Predigt "Das Schönste an der Versuchung"

Das Schönste an der Versuchung

Text: Jakobus 1,12-18
12 Selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet; denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen, die Gott verheißen hat denen, die ihn lieb haben.
13 Niemand sage, wenn er versucht wird, dass er von Gott versucht werde. Denn Gott kann nicht versucht werden zum Bösen, und er selbst versucht niemand.
14  Sondern ein jeder, der versucht wird, wird von seinen eigenen Begierden gereizt und gelockt.
15 Danach, wenn die Begierde empfangen hat, gebiert sie die Sünde; die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert den Tod.
16 Irrt euch nicht, meine lieben Brüder.
17 Alle gute Gabe und alle vollkommene Gabe kommt von oben herab, von dem  Vater des Lichts, bei dem keine Veränderung ist noch Wechsel des Lichts und der Finsternis.
18 Er hat uns geboren nach seinem Willen durch das Wort der Wahrheit, damit wir Erstlinge seiner Geschöpfe seien.

Liebe Gemeinde!
Begierde - Sünde - Tod. Was das Böse in der Welt angeht, hat der Jakobusbrief eine einfache Formel zur Hand. Die Gier des Menschen treibt ihn in die Schuld, die Schuld führt in den Tod - und mit dem Tod ist ja bekanntlich alles am Ende. Auch wenn sich das für den einen oder die andere zu einfach anhört, besitzt diese Meinung doch einen erstaunlichen Wahrheitsgehalt. Nirgendwo ist das so offensichtlich wie in der Wirtschafts- und Finanzwelt. Da macht der Handy-Hersteller Nokia mit seinem Bochumer Werk über 130 Millionen Euro Gewinn ... und setzt seine 3.000 Angestellten dennoch auf die Straße. In Rumänien ist die Produktion billiger, heißt es lapidar ... und außerdem spart man 30 Jahre lang die Immobiliensteuer. Dass solches Gebaren nur die offensichtliche Spitze des Eisberges ist, das haben auch die beiden großen Kirchen erkannt und darum mehr Ethik in der Wirtschaft gefordert. "In der deutschen Tradition sind Unternehmen nie nur den Shareholdern, sondern auch den Mitarbeitenden verpflichtet und tragen Verantwortung für das Gemeinwohl.", meint der EKD-Ratsvorsitzender Bischof Huber. Er mag Recht haben, doch die Realität sieht leider anders aus. Der Turbo- oder Superkapitalismus ist in Verbindung mit der Globalisierungswelle zu einem Selbstläufer geworden, dessen Charakteristikum es ist, dass wenig Rücksicht auf menschliche Verluste genommen, dafür aber sehr viel Wert auf finanzielle Gewinne gelegt wird. Dass dabei die Schere zwischen Reich und Arm immer weiter auseinander geht, wird mehr oder weniger bewusst in Kauf genommen. Dass dabei viele Menschen in soziale Not geraten und die Gefahr besteht, dass das Gefühl der ungerechten Verteilung der Güter sich irgendwann einmal unkontrolliert Luft machen könnte, dies wird dagegen gerne übersehen oder beiseite geschoben.
Nun gab es zu Zeiten des Jakobusbriefes weder Handys noch Shareholder. Aber schon damals scheint der Verfasser gewusst zu haben, wo sich die Achillesferse des allzu menschlichen Übels befindet und er scheut sich nicht, sie beim Namen zu nennen: Habgier! Das ist mehr, viel mehr als der Wunsch, etwas besitzen zu wollen. Es ist eine Krankheit, eine Sucht. In der katholischen Kirche gehört die Habsucht deshalb zu den sieben Todsünden. Der Jakobusbrief geht noch einen Schritt weiter. Für ihn ist sie die Ursache der Sünde schlechthin. Denn sie nimmt auf nichts und niemanden Rücksicht - noch nicht einmal auf den Habsüchtigen selbst. Das gilt selbst für jene, die sich noch nicht einmal selbst bereichern, sondern einfach im Geldstrudel gefangen sind.

