Predigt und Liturgie - Bleibende Treue
Text: Römer 11,25-3225 Ich will euch, liebe Brüder, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, so lange bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist;
26 und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht (Jesaja 59,20; Jeremia 31,33): »Es wird kommen aus Zion der Erlöser, der abwenden wird alle Gottlosigkeit von Jakob.
27 Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.«
28 Im Blick auf das Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen; aber im Blick auf die Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen.
29 Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.
30 Denn wie ihr zuvor Gott ungehorsam gewesen seid, nun aber Barmherzigkeit erlangt habt wegen ihres Ungehorsams,
31 so sind auch jene jetzt ungehorsam geworden wegen der Barmherzigkeit, die euch widerfahren ist, damit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen.
32 Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.
Liebe Gemeinde!
Am 14. Mai diesen Jahres feierte der Staat Israel sein 60jähriges Bestehen.
"Gleich allen anderen Völkern ist es das natürliche Recht des jüdischen Volkes, seine Geschichte unter eigener Hoheit selbst zu bestimmen."
David Ben Gurion sprach diese Worte während der Staatsproklamation 1948, über ihm hing das Bild Theodor Herzels, einem der engagiertesten Befürworter der territorialen Neugründung Israels. Es war ein feierlicher, aber kein triumphaler Akt. Die Welt stand unter dem Schock der Verbrechen, die die Nationalsozialisten nicht nur an vielen Millionen Juden, sondern an alle Menschen verübt hatten, die nicht in ihr Weltbild passten. Nun hatte die Weltgemeinschaft dem Bedürfnis des jüdischen Volkes entsprochen, seine Existenz auf eigenem Grund und Boden abzusichern und im November 1947 der Teilung Westpalästinas in einen arabischen und einen jüdischen Teil zugestimmt. Dass in der Folge eines Weltkrieges und in der Sehnsucht nach Frieden damit ein Konflikt initiiert wurde, der bis heute andauert und ebenfalls Gründe für Terror, Krieg und Gewalt liefert, das hat damals wohl kaum jemand geahnt.
An diesem 10. Sonntag nach Trinitatis, den wir auch Israelsonntag nennen und an dem wir uns unsere Verbundenheit mit dem jüdischen Volk bewusst machen, kommen wir an diesem Ereignis der Staatsgründung Israels nicht vorbei, wir wollen aber auch nicht dabei stehen bleiben. Denn die Geschichte Israels reicht viel weiter zurück als in das Jahr 1948 und sie betrifft uns ChristInnen in besonderer Weise. Schließlich entspringt unser Glaube, unsere Vorstellung von Gott, von seinem Wesen und seiner Beziehung zu uns Menschen aus den heiligen Schriften des Judentums, die wir zusammenfassend "Altes Testament" nennen und bis in die Aufzeichnungen der Evangelisten und Apostel des "Neuen Testaments" hineinreichen, ja sie im Grunde genommen fortschreiben. Denn Johannes der Täufer, Jesus von Nazareth, Simon, genannt Petrus und Paulus aus Tharsus waren allesamt Juden ... und blieben es Zeit ihres Lebens auch. Das Christentum als neue Religion war nicht ihre Idee. Es war eine Folge ihres spirituellen und schriftlichen Erbes, das sie der Nachwelt hinterließen und geschichtlicher Ereignisse, die niemand vorhersehen konnte. Das sollten wir uns gerade heute, aber im Grunde genommen jeden Sonntag immer wieder von neuem bewusst machen: Es ist derselbe Gott, an den ChristInnen und JüdInnen glauben. Darum achte ich persönlich immer darauf, dass die alttestamentliche Lesung im Gottesdienst gelesen wird, Sie gehört m.E. unbedingt dazu. Sie nicht zu lesen, wäre eine Missachtung unserer christlichen Wurzeln.
