Predigt - Die Seele nachkommen lassen
Text: 2.Korinther 13,11+13
11 Habt einerlei Sinn, haltet Frieden! So wird der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein.
13 Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen!
Liebe Gemeinde!
Es gibt eine kleine nachdenkenswerte Geschichte:
In einer amerikanischen Stadt betritt ein junger Mann indianischer Abstammung einen Autosalon. Ein Verkäufer tritt zu ihm und preist ihm sofort das neueste Modell in höchsten Tönen an. Schließlich lädt er den sehr skeptisch dreinschauenden Mann zu einer Probefahrt ein. Als sie den Highway erreicht haben, ermuntert der Verkäufer den Kunden, doch mal Gas zu geben, um zu testen, was alles in diesem technisch perfekt gebauten Auto steckt. Der Kunde gibt auch Gas. Doch nach wenigen Kilometern bremst er abrupt ab und bleibt in einer Haltebucht am Straßenrand stehen. Er steigt aus und schaut den Weg zurück, den er gefahren ist. „Was machen Sie denn da? Das ist doch Zeitvergeudung!“ „Ich warte, bis meine Seele nachgekommen ist.“
Uns mutet diese Geschichte fremd an, vielleicht sogar ein wenig naiv. Doch zeigt diese Geschichte uns nicht wie in einem Spiegel unser Leben: Immer schneller – immer weiter – immer höher. Pausenlos sind wir unterwegs, hetzen uns oder werden gehetzt. Da wäre es gut, wie der junge Mann es tut, nämlich einen Kontrapunkt zu setzen: „Ich warte, bis meine Seele nachgekommen ist.“
Darum ist der Sonntag so wichtig, weil er uns einlädt, die Seele nachkommen zu lassen.
Sie, liebe Jubilarinnen und Jubilare, sind heute hier zusammengekommen. Sie gedenken Ihrer Konfirmation vor 25, 50,60,65,70,75 und sogar 80 Jahren. Sie können eine sehr lange Wegstrecke zurückblicken, haben Höhen und Tiefen erlebt, haben sich freuen dürfen und mussten auch Enttäuschungen hinnehmen, haben Ziele sich gesteckt, haben sie erreicht oder sind an inneren oder äußeren Widerständen gescheitert. Sie werden gewiss im Anschluss an den Gottesdienst Gelegenheit finden, Erinnerungen auszutauschen, die Jugendzeit zu verklären und hin und wieder möge es Ihnen vergönnt sein über sich selbst herzhaft zu lachen. Das alles und noch viel mehr bringen Sie heute mit.
Die Seele nachkommen zulassen. dazu sind wir am Sonntag Trinitatis eingeladen. Dieser Sonntag ist, wie sein Name es sagt, der Dreifaltigkeit gewidmet, dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist. ihrer Gemeinschaft, die sie untereinander haben, ihrer Einigkeit, ihrem Einssein, ihrer Einzigkeit, die sie auszeichnet. Das ist zugegebenermaßen schwere Kost, dass unser Gott einer und drei zugleich ist, Singular und Plural, ein Du und ein Ihr, eine Einheit und zugleich eine Dreiheit. Vielleicht können wir diesem - ich nenne es einmal: Phänomen - nachspüren, wenn wir uns sagen lassen, was die Drei beisammen und zusammen hält, was sie zu einem und den einen zu dreien macht.
Textlesung
Am Ende seines 2. Korintherbriefes ruft Paulus uns zur Einigkeit auf:
"habt einerlei Sinn"
heißt es da und dann:
"haltet Frieden!"
