Predigt - Dass dein Glaube nicht aufhöre!
Text:
Ich aber habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre.
Lukas 22,32
Liebe Gemeinde!
Es ist ein schöner Brauch der Herrenhuther Gemeine, das Jahr unter eine Losung zu stellen. Im Gegensatz zu den vielen guten Vorsätzen, die Menschen in der vergangenen Nacht gefasst und kundgetan haben, ist solch eine Losung wie ein guter Freund. Sie ist kein guter Vorsatz, der eine besondere Kraftanstrengung verlangt, um weniger zu rauchen, bewusster zu essen, weniger zu trinken, mehr Sport zu treiben. Sie setzt keine Hürden, deren Latten dann im Jahreslauf gerissen werden, und Enttäuschung, Ernüchterung zurück lässt. Die Losung ist da. Sie drängt sich nicht auf. Doch wer sie aufgreift, wer sich mit ihr auseinandersetzt, entdeckt eine Wahrheit, die über den Tag hinaus weist. So jedenfalls geht es mir Jahr für Jahr. Für das Neue Jahr 2005 ist es ein Wort Jesu, das dem Jünger Petrus zugesprochen wird:
Ich aber habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre.
Es geht also im diesem Jahr um den Glauben. Nicht abstrakt, im Gegenteil, es geht um den je eigenen, ganz persönlichen Glauben.
Weithin gilt dieser Glaube heute als eine Sache "des stillen Kämmerleins". Dennoch gibt es dann und wann Einblicke, die nachdenklich machen. Wer einmal auf der Bergkapelle in Windesheim das dort ausliegende Gästebuch zur Hand nimmt, ist plötzlich mitten drin im Abenteuer Leben, wird Zeuge höchst persönlicher Gespräche zwischen Mensch und Gott.
Da sprechen Zuversicht und Dank, Bewahrung und Genesung sich aus, da ist Zweifel, Enttäuschung und Verbitterung zu spüren. "Riesige Kirchen", so heißt es z.B.,
"nennst du dein Eigentum, aber leider erfüllst du nicht die kleinste Bitte."
Eigentlich sollte solch ein Gästebuch Gebetsbuch heißen; denn was da zu lesen ist, sind Gespräche mit Gott, die zeigen, wie tief verwurzelt die Sehnsucht ist, dass der Glaube trotz seiner Gefährdungen nicht aufhöre.
Ich aber habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre.
Jesus weiß darum, dass Glaube nicht etwas ist, was wie ein Besitz in unseren Händen ist, ein Besitz, den man gut verwahren kann, den man hinstellen, hinlegen kann, um ihn dann immer wieder anzuschauen oder den man schützen kann, damit er nicht verloren geht. Glaube, so macht Jesus deutlich, ist etwas, das unsicher werden kann, ja das auch aufhören kann. Bevor ich dies näher ausführen möchte, möchte ich die Situation erzählen, in der Jesus diesen Satz gesagt hat.
Es war nach der Feier des letzten Abendmahles mit seinen Jüngern, kurz bevor er in den Garten Gethsemane gegangen ist, wo er dann gefangen genommen worden ist. Eine kurze Passage des Gespräches mit seinen Jüngern wird hier erzählt.
Hören wir die Worte aus Lukas 22:
Es erhob sich auch ein Streit unter ihnen, wer von ihnen als der Größte gelten solle.
Er aber sprach zu ihnen: Die Könige herrschen über ihre Völker, und ihre Machthaber lassen sich Wohltäter nennen. Ihr aber nicht so! Sondern der Größte unter euch soll sein wie der Jüngste, und der Vornehmste wie ein Diener. Denn wer ist größer: der zu Tisch sitzt oder der dient? Ist's nicht der, der zu Tisch sitzt? Ich aber bin unter euch wie ein Diener. Ihr aber seid's, die ihr ausgeharrt habt bei mir in meinen Anfechtungen. Und ich will euch das Reich zueignen, wie mir's mein Vater zugeeignet hat, dass ihr essen und trinken sollt an meinem Tisch in meinem Reich und sitzen auf Thronen und richten die zwölf Stämme Israels.
