Predigt "Alles ist an Gottes Segen und an seiner Gnad gelegen"
Text: 4. Mose 6,22-27
22 Und der HERR redete mit Mose und sprach:
23 Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet:
24 Der HERR segne dich und behüte dich;
25 der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;
26 der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.
27 Denn ihr sollt meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.
Liebe Jubilare! Liebe Gemeinde!
Pfingstmontag war es soweit: Das bislang größte "Creation Museum" wurde in den USA eröffnet. Es will mit seiner Ausstellung aufzeigen, dass unser Planet Erde nur 6.000 Jahre alt sein kann. Es gibt ein Planetarium und Dinosaurier in der Arche zu bewundern. Fundamentalistische Bibelleser, eine Gruppe, die sich "Answers in Genesis" nennt, haben es mit 20 Millionen Euro eingerichtet und wollen die Welt davon überzeugen, dass Darwin und der Rest der Wissenschaftsgläubigen mit ihren Urknall- und Evolutionstheorien auf das falsche Pferd setzen. Die Welt entstand in sechs Tagen. So steht es schließlich geschrieben.
Doch dem religiösen Fundamentalismus wird der Kampf angesagt. "Der alttestamentarische Gott ist einer der unangenehmsten Charaktere der Literaturgeschichte. Eifersüchtig und ungerecht, ein Rassist, Schwulenhasser und Kinderkiller, ein übler Korinthenkacker, Megalomane und ethnischer Säuberer - so fange ich meine Lesungen an. Die Leute lieben das." (DER SPIEGEL, Nr.22/07 S.58) Der das sagt, heißt Richard Dawkins, er ist 66 Jahre alt, lebt in Oxford und hat eine besondere Mission. Er will die Welt vom Glauben befreien. Seine Bücher sind Bestseller, sein Einfluss ist besonders in den USA und in England nicht zu unterschätzen und auch in Deutschland wächst das Interesse an dieser neuen Bewegung, so dass sich auch der EKD Ratsvorsitzende Bischof Huber genötigt sieht, dazu Stellung zu beziehen. Ihren Ursprung hat diese atheistische Welle in der Katastrophe des 11. September 2001. Ihre Anhänger haben ihr eigenes Glaubensbekenntnis, das da lautet: Gäbe es den Glauben nicht, egal welcher Religion er entspringt, so gäbe es auch kein Leid. Jedenfalls nicht in dem Maße, in der es derzeit in der Welt erduldet werden muss.
Man mag über diese Phänomene erstaunt, erschrocken oder einfach nur gelangweilt sein, aber man darf nicht verkennen, dass sie in diesen unruhigen und von Gewalt geprägten Zeiten etwas ansprechen, das viele Menschen beschäftigt: die Sehnsucht nach Frieden.
Es mag viele Beweggründe dafür geben, dass jemand nicht an einen Gott glauben mag oder sich in seine Glaubenswelt flüchtet, einer davon ist wohl auch Enttäuschung. Die einen sind von Gott enttäuscht, die anderen von den Menschen. Und diese Enttäuschung können wir, die wir uns zu den "gemäßigten" Gläubigen zählen, sicher nachvollziehen. Die Suche nach einer heilvollen Welt ist für viele, gewiss für die meisten unter uns der Beweggrund, daran festzuhalten, dass es einen Gott gibt. Und damit ist die Hoffnung verbunden, dass mit ihm das Leben erträglicher ist.
Doch auch wir haben bestimmt Momente erlebt, in denen daran zu glauben uns sehr schwer gemacht wurde - und wir unseren Glauben vielleicht am liebsten an den Nagel gehängt hätten. Wenn Sie, liebe Jubilare heute zurückblicken und Bilanz ziehen, wie Ihr Lebensweg seit jenem Tag der Konfirmation verlaufen ist, da werden Sie nicht alles rosarot sehen. Denn so gut war die alte Zeit nicht, in der die Ältern unter ihnen Ihre Jugend im Krieg und Gefangenschaft verbrachten. So gut war die alte Zeit nicht, in der mit Wenigem viel gewagt wurde, damit die Kinder es besser haben sollten. So gut sind die Zeiten - trotz breit gestreuten Wohlstandes heute auch nicht mehr. Wer heute in Arbeit und Lohn steht, weiß er/sie überhaupt, ob er/sie es morgen noch sein wird? Ist er dann nicht „freigesetzt“, oder sie „outgesourct“?
