Predigt - Evangelium vom Gericht
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus Amen.
Liebe Gemeinde, mit dem Ablauf des Kirchenjahres geht es am heutigen Sonntag, dem vorletzten Sonntag im Kirchenjahr um die Frage: Wie stehen wir am Ende vor Gott da?
Am heutigen Sonntag und ebenso am kommenden Sonntag, dem Toten- und Ewigkeitssonntag, geht es um die Gedanken, angesichts unserer persönlichen Trauer beim Abschied von einem Menschen, ja, es geht um die Gedanken der Ewigkeit im Angesicht des Todes.
Doch heute, ein Sonntag vorher, geht es um unser Leben im Angesicht Gottes. Das Erstaunliche des heutigen Predigttextes, den wir eben im Evangelium hörten ist, dass dieses Gericht in der Gegenwart und nicht erst in ferner Zukunft stattfindet. Denn dort wird offenbar werden, was jetzt schon geschieht.
Alle Völker stehen vor dem Gnadengericht des königlichen Hirten. Er ist bereit zu vergeben und denen barmherzig zu sein, die barmherzig waren.
Die Kirche und die Welt stehen vor dem Gericht und nicht nur die, die den Richter kannten oder jene, die ihn scheinbar missachteten, weil sie ihn nicht kannten. Der Maßstab ist unser menschliches Verhalten. Alles entscheidet sich am Maß unseres sozialen Handelns.
Aber dieses mitmenschliche und soziale Handeln bringt das Gericht nicht in Gang und ist auch nicht das Gericht, das zwischen Böcken und Schafen scheidet, nein, es ist nur sein Ablauf. Wer dieses Gericht sichtbar macht, wer es in Gang bringt, das ist der Menschensohn.
Er ist der Bezugspunkt. An ihm scheidet sich unser mitmenschliches Handeln von unserem unmenschlichen Handeln an unseren Nächsten. In der Beziehung zu ihm wird unser menschliches Verhalten offenbar und endgültig.
In unserem heutigen Predigttext versuchte Jesus damals den Menschen immer wieder deutlich zu machen, wie das wohl sein wird, am Ende der Tage, vor Gott.
Und so hat Jesus in dem heutigen Gleichnis vom jüngsten Gericht ein Gleichnis benannt, welches uns darauf aufmerksam machen soll, dass das christliche Dasein nicht nur in einem religiösen Gefühl besteht, sondern dass das christliche Dasein sehr viel mehr ausmacht.
Es geht auch um die Umsetzung unserer religiösen Gefühle im Alltag unseres Lebens. Wobei dieser Gedanke für uns eigentlich ja selbstverständlich ist.
Denn wenn es darum geht, Menschen als Christen zu qualifizieren oder zu disqualifizieren, dann wird genau dieser Gedanke hervorgehoben, dass jemand nicht so handelt, wie wir es uns von einem Christen wünschen.
Oft genug hören wir den Satz: Und der will ein Christ sein. Ja, wenn jemand irgendetwas nicht getan hat, wie wir uns das wünschen oder wie wir uns das gerne selbst gewünscht hätten.
Jesus, er will nicht Menschen verurteilen. Der Predigttext beschreibt nicht, den Zustand wie es ist, sondern er will uns bewegen, über unser Leben nachzudenken und wenn es nötig ist auch zu verändern. Jesus, er schildert uns die so genannten Werke der Barmherzigkeit.
Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mir zu essen gegeben.Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mir zu trinken gegeben.
Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich aufgenommen.
Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich gekleidet.
Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht.
Ich bin im Gefängnis gewesen, und ihr seid zu mir gekommen.
Was beschreibt Jesus hier? Jesus beschreibt auf der einen Seite bestimmte Handlungsweisen von Menschen. Notsituationen von Menschen werden angesprochen, in denen diese Menschen Hilfe erhalten haben.
Hunger und Durst wurde gelöscht, einem Fremden wurde Aufenthalt gegeben, dem ohne Kleidung wurde Kleidung gegeben, der Kranke wurde besucht, der im Gefängnis wurde nicht alleingelassen.
