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Predigt - Ein Stein fällt aus Hand und Herz

Text: Johannes 8,1-11
1 Jesus aber ging zum Ölberg.
2 Und frühmorgens kam er wieder in den Tempel, und alles Volk kam zu ihm, und er setzte sich und lehrte sie.
3 Aber die Schriftgelehrten und Pharisäer brachten eine Frau zu ihm, beim Ehebruch ergriffen, und stellten sie in die Mitte
4 und sprachen zu ihm: Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden.
5 Mose aber hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du?
6 Das sagten sie aber, ihn zu versuchen, damit sie ihn verklagen könnten. Aber Jesus bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde.
7 Als sie nun fortfuhren, ihn zu fragen, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.
8 Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.
9 Als sie aber das hörten, gingen sie weg, einer nach dem andern, die Ältesten zuerst; und Jesus blieb allein mit der Frau, die in der Mitte stand.
10 Jesus aber richtete sich auf und fragte sie: Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt?
11 Sie antwortete: Niemand, Herr. Und Jesus sprach: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr.

Liebe Gemeinde!

Einen Stein habe ich heute Morgen mitgebracht. Auf dem Weg zur Kirche habe ich ihn aufgehoben. Denn es geht heute um Steine. Steine, die Menschen aufheben, jederzeit bereit, ihn auf andere zu werfen.

Haben Sie schon gehört? Dieser Bundesabgeordnete ist schon wieder als Raser auffällig geworden.

Haben Sie schon gehört? Neuer Dopingverdacht im Vorfeld der Tour de France.

Haben Sie schon gehört? Ihr Nachbar hat ständig wechselnden Damenbesuch.

Haben sie schon gehört?

Jetzt stehen wir da mit unseren Steinen in der Hand. Mit den Steinen die da heißen: Neid, Missgunst, Eifersucht, Besserwisserei und Klugheit.
Wer von ihnen wirft denn jetzt den ersten Stein?? Soll ich ihn werfen??

Wie oft stehen wir doch an diesen Punkten? Wie oft sehen wir Dinge und haben schon den Stein in der Hand? Wie oft wollen wir den Stein doch werfen? Und tun wir es??

In Gedanken tun wir es oft genug. Und das nicht nur in der Gesellschaft, oft auch in der Gemeinschaft der Kirche. Da stehen wir mit unseren Steinen in der Hand... und dann??

Steine sind ja auch so praktisch. Sie liegen gut in der Hand, nehmen schnell Körpertemperatur an und weit fliegen tun sie meistens auch. Was sie allerdings alles anrichten können, wurde uns selbst hier in Deutschland, zuletzt im Vorfeld der G8-Tage bei den Demonstrationen deutlich vor Augen gestellt.
Es gibt aber auch die versteckten Steine, die Steine in unseren Köpfen, die manchmal all zu gern die Oberhand übernehmen wollen. Sie verletzen zwar niemanden physisch, sie verletzen auf andere Art.
Da sind die Steine, die wir gerne in Richtung Politik werfen. Diese würden mal so richtig aufräumen und mit Deutschland würde es gleich wieder bergauf gehen. Leider kommen diese Steine sehr schnell wieder zurück, wenn es darum geht, dass wir als Volk, in unserem kleinen Umfeld mit anpacken müssen. Das vielleicht mal wieder mehr Wert auf die eigene Arbeit gelegt werden müsste, bevor man die Hände aufhält. Diese geworfenen Steine kommen schnell zurück. Was hat es dann gebracht???

Oder, da sind die Steine, die wir gerne in Richtung Kirche werfen würden. Warum schweigt sie, warum tut sie nichts geben die Erosion der Mitglieder? Warum werden in Deutschland Moscheen gebaut und wir schließen Kirchen und bauen Pfarrstellen ab? Da muss man doch drein schlagen, auf die Barrikaden gehen, Steine werfen  – oder?

Glauben wir ernsthaft daran, dass Steine werfen der richtige Weg ist? Der richtige Weg Glauben zu bezeugen?
Da müssen wir aufpassen, dass wir am Ende nicht selbst von unseren geworfenen Steinen erschlagen werden.
Dieser Stein in meiner Hand fragt mich: Hören wir Jesus eigentlich richtig zu?

„Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!“
(Mt 7,1; Lk 6,37)

, so hören wir in der Bergpredigt des Matthäus und in der Feldrede des Lukas.
Dieser Stein fragt mich: Kennst Du nicht die Geschichte aus dem 8. Kapitel des Johannesevangeliums?

Textlesung

Zunächst einmal: Der Mensch sucht Sicherheit. Der Mensch liebt klare Linien.
Der Mensch will Gerechtigkeit durch Gleichbehandlung. Dagegen ist nichts einzuwenden.
Wir schaffen gerade ein Gesetz, um die Nichtraucherinnen und Nichtraucher vor den Raucherinnen und Rauchern zu schützen. Wie schwierig das ist, erkennt man schon daran, dass die Arbeitszeit sämtlicher Ministerpräsidenten an diese Frage gebunden ist und die Zeitungen seit Wochen voll davon sind, pro und contra und denkbare Ausnahmeregelungen darzulegen.