Simon, Simon, siehe, der Satan hat begehrt, euch zu sieben wie den Weizen. Ich aber habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre. Und wenn du dereinst dich bekehrst, so stärke deine Brüder. Er aber sprach zu ihm: Herr, ich bin bereit, mit dir ins Gefängnis und in den Tod zu gehen. Er aber sprach: Petrus, ich sage dir: Der Hahn wird heute nicht krähen, ehe du dreimal geleugnet hast, dass du mich kennst.
In diesen wenigen Sätzen wird viel von dem erzählt, was Glaube an Jesus Christus ausmacht und wo der Glaube auch seine Anfechtungsseiten hat, wo er problematisch wird für uns Menschen, wo unsere Grenzen zu sehen sind.
Glaube ist das Vertrauen zu Jesus Christus, das Vertrauen, das das, was sein Leben ausmacht, was es uns gezeigt hat, zu einem richtigen und guten Leben vor Gott führt. Es ist das Vertrauen, dass dieser Jesus der Herr ist, also der, der über mein Leben zu sagen hat. Aber dies will natürlich auch im Alltag gelebt sein. Und da fangen dann die Probleme schon an. Für die Jünger ging es hier um die Frage von Macht.
Und da weist Jesus sie darauf hin, dass es im Glauben an ihn nicht um Macht geht, sondern um die Nachfolge Jesu und damit um die Nachfolge im dienen. Der Größte soll sein wie der Jüngste, der Vornehmste wie ein Diener. Ja, so soll es sein. Macht hat nichts mit persönlicher Macht zu tun, sondern damit, dass Menschen, die eine bestimmte Position haben, diese im Dienst für den anderen einsetzen sollen. Wobei wir bei Macht immer an die oberen denken. Aber es geht auch viel kleiner. Eltern haben Macht, um den Kindern zu dienen, um ihnen den Weg ins Leben zu ermöglichen.
Erzieherinnen und Lehrerinnen haben Macht, um der persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten zu dienen. Im Beruf haben wir eine Position, um den Menschen mit dem, was wir arbeiten und produzieren, dem Menschen hilfreich zu sein. Und so können wir das fortsetzen über die Probleme der Wirtschaft, in denen es ja auch um Macht geht, und die Verantwortung für Arbeitnehmer und ihre Familien, bis in den Bereich der Politiker und Machthaber, die leider immer wieder zeigen, dass die Versuchung der Ausnutzung dieser Macht unendlich groß ist und der Dienst für die Menschen manchmal in Vergessenheit gerät.
Aber Jesus macht deutlich: Glaube an ihn heißt, den Lebensraum des anderen zu fördern, nicht seine eigene Position zu stärken, um diese dann auszunutzen. Im Kleinen wie im Großen geht es in der Umsetzung des christlichen Glaubens darum, dem Nächsten zu dienen, ihm förderlich zu sein, sein Leben zu stärken. Dafür ist Jesus gekommen, dafür hat er gelebt, dafür hat er auch den Leidensweg auf sich genommen, ja für diese Liebe zu den Menschen ist er auch gestorben. Und Gott hat diesen Weg als den Weg des Lebens besiegelt, indem er Jesu auferweckt hat und so sein Handeln als den Willen Gottes bestärkt hat.
Ihr aber seid's, die ihr ausgeharrt habt in den meinen Anfechtungen. Dies ist ein weiterer Bereich des Glaubens, der wichtig ist. Dieser Dienst für die Menschen, aber auch das schlichte Vertrauen zur Liebe Gottes gerät auch in Anfechtungen. Manchmal gibt es Lebenserfahrungen, die uns an dieser Liebe zweifeln lassen, die es schwer machen daran festzuhalten. Die Flutkatastrophe ist ganz gewiss ein Beispiel dafür und wird auch für viele eine große Anfechtung sein. Die Schöpfung wird als gut beschrieben und dann solch ein todbringendes Ereignis.
