Predigt "Dienen für viele"
Text: Markus 10,35-45
35 Da gingen zu ihm Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, und sprachen: Meister, wir wollen, dass du für uns tust, um was wir dich bitten werden.
36 Er sprach zu ihnen: Was wollt ihr, dass ich für euch tue?
37 Sie sprachen zu ihm: Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit.
38 Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr wisst nicht, was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde?
39 Sie sprachen zu ihm: Ja, das können wir. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr werdet zwar den Kelch trinken, den ich trinke, und getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde;
40 zu sitzen aber zu meiner Rechten oder zu meiner Linken, das steht mir nicht zu, euch zu geben, sondern das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist.
41 Und als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes.
42 Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an.
43 Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein;
44 und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein.
45 Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.
Liebe Gemeinde!
"Sag 'mal: wen hast du eigentlich lieber...?" Eine Frage, wie sie häufig Geschwisterkinder stellen... Und die klassische Antwort der Eltern auf die kindliche Angst, zu kurz zu kommen, lautet, dass sie alle ihre Kinder gleich lieb haben. Schließlich wollen sie keines ihrer Kinder bevorzugen. Und zumindest für den Moment hat diese Antwort zumeist überzeugende Wirkung.
Doch die Angst, zu kurz zu kommen, durchzieht unser Leben auch weiterhin. Fragt man, was SchülerInnen an ihren LehrerInnen schätzen bzw., was sie von ihnen einfordern, ist neben interessanter Unterrichtsgestaltung eine der wichtigsten Eigenschaften Gerechtigkeit. Und der Wunsch nach fairer, gleichberechtigter Behandlung ist absolut verständlich.
Allerdings bleibt es nicht immer dabei. Wenn wir genauer hinschauen, mündet an vielen Orten unserer Gesellschaft die Sorge, nicht genug Beachtung zu finden, in den Versuch, bevorzugt behandelt zu werden: ob unter Geschwistern oder im Klassenzimmer - immer wieder wird dort um eine Rangfolge gerangelt. Wer hat wie viel Einfluss? Wer hat welche Position? Ganz deutlich wird dies, wo es um Beruf und Karriere geht. Am weitesten kommt, wer die Konkurrenz am besten aussticht. Rücksichtnahme kann man da nicht brauchen. Stattdessen zählen Profilierung und das berühmte Vitamin B (= Beziehung). Gewonnen hat, wer es schafft, sich geschickt mit den richtigen Personen gut zu stellen.
Und manchmal muss man schmerzhaft erfahren, dass solches Gerangel nicht einmal vor Freundschaften halt macht. Wer kann mit wem am besten? Wer ist denn nun beste Freundin, bester Freund? Auch da wird zuweilen mächtig aneinander herumgezerrt.
Ich glaube, ganz freisprechen kann sich von solchen Gefühlen niemand; weder von dem Wunsch nach Wertschätzung und damit verbunden der Angst, zu kurz zu kommen, noch von Eifersucht, besonders wenn es um Personen geht oder um Posten, die einem sehr am Herzen liegen.
Und so ist mir das Verhalten der beiden Jünger zunächst einfach einmal total verständlich. Völlig menschlich, was da geschieht! Und ausgesprochen tröstlich, dass nicht einmal die von Jesus höchstpersönlich ausgewählten Jünger Übermenschen sind, sondern sich mit genau denselben Wünschen und in diesem Fall auch Eifersüchteleien herumplagen, wie wir. Wer darf Jesus am nächsten sein?
Was Johannes und Jakobus da tun, erinnert mich an das "Sag 'mal Ja!" eines Kindes - um dann hinterher erst mit der Frage herauszurücken. Die beiden rechnen also schon mit einer abschlägigen Antwort... und versuchen es trotzdem! Und sie sind durchaus bereit, dafür einen hohen Einsatz zu bringen. Ob sie geahnt haben, um welch hohen Preis es für sie bei der Nachfolge Jesu gehen würde?!
Aber Jesus lässt sie auflaufen: Obwohl ihr Einsatz unglaublich hoch ist; und unabhängig davon, dass sie Jesus sehr am Herzen liegen - schließlich zählen die beiden Zebedäus-Söhne sogar zu seinen Lieblingsjüngern, also im Jüngerkreis zu denen, die ihm am nächsten stehen: sie erfahren dennoch keine bevorzugte Behandlung. Was am Ende den Lohn im Reich Gottes betrifft, da gelten andere Kriterien; und denen sind Jakobus und Johannes genauso unterworfen wie alle anderen auch. Sogar Jesus selbst obliegt es nicht zu entscheiden, wer dereinst an seiner Seite sitzen wird.
