Predigt - Balsam für die Seele
Text: Titus 3,4-7
Liebe Gemeinde!
"Nehmen Sie Ihren Kurzurlaub in der heimischen Badewanne – allein oder zu zweit. Zelebrieren Sie Ihr Bad. Eine Stunde reicht, und Sie fühlen sich wieder topfit. Dabei steigert das Ambiente die regenerierende Wirkung ungemein: Tür zu, Telefon aus, leise Musik, Kerzenlicht, Heizung aufdrehen, Socken und Badetuch vorwärmen, Ein kühler Waschlappen auf der Stirn beruhigt, ein Augenkissen, oder ein Tuch über dem Gesicht lassen Sie den Alltag vergessen und in andere Welten gleiten."
Diese Empfehlungen sind nachzulesen in. "Du siehst gut aus!" Der Pflege - Guide für Männer, S.82, der 2002 bereits in 5. Auflage erschienen ist. Geradezu weihnachtlich imaginiert wird diese Wohlfühlbad und ich musste ein wenig schmunzeln, denn im übertragenen Sinn trifft das ja auch für Weihnachten zu. Alle Vorbereitungen laufen darauf hinaus, dass es ein Fest der Sinne werde, für Augen und Ohren, für Gaumen und Magen, letztlich für die Seele. Darum sind immer noch die Kirchen an diesen Festtagen gut besucht, denn unbewusst oder bewusst spüren wir, dass unsere Seele einen Raum des Wohlbefindens bitter nötig habe.
Unsere Seele braucht Balsam für den Stress und die Hektik, für die Wunden und Verletzungen, die ihr vom Alltag zugefügt wurde. Unsere Seele sehnt sich nach einem Bad im Heiligen Geist, der uns heil macht.
Dieses Bad für die Seele beschreibt der Apostel in dem Brief an seinen Mitarbeiter Titus in einem überschwänglichen einzigen Satz. diese Worte stellen gleichsam ein Konzentrat dar, das erst noch aufgelöst werden sollte. Doch hören wir zunächst den Apostel selbst zu uns sprechen:
4 Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands,
5 machte er uns selig - nicht um der Werke der Gerechtigkeit willen, die wir getan hatten, sondern nach seiner Barmherzigkeit - durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im heiligen Geist,
6 den er über uns reichlich ausgegossen hat durch Jesus Christus, unsern Heiland,
7 damit wir, durch dessen Gnade gerecht geworden, Erben des ewigen Lebens würden nach unsrer Hoffnung.
1. Wir sind nicht allein
Gottes Zuwendung gilt allen Menschen, allen ohne Unterschied. Sie gilt denen, die sich in der Kirche heimisch fühlen und denen, die ihr immer distanzierter begegnen oder sogar ablehnen. Gottes Zuwendung gilt denen, die im Glauben zuhause sind, und denen, die sich mit dem Glauben schwer tun. Sie gilt denen, die in diesen Tagen kaum jemanden haben, mit dem sie reden und Erinnerungen austauschen können, und bei denen, die geborgen sind im Kreise ihrer Familie, bei denen die ohne Obdach sind und bei denen, die es zu Hause nicht schöner haben könnten; bei denen, die nicht wissen, wie sie mit ihrer kleinen Rente auskommen sollen, und bei denen, die sich alles leisten können.
Ja, die letzten nenne ich auch, denn möglicherweise steckt hinter der Fassade von Wohlhabenheit und Reichtum auch nichts anderes als ein kleiner Mensch mit Angst und Sorge und einer großen ungestillten Sehnsucht nach wirklichem Glück. Gott ist uns ohne Unterschied nah. Die Sonne seiner Freundlichkeit spart keinen Menschen aus. Er kommt zu jedem von uns und sagt: Es ist nicht wahr, das du allein bist. Es ist nicht wahr, dass sich keiner um dich kümmert. Es ist nicht wahr, dass dein Leben zerbrochen, deine Sehnsüchte unerfüllt bleiben muss. Ich bin bei dir. Ich bin für dich da. Das ist der Balsam für deine Seele. Paul Gerhardt hat dieses Evangelium in die unvergesslichen Worte gefasst:
Da ich noch nicht geboren war,
da bist du mir geboren
und hast mich dir zu eigen gar,
eh ich dich kannt, erkoren.
Eh ich durch deine Hand gemacht,
da hast du schon bei dir bedacht,
wie du mein wolltest werden."
(EG 37,2)
2. Gott würdigt uns
In der letzten Woche konnten wir am Fernseher die Bilder von der Gefangennahme des ehemaligen irakischen Machthabers Saddam Hussein sehen. Er wurde regelrecht vorgeführt, als es darum ging seine Identität festzustellen. Gewiss schwang bei denen, die ihn festnahmen, eine große Genugtuung mit. Waren sie stolz einen der meist gesuchten und gehassten Verbrecher auf der Welt nach 250 Tagen endlich ergriffen zu haben.
Und überall herrschte ein großes Aufatmen, nun könne Gerechtigkeit wiederhergestellt werden, indem der Gefangene vor einem Gericht angeklagt und nach rechtstaatlichen Mitteln verurteilt werde. Wie das geschehen soll, wo der mächtigste Mann dieser Welt bereits laut vorurteilend verkündigt hat, dass der Gefangene das Höchstmass an Strafe verdient hätte, bleibt mir ein Rätsel.