Und es kommt auch immer wieder vor, dass unser Glaube angegriffen wird, von Menschen, die ihn nicht verstehen, nicht verstehen wollen oder gar verspotten. So wie Jesus auch in seinem Dienst an den Menschen oft angegriffen wurde, und das Unverständnis der Menschen ertragen musste, bis hin zu seinem Ende.
Und Simon Petrus hatte das besonders erfahren: Vollmundig sagt er zu Jesus noch, dass er nie von seiner Seite weichen wird, auch wenn Gefängnis oder Tod drohen und wenig später verleugnet er Jesus, so wie der es ihm angekündigt hat. Wie stehen wir zu unserem Glauben, wie machen wir ihn öffentlich? Wo verleugnen wir mit Worten oder Taten den Glauben an Jesus, die Nachfolge in seinem Sinne?
Ich denke, davon ist niemand frei, jeder und jede wird in die Situation kommen, wo der Glaube, den man eigentlich in sich trägt, brüchig wird, verletzt wird, ja gar aufzuhören droht.
Dem Verleugner seiner Person aber sagt Jesus: Ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre.
Das ist für mich eine der schönsten Gesten Jesu. Der Verleugner wird nicht einfach fallen gelassen als Abtrünniger, sondern Jesus betet für ihn. Er nimmt ihn hinein in seine innersten Gedanken, nimmt sich seiner an und trägt ihn vor Gott, erbittet von Gott Gutes. Und das hat zwei Seiten, die diese Jahreslosung für mich dann auch so interessant macht:
Die eine Seite ist die, dass ich sie mir persönlich sagen lassen darf als ein Wort, das mich in meinen Anfechtungen, in meinem eigenen Unglauben, in meinen ganz eigenen Verleugnungen, in meinem unchristlichen Leben anspricht und mir sagt: du bist einen falschen Weg gegangen, doch Christus betet für dich: er will, dass du den Weg zu Gott zurückfindest. Das ist ermutigend, das Christus mich selber hier in seinem Herzen vor Gott bringt, dass ich ihm wichtig bin mit samt dem, was im Glauben für diese Welt wichtig ist. Das soll weitergeführt werden, deshalb betet er für mich, tritt für mich ein und lässt mich und meinen brüchigen Glauben nicht links liegen. Er will mich stärken, will meinen Glauben erneuern - durch sein Wort, durch sein Handeln, durch sein Gebet.
Und das zweite, was mir wichtig ist, das ich hier ermutigt werde, es im Vertrauen auf ihn, ihm gleich zu tun. Nicht Menschen abschreiben, sondern sie vor Gott bringen, sie wichtig nehmen vor und für Gott und für sie beten. Ich denke, dass wir dies im Alltag unseres Lebens viel zu wenig tun: beten für andere. Wir schreiben schnell ab, verurteilen, ziehen uns auf unsere Position des Rechtes zurück.
Aber was sagte Jesus doch: Diener sollen wir sein, uns klein machen, nicht herabschauen, sondern den Gefallenen aufrichten. Und das können wir aus Glauben heraus, aus dem Vertrauen heraus, dass wir darin nicht unsere Stärke verlieren, sondern sie darin erst gewinnen. Dem anderen dienen durch die Tat und das Gebet, dazu ermutigt uns Jesu und dazu ruft er uns auch auf.
Lassen wir uns also durch die Jahreslosung dazu ermutigen, uns als solche zu sehen, für die gebetet wird, die also vor Gott wichtig und wertvoll sind, und dazu, andere vor Gott zu bringen und sie im Gebet wichtig und ernst zu nehmen. Tun wir das auch für die Opfer, die so hilflos vor den Trümmern des Lebens stehen. Mögen wir in diesem Sinne dann ein von Christus begleitetes Leben im Jahr 2005 führen. Amen
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