"Man verliert das Gefühl für die Summen, wenn man diese Arbeit tut. Sie sind dematerialisiert. Man lässt sich ein wenig davontragen." Das sagt zum Beispiel Jérôme Kerviel, der seiner Bank Société Générale mehrere Milliarden Euro Verlust durch risikoreiche Finanzspekulationen eingefahren hat. Der Mensch ist nicht Herr über das Geld, sondern das Geld bestimmt das Denken und Handeln des Menschen. Und das scheint selbst in Organisationen um sich zu greifen, die nicht auf Gewinnmaximierung aus sind, sondern - im Gegenteil - Geld verteilen wollen, nämlich an jene, die es dringend nötig haben. Erstmals hat nach dem Rücktritt von Heide Simonis als Präsidentin von Unicef Deutschland der Geschäftsführer Dietrich Garlichs Fehler bezüglich undurchsichtiger Beraterverträge und Verschwendung von Spendengeldern eingeräumt.

Natürlich ist der Imagesschaden groß, erste Spender ziehen ihr Engagement zurück. Wir brauchen nicht lange danach zu suchen, wer am Ende darunter zu leiden hat: die Kinder, denen das Geld zugute kommen sollte.
Vielleicht pocht der Schreiber des Jakobusbriefes ja auch deshalb so vehement darauf, sich den Versuchungen des Bösen nicht hinzugeben; weil er weiß, wer am Ende die Konsequenzen zu tragen hat: meistens sind es jene, die sowieso schon mit dem Leben und seinen Herausforderungen zu kämpfen haben. Die Folgen erscheinen uns nicht immer so dramatisch, wie es im Brief angekündigt wird: Hier in Deutschland werden die meisten Menschen, die zum Beispiel ihren Job verlieren, durch ein soziales Netz aufgefangen, niemand muss deshalb um sein Leben fürchten. Aber es gibt ja auch noch andere Arten zu sterben, als seinen letzten Atem auszuhauchen.

Da ist der soziale Tod, das Abgeschnittensein von kulturellen und gesellschaftlichen Ereignissen, weil man es sich einfach finanziell nicht mehr leisten kann oder weil man sich seiner Situation schämt und sich deshalb zurückzieht. Schon das Alte Testament wusste, dass der Tod nicht nur etwas mit dem Jenseits zu tun hat, sondern durchaus auch im Diesseits seine Schatten wirft. Doch dem Tod, so der Jakobusbrief, sind wir nicht schutzlos ausgeliefert. Es gibt jemanden, der die Dunkelheiten unseres Lebens hell machen kann und will. "Vater des Lichts" nennt er ihn und darin drückt sich genau das Gegenteil zu dem aus, was er über Begierde, Sünde und Tod geschrieben hat. Wer sich auf Gott einlässt, der bekommt es mit dem Leben zu tun und mit hingebungsvoller Liebe.

Darum ermutigt der Apostel Jakobus, gerade in den vielfältigen Versuchungen, sich an Gott festzumachen, dem zuverlässigen Geber aller guten Gaben.
Also, wenn mir und dir die Versuchung einflüstert: „Du kannst dich nicht auf Gott verlassen!“, dann gilt es erst recht – so der Apostel -  sich auf Gott zu verlassen, sich an Jesus Christus zu orientieren.
Wer das tut, den nennt der Apostel selig: „Selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet; denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen…“

In der Werbesprache - mal salopp ausgedrückt – heißt das: „Das Schönste an der Versuchung ist, ihr nach zugeben“.  Wäre es nicht viel lohnender, der Stimme Gottes zu folgen und auf sein Wort hin es zu versuchen.
Denn jetzt, in der Passionszeit, sind wir eingeladen dieser über alle Grenzen reichenden Liebe nachzusinnen, ja nachzufolgen, die sich paradoxerweise im Leiden und Sterben Jesu am deutlichsten gezeigt hat. Weil Jesus wusste, dass Gott an seinen Geschöpfen festhalten wollte, ist er seiner Botschaft, seinem "Wort der Wahrheit" bis zum Kreuz treu geblieben. Und das bedeutet damals wie heute, sich dem politischen und gesellschaftlichen Mainstream entgegenzustellen und nichts wichtiger zu nehmen als den Menschen, alles, selbst die Gebote Gottes, an ihm auszurichten.

Hier ist kein Unbedingt – alles – haben - wollen, sondern ein Unbedingt - alles – geben - wollen, keine absolute Habgier, sondern eine bedingungslose Hingabe, keine Sünde, sondern Vergebung, kein Tod, sondern das wahre und ewige Leben! Wer sich auf diesen Gott einlässt, wer ihn, wie es im Jakobusbrief heißt, liebt hat, wird das zu spüren bekommen ... und nicht darum herumkommen, es mit dem Rest der Welt zu teilen. Amen.

Erstellt: 17.2.2008
Zuletzt aktualisiert: 11.4.2010 17:41 Uhr
Redakteur: Simone Schreiner