Weitaus wichtiger noch ist, wie Jesus dem Gerangel um die besten Plätze begegnet, als die übrigen Jünger von dem eigenmächtigen Treiben der Zebedäus-Söhne Wind bekommen haben und - ebenfalls verständlich - darüber sehr aufgebracht sind. Jesus macht ganz deutlich, dass bei Gott andere Maßstäbe gelten als in der Gesellschaft.
In Gottes "Firma" geht es nicht um größtmöglichen (persönlichen) Profit, womöglich auf Kosten anderer, sondern um den gemeinsamen Gewinn aller. Weil unserem "Chef" seine Geschöpfe alle gleichermaßen kostbar sind, denkt und handelt er selbst nicht elitär, - und erwartet dasselbe auch von seinen MitarbeiterInnen. Gott lässt sich nicht bestechen, Einschmeicheln ist nicht. Gottes Messlatte misst uns allein daran, ob wir uns als NachfolgerInnen Jesu ehrlich in den Dienst der Gemeinschaft rufen lassen.
Und welche Art des Dienens ist gemeint?
Der Dienst von dem hier gesprochen wird, ist keine Festschreibung von Herrschaft, kein Sanktionieren von gesellschaftlichem "Oben" und "Unten". Hier geht es um eine Weltsicht, um eine Sicht auch vom Menschen, welche die Welt und uns Menschen versucht aus dem Blickwinkel Gottes zu sehen.
Natürlich gibt es Herrschaft: die Welt muss regiert werden, die Wirtschaft geleitet, die Familie geordnet zusammen leben können. Aber es kommt darauf an, aus welchem Geist heraus ich diese Herrschaft ausübe und wem ich mich in meinem Tun verantwortlich weiß?
Jesus geht, als dieses Gespräch stattfindet, mit seinen Jüngern und Freunden auf Jerusalem zu, er weiß, was ihn dort erwartet: Jubel, Verurteilung und schließlich sogar der unvermeidliche Tod, das war sein Gottes-Dienst, der Dienst an seinem Gott – und für die Welt. Unvermeidlich, weil er den religiös, wie politisch Mächtigen mit seiner Sicht Gottes zu unbequem wird. Hier ist einer, der Dinge sagt, welche die Welt revolutionieren könnten, der darauf aufmerksam macht, dass der Mensch auf der Seite Gottes seine Menschenwürde zurückbekommen muss und Leid und Elend, Not und Verfolgung, Verletzung und Tod, Heimatlosigkeit und Hunger auf ein Mindestmaß zu begrenzen und Aufgabe für den jeweils Stärkeren sind. Wer die Menschenwürde verletzt, kann sich dabei nie auf den biblischen Gott berufen, wer dem Leben des Menschen und dem Zusammenleben dient, dient Gott.
Jesus verweist auf sein bevorstehendes Leiden und damit darauf, dass es Nachfolge nie einfach und bequem geben wird.
Denken wir an Franz von Assisi. Er vermittelte in Sachen der Kreuzzüge sogar zwischen moslemischen Sultanen und den Christen, um des Friedens willen.
Denken wir doch nur an Paul Schneider. Er ließ sich leiten von dem Apostelwort. „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ (Apostelgeschichte 5,29) und erhob saeien Stimme gegen den Allmachtsanspruches der NS-Ideologie.
Denken wir doch an Dietrich Bonhoeffer. Er trat nach reiflicher Überlegung in den Widerstand gegen Hitler ein. „Man muss das Rad stoppen, indem man ihm in die Speichen fällt“.
Denken wir an Martin Luther King, der um Jesus Christi willen für die Schwarzen die Bürgerrechte forderte – gewaltlos im Sinne der Bergpredigt.
Denken wir an die vielen Menschen, die sich selbstlos in den Dienst für Arme und Schwache rufen ließen. Sich nicht zuschade waren, in den Armenviertel, den Slums zu leben, wie Mutter Teresa in Kalkutta.
Alles Menschen, die sich ihren Glauben etwas kosten ließen, für die der Glaube keine Billigware und Gott kein menschlich manipulierbares Göttlein war, sondern, die bereit waren, ihre Nachfolge Jesu mit Verfolgung und zum Teil sogar mit dem Tod zu bezahlen.
