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Predigt und Liturgie - Du meine Seele singe

Liebe Gemeinde!

Ist es eigentlich erlaubt, in unsrer heutigen Welt Gott dankbare Lieder zu singen? Verbietet sich das Singen nicht von selbst? Angesichts der Armut und des Hungers in weiten Teilen unserer Welt, angesichts der terroristischen Auseinandersetzung im Nahen und mittleren Osten, in Afghanistan, angesichts der tief greifenden Sozial- gesellschaftlichen Veränderungen im eigenen Land; angesichts von eigner Schwäche und vielleicht gesundheitlicher Einschränkung?

„Gott sitzt im Regimente und führet alles wohl“
, dichtet Paul Gerhardt (EG 361,7).

Doch uns beschleicht eher das Gefühl, Gott habe diese Welt sich schon längst selbst über lassen.

Aber – mag der eine oder die andere denken:

„Ja, warum sollten wir Gott denn keine Loblieder singen? Es ist bestimmt nicht Gottes Schuld, dass es auf seiner Erde so gottlos und friedlos zugeht.“

Und so sehe ich es auch. Ich bin der festen Überzeugung, dass das Lob Gottes angesichts dieser Welt alles andere als überflüssig ist. Der Lobpreis Gottes ist ausgesprochen notwendig. Denn er gibt uns die rechte Ausrichtung und Kraft, um in dieser Welt und in unserer Umgebung das Notwendige zu tun. Darauf weist schon der Apostel im Epheserbrief hin.

Er schreibt:

„…kauft die Zeit aus; denn es ist böse Zeit… und  sauft euch nicht voll Wein, woraus ein unordentliches Wesen folgt, sondern lasst euch vom Geist erfüllen. Ermuntert einander mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern, singt und spielt dem Herrn in eurem Herzen.“ 
(Epheser 5,16+18-19)

Und der Reformator Martin Luther wusste.

„Die Musik ist eine Gabe und Geschenk Gottes, nicht ein Menschengeschenk. So vertreibt sie auch  den Teufel und macht die Leute fröhlich; man vergisst dabei allen Zorn, Unkeuschheit, Hoffart und andere Laster.“

Der Gesang und die Musik zur Ehre Gottes erfüllen also auch unsere eigenen Herzen mit guten und ermutigenden Gedanken. Deshalb hat der Liederdichte P. Gerhardt für sich selbst im Singen  einen schönen Lebenssinn entdeckt. Er schreibt einmal:

Unter allen, die da leben, hat ein  jeder seinen Fleiß und weiß dessen Frucht zu geben;
Doch hat den höchsten Preis, der dem Höchsten Ehre bringt und von Gottes Namen singt.

Warum  und in welcher Weise ist das Singen zur Ehre Gottes eine Wohltat für gestresste Seele  - angesichts dieser Welt?  Das wollen wir nachvollziehen an dem Lied „Du meine Seele singe“. Wir singen nun die beiden ersten Verse.

1. Du meine Seele, singe, wohlauf und singe schön
dem, welchem alle Dinge zu Dienst und Willen stehn.
Ich will den Herren droben hier preisen auf der Erd;
ich will ihn herzlich loben, solang ich leben werd.

2. Wohl dem, der einzig schauet nach Jakobs Gott und Heil!
Wer dem sich anvertrauet, der hat das beste Teil,
das höchste Gut erlesen, den schönsten Schatz geliebt;
sein Herz und ganzes Wesen bleibt ewig unbetrübt.

Paul Gerhardt hat dieses Lied bald nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges geschrieben. Dieser verheerende Krieg war auch daran schuld, dass er erst 1651 – im Alter von 44 Jahren - seine erste Pfarrstelle in Mittenwalde, einem kleinen Landstädtchen, 20 Kilometer südlich von Berlin antreten konnte.

Es ist eine typische Nachkriegssituation. Land und Leute sind ausgezehrt, geradezu ausgeblutet. Die Felder liegen brach, Vieh und Zugtiere fehlen, Hungersnöte und Seuchen breiten sich aus, herumvagabundierende Soldaten plündern noch die spärlichen Reste. Die Menschen sind durch den Krieg verroht und rechtlich verunsichert. Von den rund 1000 Einwohnern ist nur noch ein Viertel am Leben. Und in dieser Situation soll es helfen, Gott Loblieder zu singen?  Paul Gerhardt ließen die Sorgen und Nöte seiner Mitmenschen nicht unberührt. Vielmehr ging ihm ihr Elend an die Nieren. Und gerade ihnen wollte er Trost und Hoffnung zusprechen.

