Predigt "Aufbruchstimmung"
Text: Genesis 12,1-4a
1 Und der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will.
2 Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein.
3 Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.
4 Da zog Abram aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte.
Liebe Gemeinde!
Aufbruchstimmung - so könnte man das nennen, was viele Journalisten und Politiker derzeit in Deutschland nach der WM 2006 ausmachen. Die Klinsmänner haben mit ihrem Teamgeist und ihrer erfrischenden Spielweise Partylaune verbreitet - und viele hoffen und glauben nun, dass die sich nun auch auf die Wirtschaft und das Selbstbewusstsein nicht nur der Deutschen auswirkt. "Der Fußball hat die Menschen geeint, wir haben uns zusammengeschlossen, enthusiastisch unsere Mannschaft unterstützt." (Myong-gon Kim, Sport- und Kulturminister Südkoreas, vgl. URL: www.welt.de/data/2006/07/11/954790.html) Fußball-WM - ein Ereignis, mit dem alle Geschlechter der Erde gesegnet wurden?
Aufbruch - in diesem Wort liegt ja mehr als nur "sich auf den Weg machen". Wer aufbricht, bricht auf: festgefahrene Strukturen, vertraute Traditionen, historischen Ballast, gewohnte Geborgenheit - was auch immer. Wer aufbricht, ist oder wird sich bewusst, dass etwas Neues kommt, das das Alte nicht einfach so bestehen lassen kann. Da wird ein Bruch vollzogen, da bricht jemand mit der Vergangenheit, mit seinem bisherigen Lebenswandel, auch mit zwischenmenschlichen Beziehungen. Aufbruch heißt, sich einer ungewissen Zukunft anzuvertrauen - ohne doppelten Boden und Netz.
Bischof Huber, Ratsvorsitzender der EKD, sieht unsere Kirchen vor einem ähnlich radikalen Auf- und Umbruch stehen. Es muss etwas anders werden und zwar grundlegend, so sagt er. "Kirche der Freiheit" heißt das Papier der EKD, das nun auf den unterschiedlichsten Ebenen diskutiert wird und es soll "Perspektiven für die Evangelische Kirche im 21. Jahrhundert" aufzeigen. Konkret heißt das: Landeskirchen werden zusammengeschlossen (von derzeit 23 blieben acht bis zwölf übrig), weitere Pfarrstellen fallen weg (insgesamt etwa 5.500!), Kirchengemeinden in der Form, wie wir sie jetzt kennen, wird es nicht mehr geben, sie weichen" ausstrahlungsstarken Begegnungsorten", was immer das auch heißen mag. Dieser Wandel soll bis zum Jahre 2030 vollzogen sein. Aufbruch zu einer neuen Kirche? (vgl. URL: http://www.evlka.de/content.php3?contentTypeID=4&id=4626 und URL: http://www.ekd.de/aktuell/49150.html)
Aufbrechen - das ist etwas Urbiblisches und deshalb sollte es auch etwas Urevangelisches sein. Hören wir den Predigttext!
Textlesung
Wir haben in unserem Predigttext ein kurzes Stück der Aufbruchgeschichte Abrahams vor uns. Gott ruft ihn aus allem, was ihm bisher vertraut war, heraus: aus seinem Vaterland, aus seiner Verwandtschaft, aus seinem Heim. Gott sieht für ihn dort, wo er ist, keine Zukunft mehr, jedenfalls nicht die Zukunft, die er ihm schenken will. Die liegt woanders: in einem anderen Land, an einem anderen Ort, in einer anderen Zeit. Für diese Zukunft muss Abraham sehr viel aufgeben, vieles, was sein Leben bisher ausgemacht hat. Ohne zu zögern macht er sich auf den Weg.
Bei all dem, was dieser Mensch zurücklässt, gibt es doch auch etwas, das bleibt, das Kontinuität verspricht. Und das ist sein Glaube, sein Vertrauen in und seine Verbundenheit mit Gott. Er ist sich gewiss, dass er mitgeht, ihn durch dick und dünn begleitet und nicht im Stich lassen wird - und sein Wort hält! Allein auf dieses Wort verlässt sich Abraham. In unserer Welt ist das nicht viel - und doch alles.
Aufbruchstimmung - das heißt, man muss bereit sein, loszulassen und sich an etwas anderes halten. Unsere Kirchen brauchen solch eine Aufbruchstimmung. Bevor wir uns mit Strukturveränderungen und Landeskirchenzusammenschlüssen beschäftigen, sollten wir dafür sorgen, dass die Menschen auch bereit sind, neue Wege mitzugehen. Dazu braucht es Vertrauen, Vertrauen in eine Kirche, die sich vom Wort Gottes getragen weiß, die alle Sicherheiten aufzugeben bereit ist, um einen Neuanfang in der Gewissheit zu wagen, dass er im Sinne unseres himmlischen Vaters ist. Ist dieses Vertrauen da? Hat sich unsere Kirche bisher in diesem Sinne als vertrauenswürdig erwiesen?
