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Predigt - Der ganze Schlammassel

Predigt am Sonntag Invokavit, den 13.Februar, in Guldental
und am Sonntag Remiscere , den 20. Februar 2005, in Windesheim

Text. Genesis 3,1-24
1 Aber die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der HERR gemacht hatte, und sprach zu dem Weibe: Ja, sollte Gott gesagt haben: ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten?
2 Da sprach das Weib zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten;
3 aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet!
4 Da sprach die Schlange zum Weibe: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben,
5 sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esset, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.
6 Und das Weib sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon, und er aß.
7 Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan, und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.
8 Und sie hörten Gott den HERRN, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seinem Weibe vor dem Angesicht Gottes des HERRN unter den Bäumen im Garten.
9 Und Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du?
10 Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich.
11 Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du nicht gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen?
12 Da sprach Adam: Das Weib, das du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum, und ich aß.
13 Da sprach Gott der HERR zum Weibe: Warum hast du das getan? Das Weib sprach: Die Schlange betrog mich, so dass ich aß.
14 Da sprach Gott der HERR zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht, verstoßen aus allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Erde fressen dein Leben lang.
15 Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe und zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen; der soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.
16 Und zum Weibe sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Manne sein, aber er soll dein Herr sein.
17 Und zum Manne sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deines Weibes und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen -, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang.
18 Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen.
19 Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.
20 Und Adam nannte sein Weib Eva; denn sie wurde die Mutter aller, die da leben.
21 Und Gott der HERR machte Adam und seinem Weibe Röcke von Fellen und zog sie ihnen an.
22 Und Gott der HERR sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist. Nun aber, dass er nur nicht ausstrecke seine Hand und breche auch von dem Baum des Lebens und esse und lebe ewiglich!
23 Da wies ihn Gott der HERR aus dem Garten Eden, dass er die Erde bebaute, von der er genommen war.
24 Und er trieb den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens.

Liebe Gemeinde!

Warum stehen denn auch diese beiden blöden Bäume da herum. Wenn Gott die da nicht eingepflanzt hätte, wäre den beiden der ganze Schlamassel erspart geblieben. Das hat vor einiger Zeit einmal eine Konfirmandin spontan in die Runde geworfen, als im Unterricht das Thema Schöpfung dran war und wir dieses Kapitel gelesen haben. Eine berechtigte Frage, finden Sie nicht auch? Das hat schon was: mit Menschen, die mit kirchlichen Traditionen nicht viel am Hut haben, solche alten und bekannten Geschichten der Bibel neu zu entdecken. Da kommt man als PfarrerIn manchmal ganz schön ins Schwitzen. Nicht nur, weil Fragen gestellt werden, die eingefleischten Kirchgängern so erst gar nicht in den Sinn kämen.

Sondern auch, weil die Unbefangenheit, mit der an solche traditionsbeladenen Geschichten herangegangen wird, überlieferte und vielleicht lieb gewonnene Vorstellungen in Frage stellt.
Gerade auch dann, wenn es um eine so wichtige und bekannte Erzählung geht, wie den heutigen Predigttext! Was wurde über diesen Bestseller nicht schon alles gedacht, geschrieben, geredet und philosophiert.

Anselm von Canterbury sah in dieser Erzählung den Beleg, dass das Weib der Tod der Seele sei. Martin Luther fand, dass die Frau zu Recht eine untergeordnete Stellung in der Welt einnehme - schließlich sei die Urmutter Eva für den Sündenfall verantwortlich. Der Reformator, sonst sich gern an Paulus orientierend, hat ihn hier jedenfalls vergessen. Paulus nimmt ebenfalls diese Erzählung auf, als Negativfolie für Adam, den Menschen schlechthin. Denn wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die Vielen zu Sündern geworden sind, so werden auch durch den Gehorsam des Einen die Vielen zu Gerechten. (Römer 5,19) So wehrt Paulus dem bis heute beliebten Gedanken ab: Frauen sind an allem schuld.

Den Titel "Der Sündenfall" über diese Erzählung hat Luther gesetzt. Dabei wird in der Erzählung nicht einmal das Wort Sünde oder Fall erwähnt. Erst im darauf folgenden Kapitel, wo es um den Brudermord des Kain an Abel geht, kommt das Wort Sünde vor. Warum steht hier also etwas vom Sündenfall?

