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Predigt und Liturgie - Damit Ihr Hoffnung habt

Text: Römer 12,9-16
9 Die  Liebe sei ohne Falsch.  Hasst das Böse, hängt dem Guten an.
10 Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor.
11  Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt.  Seid brennend im Geist.  Dient dem Herrn.
12 Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.
13 Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft.
14 Segnet, die euch verfolgen;  segnet, und flucht nicht.
15 Freut euch mit den Fröhlichen und  weint mit den Weinenden.
16 Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den geringen.  Haltet euch nicht selbst für klug.

 

Liebe Gemeinde!

Ein kleiner Berliner Steppke fragt eines Tages eine feine Dame nach dem Kurfürstendamm. Die vornehme Frau schaut den kleinen Jungen durchdringend an und sagt: „Junge, wenn du mich was fragst, dann nimm erst mal die Hände aus der Tasche, zieh die Mütze vom Kopf, putz dir anständig die Nase, mach einen Diener und sag ‚Gnädige Frau’ zu mir!“ Darauf antwortet der Junge:„Det ist mir vill zu ville, da verloof ick mir lieba!“1

Bedingungen für einen kleinen Gefallen; Forderungen, die wir erfüllt sehen wollen, ehe wir uns bequemen; Erwartungen, an die wir unsere Liebe knüpfen. Wenn Gott Erwartungen an uns richtet, dann geht diesen Erwartungen seine Liebe voraus. Dann ist seine Liebe die Voraussetzung für Gottes Erwartungen an uns. Wir müssen nichts tun, damit Gott sich herablässt, sondern Gott hat sich herabgelassen, ehe wir auf die Idee kamen, etwas für ihn zu tun. Seine Gnade und Wahrheit – also Jesus - ist zu uns gekommen (Joh.1,17), da haben wir uns noch gar nicht dafür interessiert.

Aber dann erwartet Gott doch etwas von uns: Hingabe. Hingabe meines ganzen Lebens – das ist der (einzig) angemessene Gottesdienst (Röm.12,1). Das ist eine große Erwartung, die Gott da ausspricht. Vielleicht denkt da mancher von Euch auch: „Det ist mir vill zu ville ...!“

Aber Gottes Erwartung, oder besser gesagt Gottes Einladung, erreicht uns nicht von oben herab: „nimm erst mal die Hände aus der Tasche, zieh die Mütze vom Kopf, putz dir anständig die Nase, mach einen Diener...“

Vielmehr ist Gott selbst unser Diener geworden. Hat sich selbst erniedrigt. „Angesichts des Erbarmens Gottes ermahne ich euch, meine Brüder, euch selbst als lebendiges und heiliges Opfer darzubringen, das Gott gefällt; das ist für euch der wahre und angemessene Gottesdienst.“ (Vers 2)

Der Predigttext heute greift die Einladung zur Hingabe auf. Paulus wird nun ganz konkret und beschreibt, wie sich das auf unser ganz praktisches Leben auswirkt, wenn wir uns ganz und gar Jesus hingeben. Hingabe bleibt nichts Gedankliches, sondern betrifft unser

ganzes Sein. Paulus spricht nicht von den Gedanken, die wir Gott hingeben sollen, sondern vom Leib. Da sind Kopf und Herz, Hand und Fuß inbegriffen. Unser Glaube soll eben nicht nur Kopfsache sein, sondern Hand und Fuß haben.

Ich lese also aus dem Römerbrief, Kapitel 12, die Verse 9-16:

"Damit ihr Hoffnung habt" - Unter diesem Motto, beginnt der 2. Ökumenische Kirchentag, seine Schatten voraus zu werfen. Von Hoffnung spricht auch Paulus, Fröhlichkeit soll in ihr Platz haben; das Handeln der ChristInnen überstrahlt vom Licht der Liebe Gottes. Eine schöne Vorstellung, wie Christinnen und Christen aller Konfessionen voller Fröhlichkeit und Zuversicht zum Kirchentag strömen, um dort Gemeinschaft wahr werden zu lassen ... Aber wie schaut es wirklich aus mit unserer Ökumene? Die Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentag, Ellen Ueberschär, beschreibt es in der Zeitschrift Zeitzeichen (Januar 2010) wie folgt: "Neun Jahre nach der Jahrtausendwende macht sich die Wahrnehmung breit, dass die Ökumene eine lichte Vergangenheit hinter sich und eine trübe Zukunft vor sich habe." Das klingt eher nach Trübsal als nach Fröhlichkeit.

Ja, was würde Paulus wohl sagen, wenn er sehen könnte, was in 2000 Jahren aus den ersten Gemeinden geworden ist? Müsste er nicht verzweifeln angesichts der verschiedensten Konfessionen und Kirchen, in die die Gemeinschaft Christi zerfallen ist? Von Gleichgesinntheit an vielen Stellen keine Spur. Stattdessen ringen die Heiligen um jede kleinste Gemeinsamkeit - oder manchmal vielmehr dagegen; denn mithilfe eines Feindbildes ist es ja viel einfacher, sich selbst Profil zu geben.

