Predigt "Bis dass der Tod uns scheidet"
Text: Lukas 22,31-34
31 Simon, Simon, siehe, der Satan hat begehrt, euch zu sieben wie den Weizen. 32 Ich aber habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre. Und wenn du dereinst dich bekehrst, so stärke deine Brüder.
33 Er aber sprach zu ihm: Herr, ich bin bereit, mit dir ins Gefängnis und in den Tod zu gehen.
34 Er aber sprach: Petrus, ich sage dir: Der Hahn wird heute nicht krähen, ehe du dreimal geleugnet hast, dass du mich kennst.
Liebe Gemeinde!
"Bis dass der Tod uns scheidet ..." - Viele Paare, die sich heutzutage vor dem Traualtar das Ja-Wort geben, meiden diesen Satz. Muss diese Frage denn gestellt werden, werde ich oft bei Traugesprächen gefragt. Dann frage ich zurück: Warum denn nicht? Dann erhalte ich oft zur Antwort: Ich weiß doch nicht, was die Zukunft bringt! Oder Sehen Sie sich die Statistik an. Die Scheidungsraten steigen jährlich. Oder meine Eltern sind auch geschieden. Da will ich ehrlich bleiben. Da will ich nicht zu viel versprechen.
Mir scheint, da wird mehr den Zahlen des statistischen Bundesamtes, den Erfahrungen getraut als den eigenen Gefühlen.
"Bis dass der Tod uns scheidet ..." - Diesen Satz hat kürzlich der Journalist und engagierte Christ Peter Hahne neben ein Bild gesetzt, das wie kein anderes zum Sinnbild dieses Versprechens geworden ist. In Norditalien haben Archäologen zwei Skelette aus dem Neolithikum ausgegraben, die sich innig zu umarmen scheinen. Wer denkt da nicht an "Romeo und Julia" oder an "Quasimodo und Esmeralda" oder an Senta und den Fliegenden Holländer? Beieinander bleiben, zueinander stehen, sich treu bleiben bis zum Tod und auch darüber hinaus, so sieht unser romantisches Bild von wahrer Liebe aus, geprägt von Bildern aus Hollywood und Musik von Richard Wagner. Durch die "Liebenden von Mantua", wie das prähistorische Paar von den Anwohnern genannt wird, hat dieser Traum neue Nahrung erhalten. Vielleicht gibt es sie ja doch, diese Liebe, diese Treue. Auch wenn die Realität uns anderes lehrt.
Textlesung (s.o.)
"Nichts kann mich von dir trennen ..." - Simon Petrus ist sich seiner Sache ganz sicher. In den guten Zeiten hat er zu seinem Herrn gehalten und in den schlechten will er ihn erst recht nicht verlassen, komme was wolle, Gefängnis oder sogar der Tod. Ein Romantiker war er bestimmt nicht. Aber er war überzeugt von der Liebe, die er in diesem Jesus aus Nazareth kennen gelernt hatte. Eine Liebe, die sich der Menschen annahm und sie nicht in ihrem Leid vereinsamen ließ - wie oft hatte er gesehen, wie dieser Mann auf die Kranken zuging und sie wieder in die Mitte der Gesellschaft führte; eine Liebe, die niemanden ausschloss und keine Grenzen kannte - wie beeindruckt ist er gewesen, als sich Jesus auch von einem römischen Hauptmann bitten ließ, seinen Knecht zu heilen; eine Liebe, die den Lebenden ebenso galt wie den Toten - wie erschrocken war er, als er mit ansah, wie Lazarus aus seinem Grab stieg. Petrus hatte in diesem Jesus von Nazareth eine Liebe entdeckt, für die es sich lohnte, alles stehen und liegen, alles hinter sich zu lassen: den Beruf, die Familie, das eigene Leben. Und er war überzeugt davon, dass er dieser göttlichen Liebe mit seiner menschlichen Liebe antworten könnte. Er wollte nur das zurückgeben, was er empfangen hatte.