Die Geschichte von der Vertreibung Evas und Adams aus dem Garten Eden will also nicht erzählen, wann und wie die Sünde einmal in die Welt gekommen ist. Denen, die diese Worte über Jahrhunderte hinweg erzählt und schließlich aufgeschrieben haben, geht es um etwas ganz anderes. Sie wollen erzählen vom Menschen, wie er nun einmal ist und von Gott, wie er für den Menschen immer da sein wird. Nicht ein so und so ist es geschehen steht hier im Vordergrund im Sinne es historischen Berichtes über ein einmaligen Vorfall, sondern als Spiegel menschlichen Grundverhaltens: so und so geschieht esimmer wieder.

Der Mensch: er ist halt neugierig. Auch wenn man ihn das eine oder andere Mal erst drauf stoßen muss: überall steckt er seine Nase rein, auch da, wo es gegen den Willen anderer geschieht. Der Reiz, Unbekanntes zu erforschen, scheint doch dermaßen groß zu sein, dass er immer wieder Grenzen überschreitetselbst dann, wenn es gegen besseres Wissen geschieht. Das hat uns manchen Fortschritt beschertund auch schon etlichen Ärger eingebracht. Das ist heute nicht anders als vor 3.000 Jahren. Der Mensch ist verantwortlich für das, was er fabriziert und es wird ihm durchaus zugemutet und zugetraut, das Gute vom Schlechten unterscheiden zu können.

Das bedeutet aber auch, dass wir zur Rechenschaft gezogen werden für das, was wir getan oder unterlassen haben. Jedes Handeln hat Konsequenzen und verstecken können wir uns vor ihnen nicht. Früher oder später wird jemand kommen, um nach uns zu fragenWo bist du, Mensch!und eine Erklärung verlangen.

Jüngstes Beispiel: der so genannte Schiedsrichterskandal. In dieser Woche ist der Enfant Terrible des DFB, Robert Hoyzer, bei Johannes B. Kerner gewesen, um über seine Motive Auskunft zu geben, Fußballspiele zu manipulieren. Die sindwie so oftvielschichtig: Geldgier, Sehnsucht nach Anerkennung, Realitätsverlust, Angst. Die Versuchungen, denen wir Menschen allzu oft erlegen, sind hausgemacht und haben viel mehr mit unserem gesellschaftlichen Leben zu tun als mit zwei Bäumen im Garten Eden. Hoyzer will nun für seine Fehler gerade stehen.

Das muss man bei aller Kritik, die angebracht ist, anerkennen. Denn auch das ist eine Erfahrung, die so alt ist wie die Menschheit. Es ist nicht einfach, sich zu den Fehlern zu bekennen, die wir zwangsläufig machen. Sie stellen uns bloß, machen uns angreifbar, schutzlos. Und oft machen wir es wie Adam und Eva: wir verkriechen uns und versuchen unsere Schuldwenn auch nur notdürftigzu verdecken. Eine verständliche Reaktion. Doch letztendlich gelingt das wohl niemandem, sich den Konsequenzen zu entziehen.

Irgendwo und irgendwann werden sie dann doch spürbar, kommen zum Vorscheinso wie bei Herrn Hoyzer und all denen, die ähnlich gehandelt haben. Und meistens zeigt dann einer auf den anderen. Eigentlich war der es ja schuld! In der Erzählung schiebt Adam die Sache seiner Frau in die Schuhe. Und sie gibt der Schlange die Schuld.

Dumm gelaufen für den, der am Ende der Kette steht. Dabei hat die Schlange immerhin nicht gelogen. Was sie der Eva versprochen hatte, trifft ja tatsächlich ein. Freilich befreit sie das nicht von ihrer Verantwortung, die sie zu tragen hat. Und auch der Mensch leidet oft unter seinem eigenen Tun. Die Vertreibung aus dem Paradies sagt mir: die Menschen haben es bestimmt nicht leicht in ihrem Leben. Doch oft machen wir es uns selbst oder anderen schwerer als nötig.

Sie merken schon, wie viel an alltäglichen Erfahrungen in dieser Geschichte steckt und welch tiefen Einblick der Verfasser in das Leben der Menschen hatte. Und wie aktuell sie ist und wohl auch bleiben wird. Das betrifft nun aber nicht nur die menschliche Seite. Soviel der Mensch hier über sich selbst lernen kann, soviel erfährt er auch über Gott und seine Zuwendung. Auch in dieser Beziehung kann man die Geschichte neu lesen.

