftige!

2. Spr: Was dir vernünftig und richtig erscheint, ist aber nach biblischer Aussage ganz und gar nicht vernünftig und richtig. Ich gebe dir Recht, du denkst sehr, sehr menschlich: Wer nichts hat, kann auch nichts geben. Doch unsere Geschichte erzählt gerade, dass das umgekehrte Verhalten Leben verheißt.

3. Spr: Meinst du das in dem Sinn: Denk an den anderen, dann denkst du am intensivsten an dich! Kümmere dich darum, dass es dem anderen gut geht, dann geht es dir am Besten. Versuche andere glücklich zu machen, dann wirst du selbst am ehesten glücklich. Finde zum anderen Menschen und du findest am Ende zu dir! Meinst du es so?

1. Spr: Das leuchtet mir schon ein, dass da ein Körnchen Wahrheit drin liegt. Aber die Sachzwänge sind oft so eng und hart. Ich muss ehrlich sagen, das könnte ich nicht. So stark bin ich nicht. Das überfordert mich.

2. Spr: Ich denke, dass es nicht um eine übermenschliche Leistung geht, die von mir abverlangt wird. Es geht um eine innere Einstellung. Eine andere biblische Geschichte macht das sehr anschaulich. Als Israel aus dem Exil zurückgekehrt war und Jerusalem in altem Glanz wieder erstehen ließ, dachten die Menschen offenbar - nach unserer Vorstellung eigentlich völlig verständlich - zuerst an sich selbst. Die Zeiten waren schlecht und da war das Geld knapp. Und für den Wiederaufbau des Tempels war es schon gar nicht da.
Der Prophet Haggai konfrontierte das Volk in dieser Situation mit einer Weisheit, die wiederum auf den ersten Blick einfach nur paradox klingen muss. Er sagt: Ihr meint, kein Geld für den Tempel übrig zu haben, weil es euch wirtschaftlich so schlecht geht? Nein, weil ihr kein Geld für den Tempel übrig habt, weil ihr nur noch an euch und nicht mehr an Gott denkt, deshalb geht es euch wirtschaftlich so schlecht.

3. Spr: Jetzt beginne ich auch zu begreifen, was diese alte Geschichte mit unserem Jubiläum 100 Jahre Frauenhilfe zu tun hat. Sie ist ein Beispiel für uns, die biblische Weisheit umzusetzen: Dass letztlich der erhält, der gibt. Gib und du wirst haben!

1. Spr: Also  ich kapiere gar nichts mehr. Was hat denn das miteinander zu tun?

2. Spr: Als vor 100 Jahren sich Frauen aus unserer Gemeinde zusammengefunden haben, da hatten sie auch wie die Witwe aus Zarpat wenig Materielles in den Händen. Aber sie hatten wohl die innere Einstellung: Auf Gottes Wort hin, das Wenige das sie hatten einzusetzen für andere: Nachbarschaftshilfe wie putzen, waschen, kochen, wenn eine junge Frau im Wochenbett lag, Besuchsdienst bei Kranken, unterstützende Hilfe für pflegende Angehörige. Später waren es ganz praktische Dienste in der Gemeinde: die jährliche Grundreinigung der Kirche, die Einsätze bei Gemeindeveranstaltungen, Geburtstagsbesuche der älteren Mitglieder mit einem Ständchen zu würdigen, die Seniorennachmittage zu organisieren und Gottesdienste mitzugestalten. Immer waren und sind Frauen bereit, ihre Gaben und Fähigkeiten einzusetzen Und immer wieder kamen und kommen sie regelmäßig zusammen, um sich auszutauschen, auf Gottes Wort zu hören. Gerade im Dritten Reich, als ihre Aktivitäten verboten waren, fanden sie in den regelmäßigen Treffen zum Kaffeetrinken eine Form, den Glauben zu leben und weiterzugeben.

3. Spr: Und wie in der Geschichte von der Witwe und Elia hat unsere Frauenhilfe erfahren: Wer Gastfreundschaft übt, wer dem anderen schenkt, wer in den Nächsten investiert, bekommt 'zig-fach zurück. Wer nicht zuerst an sich denkt, wer Gott die Ehre erweist, dem wird alles andere dazugegeben. Und wer die Zeit, die er nicht hat, dem anderen und Gott widmet, der gewinnt sie am Ende im Überfluss.

1. Spr: So langsam versteh ich, warum diese Geschichte passend für unser Jubiläum ist. Auch sie hat in den 100 Jahren erfahren dürfen. Es ist wahr– damals wie heute: Das Mehl im Topf wurde nicht verzehrt, und dem Ölkrug mangelte nichts. Darüber könnte ich wirklich ins Staunen kommen.

2. Spr: Und ich erkenne die Pointe der Geschichte darin: Dass sich die Verheißung nur dann erfüllt, wenn wir uns darauf einlassen. Die Witwe tut es, und das Wunder geschieht. Darum kann ich von Herzen Gott loben, dass er uns damals wie heute immer wieder Wunder erleben lässt.

Eine gesegnete Sommerzeit wünsche ich uns allen

Ihr Pfarrer Wolfgang Fleißner

Erstellt: 27.5.2007
Zuletzt aktualisiert: 7.4.2011 14:34 Uhr
Redakteur: Anders Grüning

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