Predigt "Der dritte Weg"
Text: 1.Korinther 1,18-25
1. Kor 1,18-25
18 Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist's eine Gotteskraft.
19 Denn es steht geschrieben (Jesaja 29,14): »Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.«
20 Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht?
21 Denn weil die Welt, umgeben von der Weisheit Gottes, Gott durch ihre Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die daran glauben.
22 Denn die Juden fordern Zeichen, und die Griechen fragen nach Weisheit,
23 wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit;
24 denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit.
25 Denn die Torheit Gottes ist weiser, als die Menschen sind, und die Schwachheit Gottes ist stärker, als die Menschen sind.
Liebe Gemeinde!
Wir Menschen sind schon ein seltsames Völkchen. Immer rege, immer neugierig, stets unserem Forscherdrang folgend und ständig der Lösung von Rätseln auf der Spur. Nicht selten finden wir dabei Antworten auf Fragen, die sich im Grunde genommen niemand stellt. So haben findige Mathematiker nun endlich den Beweis für "Hardys Vermutung" erbracht, dass es arithmetische Primzahlenfolgen beliebiger Länge gibt und außerdem zu jeder vorgegebenen Länge unendlich viele Folgen. Aha! Ob dies jemals einen praktischen Nutzen haben wird, bleibt abzuwarten. Viel Gutes hat uns der Wissensdurst beschert, aber auch ebensoviel Schlechtes und manch Überflüssiges.
Nun ist die Mathematik von der Religion nicht so weit entfernt wie man dies im Allgemeinen glaubt. Es gibt immerhin auch den Versuch, Gott mathematisch zu beweisen. Und zu Zeiten des Sokrates und Pythagoras vereinten die Weisen der Antike oftmals Naturwissenschaft, Philosophie und Religion in ihrer Person. Man sah in den einzelnen Disziplinen keine Gegensätze, sondern sich ergänzende unterschiedliche Blickwinkel auf das Mysterium des Lebens. Dass die eine die andere in irgendeiner Weise in Frage stellen könnte, war undenkbar. Ich finde diese Sichtweise irgendwie sympathisch und hier und da beginnt man sowohl in der Theologie als auch in der Naturwissenschaft, sich dieser Tradition wieder anzunähern.
Aber vielleicht ist das auch der Grund, warum es seit frühmittelalterlicher Zeit auch im Christentum immer wieder Bestrebungen gab, die Existenz oder die Natur Gottes in akribischer Denkarbeit zu beweisen. Ob Thomas von Aquin, der seinen kausalen Gottesbeweis auf Aristoteles aufbaute (Gott als erste unverursachte Ursache) oder Anselm von Canterbury mit seinem ontologischen Gottesbeweis (Gott als letzten Grund allen Seins), ob teleologisch oder kosmologisch, der Wunsch des Menschen, Gott in den Griff zu bekommen, ihn nachdenken zu können scheint sehr tief zu sitzen - und er offenbart, wie einsam sich der Mensch ohne diesen Gott fühlen muss.
Dieses Gefühl der Einsamkeit mag auch der Grund dafür sein, dass es auch heutzutage viele Menschen gibt, die Gott in einer konkreten Gestalt oder an einem bestimmten Ort zu finden hoffen. Sie suchen keine logische Beweisführung, sondern möchten Gott erleben, ihn handeln sehen, seine Anwesenheit spüren. Manch einer flüchtet sich in die Esoterik, andere pilgern von Ort zu Ort, wieder andere folgen zwielichtigen Gestalten, die ihnen das Seelenheil versprechen. Am Ende bleibt meist Ernüchterung übrig, in schlimmeren Fällen Enttäuschung und das Gefühl, um viel Geld und das eigene Leben betrogen worden zu sein.
"Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt?" Die einen fordern "Zeichen", die anderen fragen nach "Weisheit". Paulus steht all diesen Versuchen, Gott begreifbar zu machen, sehr kritisch gegenüber. Weder die Suche der "Griechen" nach philosophischer Erkenntnis noch die Forderung der "Juden" nach sichtbaren Zeichen können die Wahrheit eines Gottes, der seine Liebe am Kreuz offenbart, erfassen. Beide Vorgehensweisen führen nur zu Unverständnis. Denn kein philosophischer und kein wirkmächtiger Gott stirbt am Kreuz. Genau das ist es aber, was die Christen zu "predigen" haben.
So eröffnet Paulus einen anderen, einen dritten Weg der Erkenntnis, der weder logisches Denkvermögen noch Wunder voraussetzt. Mit der Predigt soll Gott zu Wort kommen und Gehör finden. Dieses Wort hat in Jesus Christus Gestalt angenommen, hat Gottes Gebote konkret umgesetzt, hat Zeichen gesetzt, die bis heute sichtbar sind und es hat den Menschen das Leben gelehrt. Dieses Wort muss nicht neu erfunden und auch nicht bewiesen werden. Dieses Wort muss vielmehr gefunden und immer wieder in unseren eigenen Worten gesagt werden.