Kurzum: Niemand sollte sich daher zu schnell und vordergründig auf "Gott" berufen, wenn er nicht auch dazu bereit wäre, um seines Glaubens willen, Gott, dem Wohl und der Würde anderer Menschen zu dienen. Wer den Namen des biblischen Gottes in den Mund nimmt, wird um den Menschen nicht herum kommen, seine Not, seine Bedürfnisse, seine Würde. Nur so transportieren wir in unseren Vorstellungen Gott nicht aus der Welt heraus, sondern holen ihn in unsere Welt und das Zusammenleben aller Menschen hinein. Wer unseren Gott, den Gott Jesu, gern in einem jenseitigen "Himmel" sieht, sorgt ja dafür dass dieser weit weg ist, und den Menschen mit seinen eigenen Absichten nicht stört.
In dem, was wir tun und wie wir leben wird deutlich, aus was für einem Geist heraus wir leben, und ob dieser etwas mit dem Vater Jesu zu tun hat - oder eben doch nur mit den Göttern und Götzen menschlicher Macht und Willkür?
Jesus weiß, worauf er sich einlässt, als er bewusst auf Jerusalem zugeht. Er weiß, hier wird sich sein Leben, sein Dienst vollenden. Er lebt seinen Glauben, seine Gottesbeziehung leidenschaftlich, er lebt ihn so, dass sogar das Leiden nicht ausgespart bleibt. Sein Leiden ist ein Mitleiden an der Welt mit ihren krummen, kleinen, herrschsüchtigen, tyrannischen Verhältnissen. Der Weg zum Kreuz wird so zur Kreuzung für alle, die sich auf ihn berufen, denn an ihm muss es sich entscheiden, in welcher Beziehung ich zu Gott und Mensch stehe. Billiger wird es Nachfolge im Glauben nicht geben, sie ist so teuer wie das Leben selbst.
Überlassen wir es also Gott, wo und wie wir einmal in seiner Gegenwart sein werden, wo wir hier sein und wie wir hier leben sollen, das ist uns bekannt: auf der Seite aller Menschen, die uns und unseren Glauben brauchen, damit diese Welt endlich das Gesicht bekommt, das Gott ihr ursprünglich geschenkt hat, das Gesicht eines Menschen: jung oder alt, gesund oder krank, traurig oder fröhlich, ein Gesicht mit tiefen Furchen oder vielen kleinen Lachfalten, Gesichter, in denen sich die Liebe Gottes zu seinem Geschöpf widerspiegelt. So schenke Gott uns und allen Menschen dieser Welt den Mut zu einem glaubwürdigen Gottes-Dienst, der den Dienst am Menschen und für Menschen stets einschließt. Amen.
Liturgie
Wochenspruch:
Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele. Mt 20,28
Kyrie
Gott,
an vielen Orten in unserem Leben sind wir umgeben von
Konkurrenzdenken und Eifersucht.
Und wir geraten in Situationen, da fällt es uns schwer, uns freizumachen von der Angst,
nicht genug Wertschätzung zu bekommen oder von dem Gefühl der Ungerechtigkeit,
weil jemand anderes bevorzugt wird.
Das belastet uns, und es fällt uns schwer, uns davon freizumachen.
Darum bitten wir: Herr, erbarme dich.
Zuspruch
Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. In Treue trägt er das Recht hinaus. Jesaja 42,3
Kollektengebet
Gott, du hast deine Welt allen Menschen geschenkt.
Und du willst, dass wir einträchtig auf ihr leben,
denn jeder Mensch ist gleich viel wert für dich.
Hilf uns, dass wir nicht nur auf uns selbst achten,
sondern einander im Blick haben. Hilf uns erkennen,
wie wir uns gegenseitig mit unseren Gaben nutzen können.
Wir wollen uns miteinander auf den Weg machen,
deiner Zukunft entgegen.
Fürbitten
Gott,
du willst, ass wir einander dienen.
Hilf uns,
dass wir nicht der Versuchung unterliegen,
die Schwächen der anderen auszunutzen.
Lehre uns stattdessen
für die zu sprechen,
die keinen Worte mehr haben;
für die zu sehen,
die den Überblick verloren haben;
für die zu weinen,
deren Trauer keine Tränen mehr hat;
für die zu fühlen,
die wie betäubt sind;
für die zu hören,
die nichts mehr wahrnehmen können. Amen.