Über diesen ein und denselben Gott schreibt auch Paulus, zugegebenermaßen etwas kompliziert, aber doch unmissverständlich. Hören wir seine Gedanken aus Röm 11,25-32.
Textlesung
Er beschreibt ihn als jemanden, der zu dem steht, was er tut und sagt. Mit wem er einmal einen Bund geschlossen hat, wem er einmal sein Wort gegeben hat, dem bleibt er treu - bedingungslos. "Denn", so Paulus,
"Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen."
Davon profitieren wir. Davon leben wir. Doch Paulus blickt nicht nur vertikal nach oben, er betrachtet nicht nur das Verhältnis zwischen Gott und den Anhängern des alten und neuen Bundes. Er schaut auch auf die Beziehung zwischen JüdInnen und ChristInnen. Und er deutet an, dass beide eine Art Schicksalsgemeinschaft bilden: sie sind in ihrer Geschichte mit Gott miteinander verwoben. Diese Beziehung ist nicht leicht zu durchschauen, nicht umsonst schreibt Paulus von einem Geheimnis, das er offenbart. Aber sie darf nicht ignoriert werden, gerade von uns ChristInnen nicht, wenn wir nicht überheblich sein und uns für klüger halten wollen, als wir tatsächlich sind! Wir müssen uns daher eingestehen, dass die Shoa nicht nur eine Katastrophe für das Judentum, sondern auch für das Christentum (gewesen) ist. Und auch die heutigen Ereignisse in Israel-Palästina können und dürfen uns nicht gleichgültig sein. Denn wenden wir uns von Israel ab, kappen wir unsere eigenen Wurzeln. "Keiner ohne den anderen; Gott will es "dahin bringen", dass die konzentrierte Kerngemeinde (d.i. die jüdische Synagogengemeinde; d. Autor) aus den Wurzeln ihrer Kraft der weltoffenen Bruderschaft (d.i. die christliche Kirchengemeinde; d. Autor) zur Verfügung steht, ihr dient, und dass umgekehrt christliche Weltoffenheit nichts werden kann, wenn sie meint, ihre eigenen Wurzeln ausreißen oder den Ast absägen zu müssen, auf dem sie sitzt: den Jesus-Christus-Ast am Ölbaum Israels." (Friedrich-Wilhelm Marquardt) Soll heißen: Wir sind aufeinander angewiesen, wenn wir uns auf Gottes Heil verlassen wollen.
Wenn wir das bejahen, heißt es, wir haben umzukehren in unserem Denken und Sprechen, um unseren Glauben neu bekennen. Wenn wir uns zu Jesus Christus bekennen, dann bekennen wir uns zu seinem Weg, der zu anderen führt. Das ist ja sein Erkennungszeichen, das Jesus für andere da ist. Sein Wort – etwa die Seligpreisungen - eröffnet neu den Verheißungshorizont, in dem wir leben und wirken können. Seine Taten belegen, dass Gott hier und heute sein Erbarmen allen Menschen schenkt. Das wird in den Gleichnissen – etwa von den beiden Söhnen - ebenso deutlich wie in den Gesprächen mit den Schriftgelehrten und den Mahlgemeinschaften mit den Zöllnern und Sündern. Und in dem Wort am Kreuz:
"Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun."
(Lk 23,34)
, wird sehr deutlich, wie Jesus zuerst für Israel und dann für die Welt da ist, nicht als Rächer, sondern als Versöhner.
"Meine Hoffnung ist, dass sich die Religionen näher kommen, indem sie ihre Wurzeln erkennen."
