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Predigt - Die fremde Botschaft des Karfreitags

Text: Hebr 9,15 + 26b - 28
15 Und darum ist er auch der Mittler des neuen Bundes, damit durch seinen Tod, der geschehen ist zur Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bund, die Berufenen das verheißene ewige Erbe empfangen.
Nun aber, am Ende der Welt, ist er ein für allemal erschienen, durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben.
27 Und wie den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht:
28 so ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen; zum zweiten Mal wird er nicht der Sünde wegen erscheinen, sondern denen, die auf ihn warten, zum Heil.

Liebe Gemeinde!
Im Schwäbischen sagt man von etwas längst Geschehenem: „Es ist schon so lange her, dass es bald nicht mehr wahr ist.“ Und es scheint mir eine passende Bemerkung zum heutigen Karfreitag zu sein: „So ist Christus schon so lange für unsere Sünden gestorben, dass es bald nicht mehr wahr ist.“ (E. Jüngel) Denn fremd ist uns dieser Tag geworden. Wer kann schon hinreichend vom Tod reden, vom Sterben eines anderen Menschen und erst recht vom Tod Christi, der für uns gestorben ist?

Fremd und weit entfernt ist auch die Welt, in der der Hebräerbrief uns entführt. Da ist die Rede von Opfern, Priestern, Blut und Heiligtum. Fremd ist uns heute der Gedanke, dass ein Mensch, noch dazu ein vollkommen unschuldiger, ja Gottes Sohn selbst, qualvoll sterben musste, um damit das Verhältnis zwischen Gott und mir zurechtzurücken. Und es stellt sich die Frage. Ist der Tod eines Menschen nicht ein Opfer zu viel?

Denn von Opfern hören wir täglich in den Nachrichten, dass sich im Irak - und jetzt auch in Afghanistan - schon wieder Menschen in die Luft gesprengt haben, um andere mit in den Tod zu reißen. Wie selbstverständlich hören wir von den Attentaten der Hamas und den Vergeltungsmaßnahmen Israels, bei dem etliche unschuldige Menschenleben geopfert werden. Und wie selbstverständlich nehmen wir es in Kauf, dass auf deutschen Straßen jährlich immer noch über 1.500 Kinder verunglücken - und viele davon sterben? Und nehmen wir es nicht auch als selbstverständlich hin, dass in Afrika, Asien und Lateinamerika jährlich etwa 600.000 bis 1.000.000 Kinder durch Rotavirus-Infektionen sterben, obwohl es lediglich etwas Kochsalzlösung braucht, um diese Magen-Darm-Erkrankung zu überstehen? Wenn ich mir die Nachrichten ansehe und von all den Opfern höre und mich im Grunde genommen in meinem Alltag nicht davon stören lasse, wie kann mich da der Tod eines Menschen am Kreuz, der vor 2.000 Jahren starb, überhaupt noch in Aufruhr versetzen? Denn „es ist schon so lange her, dass es bald nicht mehr wahr ist.“

Und dennoch: der Tod Jesu am Kreuz lässt mich nicht in Ruhe. Er geht mir nahe. In den meisten Fällen näher als all die anderen Tode, die in dieser Welt gestorben werden. Wohl deshalb, weil ich spüre: dieser Tod hat etwas mit mir, mit meinem Leben zu tun. So sieht es jedenfalls der Autor des Hebräerbriefes. "Nun aber, am Ende der Welt, ist er ein für alle Mal erschienen, durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben." Am Ende der Welt ... Was meint er wohl damit? Die Welt war nach Jesu Tod nicht am Ende, sie drehte sich weiter, wie bisher. Eher hatte der Verfasser dieser Verse die Hoffnung, dass sich mit seinem Tod etwas grundlegend ändert - und zwar so ändert, dass eine neue Welt daraus entsteht. Die alte Welt ist vergangen. "Siehe, ich mache alles neu!", heißt es in der Offenbarung des Johannes (Offb 21,5). Doch was ist mit dem Tod Jesu neu an dieser Welt? Stirbt es sich seit Karfreitag hoffnungsvoller? Lebt es sich seitdem leichter? Wird weniger gemordet? Gibt es mehr, intensiveres Leben? Hat die Menschheit etwas von ihrer Grausamkeit verloren, die sie viel zu oft an den Tag legt? Haben wir etwas aus diesem einen Tod gelernt? Ist die Sünde wirklich aufgehoben, wie es im Hebräerbrief heißt? Oder hat sie uns nicht wie eh und je fest im Griff?