Im Grunde genommen sind alle zur Predigt Berufene nichts anderes als Geschichtenerzähler, die die Geschichte Gottes immer wieder neu nacherzählen. Dass sich dann die "Torheit" Gottes als weiser und seine "Schwachheit" sich als stärker erweist, "als die Menschen sind", darauf können wir uns verlassen. Denn wie der Bauer voll Vertrauen sein Saatgut auf den Acker wirft, so ist es auch mit dem Wort vom Kreuz. Wenn Gottes Wort auf fruchtbaren Boden fällt, wird es sich und seine Kraft entfalten, ohne Zutun des Menschen.
So "predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit". Dietrich Bonhoeffer, der als Christ Widerstand gegen die gottlose Gewaltpolitik Hitlers Widerstand geleistet hat und deshalb hingerichtet wurde, schrieb im Gefängnis das Gedicht: "Christen und Heiden". Darin beschreibt er sehr treffend, welche Kraft im Kreuz Jesu steckt:
Menschen gehen zu Gott in ihrer Not,
flehen um Hilfe, bitten um Glück und Brot,
um Errettung aus Krankheit, Schuld und Tod.
So tun sie alle, alle, Christen und Heiden.
Menschen gehen zu Gott in Seiner Not,
finden ihn arm, geschmäht, ohne Obdach und Brot,
sehn ihn verschlungen von Sünde, Schwachheit und Tod.
Christen stehen bei Gott in Seinem Leiden.
Gott geht zu allen Menschen in ihrer Not,
sättigt den Leib und die Seele mit Seinem Brot,
stirbt für Christen und Heiden den Kreuzestod,
und vergibt ihnen beiden.
"Gott geht zu allen Menschen in ihrer Not": das ist gemeint, wenn Christus gepredigt wird. Aus diesem Glauben heraus entwickelt sich eine Kultur der Versöhnung, in der die Kraft und die Weisheit Gottes in unserer Welt wirken will und wirkt. "Kultur der Versöhnung" geschieht immer dort, wo in der Politik nicht nur Macht und Reichtum gesucht wird, sondern der Stadt Bestes, wie schon der Prophet Jeremia vor bald zweieinhalbtausend Jahren geschrieben hat (Jeremia 29, 7). Bei seinem Abschied vom Amt des Bundespräsidenten hat Johannes Rau als bekennender Christ gesagt, nicht zu spalten, sondern zu versöhnen habe er als seine Aufgabe angesehen. Eine Kultur der Versöhnung zu gestalten, das müsste für Christen auch das Grundprinzip unseres Umgangs mit den vordergründigen Nöten unserer Zeit sein.
Ich denke an den Wiederaufbau der Frauenkirche in Dresden. Das neue Kreuz auf der Turmspitze ist zu einem Zeichen des Friedens und der Versöhnung geworden. Es verdeutlicht, dass so etwas wie Versöhnung möglich ist, indem Menschen aus Großbritannien, einem Land, mit dem Deutschland Krieg geführt hat, dieses Kreuz finanziert haben. Ja, der englische Goldschmied hat es aus ganz persönlicher Motivation getan, weil sein Vater zu den Bobenfliegern auf Dresden im Februar 1945 gehörte. Seine Arbeit versteht er als ein Geschenk zur Versöhnung im Geiste Jesu. Dafür ist Jesus gestorben, dass wir bei Gott Vergebung erfahren. Und deshalb können wir sie auch leben.
Liebe Gemeinde, "Gott handelt gegen alle Vernunft - und ist doch weiser als alle Menschen. Gott zeigt sich schwach - und ist doch stärker als alle Menschen." Gott handelt wider alle Vernunft, weil er eben völlig schwach und hilflos wird, so wie wir es auch manchmal sind. Er stellt seine Liebe zu uns über alle Macht, über alle Dinge, die in dieser Welt etwas gelten und macht uns damit deutlich, was wirklich Bestand hat in unserem Leben. Diese Worte aus dem Paulusbrief können wir nicht beweisen, aber wir können sie erfahren. Wir können sie erfahren, wo unser Leben in Gefahr gerät, wo unser Leben aus den Angeln gerät und wir merken, wir sind schwach und brauchen Hilfe. Da ist Gott da, da ist er uns nahe. Und immer wieder haben Menschen gerade in diesen Situationen ihres Lebens erfahren, dass sie stark wurden und völlig neue Perspektiven entwickeln konnten, weil sie wissen:
"Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig."
(2.Kor.12,9)
Amen.