Predigt "Es muss doch mehr im Leben geben"
Text: Jesaja 55, 1-3b
1 Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch!
2 Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist, und sauren Verdienst für das, was nicht satt macht? Hört doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch am Köstlichen laben.
3 Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir! Höret, so werdet ihr leben!
Liebe Gemeinde!
Wo wir auch gehen und stehen und sitzen, überall sind wir heutzutage von Werbung umgeben, von Reklame, und da gibt es kein Entrinnen: Ob es der Briefkasten ist, der überquillt von bunten Zettelchen mit allerneuesten Angeboten, Busse, Bahnen, ganze Straßenzüge zugepflastert sind mit Reklametafeln, keinen Film im Fernsehen können Sie heute ungestört ansehen, ohne Störung, die Ihnen Jacobs Krönung anempfiehlt oder den leichten Brotaufstrich oder den Staubsauger, die Bügeleisenstation etc., die Ihnen hilft erfolgreich ein kleines Familienunternehmen zu führen.
Wer immer heute auf sich aufmerksam machen will, wer an die Leute ran will, an ihr Herz, an ihr Interesse und oft genug vor allem an ihr Portemonnaie, der kommt um's Werbetrommel-Rühren nicht drum herum.
Und nun stellen Sie sich einmal vor, Sie sitzen vor dem Fernseher, und auf einmal, so zwischen ‚Rama macht das Frühstück gut' und der tollsten Tütensuppe aller Zeiten sehen Sie eine Werbung der besonderen Art:
Mutter, Vater und drei Kinder und die Oma noch dazu sitzen - leicht gelangweilt - um den sonntäglichen Frühstückstisch herum, eine gewisse Ödnis und Lahmheit ist nicht zu übersehen, es wird gegähnt hier und da, lustlos in der Kaffeetasse rumgerührt, muntere Tischgespräche wollen auch nicht aufkommen so früh am Morgen, aber da: mit Elan und Tatendrang springt ins Bild die freundliche Nachbarin von gegenüber und ruft: "Schluß mit den langweiligen Sonntagvormittagen bei lauwarmem Kaffee und Aufbackbrötchen! Es muss doch mehr im Leben geben! Wir empfehlen Ihnen die Krönung! Kommen Sie in unseren Gottesdienst! Kommen Sie zu Wein, Brot und Gesang, jede Woche neu, die zarteste Versuchung, seit es Sonntagvormittage gibt. Nichts ist unmöglich! Es muss doch mehr im Leben geben!"
Liebe Gemeinde,
es gibt ja wirklich mehr im Leben als Mercedes, Maggi oder Mc Donald's, und deshalb dürfen wohl auch Christenmenschen werbend eintreten für die Lebensmittel, die wir in Gottes Namen anzubieten haben.
Ganz in biblischer Tradition befinden wir uns, wenn wir also die Werbetrommel rühren für Gottes Lebensmittelangebote. Schon im Sonntagsevangelium haben Sie's gehört: Die Marktschreier für Gottes Festmahl werden an die Hecken und Zäune geschickt, um alles Volk einzuladen zum Festmahl der Freude. Christus selber macht sich zum Marktschreier aller Marktschreier im Wochenspruch, der Eigenwerbung ohnegleichen: "Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken!"
Und auch der Predigttext, der uns heute ans Herz gelegt ist, ist Gottes Werbeeinlage par excellence. Bei Jesaja lesen wir im 55. Kap.:
Textlesung
Kein Mensch lebt doch vom Brot allein, und sogar Kaviar allein macht noch lange nicht glücklich. Und doch werden an jeder Ecke Leute dazu verführt, genau das zu denken, zu verinnerlichen: dass man mit Geld alles kaufen kann.
Fängt bei den Kindern doch schon an, dass es lebenswichtig ist überlebenswichtig, die richtige Marke zu tragen, und dann bin ich wer und dann ist für mein Leben alles paletti und mein Dasein ein voller Erfolg!
Aber, liebe Gemeinde, das stimmt doch gar nicht! Wenn ich alle Schätze der Welt hätte und könnte mir alles kaufen und hätte der Liebe nicht, was wäre mir's nütze?
Was nützt mir das Kleid von Dior oder der Waschbrettbauch aus dem teuren Fitnessstudio? Kauft mich das los von Einsamkeit? Ist es das, was mich liebenswert macht und wirklich attraktiv als der, als die, die ich bin?
Das Wesentliche im Leben, das worauf es ankommt, ist das mit Geld zu haben?
Dass mich jemand liebt, kann ich nicht kaufen, Gemeinschaft, Zugehörigkeit, "Du, genau dich brauchen wir hier"... das ist Geschenk, für kein Geld der Welt zu haben. Gesegnet die Gemeinde, in der Menschen von diesem Geheimnis etwas erfahren können, von Hoffnung für mein Leben, von Sinn und Ziel, von Glück und Freude, die ich nicht durch Geld und Anstrengung erwerben kann.
Das Beste im Leben ist immer Geschenk, fällt mir plötzlich in den Schoß, unverdient und unberechenbar.
Und darum, liebe Gemeinde, unterscheidet die Geister und die Propheten und die Profite und die Lebensmittel, für die wir umworben werden. Gebt euch nicht zufrieden mit den kleinen Trösterchen und mit Ersatzseelenheil, mit Dingen, von denen man mir einredet:
Das muss ich haben, dann bin ich glücklich.
