Predigt - Evangelium
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus Amen.
Liebe Gemeinde, das Evangelium, unseren heutigen Predigttext, den wir eben hörten, den hören wir oft zur Taufe, ohne dass dieser näher erklärt wird. Immer wieder bin ich berührt, wie ehrlich doch die Heilige Schrift ist. Da wird nichts beschönigt. Da werden auch die schlechten Eigenschaften der Jünger Jesu nicht verschwiegen, denken wir nur an Petrus, der seinen Herrn dreimal verleugnete.
Aber wo ist hier, in unserem heutigen Predigttext, die besondere Ehrlichkeit der Schrift?
Als sie ihn sahen, warfen sie sich vor ihm nieder, doch einige hatten auch Zweifel. Stellen sie sich vor: Es geht um den Abschied von Jesus und es sind die Jünger, die er auf den Berg bestellt hat.
Abschied, liebe Gemeinde, ist oft mit Wehmut und Schmerz verbunden, manchmal sind auch Angst, Zweifel, Ratlosigkeit und Hoffnungslosigkeit vorhanden. Es fällt uns schwer, das Vertraute loszulassen, wir hängen daran fest.
Ich denke, für jeden Abschied sollten wir Vorbereitungen treffen, um uns den Übergang ins Neue zu erleichtern, aber welche?
Da ein jeder Lebensabschnitt langsam in den nächsten Lebensabschnitt übergeht, wird das Neue bei uns nicht unbemerkt bleiben. Unsere Gedanken, Beurteilungen und Lebenserfahrungen ändern sich, und wenn wir dies alles in geistiger Wachsamkeit erleben, dann treffen wir dabei die besten innerlichen Vorbereitungen für den Abschied.
Niemand von uns bleibt vom irdischen Abschied verschont, selbst wenn wir den irdischen Tod vorerst außer acht lassen.
Die Jünger, sie ahnen vielleicht noch nicht, dass der Auferstandene gleich vor ihren Augen in den Himmel aufgehoben wird, aber immerhin liegt doch Ostern schon hinter ihnen. Sie haben ihren Herrn am Kreuz sterben sehen, sie wissen, dass er wirklich tot war und er ist ihnen als der Auferstandene wieder begegnet.
Aber sie zweifeln!
Ich bin immer bei euch, jeden Tag, bis zum Ende der Welt. Aber stimmt denn das? Ist Jesus denn wirklich da?
Als Tage nach Jesu Tod die Frauen von seiner Auferstehung berichten, stoßen sie auf Zweifel. Als Jesus in Galiläa den elf Jüngern zum wiederholten Male erscheint, da zweifeln sie.
Der Zweifel an Ostern, der Zweifel an die Gegenwart des auferstandenen Herrn ist sicherlich ein Problem, mit welchem wir Christen von Anfang an zu kämpfen hatte. Die Auferstehung Jesu von den Toten können wir nicht beweisen. Seine heutige Gegenwart können wir naturwissenschaftlich nicht belegen.
Aus eigener Vernunft oder Kraft glaube ich, dass ich nicht an Jesus Christus glauben oder zu ihm kommen kann. So wie der auferstandene Jesus Christus dort in Galiläa die Zweifel seiner Jünger erst noch überwinden muss, so müssen auch unsere Zweifel überwunden werden.
Wir können uns weder die Auferstehung und die Gegenwart Jesu einreden noch sie beweisen. Deshalb hilft uns der Geist Gottes. Gottes Geist weckt den Glauben, aber Gottes Geist braucht auch unsere Unterstützung dazu.
Die Erfahrung von Gottes Gegenwart in dem Menschen Jesus Christus ist der Kern dessen, was wir Christen glauben und später in der Dogmatik der Trinität zu beschreiben versucht haben.
Diese Erfahrung geht an den Grund unserer Existenz. Sie ist für uns die Antwort auf eine andere Erfahrung. Wir sind als Menschen zutiefst darauf angelegt, in Gemeinschaft und in Liebe zu leben. Danach sehnt sich eine jede und jeder von uns.
Zugleich aber erfahren wir, dass wir immer wieder über das Trennende stolpern. Trennendes in uns selbst und einer Welt, in der immer wieder Menschen und ihre Interessen gegen einander ausgespielt werden.
Stellen wir uns doch mal vor, diese Hinweise auf die doch sehr menschlichen Dinge wie Angst, Zweifel, Versagen oder Hochmut würden alle nicht in den Berichten der Bibel stehen.
Einmal davon abgesehen, dass es ja nicht richtig wäre, die Wahrheit zu beschönigen, aber würde die Heilige Schrift da nicht viel von ihrer Menschlichkeit verlieren?
Und würde uns das noch so berühren, was uns über die Erfahrungen der biblischen Menschen mit Gott, mit Jesus Christus und dem Glauben erzählt wird, wenn dabei alle anstößigen Charakterzüge dieser Menschen, alle schlimmen Taten und bösen Beweggründe einfach ausgeklammert würden?
