Predigt und Liturgie - 1. Christtag 2009
Titus 3,4-7
4 Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands,
5 machte er uns selig - nicht um der Werke der Gerechtigkeit willen, die wir getan hatten, sondern nach seiner Barmherzigkeit - durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im heiligen Geist,
6 den er über uns reichlich ausgegossen hat durch Jesus Christus, unsern Heiland,
7 damit wir, durch dessen Gnade gerecht geworden, Erben des ewigen Lebens würden nach unsrer Hoffnung.
Liebe Gemeinde!
Vielleicht kennen Sie das nachweihnachtliche Gespräch. Es könnte sich so abspielen:
"Und, wie war's gestern bei dir? Gute Geschenke?" - "Ach ja, einen DVD-Player hab ich gekriegt. Aber das wusste ich, war keine Überraschung. Und von der Tante hab ich so ein blödes Spiel bekommen. Ich bin doch kein Baby mehr! Und bei dir?" - "Ach, ich hab nur Geld bekommen. Meine Eltern meinen, ich soll mir selbst was kaufen. Ist ja eigentlich gut, dann kann ich selber bestimmen. Aber irgendwo ist es auch doof." - "Hat aber den Vorteil, dass du nichts umtauschen musst. Meine Mutter hat von Oma ein Parfüm bekommen, das sie nicht leiden kann. Sie hat natürlich nichts gesagt, aber ich weiß, dass sie es umtauschen wird. Papa hat extra den Kassenzettel von Oma gekriegt. 'Zur Sicherheit', hat die Oma gesagt. " - "Parfüm, na ja. Mein kleiner Bruder hat so ein blödes Spielzeug geschenkt bekommen, das dudelt die ganze Zeit, wenn er damit spielt. Er hat es stundenlang laufen lassen gestern, furchtbar. Jetzt leiert es schon. Hoffentlich geht es bald ganz kaputt."
Wer weiß, wie viele, nicht nur Jugendliche heute solch ein Gespräch führen. Der Heilige Abend ist vorbei, Weihnachten ist damit für viele schon gelaufen. Die Geschenke gestern waren der Höhepunkt, nun folgen die für manche öden Feiertage. Nicht jeder freut sich auf die Familie. Nach den Festtagen wird das Umtauschen losgehen. Und manches Geschenk geht bald kaputt oder wird achtlos in die Ecke geworfen, nachdem das erste Interesse erloschen ist. Die Freude ist mitunter schnell dahin.
Doch es gibt auch andere Geschenke - die werden sorgfältig aufbewahrt. Der selbst gebastelte Kerzenständer von der kleinen Enkelin, ein kostbares Stück für die Sammlung, das nur schwer zu kriegen ist, die Fotografie, für die alle Kinder und Enkelkinder viel Zeit bei der Fotografin verbracht haben.
Zum Glück gibt es auch diese Geschenke, deren Wert nicht so schnell vergehen, weil er nicht materiell zu beziffern ist. Aber geht es denn an Weihnachten nur um die Geschenke?
Natürlich, es geht um ein Geschenk - um ein ganz bestimmtes, besonderes: Gottes Geschenk.
Textlesung
"Was für ein Geschenk!" ist mein erster Gedanke bei dem Geschenk, das der Verfasser des Titusbriefes uns hier offen legt: Ein riesiges Paket von Gott, gefüllt mit Heil, Gerechtigkeit und Leben! Dabei handelt es sich um ein "echtes" Geschenk, eines, das aus völlig freien Stücken geschenkt ist und keine Gegenleistung verlangt. Gott beschenkt uns einfach so - ohne jegliches eigenes, menschliches Zutun.