Sicherlich werden wir dem nicht entkommen, dass auf Schritt und Tritt und Tag für Tag die verschiedenen Mächte und Wirtschaftszweige um uns kämpfen, um unser Herz und unser Portemonnaie, mit vielen Versprechungen für ein erfüllte Leben, doch mittendrin in allem Marktgeschrei lässt Gottes Stimme sich auch vernehmen, wirbt auch um uns, lädt uns ein, umsonst und gratis, doch nicht als Billig-Angebot:
Kommt her zu mir, bei mir bist du wer, auch ohne Kleid von Dior, auch ohne Tasche von Gucci, bei mir bist du wer, auch wenn du nicht ganz so schlank, so jung-dynamisch, spritzig und erfolgreich bist wie all' die Supermänner und Superfrauen und Superfamilien in der Fernsehwerbung, nie mühselig, nie beladen und nie arbeitslos.
Weil es um mehr im Leben geht als um den kleinen Hunger zwischendurch, darum muss Gottes Einladung "Kommt her zu mir!" immer wieder laut werden, zu hören sein bis an die Hecken und Zäune.
Als Gemeinde sind wir gefragt, ob wir als Gottes Marktschreier/innen mittun, ob wir die Werbetrommel rühren als Leute, die wissen, wie es um die Herzen der Menschen bestellt ist.
Wir sind gefragt, ob auch unsere Gemeinde ein Ort sein kann, an dem Mühselige und Beladene erquickt werden, wo Lebenshungrige Lebens-Mittel zum Sattwerden finden können, ein Ort, an dem Neue und Fremde freundlich aufgenommen werden und an dem die Verschiedenen sein können, wer sie sind, sich und den anderen nichts vormachen müssen oder den angeblichen Idealfiguren der Reklametafeln hinterher hecheln.
"Neigt eure Ohren her," spricht Gott "und kommt her zu mir! Höret, so werdet ihr leben!" Auf dem Kirchentag hat mich der Friedensnobelpreisträger Muhammed Yunus beeindruckt.
"Ich habe eine Bank gegründet, ohne zu wissen wie das geht" So fing Muhammed Yunus seine Rede an und forderte: "Wir müssen das System ändern, denn der Same der Armut ist im System", das Banksystem muss geändert werden. Warum leihen traditionelle Banken kein Geld an Arme, an den Einzelnen? Yunus hat Menschen Geld geliehen, um eine eigene Existenz zu gründen. 30 Dollar. Zuerst war die Idee 50/50 an Frauen und Männer zu verleihen. Die Menschen haben damit Hühner gekauft und Eier produziert, und konnten so eine bescheidene Existenz aufbauen. Doch dann merkte Yunus, dass das Geld besser bei den Frauen angelegt ist, denn sie investierten das erwirtschaftete Geld weiter an ihre Familien, vor allem in die Ausbildung ihrer Kinder. Und so gelang es vielen, den Kreislauf der Armut zu durchbrechen. Kapital und Wissen. Dies war kein einfacher Prozess erzählt Yunus, es hat sechs Jahre lang gedauert bis die Frauen ihre Angst überwunden hatten. 1976 gründete Yunus die Grameen Bank.
Warum ich das erzähle?
Weil ich darin ein Beispiel sehe, wie Menschen nicht zu Almosenempfänger degradiert werden, sondern auch ohne materielle Basis als kreditwürdig angesehen und behandelt werden. Und das Experiment glückt, weil Menschen durch das in ihnen gesetzte Vertrauen sich auch als kreditwürdig erweisen.
Genauso sind wir in Gottes Augen trotz unseres Versagens und Unvermögens kreditwürdig,. Deshalb hört er nie auf, um uns zu werben: "Neigt eure Ohren her," spricht Gott "und kommt her zu mir! Höret, so werdet ihr leben!"
Was hindert uns, seinen Kredit anzunehmen und damit zu wirtschaften? Amen.
Liturgie
Wochenspruch:
Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. (Matthäus 11,28)
Kyrie
Wir bitten dich, barmherziger Gott,
dass du uns an diesem Morgen
dein Wort schenkst.
Schenke uns ein Wort des Glaubens, dass wir spüren:
du bist bei uns.
Schenke uns ein Wort der Liebe, dass wir erkennen:
wir sind für andere da.
Schenke uns ein Wort der Hoffnung, dass wir erleben:
wir sind einander Brüder und Schwestern.
Gott, erbarme dich ...
Zuspruch: Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit allem geistlichen Segen im Himmel durch Christus. (Epheser 1,3)
Kollektengebet
Barmherziger Gott, du hast uns dein Wort geschenkt.
Es lebt in uns. Dafür danken wir dir und wir bitten dich:
Lass uns dieses Wort des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung
mit der Welt teilen, auf dass dein Reich komme.
Das bitten wir im Namen Jesu Christi.
Fürbitten
Wo steht geschrieben,
barmherziger Gott,
dass die Welt so bleiben soll, wie sie ist?
Wo steht geschrieben,
dass die Armen bedürftig und die Kranken schwach,
die Traurigen trostlos
und die Verzweifelten niedergeschlagen bleiben sollen?
Wo steht geschrieben,
barmherziger Gott,
dass die Herrscher mächtig
und die Unterdrückten ohnmächtig,
die Gefangen unfrei
und die Obdachlosen heimatlos bleiben sollen?
Wo steht geschrieben,
barmherziger Gott,
dass die Welt unerlöst
und die Menschen verloren,
dass die Leiden beständig
und die Toten tot bleiben sollen?
Lehre uns,
barmherziger Gott,
nicht nur auf eine andere Welt zu hoffen,
sondern auch für sie zu arbeiten.