Predigt "Demaskierung"
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen
Liebe Gemeinde, ich lese uns zunächst den Predigttext aus dem 2. Brief des Paulus an die Korinther, Kapitel 5, die Verse 1 – 10
Paulus schreibt:
1 Wir wissen ja: Wenn das irdische Zelt, in dem wir jetzt leben, nämlich unser Körper, abgebrochen wird, hat Gott eine andere Behausung für uns bereit: ein Haus im Himmel, das nicht von Menschen gebaut ist und das in Ewigkeit bestehen bleibt.
2 Weil wir das wissen, stöhnen wir und sehnen uns danach, mit dieser himmlischen Behausung umkleidet zu werden.
3 Sonst würden wir ja nackt dastehen, wenn wir den irdischen Körper ablegen müssen.
4 Ja, wir sind bedrückt und stöhnen, solange wir noch in diesem Körper leben, denn wir wollen ja nicht von unserem sterblichen Körper befreit werden, um dann nackt dazustehen; wir wollen in den unvergänglichen Körper hineinschlüpfen. Was an uns vergänglich ist, soll vom Leben verschlungen werden.
5 Wir werden auch an dieses Ziel gelangen, denn Gott selbst hat in uns die Voraussetzung dafür geschaffen: Er hat uns ja schon als Anzahlung auf das ewige Leben seinen Geist gegeben.
6 Deshalb bin ich in jeder Lage zuversichtlich. Ich weiß zwar: Solange ich in diesem Körper lebe, bin ich vom Herrn getrennt.
7 Wir leben ja noch in der Zeit des Glaubens, noch nicht in der Zeit des Schauens.
8 Ich bin aber voller Zuversicht und würde am liebsten sogleich von meinem Körper getrennt und beim Herrn zu Hause sein.
9 Weil ich mich danach sehne, setze ich aber auch alles daran, zu tun, was ihm gefällt, ob ich nun in diesem Körper lebe oder zu Hause bin beim Herrn.
10 Denn wir alle müssen vor Christus erscheinen, wenn er Gericht hält. Dann wird jeder Mensch bekommen, was er verdient, je nachdem, ob er in seinem irdischen Leben Gutes getan hat oder Schlechtes.
Gute Nachricht 1997
Liebe Gemeinde, wenn ich solche Texte lese oder höre, dann kann ich mich schon ein Stück weit geborgen fühlen. Denn die Sehnsucht von Paulus nach einer himmlischen Heimat ist so real, dass am Ende alles, ja alles gut sein wird.
Wenn ein lieber Mensch stirbt oder wenn ich an meinen eigenen Tod denke, so ist das nicht nur traurig, nein, sondern auch schmerzlich und Grund zum Klagen. Sterben ist dann auch ein Hinübergehen, der letzte Schritt nach Hause, so zu sagen der letzte Meter vor dem Ziel nach einer langen Wanderung.
Manchmal jedoch überwiegen bei mir auch Fragen, Zweifel, und Skepsis. Will mich Paulus nur vertrösten? Nimmt er mein einziges Leben auf dieser Erde und meinen Schmerz angesichts des Abschieds wirklich ernst? Und verbergen wir nicht unser eigentliches Wesen hinter unsichtbaren Masken? Wird dies nicht gerade in der heutigen Zeit von uns verlangt? Eine Verkäuferin oder ein Verkäufer müssen freundlich und gewinnbringend ihre Ware anbieten und verkaufen. Und ein Clown muss seine Späße machen, das gehört zu seinem Beruf. Wer von uns fragt schon, wie es denen zumute ist. Die Maske ist so zusagen die Berufkleidung, ohne die geht gar nichts.
Unser Leben, liebe Gemeinde, gleicht einer großen Maskerade. Was unsere geheimsten Gedanken betrifft und vor allem unser schlechtes Gewissen, so halten wir uns alle mehr oder weniger an den Leitsatz, wie es da drinnen aussieht, das geht niemanden etwas an. Ja, wir haben etwas zu verbergen und darum setzen wir ganz gern eine Maske auf und versuchen, unserer Nächsten und unserem Nächsten Theater vorzuspielen. Denn es ist ja peinlich, wenn wir uns bloß stellen.
