Predigt "Aufeinander angewiesen"

Aufeinander angewiesen

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus Amen

Liebe Gemeinde, wie nehmen wir eigentlich unseren Körper wahr? Sind wir alle mit unserem Körper vertraut?

Ich kenne Menschen, bei denen scheint der Kopf das wichtigste Körperteil zu sein. Denn mit dem Kopf nehmen wir überwiegend wahr. Wir sprechen mit dem Mund, hören mit den Ohren und sehen mit den Augen.

Ja, wir brauchen die Augen, um uns anzuschauen und um Lieder- und Bibeltexte zu lesen. Mit unseren Händen haben wir uns begrüßt, mit ihnen halten wir Gegenstände, wir legen sie ineinander zum Beten.

Im Gottesdienst haben wir Zeit, unseren ganzen Körper zu spüren. Was machen die Schultern? Sind Sie verspannt? Fällt Ihnen das Sitzen auf den Kirchenbänken schwer?

Wenn wir gezielt auf die einzelnen Körperteile achten und sie bewusst einsetzen, umso wohler fühlen wir uns am ganzen Körper. Ja, wir merken, dass unser Körper eine Einheit ist. Alle Teile sind wichtig.

Wie wichtig jedes einzelne Teil ist, wird uns erst dann bewusst, wenn der ein oder andere Körperteil nicht mehr ganz funktioniert. Menschen, die dieses am eigenen Leibe spüren, wissen, dass andere Körperteile Funktionen mit übernehmen.

So z.B. übernehmen Gehör und Tastsinn Funktionen der Augen bei einem blinden Menschen. Und wer von uns schon einmal einen Arm in Gips hatte, der weiß, wie schnell der andere Arm einen Ausgleich schafft.

Unser Körper, liebe Gemeinde, stellt eine Einheit dar. Er besteht nicht nur aus einem einzigen Glied, sondern aus vielen Gliedern. Auch wenn der Fuß behaupten würde, weil ich keine Hand bin, gehöre ich nicht zum Körper. Ist er nicht trotzdem Teil des Körpers?

Und wenn nun das Ohr sagen würde: Weil ich kein Auge bin, gehöre ich nicht zum Körper, ist es nicht trotzdem Teil des Körpers? Oder wenn der ganze Körper Auge wäre, wo wäre dann das Gehör? Und wenn der ganze Körper Gehör wäre, wo wäre dann der Geruchssinn?

Es gibt zwar viele Glieder, aber es ist ein Körper. Das Auge kann nicht zur Hand sagen: ?Für mich bist du überflüssig!" Oder der Kopf kann auch nicht zu den Füßen sagen: ?Ich brauche euch nicht!"

Ganz im Gegenteil, die Glieder unseres Körpers, die uns schwächer vorkommen, sind besonders wichtig. Denn wenn nur ein Glied leidet, dann leiden auch alle anderen Glieder mit. Und wenn ein Glied geehrt wird, dann freuen sich alle anderen Glieder mit.

1 Kor 12, 12 – 14. 26 - 27

12 Der Körper des Menschen ist einer und besteht doch aus vielen Teilen. Aber all die vielen Teile gehören zusammen und bilden einen unteilbaren Organismus. So ist es auch mit Christus: mit der Gemeinde, die sein Leib ist.

13 Denn wir alle, Juden wie Griechen, Menschen im Sklavenstand wie Freie, sind in der Taufe durch denselben Geist in den einen Leib, in Christus, eingegliedert und auch alle mit demselben Geist erfüllt worden.

14 Ein Körper besteht nicht aus einem einzigen Teil, sondern aus vielen Teilen.

26 Wenn irgendein Teil des Körpers leidet, leiden alle anderen mit. Und wenn irgendein Teil geehrt wird, freuen sich alle anderen mit.

27 Ihr alle seid zusammen der Leib von Christus, und als einzelne seid ihr Teile an diesem Leib.

Gute Nachricht 1997

Was ist geschehen, dass Paulus der Gemeinde in Korinth, das eindrückliche Gleichnis von einem komplett funktionierenden Körper vor Augen hält?

Der Apostel, er will von und ebenso über die christliche Gemeinde sprechen, doch er verspricht sich offenbar und redet von Christus. An diesem scheinbaren Fehler können wir erkennen, wie der Heilige Geist eingreift. Paulus, er denkt über die Gemeinde nach, ja, er hat sie vor Augen, ihre so verschiedenartigen Mitglieder, schwache und starke, hohe und niedrige, Törichte und Weise, Gesunde und Kranke.

Ja, Paulus hat sie vor Augen, die verschiedenartigen Aufgaben der Einzelnen in der Gemeinde, der Prediger, der Hörer, der Beter und Propheten. Von diesem Bild urchristlichen Lebens möchte Paulus sagen, dass dies die Gemeinde in ihrer Vielfalt ist, die doch eins ist.