Ich bewundere Simon Petrus für seinen Mut. Und ich hüte mich davor, ihm zu unterstellen, er habe es nicht so gemeint. Ich will ihm auch nicht vorhalten, er habe sich und seine Liebe überschätzt. Schließlich weiß ich, wann sie endete, diese Liebe, diese Treue: noch am gleichen Tag, als man Jesus gefangen nahm. Mir tut er deshalb Leid. Und ich kann mir gut vorstellen, welchen Schmerz er empfunden haben muss, als ihm Jesus die bevorstehende Verleugnung offenbart. Niemand, der wahrhaft liebt, kann sich solch einen Verrat vorstellen.
Und doch kommen wir Menschen immer wieder an diese Grenze, die wir nicht überschreiten können, erleben immer wieder Situationen, in denen wir mit unseren guten Vorsätzen scheitern: gegenüber unserem Partner, gegenüber Familienangehörigen, gegenüber Freunden. Da reicht dann die Kraft nicht, da überwiegt die Angst, da sind wir uns selbst die Nächsten. Es mag uns vorkommen, als gehe es in solchen Momenten mit dem Teufel zu.
Jesus jedenfalls benennt als Ursache des Versagens das Begehren des Satans. Ja spätestens jetzt ist für viele von Ihnen, von Euch, der Zeitpunkt gekommen, an dem Sie/Ihr nicht mehr mitkönnen/t. Dass einer große Worte macht und dann, wenn es darauf ankommt, versagt, das kennen wir. Doch was sollen wir mit dem Satan anfangen? Den Satan oder auch den Teufel haben wir doch längst schon abgeschrieben. Den Satan rechnen wir dem finsteren Mittelalter zu. In der Zeit, als man noch an Hexen glaubte, als man noch Frauen der Hexerei beschuldigte und auf dem Scheiterhaufen verbrannte, in dieser finsteren Zeit glaubten die Menschen noch an den Satan. Das Kapitel ist für uns abgeschlossen, wir leben ja im 21. Jahrhundert.
Doch damit ist das Kapitel „Satan“ noch nicht so abgeschlossen. Es gibt sie ja wieder, die Satansmessen. Nicht wenige junge Menschen begeistern sich für alles, was irgendwie magisch ist, das Übersinnliche hat wieder Konjunktur. Die Menschen fragen heute wieder mehr nach Übersinnlichem, sie fragen nach den Mächten, die sich jenseits unserer rationalen Wahrnehmung sind. Sie fragen, weil deutlich geworden ist, es gibt sehr viel mehr, als wir mit unserem Verstand erklären können. Die Fragen sind wieder da. Doch suchen die Menschen heute ihre Antworten bei allen möglichen: im Horoskop, bei auf westlich getrimmten indischen Religionen, die man zum Glück noch weniger versteht als das Christentum.
Über den Satan reden, das klingt so wenig vernünftig. Außerdem will ich ja nicht Angst machen. Ich will nicht drohen mit dem bösen Teufel, der umhergeht und danach Ausschau hält wen er verschlingen kann. Und doch sehe ich auch, oder beginne ich doch zu erkennen, den Satan leugnen kann ich eigentlich nicht.
Im Vaterunser bitten wir immer noch: „Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.“ Doch das wir in Versuchung geraten könnten, ist eigentlich nicht mehr in unserem Bewusstsein. Wer sollte denn was mit uns versuchen? Das Wort Versuchen kennen wir eigentlich nur noch in dem Sinne von Ausprobieren. Das irgendjemand uns in Versuchung führen könnte, ist uns eigentlich nicht bewusst. In der Bibel wird der Versucher als Satan, also als Teufel, bezeichnet. So auch in der heutigen Evangeliumslesung. Zwischen Satan und Gott besteht ein tiefer Abgrund, es ist der Abgrund zwischen Leben und Tod. Ich kann in mir die Kraft Gottes spüren und ich kann in mir diesen Abgrund spüren. Es ist die Zerrissenheit meiner selbst.