Wir können aber nicht nur anderen, sondern auch uns selbst etwas vormachen. Obwohl wir wissen, dass es in uns bei weitem nicht so glänzend aussieht, wie unsere aufpolierte Fassade vermuten lässt, reden wir uns ein, dass wir uns im Grunde gar nicht viel vorzuwerfen haben. Entschuldigungen und Ausreden lassen sich immer finden. Und wenn wir Selbstkritik üben, legen wir einen milden Maßstab an. Es heißt zwar, Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung, doch allem Anschein nach handelt es sich dabei um einen weiten und steilen Weg.
Und dann sind da auch noch die frommen Masken. Es gibt Christen, die sie jedes Mal feierlich aufsetzen, wenn sie sonntags in die Kirche gehen. Aber auch die religiöse Tarnkappe ist, so denke ich, ein Selbstbetrug. Spätestens in der Stunde unseres Todes müssen wir unser Versteckspiel vor Gott, unseren Mitmenschen und uns selbst gegenüber unweigerlich und endgültig aufgeben.
Ja, liebe Gemeinde, unser Leben gleicht einer großen Maskerade, ohne diese geht gar nichts. Wahrscheinlich gibt es so viele Masken, wie es Menschen auf dieser Erde gibt und ein jeder und eine jede von uns hat eine. Und es ist gut, dass wir nicht hinter die Maske oder gar ins Herz unserer Nächsten schauen können, denn dann wäre das gegenseitige Verurteilen noch schlimmer, als es jetzt schon der Fall ist.
Wenn wir uns das klar machen, dann erschrickt man sich wohl über sich selbst. Was tun wir Christen gegen den wachsenden Hunger, fehlendes Trinkwasser, sich ausbreitende Krankheiten wie Aids, fehlende oder mangelhafte Bildung, Unterdrückung der Frauen oder Verstümmelung dieser und oft damit verbunden, den Tod junger Mädchen? Ist dem allen durch militärischen Antiterrorkampf beizukommen?
Und Jesus Christus? Liebe Gemeinde, Jesus Christus wusste, was im Menschen war und ist, ja, er durchschaut alle Masken und sagt uns dann: „Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, dass er die Welt richte, sondern dass sie durch ihn gerettet werde.“ Jesus Christus ist der einzige, der keine Maske trug, er ist der einzige Nichtmaskierte unter all den Masken. Wo er hinkam, riss er den Menschen die Masken ab und half ihnen. Ja, sie sollten Menschen werden wie er, offen und durchscheinend in ihrem ganzen Wesen.
Diese Sehnsucht nach Gottes Nähe finde ich auch in mir, in Krisensituationen, in denen ich selbst zu versinken drohe und keinen Ausweg sehe. Diese Sehnsucht nach einem endgültigen Frieden, nach Gerechtigkeit, dass alle Tränen endlich abgewischt werden, wächst in mir angesichts der Bilder von Krieg, Gewalt und Hunger in unserer Welt. Und wie wird das sein, wenn wir endgültig der Wahrheit unseres Lebens begegnen? Ist das die letzte große Blamage, die tiefste Beschämung? Wer wird dann eigentlich vor dem unbestechlichen Blick desjenigen bestehen, der selbst zum Opfer wurde am Kreuz? Und wer von uns wüsste denn nicht ganz tief in seinem Herzen, wie es letztlich um ihn bestellt ist?
Liebe Gemeinde, überall dort, wo Jesu Christi Wort noch erklingt, da geschieht heute immer noch das gleiche, dass wir unsere Masken nicht fallen lassen. Doch am jüngsten Tag fallen sie alle, aber dann ist es zu spät.
Die große Demaskierung vor dem Richterstuhl Christi erlebt eine jede und jeder von uns mit, ob wir es glauben oder nicht. Wohl denen, die schon hier und heute Jesus Christus eine Maske nach der anderen übergeben haben und auf diese Weise zur Wahrheit gekommen sind. Sie alle werden bedeckt mit der Herrlichkeit, die Jesus Christus verheißen hat. Diese Herrlichkeit, liebe Gemeinde, ist keine Maske, sie ist echt.Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus Amen