In diesen Tagen wurde ein ehemaliger ranghoher Politiker der DDR vorzeitig aus der Haft entlassen. Da er keine Einsicht zeigte, vielmehr sich über das Unrecht weiterhin laut vor den Kameras beschwerte, wurden empörte Fragen laut, wie z.B.: Wie könne die Justiz nur so verfahren? Wo bleibe die Rechtstaatlichkeit? Wie könne man nur in solch einem Fall Gnade vor Recht ergehen lassen?
Gott sei Dank ist es bei Gott nicht so. Seine Weihnachtsbotschaft lautet völlig unerwartet: Es gilt Recht vor Gnade. Im Zweifelsfall für den Sünder. Darin besteht Gottes Freundlichkeit und Menschenliebe. Luther übersetzte einst diese Stelle sehr volkstümlich mit "Lindigkeit und Leutseligkeit" und wollte damit bildlich auf den ganz anderen Geist hinweisen, der leise, sanft weht und jedermann Seligkeit, Zuspruch und Annahme verspricht.
Das ist Balsam für die Seele: in einer Zeit, in der der Fetisch Selbstverwirklichung vorherrscht, in der das Denken, das Rechnen in Verdiensten, Rentabilitäten auch die Sinnfrage bestimmt. Da ist es geradezu befreiend, sich der biblischen Grundwahrheit zu vergewissern: allein durch Christus, allein durch Gnade, allein durch den Glauben wird der Mensch gerettet, befreit zu neuem, unzerstörbaren Leben.
Wir erleben ja tagtäglich im Berufsalltag Sachzwänge, die uns - wie das Wort schon sagt -, zwingen so und nicht anders zu handeln. Mögen die Grundsätze noch so hehr und erhaben klingen, die Spielregeln werden längst von anderen gesetzt. Die Diskussion um die Gentechnik hat hier zulande einen breiten Konsens gefunden, dass die Menschenwürde auch den Embryonen zugute kommt. Doch längst werden an anderen Schaltstellen der Macht Fakten geschaffen, so dass demnächst auch bei uns die Embryonenforschung wegen vermeintlicher wirtschaftlicher oder wissenschaftlicher Vorteile geschäfts- und gewinnbringend betrieben werden wird. Wie wohltuend ist dagegen die biblische Wahrheit, von der Martin Luther sagt:
"Sieh nicht an, was du bist, sondern sieh hier,
was dir heute widerfährt;
sieh an den, der da kommt.
Sieh nicht an, dass du ein armer Sünder bist."
Was also widerfährt dir und mir?
3. Erben des ewigen Lebens
"...damit wir, durch dessen Gnade gerecht geworden, Erben des ewigen Lebens würden nach unsrer Hoffnung."
, so antwortet der Apostel.
Hört doch auf Weihnachten zu feiern, fordern kritische Stimmen immer wieder und verweisen darauf, dass das Dunkel in der Welt größer ist.. Das Fest verschleiere nur die Realität. Es ist wahr: Das Dunkle in der Welt ist eine bittere, harte Wirklichkeit, die nicht verdeckt werden soll: Menschen nehmen sich das Leben, weil sie gerade an Weihnachten ihre Einsamkeit nicht bewältigen können. Menschen sterben qualvoll an Krebs, an Aids, weil man sie nicht heilen kann. Unschuldige Menschen werden durch Bomben zerfetzt, weil religiöse, politische Fanatiker diese Methode für die Realisierung ihrer Pläne ansehen. Täglich sterben Tausende an Hunger, an den Folgen mangelnder Hygiene und medizinischer Grundversorgung, weil es kein globales soziales Netzwerk gibt, um dem Terror und der Armut den Boden zu entziehen. Ja, es stimmt, was der Prophet vor mehr als 2500 Jahren nüchtern festgestellt hat:
"Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker..."
(Jesaja 60,2)
Wir hören nicht auf, Weihnachten zu feiern, denn wir brauchen Hoffnung als Balsam für die Seele.
Emil Brunner, ein Theologe, hat die Hoffnung einmal mit dem Sauerstoff verglichen und es so erklärt:
"Was der Sauerstoff für die Lunge, das bedeutet die Hoffnung für die menschliche Existenz. Nimmt man den Sauerstoff weg, so tritt der Tod durch Ersticken ein. Nimmt man die Hoffnung weg, so kommt die Atemnot über die Menschen, die Verzweiflung heißt... Der Vorrat an Sauerstoff entscheidet über das Schicksal der Organismen. Der Vorrat an Hoffnung entscheidet über das Schicksal der Menschen."
Wir hören nicht auf, Weihnachten zu feiern, denn unsere Hoffnung wird getragen, was für uns geschehen ist. Weihnachten wird nicht nur die Krippe sichtbar, sondern auch das Kreuz. Das kleine Kind in der Krippe ist der, der für uns eingetreten ist bis zur Selbstaufgabe. Wer so für uns da gewesen ist, auf den können wir unsere Hoffnung setzen, dass er auch jetzt für uns da ist und in der Zukunft, die auf uns zukommt, für uns da sein wird.
Das ist der Balsam für die Seele: Jesu hat uns gereinigt. Er nimmt auf sich unser Schuldiggewordensein und unser Schuldigwerden. Wir brauchen nicht über unser Versagen zu verzagen, wenn wir anderen nicht gerecht geworden sind, wenn wir der Not in der Welt nicht in rechter Weise begegneten, wenn wir unbrauchbar statt brauchbar waren.
Das ist der Balsam für die Seele: Du kannst wieder anfangen zu hoffen, zu lieben und zu glauben. Selig sind wir alle, ohne Ausnahme, wo wir tun, was wir für uns so sehr wünschen, jeden Tag, dass Menschen für uns da sind und uns heilen. Amen.
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