Sicher ist in den vergangenen Jahrzehnten einiges erreicht worden, was zum Teil längst gängiger Praxis Rechnung trägt. So müssen konfessionsverbindende Paare heute nicht mehr befürchten, keineN PfarrerIn zu finden, der/die sie traut. Stattdessen können PfarrerInnen beider Konfessionen an der Zeremonie beteiligt sein. Unüberwindbare Gräben wie ein unterschiedliches evangelisches bzw. katholisches Eheverständnis gibt es jedoch immer noch, weshalb wir offiziell nicht von ökumenischer Trauung sprechen, sondern von katholischer bzw. evangelischer unter Beteiligung der jeweils anderen Kirche.

Und spätestens bei der Frage nach einer gemeinsamen Abendmahls- oder Eucharistiefeier hört die Liebe unter den ChristInnen offensichtlich auf. Jedenfalls nach offizieller Kirchenlehre. Inoffiziell allerdings werden die Grenzen immer wieder unterwandert und selbiges toleriert: Weil in den Köpfen vieler diese Trennung einfach nicht nachzuvollziehen ist. Da ist die Basis den (uns) TheologInnen oft um ein Vielfaches voraus. Und entspricht sie damit nicht viel eher Paulus Bild von einer christlichen Gemeinschaft, in der man einander herzlich gesinnt ist? Vielleicht hatte Paulus genau solches im Sinn, wenn er der Gemeinde in Rom schreibt, dass sie nicht nach den hohen Dingen trachten soll, sondern sich zu den geringen hinziehen lassen soll (V. 16): dass es nicht darum geht, sich theologisch zu profilieren und Karriere zu machen, sondern darum, einander zu dienen und im Licht der Liebe Gottes auf die jeweiligen Bedürfnisse einzugehen und eine echte Gemeinschaft zu sein.

Paulus Forderungen klingen so logisch, bestechend in ihrer Klarheit und Einfachheit: Bruderliebe (heute würden wir es "geschwisterliche Nächstenliebe" nennen), Ehrerbietung, Gastfreundschaft, Anteilnahme ... und doch stoßen wir dabei immer wieder an Grenzen, und zwar zumeist an die eigenen. Wir ziehen uns in uns selbst zurück, in den schützenden Rahmen unserer kleinen Gemeinde mit ihren eigenen Normen und Regeln. Über den Tellerrand schauen? - Besser nicht! Wie schwierig und anstrengend es sein kann, von sich abzusehen, erleben wir aber nicht erst in der Ökumene, sondern bereits schon innerkonfessionell: Die vielen Gemeinden, in gleicher Weise katholische wie evangelische, die in den vergangenen Jahren fusioniert sind, können davon ein Lied singen!

Und so bleiben Paulus' Forderungen bis heute brandaktuell. Um eine Gemeinschaft im Licht der Liebe Gottes zu sein und zu werden, braucht es immer wieder Mut, oder vielmehr Beherztheit: die Beherztheit, auf andere zuzugehen und einzugehen; die Beherztheit, sich hinterfragen zu lassen; die Beherztheit, Altes loszulassen und neue Wege zu betreten.

Der Ökumenische Kirchentag ist im Mai. Doch Paulus erinnert uns daran, wie wichtig es ist, dass sich möglichst viele Gemeinden und Menschen an den Aktionen beteiligen, wenn wir als eine Gemeinschaft echte ZeugInnen der Liebe Gottes zu den Menschen sein wollen. Gehen wir also in die kommende Woche: mit feuriger Be-Geisterung, mit Gastfreundschaft, mit Ehrerbietung, mit Anteilnahme; damit wir die vielleicht allerwichtigste Erfahrung machen, die wir brauchen, damit unser Leben mehr als ein Überleben ist: die Erfahrung, dass wir nicht alleine sind! Die Erfahrung, dass es eine Gemeinschaft gibt, die uns trägt! Die Erfahrung, die aus dem Kindergottesdienst mir haften geblieben ist: Viele kleine Leute an vielen kleinen Orte, die viele kleine Schritte tun, können das Gesicht der Welt verändern. Amen.

 

Liturgie

Spruch

Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich.
Lukas 18, 27

 

Kyrie

Gott, unsere Gedanken haben wir heute auf das vergangene Jahr gelenkt: Stunden, Tage, Wochen, Monate, die nun hinter uns liegen; Alltagsroutine, besondere Augenblicke, verpasste Chancen, offene Fragen, Abschied, Neuanfang, Erfolge, Misserfolge ...
Was ist aus unseren Vorsätzen geworden? Bei dir, Gott,
können wir alles ablegen - das Gelungene und das Misslungene.
Bei dir hat alles seinen Ort.