Mit ihren wachen und sehr aufmerksamen Augen sah sie mich lange an, als ich an ihrem Krankenbett stand. Es war ihr Geburtstag. Grund genug für mich, ihr etwas Ermutigendes zu sagen. „So Gott will und wir noch leben, bis zum nächsten Geburtstag!“ Damit meinte ich alle erforderlichen Auflagen erfüllt zu haben und an ihrem Krankenbett als Christ genug gesprochen zu haben.
Meine Mutter, sie schaute mich wieder an, diesmal noch etwas länger, ehe sie sehr still und dennoch verständlich hinzufügte: Ja, ja, so Gott will und wir leben und sofern Er bis zum nächsten Jahr nicht wiedergekommen ist.
So klar und so persönlich hatte ich diese Einschränkung, die hier zugleich eine unendlich tiefe Einsicht darstellt, niemals getroffen. So genau habe ich, der ich im Glaubensbekenntnis bete: „Von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten“, diese Möglichkeit überhaupt noch nicht bedacht.
Ein halbes Jahr später verstarb meine Mutter. Doch dieser eine Satz geht mir nach und manchmal hoffentlich nicht nur über die Lippen, sondern durchs Herz. Hier war nichts von Lebensüberdruss zu spüren. Sie machte nur mit diesem Satz ernst.
Und dann sage noch jemand, Menschen, egal welchen Alters wären für unsere Zeit entbehrlich. Ich kann und will das nicht wahrhaben. Für mich wurde ein 61jähriges Geburtstagskind zu jemandem, der mich nicht schockierte, sondern an die Wahrheit jenes Abschiedswortes Jesu tröstend erinnerte: Er bleibt bei uns.
Eben weil sein Himmel sich nicht überm Sternenzelt befindet, kann er das sagen. Er geht nicht fort, er verbirgt sich nur. Ja mehr: indem er in den Himmel, in die Verborgenheit Gottes geht, ist er noch viel stärker bei ihnen als vorher.
Wir können uns jetzt über die ganze Erde zerstreuen — er ist jetzt bei jedem einzelnen von uns, überall ist er gegenwärtig. Erst von seiner Erhöhung an gilt nun seine Zusage: „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen" (Matthäus 18, 20). Nie allein — das ist es.
Ein kleiner Junge, der sich allein nie über die Straße getraute, wagt es getrost an der Hand des Vaters. So gehen auch die Jünger über die Straßen der Welt — an der Hand des Vaters. Sie werden nicht unter die Räder kommen. Nie allein. Und auch was sie zu tragen haben, schleppen sie nie allein.
Eine alte jüdische Weisheit erzählt das Gleichnis von zwei gleichartigen Kisten, die zwei Lastträger zu schleppen hatten. In der einen befand sich, in Stroh gebettet, eine kleine Truhe mit Juwelen. Die andere war mit Eisengerät voll gepackt. Als der eine Lastträger schwer keuchend zum Empfänger, einem Juwelenhändler, kam, erkannte dieser gleich, dass die Kisten verwechselt worden sein mussten. „Wenn diese Kiste so schwer ist, dann ist es nicht die meine."
Und — so fährt die jüdische Weisheit fort — wenn wir einmal vor Gott uns schleppen werden, wird er gleich erkennen, ob wir seine Last tragen oder eine andere. „Wenn du müde wirst, hast du nicht mich im Sinne gehabt, — von meiner Ware wird man nicht müde."
Was Christus mir auferlegt, das macht mich nicht müde. „Mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht" (Matthäus 11, 30), weil wir sie nicht allein tragen und weil er bei uns ist und uns trägt. Das hat er seinen Jüngern versprochen, als er Abschied nahm. Das ist der Trost seines Abschieds.
Mit Jesus nennen wir Gott unseren Vater. Mit ihm sind wir einander Schwestern und Brüder. Gott hat diese Erlösung getan, indem er einer von uns wurde und die Sterblichkeit des Menschen selbst getragen hat. Mit ihm überwinden wir in immer neuen Anläufen das, was uns von einander und von Gott trennt.
Für uns bedeutet Glaube, sich einlassen auf das, was Jesus sagt. Seiner Botschaft Raum geben in unserem eigenen Leben und einzutreten in die Gemeinschaft mit Jesus Christus.
Unser Leben, liebe Gemeinde, hat in der Taufe die Richtung auf Gott hingenommen. Was an Christus geschah, das geschieht auch an uns
So wie Jesus nicht im Tod blieb, sondern auferweckt wurde, so gilt es für eine jede und jeden von uns, die wir getauft sind, nun anders zu leben als vorher.
Jesus gegenüber sind wir als Christen verpflichtet unser Leben auf ihn auszurichten und ihm dieses zu geben. Denn er ist für unsere Sünden eingesprungen. Wir sind frei!
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
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