Dieses Lied: Du meine Seele singe“ bringt eindrücklich das „Dennoch“ des Glaubens zur Sprache. Auch wenn es in dieser Welt und in meinem eigenen Leben manchmal drunter und rüber geht: Dennoch!
Dennoch halte ich an Gott fest! Dennoch  gebe ich nicht auf! Dennoch versuche ich nach Gottes guten Maßstäben zu leben! Dennoch!
Und so weist Paul Gerhardt mit großem Trotz auf Gottes Reichtum hin, auf seine Macht und Treue. Es ist fast, als könnten wir seinen rechten Zeigefinger sehen, mit dem er uns ganz entschieden die Richtung zeigt. Lasst uns nun die nächsten beiden Verse singen:

3. Hier sind die starken Kräfte, die unerschöpfte Macht;
das weisen die Geschäfte, die seine Hand gemacht:
der Himmel und die Erde mit ihrem ganzen Heer,
der Fisch unzähl'ge Herde im großen wilden Meer.

4. Hier sind die treuen Sinnen, die niemand Unrecht tun,
all denen Gutes gönnen, ie in der Treu beruhn.
Gott hält sein Wort mit Freuden, und was er spricht, geschicht;
und wer Gewalt muss leiden, den schützt er im Gericht.

Paul Gerhardt hat etwa 130 geistliche Lieder geschrieben, darunter sind 27 Lieder, die er mit Worten und Gedanken der Psalmen gedichtet hat. Auch dieses Loblied hat er komplett einem Psalm nachempfunden, dem Psalm 146, den wir eingangs gemeinsam gebetet haben.
Das ist bis heute eines der Geheimnisse der gottesdienstlichen Gemeinde, dass wir selbst, denen es manchmal gar nicht nach „Lobe den Herrn“ zu Mute ist, durch andere in das Lob Gottes mit hinein genommen werden. Eben wie ein altes Sprichwort sagt: Ein Vogel macht den andern singen. So hat es auch Paul Gerhardt erfahren und so können auch wir uns von ihm inspirieren lassen. Es sind nämlich die konkreten  Erfahrungen an Behütung und Bewahrung dahinter. Seit Jahrtausenden haben Menschen gute Führung durch Gott erlebt und haben davon erzählt. Und wir? Sie und ich?  Gibt es nicht auch eigene Erfahrungen mit Gott, die unter der Überschrift stehen:

„Er weiß viel tausend Weisen, zu retten aus dem Tod…“

5. Er weiß viel tausend Weisen, zu retten aus dem Tod,
ernährt und gibet Speisen zur Zeit der Hungersnot,
macht schöne rote Wangen oft bei geringem Mahl;
und die da sind gefangen, die reißt er aus der Qual.

6. Er ist das Licht der Blinden, erleuchtet ihr Gesicht,
und die sich schwach befinden, die stellt er aufgericht'.
Er liebet alle Frommen, und die ihm günstig sind,
die finden, wenn sie kommen, an ihm den besten Freund.

7. Er ist der Fremden Hütte, die Waisen nimmt er an,
erfüllt der Witwen Bitte, wird selbst ihr Trost und Mann.
Die aber, die ihn hassen, bezahlet er mit Grimm,
ihr Haus und wo sie saßen, das wirft er um und um.

Wie gesagt, dieses Lied ist mit Gedanken und Worten von Psalm 146 gedichtet. Kein Mensch hätte jemals den Psalm noch später dieses Lied gesungen, wenn sich nicht hierin Erfahrungen widerspiegeln würden, die Menschen zu allen Zeit mit Gott gemacht haben: ob durch Krieg oder Flucht, bei Krankheit oder Verlust des Arbeitsplatzes, Verlust eines Ehepartners u.v.a.

