Predigt und Liturgie - Auf wen höre ich? Wem gehöre ich?
Text. 2. Mose 19,1-6
Liebe Gemeinde!
In dem Musical "Elisabeth" gibt es ein Lied der jungen Kaiserin, die gegen die Unterwerfung unter das strenge Wiener Hofzeremoniell aufbegehrt. Die in Freiheit aufgewachsene Elisabeth empfindet dieses Hofzeremoniell als Bedrohung ihrer Persönlichkeit.
Ich will nicht gehorsam sein gezähmt und gezogen sein
Ich will nicht bescheiden beliebt und betrogen sein
Ich bin nicht das Eigentum von dir
Denn ich gehör nur mirIch möchte vom Drahtseil herabsehn auf diese Welt
Ich möchte auf's Eis gehen und selbst sehn wie lang's mich hält
Was geht es dich an was ich riskier
Denn ich gehör nur mir
Die eindringliche Musik verstärkt zudem das Anliegen:
"Denn ich gehör nur mir."
Und so zeigen Text und Melodie an, wie hart die individuelle Freiheit, die wir heute genießen, erkämpft wurde. Sie ist wohl das höchste Gut, das es menschenrechtlich zu bewahren gilt. Daher würden auch wir auf die Frage: Wem gehörst du? – antworten: Niemandem! Und der eine oder andere würde darauf verweisen, dass die Sklaverei schon seit Jahrhunderten - jedenfalls in unseren Breitengraden Gott sei Dank - abgeschafft ist.
"Wem gehörst Du?" diese Frage passt also nicht in unsere Zeit, passt nicht in unsere Gesellschaft, nicht zu unserer Kultur. Oder doch ...?
In "gehören" steckt das Wort "hören".
Wem du gehörst oder zu wem du gehörst, hat also weniger etwas mit Besitzverhältnissen zu tun als vielmehr damit, wen du "hörst", auf wen du "hörst", vielleicht sogar gehorchst. So gesehen sieht die Sache auch in unserer Zeit und in unserer Gesellschaft und in unserer Kultur dann doch wieder anders aus. Wir kommen gar nicht umhin, auf andere zu hören: als Kinder hören wir - meistens jedenfalls - auf die Eltern und die Erwachsenen, in der Schule hören wir auf den/die LehrerIn, beim Bund gehorchen wir Befehlen der Vorgesetzten, während der Lehre dem Meister, im Beruf hören wir, was der Chef zu sagen hat, zu Hause hören wir auf den Rat der/des Partners/Partnerin oder der Freunde usw., usw. Jemandem gehören ist - in diesem Sinne - nichts Ungewöhnliches, sondern eine tagtägliche Erfahrung, die wir machen.
Wir begeben uns immer wieder in bestimmten Situationen und für einen bestimmten Zeitraum in Abhängigkeiten, ohne die wir unser Leben gar nicht leben könnten. Die Frage ist allerdings, ob ich das bewusst tue und ob und wie ich dabei eine Wahl treffen kann?
Meine Freunde kann ich mir noch selbst suchen, meinen Chef - da gibt es schon Einschränkungen und die Verwandtschaft ... na ja, den Spruch kennen wir ja. Auf wen ich höre mache ich im besten Fall davon abhängig, ob ich dem- oder derjenigen Vertrauen schenke, ob der- oder diejenige mein Vertrauen genießt, ob der- oder diejenige mein Vertrauen verdient hat. Andernfalls begebe ich mich aufs Glatteis, gebe einen Vertrauensvorschuss, der sich erst noch bewähren muss - oder eben nicht. Sind die Renten nun sicher oder nicht?
Wem schenke ich Gehör: den Schwarzmalern oder denjenigen, die beschwichtigen? Müssen zur Terrorbekämpfung neue und strengere Gesetze her? Soll die Polizei härter durchgreifen, auch wenn es dabei zu bedauerlichen Unfällen wie in London kommt, wo ein unschuldiger Brasilianer sein Leben lassen musste? Oder haben damit die Terroristen gerade das erreicht, was sie wollten, nämlich unsere Freiheit beschränkt und unser Land zu einem Überwachungsstaat gemacht zu haben? Höre ich auf mein Herz oder auf meinen Verstand?
Auf wen, auf was höre ich? Um diese Frage geht es im heutigen Predigttext aus dem Exodusbuch.
Am ersten Tag des dritten Monats nach dem Auszug der Israeliten aus Ägyptenland, genau auf den Tag, kamen sie in die Wüste Sinai.
2 Denn sie waren ausgezogen von Refidim und kamen in die Wüste Sinai und lagerten sich dort in der Wüste gegenüber dem Berge.
3 Und Mose stieg hinauf zu Gott. Und der HERR rief ihm vom Berge zu und sprach: So sollst du sagen zu dem Hause Jakob und den Israeliten verkündigen:
4 Ihr habt gesehen, was ich mit den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht.
5 Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein.
6 Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein. Das sind die Worte, die du den Israeliten sagen sollst.
"Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern ..." - vielleicht wird uns nun bewusst, was dieser Satz bedeutet. Gott stellt uns vor eine Wahl: Willst du auf mich hören und damit (zu) mir gehören? Es ist eine grundsätzliche Frage, deren Beantwortung die Ausrichtung meines Lebens prägen wird. Ein Ja hieße nämlich, Gott mehr zu gehorchen als den Menschen. Und das bedeutet nun gerade nicht, der Welt den Rücken zu kehren; im Gegenteil: es kann bedeuten, mehr Freiheit in dieser Welt, in meinem Leben zu gewinnen. Denn überall dort, wo ich vermeintlichen Abhängigkeiten und Zwängen ausgeliefert bin, gibt es nun eine weitere Stimme, auf die ich hören kann. Es gelten eben nicht mehr nur die Gesetzmäßigkeiten der Wissenschaft, der Politik, der Evolution; es gibt nun eine Alternative, an der ich mich orientieren kann. Nicht umsonst wird Gott nach unserem Predigttext ein paar Verse weiter Mose die 10 Gebote übergeben. Nicht, um Menschengesetze zu ersetzen, sondern um sie kritisch zu hinterfragen und zu prüfen, um sie gegebenenfalls zu korrigieren.
Und wenn wir heute in diesem Gottesdienst Mica-Emilian, Vincent und Kyra taufen, dann geht es um diese Grundsatzfrage: Wollen wir als Eltern, Paten und Gemeinde auf Gott hören, der sie uns in die Arme gelegt hat? Dann betrachten wir Kinder nicht als unser Eigentum, sondern als Lehen, als eine Leihgabe, mit der wir sorgsam umzugehen haben. Die Liedermacherin Bettina Wegener hat eindringlich darauf aufmerksam gemacht, was das heißen könnte, sorgsam umzugehen:
Sind so kleine Hände
Winzge Finger dran
Darf man nie drauf schlagen
Die zerbrechen dann...Sind so kleine Seelen
Offen und ganz frei
darf man niemals quälen
Gehen kaputt dabei...Grade klare Menschen
Wärn ein schönes Ziel
Leute ohne Rückgrat
Hab'n wir schon zuviel.
Darum geht es Gott, uns das Rückgrat zu stärken, dass wir unsere Freiheit gestalten können.
"Ihr habt gesehen, was ich mit den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht."
Er lässt uns unsere Erfahrungen mit ihm machen, gibt uns die Möglichkeit, Vertrauen zu ihm zu fassen. Als er die Israeliten aus Ägypten befreite, hat er jedenfalls keine Bedingungen daran geknüpft. Er hat sie aus der Knechtschaft herausgeholt, ihnen gezeigt, wie er JHWH, wie er für sie da sein will. Darin spiegelt sich auch die Botschaft Jesu: „Zuvorlaufende Gnade“ ist einer ihrer wesentlichen Züge.
Geben wir dieser "zuvorlaufenden Gnade" in unserem Leben Raum, lassen sie den Kindern heute in der Taufe zugute kommen. Nur so werden wir die Erfahrung machen können, dass Gott auch für uns da sein, unser Gott sein will. Er bietet uns an, in seiner Welt auf sein Wort zu hören, zu ihm zu gehören, ihm zu gehorchen. Wir werden damit nicht zu SklavInnen, sondern zu Befreiten.
Darum möchte ich mich auch ganz persönlich an dieser Stelle bei allen bedanken, die mit ihrer Spende, ihrem Arbeitseinsatz dazu beigetragen habe, dass in den letzten Monaten der Kirchvorplatz neu gestaltet werden konnte. So ist der "Weg zu Gott" barrierefrei und vielleicht für den einen oder anderen der Zugang etwas leichter auf Gott zu hören, der uns verspricht:
"Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein."
Amen.
Liturgie
Wohl dem Volk, dessen Gott der HERR ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat!
(Psalm 33,12)
KYRIE
Wem gehöre ich? Auf wen höre ich? Gehöre ich zu dir, mein Gott? Achte ich in meinem Leben auf das, was du mir zu sagen hast? Haben deine Worte in meinem Leben Platz?
Kyrie Eleison ...
Zuspruch:
Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein. Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.
(5.Mose 6,4-5)
KOLLEKTENGEBET
Dein Wort dringt in mein Herz, durchdringt meinen Verstand, speist meine Seele und leitet meinen Weg.
Dein Eigentum bin ich, Gott, weil du zu mir gehörst wie mein Leben, und weil ich zu dir gehöre wie dein Leben.
Fürbitten
Dafür, dass du uns bedingungslos liebst,
Gott, dafür danken wir dir; und darum bitten wir dich, dass wir diese Liebe an unseren Nächsten weitergeben können.
Dafür, dass du uns zu deinem Eigentum gemacht hast,
Gott, dafür danken wir dir; und darum bitten wir dich,
dass wir als deine Kinder in dieser Welt erkennbar bleiben.
Dafür, dass du uns mit all deiner Zuneigung zuvorkommst,
Gott, dafür danken wir dir; und darum bitten wir dich,
dass wir auf andere zugehen.
Dafür, dass du uns Worte des Friedens und der Hoffnung geschenkt hast, Gott, dafür danken wir dir; und darum bitten wir dich, dass wir diese Worte in die Tat umsetzen.
Dafür, dass du dein Leben mit uns teilst,
Gott, dafür danken wir dir;
und darum bitten wir dich,
dass wir darin unser Leben finden können.
Dafür, dass diese Welt deine Schöpfung ist,
Gott, dafür danken wir dir;
und darum bitten wir dich,
dass wir weitsichtig genug sind,
sie für die Nachwelt zu bewahren.
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