Denn es ist nicht zu  übersehen. Das Blutvergießen hat kein Ende. Es ist wie in den alten Sagen. Da schlägt ein heldenmutiger Mensch dem Tod bringenden Drachen einen Kopf ab und sofort wachsen sieben andere nach. Da werden immer wieder Ideale beschworen, heißen sie nun Gerechtigkeit, Freiheit oder Frieden. Doch zum Erlangen dieser Ziele werden oftmals gewalttätige Mittel eingesetzt. Ja, sogar sich nicht gescheut, dies alles zu rechtfertigen mit dem Hinweis, es geschehe doch im Namen Gottes.

So gesehen bleibt der Kreuzestod Jesu für mich eine persönliche Herausforderung, der mich nach dem Sinn fragen lässt.

  • Den Sinn dieses Opfers sehe ich darin: Nicht Gott braucht dieses Opfer. Schon das Alte Testament verabscheut Menschenopfer. Nicht Gott braucht dieses Opfer, sondern die Welt braucht es, wir brauchen es. Es resozialisiert uns, die wir immer wieder den guten Willen Gottes und die uns von ihm gewährten Lebensordnungen verfehlen, gegenüber Gott und untereinander, bringt unser Leben zu Recht. So wird die freiwillige Lebenshingabe Jesu an den Willen Gottes zum letzten Opfer. Ein für allemal – so sagt es der Hebräerbrief.
  • Den Sinn dieses Opfers sehe ich darin: Gott ist solidarisch mit uns. All das Leid, das wir Menschen uns gegenseitig antun, jeden Tod, der gestorben, jede Wunde, die geschlagen, jeden Tropfen Blut, das vergossen wird - und jedes Gefühl von Gottverlassenheit, das einen Leidenden trifft, trägt Jesus ans Kreuz. Ich sehe die Solidarität Jesu mit den Opfern menschlicher Machtbesessenheit und Gedankenlosigkeit. Ich sehe die Solidarität Gottes mit den Angehörigen dieser Opfer, denen das, was sie am meisten lieben, genommen wird. 
  • Den Sinn dieses Opfers sehe ich darin: Gott ist kein Seelen –oder Sündenkrämer, dessen Vergebung nur gegen hohen Blutpreis erhältlich ist. Gott ist auch kein Gesetzestüftler, der auf Genugtuung pocht, damit seine Vergebung formales Recht nicht verletze. Gott handelt vielmehr aus Liebe, die sich für uns dahin gibt: Im Gleichnis von den zwei Söhnen macht Jesus es sehr schön deutlich: voller Erbarmen und voller Freude eilt der Vater seinem Sohn entgegen, umarmt und küsst ihn und bereitet den Heimkehrenden ein freudiges Fest. 
  • Den Sinn dieses Opfers sehe ich mit dem Hebräerbrief darin: "zum zweiten Mal wird er nicht der Sünde wegen erscheinen, sondern denen, die auf ihn warten, zum Heil."
    Darum hat diese Welt doch noch eine Chance, ihr Antlitz zu verändern - wenn ich mich von diesem Tod bewegen lasse. Einer, der sich davon bewegen ließ, ist für mich Roger Schütz, der im letzten August ermordete Prior der ökumenischen Gemeinschaft von Taizé. Seine vom Kreuz her gewonnene Botschaft des Heils hieß Gewaltlosigkeit und Versöhnung. Christus, so wurde Roger Schütz nicht müde zu beteuern, habe den Frieden in Aussicht gestellt, das Ende der Feindschaft und des scheinbar unversöhnlichen Konflikts. In dieser einfachen Botschaft lag das Geheimnis seiner überwältigenden Wirkung, einer Wirkung, die mit ihrer Wiederholung nicht an Energie verlor, sondern stets neue hinzugewann. So war es eben nicht nur der einfache christliche Lebensstil, die ganz und gar uneitle Bescheidenheit, die die Besucher faszinierte und in den kleinen Ort Taizé zog. Sondern es war auch ein sehr einfacher, unverstellter Glauben, der das Evangelium beim Wort nahm und es als die größte Provokation verstand, die in einer gewalttätigen Welt denkbar ist. "Es gibt Christen, die wissen, dass die Kirche nicht für sich selbst da ist, sondern für die Welt."

Das anfangs zitierte schwäbische Sprichwort: „Es ist schon so lange her, dass es bald nicht mehr wahr ist“ wäre somit zu korrigieren: Es ist schon so lange her, dass immer noch und wieder wahr ist: Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben - wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? (Römer 8,31-32). Amen.

Erstellt: 13.4.2006
Zuletzt aktualisiert: 31.3.2011 16:52 Uhr
Redakteur: Anders Grüning

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