Mir fällt auf, wie inkonsequent Gott handelt. Seine Androhung, die Menschen tot umfallen zu lassen, sobald sie von der verbotenen Frucht essen, macht er nicht wahr. Um der Liebe zum Menschen willen lässt er von seinem Vorhaben ab. Immer wieder kann man dieses Phänomen in der Bibel nachlesen. Und Gott gereute es heißt es dann oft. Aus Strafandrohung wird Fürsorge, aus Wut wird Mitleid.

Dieser Gott, von dem diese Geschichte erzählt, ist alles andere als ein allwissender, allmächtiger, hart durchgreifender Gott. Es kommt einem fast so vor, als müsse er mit uns ebenso leben lernen, wie wir mit ihm. Er hat eben keine willenlosen Marionetten geschaffen, ganz im Gegenteil: Er hat dem Menschen Freiheit geschenkt, und zwar wirkliche Freiheit. Und die beinhaltet eben auch, dass sich der Mensch gegen seinen Schöpfer entscheiden kann. 

Da bin ich dann übrigens wieder bei der Frage, die mir die Konfirmandin gestellt hatte und die ich anfangs zitiert habe: "Warum müssen denn unbedingt diese beiden Bäume da stehen?" Da schwingt unausgesprochen die Frage mit. Sind sie letztlich doch nichts anderes als eine offene Einladung zum Ungehorsam? Für mich sind sie das Symbol der uns von Gott geschenkten Freiheit und die schließt halt die Möglichkeit mit ein, dass wir andere Wege gehen, als Gott es von uns erwartet.

Und wenn ich die Geschichte richtig lese, dann wird er unsere Entscheidung nicht nur akzeptieren, sondern auch mittragen. Und gerade darin an uns festhalten. Es ist schon erstaunlich: die Beziehung zwischen Gott und Mensch ist eine ungleiche, freilich nicht in dem Sinne, wie es viele vermuten. Da der große erhabene Gott, der frei handelt wie ihm dünkt, hier der kleine Mensch, der in seine Schranken verwiesen wird, gefangen im Gestrüpp der Vorschriften: Das darfst du nicht! oder Zutritt verboten! und andere.

Vielmehr ist es so: der Mensch ist hier der wirklich Freie! Dagegen hat Gott sich mit seiner Liebe ein für allemal an sein Geschöpf gebunden. In der Erzählung wendet sich letztlich Gott fürsorglich an seine Menschen: Wo bist du?, deckt den Vorgang auf, indem er die Beteiligten ernst nimmt. Das macht die sachliche Beschreibung der Konsequenzen für jeden Einzelnen deutlich. Mag sie anfangs keiner gewusst oder gewollt haben, nun ist es unabänderlich. Jetzt kann und muss mit den Folgen gelebt werden.

Es gibt kein Zurück mehr. Robert Oppenheimer, der große Physiker, hat nach dem erfolgreichen Bau der ersten Atombombe erschrocken innegehalten und bekannt, dass sei der 2. Sündenfall; denn die friedliche Nutzung der Kernspaltung war zu allererst missbraucht worden, um die Spirale der Gewalt weiterzudrehen. Und bis heute ist diktiert dieses Nicht mehr zurück die Weltpolitik.

Zugleich wendet sich Gott fürsorglich an seine Menschen, indem er sie mit Fellen ausstattet, heißt, dass sie in der veränderten Welt überlebensfähig bleiben. Und diese Fürsorge zieht sich wie ein roter Faden durch die Bibel.

Für einen sehr hohen Preis, wie wir alle wissen und an den wir jetzt, in der Passionszeit, besonders bedenken wollen. In Jesus Christus hat er sich im wahrsten Sinne des Wortes darauf festnageln lassen, dass seine Liebe größer ist als alle Dummheiten und Verbrechen, die wir begehen. Vom Kreuz her betrachtet, handelt Gott an Adam und Evaund damit an uns alleninsofern dann doch konsequent: nämlich liebevoll.

Um mit Paulus zu sprechen:

damit, wie die Sünde geherrscht hat zum Tode, so auch die Gnade herrsche durch die Gerechtigkeit zum ewigen Leben durch Jesus Christus, unsern Herrn.
(Römer 5,21)

Die Geschichte von Adam und Eva ist zwar alt, aber nicht veraltet. Sie erzählt uns etwas über uns selbst und über unseren Gott.

Jede/r von uns kann sie erleben und wie in einem Spiegel wird sie der eine oder die andere vielleicht nacherzählen können: in seinem/ihrem eigenen Leben und mit seinen/ihren eigenen Worten. Amen.

Erstellt: 12.2.2005
Zuletzt aktualisiert: 3.4.2011 10:50 Uhr
Redakteur: Anders Grüning

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