Neben den äußeren Lebensbedingungen gab und gibt es auch zahllose persönliche prägende Erlebnisse: Erfolg, Familie, Kinder, Ferien und Feste, Bewahrung und Geborgenheit. Da lässt man gern Gott einen guten Mann sein. Aber auch manches andere haben Sie hinnehmen müssen: Ärger und Enttäuschung, Streit und Trennung, Krankheit und dauerhafte Schmerzen. All dies hat Sie geformt und sich tief in Ihre Seele und Ihr Herz eingeprägt. Da gab und gibt es manchen Grund, nach Gerechtigkeit zu fragen, mit Gott und seinem Schicksal zu hadern.
Was bleibt?
Darauf antwortet heute am Sonntag Trinitatis, dem Fest der Heiligen Dreifaltigkeit, unser Predigttext: Gottes Segen.
Textverlesung
1. Der HERR segne dich und behüte dich
Schon im Alten Testament ist Gott kein unbeweglicher Monolith und schon gar kein Fundamentalist. Er ist ein Gott, der in der Geschichte des Volkes Israels wirkt und mit ihm auf unterschiedliche Weise unterwegs ist. Er ist Feuersäule und Wolke, er ist mal nah, mal fern, er erschüttert die Erde und flüstert im leichten Wehen des Windes, er spricht durch Könige und Maulbeerpflücker. Und er hat oft seine eigenen Gesetze übertreten, aus Barmherzigkeit und Liebe zu seinen Geschöpfen. Israel hat gewusst, warum es sich kein Bild vom ihm machen sollte: Weil es sich nicht festlegen wollte, wie ihm Gott begegnet.
Mit Jesus hat sich daran nichts geändert. Denn weder er noch sein Evangelium passen in eine Schablone. Darin haben ihn seine Kritiker, allen voran die Schriftgelehrten und Pharisäer, nicht verstanden. Wer sein Reden und Handeln an den Menschen orientiert, kann nicht nach Vorschrift vorgehen, sondern nur in Liebe. Und die lässt sich nicht in Paragraphen fassen. Auch die JüngerInnen Jesu haben das zu spüren bekommen, als es galt, im Geiste Jesu und damit im ursprünglichen Sinne der Tora zu leben. Und dem kamen sie immer dann am nächsten, wenn sie sich in ihren Entscheidungen von Althergebrachtem nicht einengen ließen.
2. Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;
Gott begegnet uns in unserem Leben also vielfältig und auf unterschiedliche Art und Weise. Und ich bin mir sicher, jede/r unter uns könnte ihre/seine eigene Gottesgeschichte erzählen. Doch eines bleibt sicher bei allen Unterschieden gleich: Immer erleben wir diese Begegnung als einen Segen für uns. Denn wo Gott segnet, da fühlen wir uns behütet. Wo er sein Antlitz leuchten lässt, da erfahren wir Gnade.
3. Der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden
Wo er sein Antlitz über uns erhebt, da ist Frieden. In einem alten Kirchenlied „Auf Adlers Flügeln getragen“ heißt es bildlich naiv, jedoch sehr treffend in der 2. Strophe:
Die Flügel sind stark, die mich decken,
und unter den Flügeln bleibt's still.
Ja, unter den Flügeln geborgen
und auf den Flügeln bewahrt,
das gibt ein seeliges Ruhen,
das gibt eine glückliche Fahrt;
das gibt ein sicheres Wissen
bei wechselnder Pilgerschaft:
denn unter den Flügeln ist Frieden,
und auf den Flügeln ist Kraft.
Umso schmerzhafter sind wir uns bewusst, dass dieser Segen immer wieder und an vielen Orten in dieser Welt die Menschen nicht erreicht: überall dort, wo nicht behütet wird, wo also Behutsamkeit im Umgang mit Mensch und Natur fehlt; überall dort, wo wir gnadenlos miteinander ins Gericht gehen; und überall dort, wo wir keinen inneren und äußeren Frieden finden. Dann wird das Leben, das eigentlich unter Gottes Segen stehen soll, zum Fluch.
Noch einmal gefragt. Was bleibt?
