Predigt "Auf einem anderen Weg"

Text: Römer 12,1-3

Liebe Gemeinde!

Am vergangenen Dienstag war Epiphanias, das Fest der drei Könige. Kinder zogen als Caspar, Melchior und Balthasar durch die Straßen, klingelten an den Häusern und baten um eine Spende für die Sternsingeraktion. Jahr für Jahr unterstützen sie damit Projekte in der 3. Welt. Sie erinnern an die drei Weisen aus dem Morgenland, die dem Kind Jesus ihre Gaben brachten: Weihrauch, Gold und Myrrhe. Matthäus berichtet am Ende dieser Geschichte: "Und Gott befahl ihnen im Traum, nicht wieder zu Herodes zurückzukehren; und sie zogen auf einem andern Weg wieder in ihr Land." (Matthäus 2,12)

"Auf einem anderen Weg" so könnte der Wegweiser für uns durch 2004 lauten, die wir wie die drei Weisen von der Weihnachtensbotschaft gehört und das Wunder gesehen haben.
"Auf einem anderen Weg" weisen will uns auch der heutige Predigttext aus dem Römerbrief. Im 12. Kapitel beschreibt der Apostel Paulus, welche Konsequenzen die frohe Botschaft von Gottes rettender Barmherzigkeit mit sich bringt.

1 Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.
2 Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.
3 Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, dass niemand mehr von sich halte, als sich's gebührt zu halten, sondern dass er maßvoll von sich halte, ein jeder, wie Gott das Maß des Glaubens ausgeteilt hat.

Gott dient uns - wir dienen Gott

Diese kurze Formel fasst zusammen, was Paulus uns als Wegzeichen mit gibt. Es klingt so einfach, so plausibel und doch scheint es immer wieder schwierig zu sein. Ich möchte daher ein vereinfachtes Beispiel nennen: Wenn zwei Menschen sich lieben, dann braucht der eine dem anderen nicht zu sagen: "Sei lieb zu mir, schenke mir ein gutes Wort, frag mich mal, wie es mir geht. Bitte sei zärtlich zu mir." Man tut es einfach aus Liebe heraus, weil der oder die andere mir wichtig ist. So verhält sich Gottes barmherzige Liebe zu uns und er wartet auf eine Reaktion unserseits. Paulus beschreibt sie als Hingabe mit allen Sinnen. Ja, er nennt solches Verhalten einen "vernünftigen Gottesdienst". Daher wäre unser Sonntagsgottesdienst keine in sich verschlossene Veranstaltung, die mit dem Segen endet, sondern die mit dem Segenszuspruch vielmehr ermutigt, den Gottesdienst in unserem jeweiligen Alltag fortzuführen. Dazu gibt Paulus als Leitbild vor:

 

1. "Stellt euch nicht dieser Welt gleich"

Ein Soziologe hat uns heutige Menschen mit einem Radargerät verglichen, das immer auf Empfang ist. So richte der heutige Mensch sein Verhalten fortlaufend nach den Signalen der öffentlichen Meinung. Er sei ein Meister der Anpassung geworden. "Stellt euch nicht dieser Welt gleich", hat Paulus gesagt. An zwei kleinen Beispielen aus der Geschichte möchte ich verdeutlichen, was das heißen könnte.

Auf dem Reichstag zu Speyer 1529 protestierte eine kleine Minderheit von zwanzig Reichsständen dagegen, dass man sich in Gewissensentscheidungen des Glaubens der Mehrheit zu beugen habe, denn: "in Sachen Gottes Ehre und der Seelen Gerechtigkeit muss ein jeglicher vor Gott stehen und Rechenschaft geben, also dass sich niemand mit dem Handeln oder Beschließen einer... Mehrheit entschuldigen kann." Dieser Protest hat ihnen damals den Namen "Protestanten" eingetragen. Der Einzelne in seinem Gewissen vor Gott macht seine Würde aus.

Das andere Beispiel stammt aus der Zeit des 2. Weltkrieges.
Nach der Besetzung Dänemark durch das Dritte Reich wurde der Befehl veröffentlicht, dass ab sofort jeder Jude einen Judenstern zu tragen habe. Da habe der dänische König im Rundfunk die Nachricht verlesen lasen, er selber werde diesen Stern dann auch tragen und erwarte das auch von jedem anständigen Dänen. Am nächsten Morgen sollen viele Dänen den Judenstern getragen haben. Schließlich sei der diskriminierende Befehl zurückgezogen geworden.
Zivilcourage zeigen, wo Achtung vor Andersdenkenden und ihrer Gesinnung mit Füßen getreten wird. Zivilcourage zeigen, wenn es um das Recht und den Schutz der Schwachen geht.