Endlich einmal muss ich nicht erst etwas Besonderes leisten! Ich muss nicht auffallen, mich profilieren, besser, schneller, klüger, schöner oder sonst was sein! Endlich einmal kein Leistungsdruck, der in diesem Leben quasi zur zweiten Haut gehört! Ich muss keinen überhöhten Ansprüchen genügen, weder denen anderer noch meinen eigenen. Ich muss mich nicht an anderen messen, auch nicht an scheinbar objektiven Kriterien (wie Zensuren oder Punktevergaben), wo es am Ende nur eineN bzw. wenige SiegerInnen geben kann. Gott fragt nicht nach Erfolgen, wühlt auch nicht in den Misserfolgen herum. Ich muss nicht einmal auf mich aufmerksam machen, denn Gott hat mich bereits im Blick. Gottes Geschenk gilt mir einfach so, mit anderen Worten: Ich bekomme, was ich nicht verdient habe. Mit Martin Luther sagt:
„Sieh nicht an, was du bist, sondern sieh hier, was dir heute widerfährt;
sieh an den, der da kommt. Sieh nicht an, dass du ein armer Sünder bist.“
Und während ich dieses Paket in den Händen halte, wird mir klar: Ich bekomme, was ich mir auch gar nicht verdienen kann. Denn wer könnte schon so viele "Werke in Gerechtigkeit" (V.5) tun?! Und das gilt gerade in einem gesellschaftlichen Gefüge wie dem unseren, das eher nach darwinistischen Prinzipien die Schwachen herausschubst; wo alles Recht zu sein scheint, wenn es den Mächtigen nützt; wo das Teilen immer weniger funktioniert, wie die Härte auf dem Arbeitsmarkt uns täglich vor Augen hält. Und die fehlgeschlagene Klimakonferenz legt dar, wie verführerisch es ist, die Augen vor Problemen zu schließen und darauf zu warten, dass jemand anderes handelt, der/ die doch genauso dazu verpflichtet ist.
Zukunftsweisend ist es jedenfalls nicht für unsere Umwelt, in der und von der wir leben, wenn sich alle lediglich auf den geringsten Konsens einlassen. Handeln, wie es vor Gott gerecht ist, scheitert im Großen wie im Kleinen immer wieder an unserer eigenen, kurzsichtigen Angst, zu kurz zu kommen. So entstehen Teufelskreise, in denen keineR der Beteiligten mehr den ersten Schritt machen kann oder will - denn wem nützt es schon, wenn ich als einzigeR abgebe, teile, schone, auf Bedürfnisse oder sogar mein Recht verzichte... während alle anderen weitermachen wie bisher?!
Damit wir aus diesem Teufelskreis herauskommen, bricht Gott ihn auf. Gott macht den ersten Schritt, wo wir aus eigenen Kräften letztendlich nur scheitern können. Gott schickt uns dieses Riesenpaket, dessen Inhalt wir kaum erfassen können, einfach so. Wir brauchen es nur anzunehmen!
Eigentlich halten wir es ja schon längst in Händen; haben es bereits mit unserer Taufe entgegengenommen. Andererseits hat man es mit diesem Paket nicht so leicht. Sein Inhalt ist unsagbar überwältigend. Und doch lenkt er unsere Aufmerksamkeit gleichzeitig darauf, wie dringend wir diesen Inhalt nötig haben. Wenn wir Gottes Geschenk annehmen, müssen wir uns zugleich auch mit unserem menschlichen Scheitern auseinandersetzen.
Gerade darum ist es wohl gut, dass wir jedes Jahr neu an dieses Geschenk erinnert werden, und zwar just am Weihnachtsfest, wenn wir feiern, dass Gott Mensch geworden ist; und wenn wir mit der Geburt des Kindes in einem Stall daran erinnert werden, dass Gott von Anfang an keine Tiefen des menschlichen Lebens ausgespart und kein Leid gescheut hat, und darum weiß, in welchen Zwickmühlen wir stecken! Das mag uns den Mut geben, auf unseren menschlichen Stolz und unsere Scham zu verzichten und voller Freude Gottes Geschenk einfach so anzunehmen.
Denn Gottes Geschenk an uns reicht für unser ganzes Leben und weit darüber hinaus - auch hier wollen wir gerne geben, weil wir etwas bekommen haben. Doch was bedeutet das: Gott etwas geben? Wir haben schon aus dem Titusbrief herausgehört, dass wir uns dieses Geschenk von Liebe und Vergebung nicht verdienen, dass es uns gegeben wird und wir erst dadurch fähig sind, unser Leben nach Gott auszurichten. Doch genau das können wir tun, um Gott auch etwas zu geben: Unser Leben nach Gott ausrichten. Uns jeden Tag neu sein Geschenk bewusst machen. Denn es gilt nicht nur an Weihnachten, sondern jeden Tag des Jahres. Und wenn wir es uns bewusst machen, überdenken wir zugleich unser alltägliches Handeln danach, ob es Gottes Liebe entspricht.