Seit dem Tag Ihrer Konfirmation - und heute soll es Ihnen nochmals persönlich zugesprochen werden - gilt: Wir sind gesegnet. D.h.: „Wir leben aus Gottes, nicht aus unseren eigenen Möglichkeiten…“ (M. Frettlöh, Theologie des Segens, Gütersloh 2005. S. 122) Andererseits seit dem Tag der Konfirmation - und heute soll nochmals eine jede/ein jeder daran erinnert werden - gilt: Und wir sollen ein Segen sein. Gegen alle leisen und unausgesprochenen Bedenken: „Wie kann ich ein Segen für andere sein? Falle ich doch den anderen, je älter und hinfälliger ich werde, eher zur Last.“ - möchte ich Ihnen zu Ermutigung eine afrikanische Geschichte erzählen, die mich besonders angerührt hat:
Der gesprungene Krug
Morgen für Morgen, Tag für Tag ging Ghele zum Fluss, füllte 2 Krüge und machte sich auf den Weg zur Stadt, um das Wasser seinen Kunden zu bringen. Denn Ghele war Wasserverkäufer.
„Es kann nicht mehr lange dauern, bis mich Ghele ausrangiert“, dachte der eine Krug traurig – denn er hatte einen Sprung und verlor deshalb ständig Wasser.
Der andere Krug hingegen war ganz neu und brachte viel mehr Geld.
Eines Morgens machte sich der gesprungene Krug wieder Vorwürfe und beschloss, sich Ghele anzuvertrauen:
„Wenn wir in der Stadt ankommen, bin ich halb leer. Du verlierst Geld wegen mir. Bitte verzeih mir meine Schwäche!“ „Schau da, am Rand des Weges“, entgegnete Ghele.
Vorsichtig riskierte der gesprungene Krug einen Blick.
„Oh, wie schön – lauter kleine Blumen“, meinte er bewundernd.
„Diese Pracht hast Du bewirkt!“ Der gesprungene Krug schaute verständnislos.
Bis Ghele weiter sprach: „Ich habe ein Paket Blumensamen gekauft und sie entlang des Weges gesät. Und du, ohne es zu wissen und zu wollen, hast ihnen jeden Tag Wasser gegeben. Vergiss nie: wir alle sind ein wenig zersprungen. Aber Gott kann, wenn wir ihn darum bitten, aus unseren Schwächen Wunder machen!“
Sie sehen, es gibt viele Möglichkeiten, Segen zu erfahren. Und es gibt viele Wege, ihn mit anderen zu teilen. In ihm kommen Gott und Mensch ganz nahe. Darum segnet, weil ihr gesegnet seid. Amen.
Liturgie
Wochenspruch:
Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll! (Jesaja 6,3)
Kyrie
Gott,
in deinem Segen zeigst du der Welt dein wahres Gesicht.
Es spricht Bände der Liebe.
Hilf uns, sie mit anderen zu teilen.
KYRIE ELEISON ...
Zuspruch:
Lobe den HERRN, meine Seele! HERR, mein Gott, du bist sehr herrlich; du bist schön und prächtig geschmückt. Licht ist dein Kleid, das du anhast. Du breitest den Himmel aus wie einen Teppich; du baust deine Gemächer über den Wassern.
Ich will dem HERRN singen mein Leben lang und meinen Gott loben, solange ich bin.
(Psalm 104,1-3a+33)
Kollektengebet
In deinem Segen, Gott, sind wir geborgen.
Deine Zuwendung, wärmt, erhellt, gibt Frieden.
In deinem Segen, Gott,
ist kein Platz für Finsternis. Nur für deine Liebe.
Dafür hab Dank, dass wir unter deinem Segen leben.
Fürbitten
An diesem Sonntag, Gott,
wünschen wir dir:
- dass wir uns von deinem Segen beschenken lassen
und ihn mit anderen teilen;
- dass wir lernen, in Achtung miteinander umzugehen
und in Respekt vor dem Leben,
das du geschaffen hast;
- dass wir einander nicht verurteilen,
sondern annehmen und heilen;
- dass wir die nicht vergessen,
für die du besonders da bist:
die Einsamen, die Armen,
die Trostlosen, die Traurigen,
die Kranken, die Hoffnungslosen;
- dass wir dich nehmen, wie du bist:
als Vater, menschgeworden und begeisternd. Vaterunser