Und wenn eine Mutter ihr neugeborenes Kind in eine Plastiktüte steckt und es vom 20. Stock eines Hochhauses in die Tiefe wirft – können wir da tatenlos zusehen?

Gesetze sollen Menschen helfen. Strafen sollen Menschen voreinander schützen, Genugtuung verschaffen und bestenfalls zu Umkehr und Einsicht beitragen.
So sieht es unser Strafgesetzbuch vor.
Ich gehe davon aus, dass jede Umfrage diesbezüglich zeigen würde, dass die Menschen unser System richtig und gut finden. Sicherlich würden einige für eine Verschärfung plädieren.

Und was will eigentlich Jesus?
Jesus will das Herz der Menschen erreichen. Jesus will die Haltung des Menschen verändern. Jesus will Menschen, die aus inneren Überzeugungen heraus reden oder schweigen, handeln oder beobachten.
So richtig und wichtig es ist: Der Mensch braucht Regeln, Gesetze, Ordnungen und Grenzen, die ihm helfen, richtig und falsch zu unterscheiden und sein Gewissen zu bilden.

So richtig und wichtig ist es auch: Der Mensch braucht Ruhe und Stille, um sein Denken, Sprechen und Handeln zu hinterfragen – immer wieder neu. Der Mensch braucht andere Menschen, die ihm in Freundschaft und Liebe spiegeln, wo er schuldig wird und des Umdenkens und der Umkehr bedarf.
Der Mensch braucht keine Steinewerferinnen und Steinewerfer! Das ist die Botschaft Jesu.
Und wir nicken zustimmend. Doch wenn da jemand anders stehen würde, ein Terrorist zum Beispiel, wäre da nicht wieder sehr schnell der Stein in unserer Hand zu sehen? Darum bleibt die Antwort Jesu so aktuell wie je und je:

„Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“

Die Ankläger ließen ihre Steine fallen. Das ist das erste Wunder dieser Geschichte. Das zweite Wunder vollzieht sich in dem Gespräch Jesu mit der Frau.

Jesus spricht die Schuld klar und deutlich aus. Da gibt es nichts zu Drehen und zu Deuteln.
Schuld verdrängen führt zu Magengeschwüren, zu Herzattacken oder zu psychischen Erkrankungen. Schuld benennen, Schuld eingestehen ist der erste Schritt zur Freiheit.
Jesus mahnt zur Umkehr und lädt dazu ein. Er weist darauf hin:

„Mach nicht weiter so!
Lerne aus dem, was hinter Dir liegt!“

Das ist nicht leicht. Das wissen wir.
Darin liegt der tiefere Sinn, dass in jedem Gottesdienst Schuld beim Namen genannt, Zu- und Freispruch geschenkt werden. Also hüten wir uns  davor, Schuldbekenntnis, Beichte und Buße aus unserer Kirche verbannen zu wollen.
Darin liegt das Evangelium bis heute:
 „Du!“ – „Du!“ und „Du!“, die ihr jetzt Steine in den Händen haltet:

„Macht Euch frei von Eurem Hass! Macht Euch frei von der Kälte und der Härte und dem Gewicht der Steine!“

Wäre es nicht viel schöner, die Menschen würden Rücksicht aufeinander nehmen, ohne mit Strafe bedroht zu sein; auch die Raucherinnen und Raucher gegenüber den Nichtraucherinnen und Nichtrauchern?

Und glaubt denn ernsthaft jemand, die Mutter, die ihr Kind direkt nach der Geburt getötet hat, bräuchte Strafe, um zu bereuen und umzukehren?

Und bevor wir uns mit arrogantem Kopfschütteln  abwenden, fragen wir uns doch mal:
Wie oft schreien wir nach Gesetzen und Strafe? Wie oft haben wir den Stein in der Hand,
gegenüber anderen Menschen, aber auch gegenüber Institutionen und deren Vertreterinnen und Vertretern, wie der Kirche?

Wenn Du aufgebracht und wütend bist, so können wir Jesus sprechen hören:

wenn Du vollkommen davon überzeugt bist, im Recht zu sein, wenn Du gerade lospoltern willst, mit oder ohne Stein, geh in die Hocke, male ein Bild, laufe 1000 Meter, trinke eine Tasse Tee, schlafe eine Nacht und überdenke und urteile dann neu.
Wenn Du Dich schuldig fühlst, wenn Du Dich vor Dir selbst erschreckst, wenn Du Dich schämst, sprich aus, was Du Dir vorwirfst, suche das Gespräch mit einem Menschen, der Dich versteht.
Wenn Du traurig und mutlos bist, weil es wieder einmal nur guter Wille geblieben ist,
es dieses Mal anders zu machen, sei Dir der Zusage Gottes gewiss:
Ich verurteile Dich nicht! Ich gehe den Weg der Umkehr mit Dir,  mag er auch noch so schwer sein! Ich wünsche Dir SHALOM!
Amen.

Erstellt: 2.7.2007
Zuletzt aktualisiert: 31.3.2011 16:48 Uhr
Redakteur: Anders Grüning

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