 

2. Ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes

Auch hierzu möchte ich zur Illustration eine kleine Geschichte erzählen. Zu Sokrates kam eines Tages ganz aufgeregt und außer Atem ein Sklave gelaufen, um ihm die neusten Nachrichten vom Markt zu erzählen. Doch bevor er noch anfangen konnte, unterbrach ihn der Philosoph und fragte: Hast du alles, was du gehört hast durch die drei Siebe gegeben?" "Drei Siebe?" fragte der andere. "Ja, mein Freund, drei Siebe! Lass sehen, ob das, was du mir erzählen willst, durch die drei Siebe hindurchgeht. Das erste Sieb ist die Wahrheit. Hast du alles, was du mir erzählen willst, geprüft, ob es wahr ist?" "Nein, ich hörte es erzählen, und..." So, so. Aber sicher hast du es mit dem zweiten Sieb geprüft, es ist das Sieb der Güte. Ist das, was du mir erzählen willst, wenn schon nicht als wahr erwiesen, wenigstens gut?" Zögernd sagte der andere: "Nein, das nicht im Gegenteil..." "Dann", unterbrach ihn der Weise, "lass uns auch das dritte Sieb noch anwenden und lass uns fragen, ob es notwendig ist, mir das zu erzählen, was dich so erregt."
"Notwendig nun gerade nicht..." "Also", lächelte Sokrates, "wenn das, was du mir erzählen willst, weder wahr noch gut noch notwenig ist, so lass es begraben sein und belaste dich und mich nicht damit."
Besser als diese kleine Anekdote kann nicht beschrieben werden, worin unser Gottesdienst besteht, dazu beizutragen, dass das Leben miteinander gefördert werde. Was im alltäglichen Leben gilt, gilt auch und gerade für den geistlichen Bereich: prüfet, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.

 

3. Ein jeder maßvoll von sich halte

 

Nun liegt der Vorschlag auf dem Tisch: In Deutschland soll es nach amerikanischem bzw. englischem Vorbild Spitzenuniversitäten geben, die sich in ihren Kapazitäten (sowohl was das Personal als auch das Material betrifft) deutlich von den "normalen" Unis abheben. Damit erhofft man sich, dass sich dieses Land im internationalen Wettbewerb wieder einen bildungspolitischen Namen macht, der nicht zuletzt auch im wirtschaftlichen Bereich für eine Belebung sorgen soll. Aufschwung durch Bildung sozusagen.Das Wort "Elite", das bei der Debatte eine entscheidende Rolle spielt, lässt so manche Sorgen aufkommen. Der Begriff (lat.: Auswahl) taucht erstmalig im 17. Jht. auf und bezeichnet hochwertige und teure Ware, vor allem Stoff ("Elitegarn"). Natürlich hat er im Laufe der Zeit eine Bedeutungswandlung erfahren, doch zieht sich eines durch alle Epochen hindurch: Wer zur Elite zählt, hebt sich von anderen ab, ist herausgehoben durch eine Besonderheit, die andere (die "Masse"!) nicht aufweisen können. Nicht selten wird "Elite" synonym für "die Besten" gebraucht (griechisch "aristoi" - Aristokratie), was zwar eine Verkürzung des Wortsinns ist, aber nicht selten in der Gesellschaft tatsächlich so wahr genommen wird.Nun werden diejenigen, die diesen Begriff in Bezug auf unser Bildungssystem eingebracht haben, (hoffentlich) nicht an diese Art von Elite denken, sondern die wertfreie Fassung des Elitebegriffs meinen, wie ihn die neuere Soziologie verwendet: Menschen, die in ihren Positionen die Gesellschaft "in Gang" halten, sie also aktiv funktionsfähig gestalten. Ob dies jedoch zur Beruhigung der Debatte beiträgt, mag bezweifelt werden.Es würde den Diskussionspartnern jedenfalls bestimmt nicht schaden, einmal einen Blick in den Römerbrief zu werfen und da besonders in das Kapitel, aus dem für diesen Sonntag der Predigttext entnommen ist. Auch dort geht es um Gaben und Begabungen, die Menschen besitzen oder sich aneignen, Aufgaben, die sich mit ihnen ergeben und - und das wäre in der aktuellen Debatte vielleicht besonders zu betonen - um die Art und Weise, wie damit miteinander umgegangen werden soll. "Elitär" jedenfalls nicht, vielmehr "maßvoll". (Römer 12,3)Dass Menschen unterschiedliche Begabungen und Fähigkeiten besitzen, das weiß auch Paulus und das gilt für ihn nicht nur im geistigen, sondern auch im geistlichen Bereich. Was für ihn jedoch daraus bestimmt nicht folgt, ist die Herausbildung einer besonders privilegierten, speziell förderungswürdigen Gruppe innerhalb einer Gemeinschaft, die sich in irgendeiner Form für etwas Besseres hält oder dafür gehalten werden soll. Ganz im Gegenteil. Alle dienen mit ihren Gaben und Fähigkeiten einer gemeinsamen Sache, nämlich dem "einen Leib in Christus" (Römer 12,5), dessen Glieder die Beteiligten sind. Das Maß, an das der Apostel Paulus erinnert, ist Gottes Barmherzigkeit. Sie gilt es durch unser Denken und Planen, Reden oder Schweigen, Tun oder Lassen sichtbar werden zu lassen in unseren Familien und Beziehungen, ja erst recht in unserem Gemeindealltag."Auf einem anderen Weg" so habe ich anfangs gesagt, sind die drei Weisen von Bethlehem gezogen. "Auf einem anderen Weg" dazu möchte ich ermutigen durch das Jahr 2004 zu gehen, damit Gottes Barmherzigkeit für uns und andere hör- und erfahrbar, sichtbar und fühlbar werde. Amen.

Erstellt: 8.1.2005
Zuletzt aktualisiert: 9.4.2010 17:25 Uhr
Redakteur: Simone Schreiner