Vielleicht überrascht uns die holzschnittartige Gegenüberstellung von Frommen und Gottesverächtern:

Er liebet alle Frommen, und die ihm günstig sind, die finden, wenn sie kommen an ihm den besten Freund.
(Vers 6)

Die aber, die ihn hassen, bezahlet er mit Grimm,
ihr Haus und wo sie saßen, das wirft er um und um.
(Vers 7)

Die Psalm reden so und Paul Gerhardt hat diese Erfahrung auch gemacht: Die Gott vertrauen, finden auch in schwierigsten Situationen Halt.
Aber diejenigen, die sich bewusst von Gott abwenden, sehen sich ganz auf sich allein gestellt; ja sie verschlimmern ihre Situation und verlieren jeglichen Halt, im buchstäblichen wie im übertragenen Sinn.

Darum ruft Paul Gerhardt uns auf: Du meine Seele singe..:“, ermutigt uns, auf Gottes Wort gegen allen Augenschein zu vertrauen und gegen alle Depression getrost unsere Loblieder zu singen.
Im letzten Vers klingt der Grund an:

„Jedoch weil ich gehöre gen Zion in sein Zelt, ist's billig, dass ich mehre sein Lob vor aller Welt.“

Ja, wir gehören zu Gott, „gen Zion in sein Zelt“, wir sind getauft. Bei Gott ist unser Zuhause, hier auf der Erde und in Ewigkeit in seinem Reich. Das gibt uns Kraft und Mut für unseren Alltag. Das lässt uns in einem Frieden leben, der höher ist als alle Vernunft und fröhlich singen:

8. Ach ich bin viel zu wenig, zu rühmen seinen Ruhm;
der Herr allein ist König, ich eine welke Blum.
Jedoch weil ich gehöre gen Zion in sein Zelt,
ist's billig, dass ich mehre sein Lob vor aller Welt.

Liturgie

Wochenspruch:

Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt.
Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn,
der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.
Psalm 146 unter EG 762

Eingangsgebet:

Herr, der du vormals hast dein Land mit Gnaden angeblicket
und des gefangnen Volkes Band gelöst und es erquicket,
der du die Sünd und Missetat, die es zuvor begangen hat,
hast väterlich verziehen:
willst du, o Vater, uns denn nicht nun einmal wieder laben?
Und sollen wir an deinem Licht nicht wieder Freude haben?
Ach gieß aus deines Himmels Haus, Herr, deine Güt und Segen aus auf uns und unsre Häuser.
3. Ach dass ich hören sollt das Wort erschallen bald auf Erden,
dass Friede sollt an allem Ort, wo Christen wohnen, werden!
Ach dass uns doch Gott sagte zu des Krieges Schluss, der Waffen Ruh und alles Unglücks Ende!
(EG 283,1-3)

Zuspruch:

Was kränkst du dich in deinem Sinn und grämst dich Tag und Nacht? Nimm deine Sorg und wirf sie hin auf den, der dich gemacht.
Er hat noch niemals was versehn in seinem Regiment,
nein, was er tut und lässt geschehn, das nimmt ein gutes End.
(EG 324,15+17)

Kollektengebet:

Ich lag in schweren Banden, du kommst und machst mich los;
ich stand in Spott und Schanden, du kommst und machst mich groß und hebst mich hoch zu Ehren und schenkst mir großes Gut, das sich nicht lässt verzehren, wie irdisch Reichtum tut.
Nichts, nichts hat dich getrieben zu mir vom Himmelszelt
als das geliebte Lieben, damit du alle Welt
in ihren tausend Plagen und großen Jammerlast,
die kein Mund kann aussagen, so fest umfangen hast.
(EG 11,4-5)

Fürbittengebet;

Sprich deinen milden Segen zu allen unsern Wegen,
lass Großen und auch Kleinen die Gnadensonne scheinen.
Sei der Verlassnen Vater, der Irrenden Berater,
der Unversorgten Gabe, der Armen Gut und Habe.
Hilf gnädig allen Kranken, gib fröhliche Gedanken
den hochbetrübten Seelen, die sich mit Schwermut quälen.
Und endlich, was das meiste, füll uns mit deinem Geiste,
der uns hier herrlich ziere und dort zum Himmel führe.
Das alles wollst du geben, o meines Lebens Leben,
mir und der Christen Schare zum sel'gen neuen Jahre.
(EG 58,11-15)

Erstellt: 26.8.2007
Zuletzt aktualisiert: 31.3.2011 17:08 Uhr
Redakteur: Anders Grüning

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