Was ihr einem meiner geringsten Schwester und Bruder getan habt, das habt ihr mir getan.
Gottesbegegnung, liebe Gemeinde, geschieht dort, wo wir unseren Nächsten in seiner Menschlichkeit und seiner menschlichen Bedürftigkeit wirklich ganz nahe sind. Ja, wo wir unseren Nächsten mit seiner Not, mit dem, was ihn im innersten ausmacht, sehen, nahe sind und ihm darin helfen.
Macht eure Augen auf, sagt Jesus, und entdeckt den Durstigen in euerer Nachbarschaft. Entdeckt den, mit dem Durst nach wahrem Leben und Zufriedenheit.
Denn aufs Ganze gesehen fehlt um uns herum wohl weniger das Wasser für die Kehle, als das Wasser für die Seele. Entdeckt den, der durstig ist nach einem Gespräch, nach einem guten Wort oder einer lieben Geste.
Macht eure Augen auf, sagt Jesus. Wisst Ihr, wer in eurer Nachbarschaft krank ist? Wisst Ihr überhaupt voneinander? Und wenn Ihr von einem Kranken wisst, dann drückt euch nicht ihn zu besuchen.
Macht eure Augen auf, sagt Jesus, und entdeckt die Gefangenen in eurer Nachbarschaft. Die Menschen, die in sich selbst gefangen sind, abgeschlossen, einsam und zurückgezogen sind.
Das Evangelium vom Gericht, unser heutige Predigttext, liebe Gemeinde, ist auch zugleich die frohe Botschaft von der Rettung. Wo immer Menschen vor den gewaltigen Aufgaben der Zukunft nicht aufgeben, sondern das Tatsächliche an ihren Nächsten wagen, da ist der Herr lebendig und siegreich am Werk. Denn dieses wirkliche Tun der kleinen Schritte, das gilt ihm.
Was ihr einem meiner geringsten Schwester und Bruder getan habt, das habt ihr mir getan.
Wo immer Hunger gestillt wird, Verschlossenheit und Zurückgezogenheit aufgebrochen werden, Angst und Gefangensein beendet werden, wo Not gesehen wird sie zu beenden, wo der Mut hervor kriecht, jegliche Art der Bloßstellung zu unterbinden, wo die Einsamkeit gesprengt wird und Heimat gewährt ist, ja wo Sehnsucht nach befreitem Leben gewagt wird, liebe Gemeinde, da gilt die frohe Botschaft: „Ewiges Leben für die Gerechten, denn das habt ihr mir getan."
Die unterlassene Hilfe stellt Jesus als das eigentlich Böse hin. Nicht was wir gedacht, gewollt und geredet haben, zählt, wenn die Bilanz unseres Lebens gezogen wird, sondern das, was wir getan haben. Dann fallen nicht nur unsere Verfehlungen ins Gewicht, sondern auch unsere Versäumnisse.
Nicht nur die ausdrücklich böse Tat lässt uns an Christus vorbeigehen, sondern vor allem die unterlassene gute Tat. Jesus verpflichtet jeden von uns zum Tun der Barmherzigkeit.
Noch kann ein jeder und eine jede von uns diese Verpflichtung bejahen, wenn wir erkennen, dass Gottes Liebe auf unsere Menschenliebe zielt.
Noch hat Gott niemanden von uns aus seinem Reich ausgeschlossen. Seine Barmherzigkeit schließt die Vergebung ein, die uns barmherzig werden lässt.
Und trotz all unserer Defizite im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe können wir immer zu Christus kommen und dort neue Kraft schöpfen, neue Kraft zum Vertrauen, zum Mut und zur Barmherzigkeit.
Lassen wir uns von Jesus zu einem Leben für unsere Nächsten ermutigen, ja, für die Menschlichkeit und damit für Gott. Wenn wir in seinem Frieden wachsen, dann wird es uns auch leichter fallen, unsere Ohren und Herzen für unsere Nächsten zu öffnen, die uns brauchen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
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