Haltet Frieden!" - das ist eine Aufforderung, die in vielen Regionen dieser Welt laut werden muss. "Haltet Frieden!" - im Libanon, wo schon wieder neue Grabenkämpfe zwischen Hisbollah und der libanesischen Armee entbrannt sind und das Land in einen erneuten Bürgerkrieg zu stürzen drohen. "Haltet Frieden!" - in Israel und den palästinensischen Autonomiegebieten, in denen die Menschen Tag für Tag in die Spirale von Gewalt und Vergeltung rutschen und ein waffenfreier Dialog zwischen den Parteien immer wieder von Menschen unterlaufen wird, die blind vor Wut sind. "Haltet Frieden!" - in Afghanistan und im Irak, wo niemand in Ruhe leben kann, auch wenn der Krieg offiziell für beendet erklärt wurde. "Lebt in Frieden!" - auch in Deutschland, wo Fremdenfeindlichkeit wieder zum guten Ton avanciert und Unternehmen deshalb befürchten, auf ausländische Fachkräfte verzichten zu müssen - weil die keine Lust haben, sich von marodierenden Neonazis verprügeln zu lassen. "Haltet Frieden! Um Gottes Willen, lebt in Frieden!" - wie nötig haben wir eine solche Ermahnung!
Die wenigen Zeilen, die Paulus damals einer kleinen christlichen Gemeinde in Korinth eindringlich ins Stammbuch schreibt, sie müssen sich heute an die ganze Menschheit richten. Ein Brief wäre das, geschrieben aus Sorge um den Frieden unter den Völkern, zwischen den Staaten und Religionen und bei den Menschen; ein Brief mit herzlichen Grüßen all der "Heiligen" versehen, die sich nicht der Logik der Gewalt und Hetze unterwerfen wollen und für Dialog, Toleranz und gegenseitigen Respekt eintreten; ein Brief mit der provozierenden Aufforderung, sich nicht mit Waffen zu schlagen, sondern einander mit dem Kuss des Friedens zu begegnen; ein Brief, der entschieden feststellt, dass die Menschen - gleich welchem Glauben sie angehören - erst im friedlichen Miteinander für sich in Anspruch nehmen können, im Namen Jesu, im Geist des Heiligen, im Auftrag Gottes zu handeln; ein Brief, von den vielen Opfern unterschrieben, die schuldlos an den Folgen kriegerischer Auseinandersetzungen zu leiden haben und die lediglich ein einziges Argument in die Wagschale werfen können: ihr Wunsch nach Leben ...
Konflikte gibt es immer wieder, wo zwei oder drei beieinander sind, selbst dann, wenn sie unter dem Namen des Herrn zusammenkommen! Das ist nichts Neues. Das haben Sie in Ihrem Leben mehr als einmal erlebt, sich auseinandersetzen müssen, haben eine gemeinsame Lösung gefunden oder sich getrennt, weil keine Basis mehr vorhanden schien. Wer den zweiten Korintherbrief im Ganzen liest, wird bemerken: Auch in Korinth, auch in der jungen christlichen Gemeinde gibt es schwer wiegende Konflikte und Paulus muss sich gegen Konkurrenz behaupten. Scheinbar hatte er seiner Gemeinde versprochen, sie zu besuchen und dieses Versprechen nicht einhalten können. Unter den Gemeindegliedern macht sich - verständlicherweise - Enttäuschung breit.
Und es gibt wohl nicht wenige in Korinth, die mit Paulus nicht einverstanden oder neidisch auf seinen Erfolg sind. Sie nutzen die schlechte Stimmung und verstehen es, mit Sticheleien und abfälligen Bemerkungen die Enttäuschung in Wut umzumünzen und sich selbst als Apostelhelden zu brüsten. In der jungen christlichen Gemeinschaft kommt es zu einem heftigen Streit und gegen Paulus werden schwere Vorwürfe erhoben, gegen die er sich nun verteidigen muss. Auch deshalb schreibt er diesen Brief.
Paulus wehrt sich. Und er fasst seine Konkurrenten und die abtrünnig gewordenen Gemeindeglieder nicht gerade mit Samthandschuhen an. Für ihn ist die Botschaft, die er zu vermitteln hat, zu wichtig, als dass er nicht mit Leidenschaft für sie eintreten würde. Und er weiß seine sprachlichen Begabungen gezielt einzusetzen. Aber in all seinen Äußerungen fehlt die Aggressivität, die Rücksichtslosigkeit und Brutalität, die man heute in vielen Auseinandersetzungen beobachten kann. Seinen Worten spürt man ab, dass sie letztendlich einladen und nicht ausschließen wollen. Seinen Widersachern gönnt er in seinem 13 Kapitel langen Brief gerade mal ein paar Zeilen. Dafür wirbt er umso intensiver für seine eigenen Ansichten. Überzeugen ist sein Ziel - nicht zerstören, nicht kaputt machen, vielmehr aufbauen will er. Versöhnen - das ist sein Ziel.