Das sagte Shalom Ben-Chorin in seinem letzten Interview, das er gab, bevor er 1999 verstarb. Dem letzten Teil dieser Aussage dürfen wir hinzufügen: "und indem sie ihrer Zukunft entgegensehen." Denn wenn wir auch - bei aller Verständigung und Annäherung - heute noch getrennte Wege gehen, so verbindet JüdInnen und ChristInnen nicht nur ihre gemeinsame Herkunft, sondern auch das gemeinsame Ziel. Wie immer es auch aussehen mag, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Vater Jesu Christi, der Freund aller Menschen und Schöpfer allen Seins wird da sein. Und allen seinen Shalom, seinen Frieden schenken. Einen Frieden, der keine Staaten mehr nötig hat, um sicher leben zu können; einen Frieden, der Raum zur Vergebung gibt; einen Frieden, der nicht ausgrenzt, sondern einlädt; einen Frieden, der die Geschichten aller Völker mit der einen Heilsgeschichte Gottes mit den Menschen versöhnen wird.
Darum sollten wir uns leiten lassen von dem Lobpreis, mit dem Paulus seine Gedanken zum Verhältnis Juden und Christen abschließt. Der hat die schöne Überschrift in der Lutherbibel: Lobpreis der Wunderwege Gottes. Paulus schreibt:
33 O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege!
34 Denn »wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen?« (Jesaja 40,13)
35 Oder »wer hat ihm etwas zuvor gegeben, dass Gott es ihm vergelten müsste?« (Hiob 41,3)
36 Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.
Liturgie
Wochenspruch:
Wohl dem Volk, dessen Gott der HERR ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat!
Ps 33,12
Kyrie
Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs,
Vater Jesu Christi,
Freund aller Menschen,
Schöpfer allen Seins!
Wir kommen zu dir
in der Hoffnung,
dass du uns frei machst
von all dem,
was uns von dir trennt:
unsere Lieblosigkeit gegenüber denen,
die wir nicht mögen;
unsere Gleichgültigkeit gegenüber denen,
die uns fremd sind;
unsere Hilflosigkeit gegenüber denen,
die unsere Unterstützung brauchen;
unsere Unnachgiebigkeit gegenüber denen,
die uns um etwas bitten;
unsere Herzlosigkeit gegenüber denen,
die wir nicht verstehen;
unsere Uneinsichtigkeit gegenüber denen,
die wir ungerecht behandelt haben;
unsere Engstirnigkeit gegenüber denen,
die anders leben als wir;
unsere Unfähigkeit,
nach deinen Geboten zu handeln.
Gott,
Herr der Welt,
vergib uns ...
Kollektengebet
Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs,
Vater Jesu Christi,
Freund aller Menschen,
Schöpfer allen Seins!
Der Bund,
den du mit Israel geschlossen hast,
den du in Jesus Christus für uns alle bestätigt hast,
an dem du bedingungslos festhältst,
dieser Bund hält uns alle am Leben.
Dafür danken wir dir von Herzen ...
Wir wollen tun,
was in unserer Macht steht,
wozu unsere Liebe fähig ist,
worin unser Glaube stark genug ist,
worauf wir jederzeit hoffen können,
um diesem Bund in unserem Leben Ausdruck zu verleihen,
dass das,
was er uns schenkt,
sichtbar und spürbar werde
und diesen Planeten
zu deinem Reich werden lasse.
Das bitten wir dich,
Gott,
Herr der Welt,
der du mit dem Sohn und dem Heiligen Geist
lebst und regierst
von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Fürbitten
Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs,
Vater Jesu Christi,
Freund aller Menschen,
Schöpfer allen Seins!
Du bist der Herr der Welt.
Darum bitten wir dich um Liebe,
dass wir allen Menschen mit Respekt begegnen.
Wir bitten dich um Achtung vor dem Leben,
dass wir sorgsam damit umgehen.
Wir bitten dich um Mitgefühl,
dass wir Barmherzigkeit üben.
Wir bitten dich um Sanftmut,
dass wir friedlich miteinander leben.
Wir bitten dich um Herzlichkeit,
dass der Alltag freundlicher wird.
Wir bitten dich um Verstand,
dass wir füreinander Verständnis aufbringen.
Wir bitten dich um Ehrfurcht,
dass wir uns an deine Gebote halten.
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