Zuspruch

Euer Herz erschrecke nicht! Glaubet an Gott und glaubet an mich!
Joh 14,1

 

Kollektengebet

Gott, das Jahr 2009 liegt nun fast hinter uns, ein Jahr das wir aus deiner Hand nehmen durften. Du hast uns geleitet, hast uns heute Abend zu dir geführt. Nun gibt es fast nichts mehr, was wir diesem Jahr noch hinzufügen könnten; Was war, steht nun fest;
wir können es nicht mehr verändern: Gutes und Schlechtes,
Schönes und Hässliches, Freudiges und Trauriges.
Doch wir dürfen gewiss sein, dass du, Gott, bei all unseren Erfahrungen mit uns warst. Und wir dürfen gewiss sein,
dass du uns auch im nächsten Jahr nicht von uns weichen wirst.
Denn du hast uns versprochen, dass du immer bei uns sein wirst,
ob im Licht oder in der Finsternis. Lass deine Nähe, deine Liebe
in diesem Gottessdienst für uns
lebendig und spürbar werden.

 

Fürbitten

Gott, hilf uns Abschied nehmen vom alten Jahr!
Lass uns in deine Hände hineinlegen alles,
was misslungen ist. Nimm in deiner Liebe bei dir auf
unsere Schuld, unsere Unzulänglichkeiten, unseren Ärger, unsere Lieblosigkeit, unseren Frust, unsere Hartherzigkeit.
Schenke uns deinen Frieden, dass wir nicht mit dem hadern angesichts des Schweren, das war.
Lass uns in deine Hände hineinlegen alles, was gelungen ist.
Nimm in deiner Liebe bei dir auf unsere Freude, unseren Dank,
unser Glück, unsere Erfolge, unsere Hilfsbereitschaft, unsere Warmherzigkeit. Schenke uns deinen Frieden, dass wir nicht wehmütig werden angesichts des Guten, das war.
Gott, öffne uns für das neue Jahr, dass wir mit Zuversicht
in die unbekannte Zukunft blicken; dass wir das hoffen nicht verlernen oder neu erlernen; dass wir darauf vertrauen können,
dass du bei uns bist und deine Liebe niemals endet.

Segen

Der Herr
voller Liebe wie eine Mutter und gut wie ein Vater,
Er segne dich er lasse dein Leben gedeihen, er lasse deine Hoffnung erblühen, er lasse deine Früchte reifen.
Der Herr behüte dich er umarme dich in deiner Angst,
er stelle sich vor dich in deiner Not.
Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir
wie ein zärtlicher Blick erwärmt,
so überwindet er bei dir, was erstarrt ist.
Er sei dir gnädig wenn Schuld dich drückt,
dann lasse er dich aufatmen und mache dich frei.
Der Herr erhebe sein Angesicht über dich
er sehe dein Leid, er tröste und heile dich.
Er gebe dir Frieden das Wohl des Leibes,
das Heil deiner Seele, die Zukunft deinen Kindern. Amen.

Liturgie am 2. Sonntag nach Epiphanias (17.01.2010)

Durch Mose gab Gott uns das Gesetz, in Jesus Christus aber ist uns seine Güte und Treue begegnet. Johannes 1,17

Kyrie

Niemand kann für sich allein leben.
Und doch leben wir oft nicht miteinander,
sondern auf Kosten der anderen,
im Blick vor allem uns selbst
unsere Interessen, unsere Vorteile.
Nimm uns heraus aus diesem Alltag,
lenke unseren Blick in dieser Stunde
weg von uns selbst
hin auf dich
und auf unsere Geschwister um uns herum.

Zuspruch

Ich will euer trauern in Freude verwandeln und euch trösten und erfreuen.
(nach Jeremia 31,13)

Kollektengebet

Gott,
im Licht deiner Liebe
hast du uns geschaffen;
hast uns mit dir versöhnt.
Schenke unserer Gemeinschaft mir dir
Lebendigkeit in unserem Leben.
Sende das Licht deiner Liebe
in unsere Gemeinschaft;
mache uns erkennbar
als deine Gemeinde.

Fürbitten

Gott,
lass uns beherzigen,
was in unserer Gemeinde nötig ist:
Liebe, Ehrerbietung, Anteilnahme, Gastfreundschaft,
damit wir in ihr einen Ort erkennen,
an dem wir uns zuhause fühlen,
an dem wir uns aufeinander verlassen können,
an dem wir in deiner Liebe geborgen sind.

Gott,
lass uns beherzigen,
dass wir einer weltweiten Gemeinschaft angehören.
Schenke uns Beharrlichkeit im Gebet,
Hoffnung und Geduld,
damit wir in deiner Kirche einen Ort erkennen,
an dem Offenheit, Vielseitigkeit
und Solidarität ihren Raum haben.

Gott,
lass uns beherzigen,
dass wir in der Welt, in unserem Alltag Zeuginnen und Zeugen sind
für deine Liebe zu deiner Schöpfung
und allen deinen Geschöpfen.
Lass uns sorgsam umgehen
mit den Ressourcen der Erde,
hilf uns, uns zu versöhnen und Frieden zu suchen,
damit die Welt zu einem Ort wird,
an dem deine Verheißung schon jetzt aufleuchtet.

Erstellt: 19.1.2010
Zuletzt aktualisiert: 31.3.2011 16:56 Uhr
Redakteur: Anders Grüning

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