Vielleicht hat die friedliche Party, wie wir sie in den letzten vier Wochen erleben durften, ja tatsächlich etwas in Bewegung gesetzt. Die Menschen - nicht nur die Deutschen! - haben sich von einer anderen, ihrer besseren Seite kennen gelernt. Was sie miteinander vereint hat, war sicher auch das Interesse am Fußball. Aber da war wohl noch mehr. Vielleicht war es der Wunsch, sich und anderen endlich einmal zu zeigen, dass man auch anders kann. Was sagte Franz Beckenbauer am Sonntagabend nach dem Endspiel noch sinngemäß: Wie so viele Menschen unterschiedlicher Hautfarbe, unterschiedlicher Nationalitäten und Religionen so ausgelassen und friedlich miteinander feiern können, so stellt sich Gott die Welt vor.
Vielleicht sollten wir in unseren Kirchen erst einmal so richtig ausgelassen feiern. Weg mit den Austrittszahlen, weg mit den Hochrechnungen der Kirchensteuereinnahmen, weg mit miesepetrigen Alltagschristengesichtern. Dafür unseren Gott hochleben und die froh machende Botschaft Jesu nicht nur in uns wirken lassen, sondern auch nach außen zeigen. Das wäre wohl der erste Schritt zum Aufbruch. Denn so stellt sich Gott seine Kirche vor, die um die Zusage weiß: „Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“
Das gilt nicht deshalb, weil Abraham sich auf den Weg macht, damit es ihm wirtschaftlich besser geht, sondern das gilt deshalb, weil Gott ihn mit seinem Segen auf den Weg schickt.
Es ist ein Wort, das allen gelten kann, die in eine bessere Zukunft aufbrechen wollen. Weil du in dem Bewusstsein aufbrechen sollst, dass Gott dich begleitet. In seinem Segen sollst du handeln und so wirst auch du ein Segen für andere Menschen sein. Du sollst nicht einfach auf deine eigene Kraft und deinen eigenen Mut vertrauen, obwohl das sicherlich auch wichtig im Leben ist, sondern du sollst zuallererst auf Gott vertrauen.
Und ein letzter Gedanke: In diesen Tagen brechen viele Menschen in die Ferien auf. Wie Abraham packen sie ihre sieben Sachen ein und machen sich auf den Weg. Auch der Urlaub kann nicht nur für einen selbst ein Segen sein, sondern auch für die beteiligten Menschen. Freunde, die gemeinsam wegfahren, schöpfen neue Kraft, indem sie sich über vieles austauschen. Familien erholen sich nicht nur körperlich, sondern auch seelisch, indem sie gemeinsam etwas erleben und über Dinge reden können, wofür sonst keine Zeit ist. Auch Ehepartner können von neuem zusammenfinden, indem sie mehr Zeit füreinander haben als sonst. Du sollst ein Segen sein. Dieses Wort gibt Gott uns mit auf den Weg. Wir können ein Segen sein – für uns selbst und für andere. So bittet Lothar Zenetti:
Herr, segne uns,
lass uns dir dankbar sein,
lass uns dich loben,
solange wir leben,
und mit den Gaben,
die du uns gegeben,
wollen wir tätig sein.
Herr, sende uns,
lass uns dein Segen sein,
lass uns versuchen,
zu helfen, zu heilen
und unser Leben
wie das Brot zu teilen,
lass uns ein Segen sein.
Amen.
Wochenspruch:
Denn aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es.
Kyrie
Vater, du ermutigst uns immer wieder, neue Wege zu gehen.
Doch oft sperren wir uns, blockieren wir neue Ideen, weil wir fürchten, Vertrautes zu verlieren. Dabei bist du doch der, dem wir am meisten Vertrauen schenken dürfen. KYRIE ELEISON ...
Zuspruch: Der HERR ist mein Licht und mein Heil; vor wem sollte ich mich fürchten? Der HERR ist meines Lebens Kraft; vor wem sollte mir grauen? (Psalm 27,1)
Kollektengebet
Vater, du bist der Gott, der mitgeht. Jeden Schritt, den wir tun, kennst du. So bitten wir dich: Mache uns Mut aus Altem auszubrechen und Neues zu wagen, im Bewusstsein, dass du uns nicht verlässt. Das bitten wir dich, der du von Ewigkeit zu Ewigkeit mit deinem Sohn und dem Hl. Geist lebst und unsere Welt regierst.
Fürbitten
Vater, wir wollen den neuen Wegen vertrauen, die du uns weist und mit Freundlichkeit jenen begegnen, die uns nicht wohl gesonnen sind.
Wir wollen den neuen Wegen vertrauen, die du uns weist und für mehr Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft eintreten.
Wir wollen den neuen Wegen vertrauen, die du uns weist und um Freiheit für die kämpfen, die verfolgt, gefoltert und vertrieben werden.
Wir wollen den neuen Wegen vertrauen, die du uns weist und uns unserer Verantwortung bewusst werden, die wir für die kommenden Generationen tragen.
Wir wollen den neuen Wegen vertrauen, die du uns weist und in jedem Menschen dein Geschöpf erkennen.
Wir wollen den neuen Wegen vertrauen, die du uns weist und mit dir auch in unserer Kirche neue Wege gehen.
Vaterunser