Doch der Heilige Geist greift ein, und dem Apostel fließt noch etwas anderes, etwas Größeres in die Feder, hier ist nicht nur menschliche Gemeinschaft, hier ist Jesus Christus.

So sieht er aus, das ist sein Leib, das ist seine Gestalt, die er in dieser Welt angenommen hat. Christus ist sozusagen die Seele dieses vielgliedrigen Leibes. Christus, der Auferstandene, der Lebendige, hat nicht bloß ein paar Spuren, ein paar Fingerabdrücke hinterlassen und ein paar Weisheiten in die Welt gepredigt, um sich dann zurückzuziehen.

Nein, Christus ist tatsächlich da, er ist in der Welt, damals in Korinth und heute bei uns. Und nicht nur sein Geist, seine Seele, sondern sein Leib. Er ist leibhaftig zugegen.

Wie denn? wo denn? was denn? Sucht nicht zu weit, sagt Paulus, ihr seid Christi Leib, nicht ein Einzelner von euch, sondern die Ganzheit, der Zusammenschluss der Gemeinde. Christus und die Gemeinde, das ist in gewissem Sinne ein und dasselbe. Eine Gemeinde kann nicht ohne Christus sein, sie wäre ein Leib ohne Seele, ja, sie wäre dann tot. Ihr alle seid zusammen der Leib von Christus. Am Taufbecken sind wir zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammengeschweißt worden und mit demselben Geist erfüllt worden.

Christliches Leben und Glauben ist nie eine Privatsache, sondern ein gemeinsames Gut. Wir sind Glieder eines Ganzen. Sicher, so einfach sehen können wir das nicht.

Wenn wir von unsern Verhältnissen ausgehen, dann sehen wir keinen Leib, oder wenn wir einen sehen, dannsolch einen, der dann schwer beschädigt und schrecklich verstümmelten ist, der dann sozusagen in der Eisernen Lunge des Staates liegt, die ihn künstlich am Leben hält.

Paulus, liebe Gemeinde, ist nicht von den Verhältnissen unserer Gemeinden ausgegangen. Sondern von den Verhältnissen, wie sie durch Weihnachten, Karfreitag, Ostern und Pfingsten geschaffen wurden.

Weil Christus lebt und leibhaftig da ist, darum muss es seinen Leib geben. Und dieser Leib lebt. Er verdankt seine Existenz nicht der Eisernen Lunge des Staates, auch wenn es oft so aussieht.

Jesus Christus lebt auch dann, wenn sich die Eiserne Lunge in einen Eisernen Vorhang verwandeln würde. Denn Jesus Christus lebt und er ist nicht mehr zu töten.

Doch dies ist von unserem Glauben her gesagt und nicht von unserer Anschauung.

Der Leib Christi ist ein Glaubensartikel: ?Ich glaube an die heilige christliche Kirche." Ist das nicht komisch, wer das glaubt, liebe Gemeinde, findet Bestätigung, findet Zeichen, ja, Lebenszeichen dieses Leibes.

Ja, stille Taten von Menschen, die ihren Glauben leben und selbstvergessen für andere da sind; nein, dies sind nicht einfach Werke von Einzelgängern. Der Blick unseres Glaubens erkennt, dass wir als ein Leib zusammengehören, zu Jesus Christus gehören.

Solche Entdeckungen müssen uns dankbar stimmen. Hier ladet uns Paulus ein, dankbar für die Tatsache zu sein, dass wir nicht allein sein müssen. Der Apostel weiß, dass man sich auch durch Undank daran versündigen kann.

Paulus weiß, dass Spaltungen entstehen können. Ja, er weiß, dass aus Minderwertigkeitsgefühlen, aus Empfindlichkeit oder aus Eitelkeit sich Gemeindegliederlieder abwenden und sich zurückziehen und über den Leib und die Gemeinde schimpfen und lästern. Oder aus Hochmut und Lieblosigkeit gewisse unbequeme Gemeindeglieder ausstoßen.

Das Bild der Gemeinde, so wie Paulus sie sieht, ist nicht grau in grau, auch nicht schwarz in schwarz, sondern denkbar bunt. Da ist jeder ein Original.

Würden wir doch endlich lernen, an diesen Verschiedenheiten Freude zu haben, die unendlich vielseitige Phantasie Gottes zu sehen und zu schätzen, statt jeden anderen zu verachten, der nicht in unsere Uniform passt.

Liebe Gemeinde, wir sind aufeinander angewiesen, ja, viel stärker als wir denken.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus Amen

Erstellt: 15.10.2008
Zuletzt aktualisiert: 15.4.2010 14:25 Uhr
Redakteur: Simone Schreiner