So bin auch ich oft wie Petrus groß mit dem Wort und kläglich bei der Tat. Zerrissen in mir selbst, das erlebe ich gar nicht so selten. Auf verschiedenen Art und Weise erlebe ich und wohl nicht nur ich, diese Zerrissenheit. Ich fühle mich zerrissen, weil ich einerseits die Menschen liebe und freundlich auf meine Mitmenschen zugehen möchte und dann doch wieder zum rechthaberischen und mitunter rücksichtslosen Autofahrer werde. Zerrissen, weil ich weiß, der Nachbar hat es nötig sich auszusprechen und dennoch geht mir sein Reden auf die Nerven. Zerrissen, weil ich natürlich meinen Mitmenschen Erfolg wünsche und doch sollen sie nicht erfolgreicher sein als ich. Zerrissen weil ich einerseits ehrlich eine Leistung erbringen will und doch aus Angst vor einer schlechten Zensur wieder versuche abzuschreiben. Ich bin einfach hin und her gerissen und so zerreißt es mich geradezu.
Diese Trennung, diesen Riss, der durch mich durch geht, und wohl nicht nur durch mich, nennt die Bibel Sünde. Es ist die Trennung von meiner eigentlichen Bestimmung und die Trennung von Gott. Die Sünde zerreißt mich, sie trennt mich von Gott, meinen Mitmenschen und von mir selbst. All die zerstörerische Energie kann ich in mir spüren und immer wieder bin ich versucht diesem Drängen nachzugeben. Ich denke es ist wichtig, dass wir nicht vor dieser zerstörerischen Kraft, unsere Augen verschließen. Dasa führt Jesus Petrus klar vor Augen und weist auf die Gegenkraft hin: Ich aber habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre.
Das ist das Wunderbare an dieser Szene: Dass Jesus durch das Scheitern des Apostels hindurch an seinem Simon Petrus festhält, ja ihm eine Aufgabe zumutet, die er selbst bis dahin ausgeübt hatte: die Brüder und Schwestern zu stärken. Und das gilt bis heute auch für uns: Auch wenn wir immer wieder dieser Liebe nicht gerecht werden können, so entbindet uns das doch nicht davon, füreinander dazu sein und in unserer ach so unvollkommenen Liebe zum Nächsten, Jesu Liebe Raum zu geben.
Die war so groß, dass er diesen Weg nach Golgatha um unsertwillen gehen wollte. Und die Liebe zu seinen Weggefährten war so groß, dass er ihn um ihretwillen alleine ging. Denn für ihn galt, was Simon Petrus sich vorgenommen hatte, aber nicht durchhalten konnte: "Nichts kann mich von euch trennen ... auch nicht mein Tod."
Also: Es gibt sie tatsächlich, diese wahre Liebe, die uns nicht loslässt. Es gibt sie, diese Treue bis in unseren Tod und darüber hinaus. Es ist die Liebe und die Treue, die uns mit Gott bis in alle Ewigkeit verbindet. Und die auch unter uns Menschen Wirklichkeit werden kann. Wir sollten sie daher nicht zu schnell den Zahlen des statistischen Bundesamtes unterordnen, sondern vielmehr nach ihr suchen. Ich bin mir sicher, dass wir sie finden. Nicht nur tief in der Erde des Neolithikums. Amen.
Liturgie
Wochenspruch: Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre. 1.Johannes 3,8b
Kyrie
Gott,
unsere Liebe reicht oft nicht weit.
Zu selten findet sie zum Nächsten.
Zu oft bleibt sie in uns gefangen.
Zu oft halten wir sie zurück.
Zu oft geht sie in unserer Selbstliebe verloren.
Kyrie Eleison ...
Zuspruch:
So fern der Morgen ist vom Abend, lässt er unsre Übertretungen von uns sein. Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über die, die ihn fürchten. Psalm 103,12-13
Kollektengebet
Gott,
wir leben davon, dass du uns liebst:
bedingungslos, selbstlos, wahrhaftig.
Dafür wollen wir dir danken,
indem wir uns immer wieder
auf die Suche nach dieser Liebe begeben:
in uns, in unserem Nächsten, bei dir.
So soll schon jetzt spürbar werden,
was du uns für die Ewigkeit versprichst:
Dass wir geborgen sind in deiner Liebe.