Welches Handeln Gottes Liebe tatsächlich entspricht, das zeigt uns Jesus, dessen Geburt wir feiern. Mit seinem Leben hat er es uns vorgelebt - er ist zu den Menschen hingegangen, zu den Ausgestoßenen, zu den Einsamen, zu den Kranken. Um es ihm gleich zu tun, müssen wir nicht weit wandern - in unserer nächsten Umgebung finden wir solche Menschen. Wenn wir Streit haben, können wir den ersten Schritt tun, wenn wir sehen, dass jemandem etwas fehlt, können wir vielleicht aushelfen, wir können Menschen besuchen, für die wir uns schon lange keine Zeit mehr genommen haben.
Es ist gar nicht nötig, noch weitere Beispiele aufzuzählen. Das können wir jede und jeder für uns selbst überlegen. So können wir das ganze Jahr über Weihnachten werden lassen, indem wir Gottes Geschenk teilen - es wird dadurch nicht kleiner, sondern größer. In diesem Sinne wünsche ich uns allen: Gesegnete Weihnachten!
Liturgie
Wochenspruch
Johannes 1,14a
Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.
Kyrie
Auf Weihnachten haben wir gewartet -
herbeigesehnt den Tag
an dem du mit Jesu Geburt
deine Verheißungen erfüllt hast.
Wir verbinden mit diesem Fest
viele Hoffnungen auf eine bessere, gerechtere Welt.
Doch Veränderungen fangen bei uns selbst an
- sind wir dazu bereit?
Oder wollen wir nicht doch am liebsten,
dass alles einfach nur beim alten bleibt?
Immer wieder scheitern wir an uns selbst,
auch an Weihnachten.
Zu tief sind wir verstrickt
in den Automatismen und Zwängen unseres Lebens.
Wir brauchen deine Hilfe, Gott,
um herauszufinden!
Kyre Eleison ...
Kollektengebet
Gott,
an diesem Weihnachtsmorgen kommen wir zu dir
mit allem, was uns beschäftigt.
Unser Herz ist angefüllt
- ob mit schönen Ereignissen
oder bedrückenden Erfahrungen.
Wir sind hier mit unseren Hoffnungen und Erwartungen,
erfüllten wie unerfüllten.
Du hast (d)eine frohe Botschaft für uns:
wir brauchen uns nicht mehr zu fürchten,
du schenkst uns Heil und Frieden bei dir.
Öffne uns, Gott,
für deine Botschaft, deine Worte,
dass wir dir mit unserem Handeln antworten können!
Fürbitten
Gott,
mache deine Güte sichtbar für uns, an uns, durch uns.
Lass uns das Wohlwollen spüren,
mit dem du uns ansiehst;
und lass es sichtbar werden,
indem wir den Menschen mit Wohlwollen begegnen,
gerade auch jenen,
bei denen es uns nicht so leicht fällt.
Gott,
öffne unsere Augen und Herzen
für die Größe deiner Liebe, die du uns erweist.
Lass sie spürbar werden in unserer Welt
für uns, an uns und durch uns,
indem wir einander liebevoll begegnen
weil wir im anderen Menschen dein Ebenbild erkennen.
Gott,
du stillst unsere Not mit deinem Erbarmen.
Lass es erfahrbar werden für uns, an uns und durch uns,
indem wir bemerken, was andere brauchen,
indem wir nicht auf unserem Recht beharren
und damit Wege für den Frieden schaffen.
Gott,
heile du unsere Wunden und Verletzungen,
spürbar für uns, an uns und durch uns.
Gib uns Sensibilität und Mut,
um im richtigen Moment füreinander da zu sein,
gemeinsam Leid zu tragen, Schmerz zu teilen,
im Reden und Schweigen einander nahe zu sein.
Gott,
bei dir finden wir ewiges Leben.
Lass darin Trost und Hoffnung aufleuchten
für uns, an uns und durch uns,
um der Vergänglichkeit zu begegnen,
und in jedem Abschied
einer neuen Zukunft entgegenzugehen.
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