Im Grunde genommen kann er auch gar nicht anders. Denn er selbst lebt ja aus der Vergebung heraus. Schließlich war er einmal der heftigste Gegner des Christentums und unerbittlicher Verfolger seiner Anhänger. Hätte er nach seiner Bekehrung unter den Christen und Christinnen nicht Menschen getroffen, die mit der Aufforderung Jesu, selbst seinen Feinden zu vergeben, ernst gemacht hätten, wäre er nicht vom Saulus zum Paulus geworden, sondern man hätte ihn als Judas abgestempelt und ihm in der Bibel anstatt weite Teile des Neuen Testaments nur - wenn überhaupt - ein paar Zeilen gegönnt. Paulus hat an seinem eigenen Leib erfahren, wie wichtig es ist, versöhnend zu reden und zu handeln - auch über scheinbar unüberwindliche Differenzen hinweg. Das heißt nicht, für seine Sache nicht leidenschaftlich eintreten zu dürfen. Aber es heißt, diese Leidenschaft mit Liebe und nicht mit Hass auszuüben. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass die letzten Worte, die uns an seine Gemeinde in Korinth überliefert sind, trotz aller Meinungsverschiedenheiten und Spannungen diesen versöhnlichen Charakter haben.
Sie bringen noch einmal auf den Punkt, was Paulus wichtig ist, weil er es selbst erfahren durfte:
"Freut euch, lasst euch zurecht bringen, lasst euch mahnen, habt einerlei Sinn, haltet Frieden!"
Es mag sein, dass solche Worte in unserer Welt immer seltener gesprochen und immer öfter überhört werden. Umso wichtiger ist es, dass wir sie als Christen und Christinnen nicht nur in uns tragen, sondern auch gegenüber anderen deutlich zum Ausdruck bringen: und zwar im Glauben, im Reden und im Handeln.
"Haltet Frieden! So wird der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein."
Dann haben wir "einerlei Sinn", sind wir ein Leib, wie Paulus an anderer Stelle schreibt, trotz vieler Glieder. Der Apostel knüpft dabei an den alttestamentlichen Schalom an, an den Frieden, der Gott innewohnt und den er uns schenken will.
Dieser Schalom ist es, der uns mit ihm und ihn mit sich selbst verbindet und versöhnt. Denn wo Frieden herrscht, da wird aus Zweien oder Dreien oder eben aus ganz vielen eine wahrhaftige Gemeinschaft. Sich eins zu fühlen mit den Menschen, mit denen wir in diesem tiefgründigen Frieden leben können, das bedeutet der Einigkeit nachzuspüren, die Gott, Vater und Heiliger Geist verbindet.
Gleich werde ich Ihnen. Liebe Jubilarinnen und Jubilare, nochmals Ihren Denkspruch zu sprechen. Er ist so etwas wie ein Leitfaden für Ihr Leben, dass in Ihrem Lebensalltag auch die Seele zu ihrem Recht komme, dass Sie selbst zu einer Ruhe finden. Dass Sie in diesem Wort Kraft tanken für Ihre Lebensreise.
Die Seele nachkommen lassen. Wo wir uns diese Zeit nehmen, da werden andere auch spüren, aus welchem Geist wir leben, da werden andere uns wie einen offnen Brief lesen können. Darum erinnert der Apostel in seinem 2. Korintherbrief uns als Gemeinde sowie als Einzelne daran:
„dass ihr ein Brief Christi seid, durch unsern Dienst zubereitet, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf steinerne Tafeln, sondern auf fleischerne Tafeln, nämlich eure Herzen.“
(2. Kor.3,3)
Amen.
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