Predigt "Von den falschen Hirten"

Gnade sei mit euch und Frieden von Gott, unserem Vater, und unserem Herren Jesus Christus.

 

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im 34. Kapitel des Propheten Hesekiel.

1 Und des HERRN Wort geschah zu mir:

2 Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden?

3 Aber ihr eßt das Fett und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemästete, aber die Schafe wollt ihr nicht weiden.

4 Das Schwache stärkt ihr nicht, und das Kranke heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht zurück und das Verlorene sucht ihr nicht; das Starke aber tretet ihr nieder mit Gewalt.

5 Und meine Schafe sind zerstreut, weil sie keinen Hirten haben, und sind allen wilden Tieren zum Fraß geworden und zerstreut.

6 Sie irren umher auf allen Bergen und auf allen hohen Hügeln und sind über das ganze Land zerstreut, und niemand ist da, der nach ihnen fragt oder auf sie achtet.

7 Darum hört, ihr Hirten, des HERRN Wort!

8 So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: weil meine Schafe zum Raub geworden sind und meine Herde zum Fraß für alle wilden Tiere, weil sie keinen Hirten hatten und meine Hirten nach meiner Herde nicht fragten, sondern die Hirten sich selbst weideten, aber meine Schafe nicht weideten,

9 darum, ihr Hirten, hört des HERRN Wort!

10 So spricht Gott der HERR: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; ich will ein Ende damit machen, daß sie Hirten sind, und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, daß sie sie nicht mehr fressen sollen.

 

Liebe Gemeinde,

 

harte Worte schlagen uns entgegen. Worte des Zorns und der Rache. Worte die mir heute aktueller vorkommen, denn je. Hier wird ein hartes Gericht angekündigt über die Hirten, die Führer des Volkes, die ihren Aufgaben nicht nachgekommen sind. Hirten, die sich nicht um ihre Schafe gesorgt haben, sondern nur an ihren Vorteil gedacht haben; Führer, die aus Eigennutz ihre Verantwortung für andere Vergessen haben.

Solche Hirten sind uns nicht fremd. Nein wir sehen sie jeden Tag im Fernsehen. Dabei unterscheide ich vier Gruppen von schlechten Hirten.

 

Manager

Als erstes fallen mir die Manager der großen Unternehmen ein. Die sich selbst Jahr für Jahr ihre eigenen Gehälter fleißig erhöhen und gleichzeitig versuchen, dass die Arbeit immer günstiger wird. So verdient der Chef der „Deutschen Bank“ Josef Ackermann über 10 Millionen Euro, seine Bank fährt dicke Milliarden Gewinne ein und trotzdem sollen 10.000 Stellen im Unternehmen gestrichen werden. Da fragt man sich doch: Haben die Manager in den Chefetagen ihrer Hochhäuser ganz den Bodenkontakt verloren? Haben diese Manager noch eine Ahnung, wie man das Wort Verantwortung schreibt? Haben sie eine Vorstellung, was Hesekiel heute in unserem Predigtext meint?

 

Politiker

Als zweites Beispiel fallen mir die Politiker, aller Parteien ein. Die Politiker sollen Verantwortung fürs ganze Übernehmen, sich der Sorgen und Nöte der Menschen annehmen und die Gesellschaft für die anstehenden Herausforderungen bereit machen. Doch das Bild, dass wir jeden Tag in den Nachrichten geboten bekommen ist ein anderes. Anstelle von fruchtbaren Diskussionen bekommen wir Parteien-Gezänk. Statt sich gemeinsam auf die Suche nach dem richtigen Weg zu machen, wird der „Wir sind dagegen“-Reflex fleißig trainiert. Egal mit welcher Idee eine beliebige Partei in die Diskussion geht, die Reaktion der anderen ist Ablehnung; immer mit dem Blick auf die nächsten Wahlen. Es wird versucht uns weiß zu machen, nur ihre Partei hätte die Lösungen für alle unsere Probleme. Für wie dumm halten uns eigentlich unsere Politiker, dass wir nicht auch eine gute Zusammenarbeit bei einer Wahl honorieren würden. Wo sind hier Hirten, die ihr Volk führen?

 

Kirchenvertreter

Aber schauen wir nicht nur auf die anderen, die Kritik Hesekiels trifft auch unsere Kirche. Wie lange schon beschäftigt sich die Kirche mit ihrem Geld, oder besser mit dem fehlenden Geld. Wo sind den auch hier die Menschen, die nicht ständig über das weniger werdende Geld jammern, sondern tatkräftig versuchen unsere Kirche nach vorne zu bringen; und das nicht, weil dann wieder mehr Geld in der Kasse klingelt, sondern weil das Evangelium, eine frohe Botschaft für alle Menschen ist. Oft scheinen sich die Männer und Frauen der Kirchen eher sorgen zu machen, dass die alten Traditionen gewahrt bleiben, als zu überlegen was sich ändern muss damit wieder ein frischer Wind durch die Kirche geht, der neu die Menschen von nahe und fern ergreift. „Welchem Interesse folgt ihr?“ fragt Hesekiel auch unsere Kirche. Steht ihr auf der Seite der Pharisäer, die schon damals alles so erhalten wollten wie es war und darum mit Jesus nicht leben konnten, oder stehen ihr auf der Seite der Jünger Jesu, die bereit sind mit Jesus neue Wege zu den Menschen zu gehen; mit alten Traditionen zu brechen, wenn sie nicht mehr Gott und den Menschen dienen.

 

Wir selbst

Drei Gruppen, auf die sich mit Recht schimpfen lässt, aber machen wir es uns nicht zu einfach. Wir haben selbst Anteil an dem System, was wir so gerne beklagen.

Als Kunden können wir entscheiden, welche Produkte wir kaufen und zu welcher Bank wir gehen. In einer Demokratie können wir der Partei unsere Stimme geben, die unseren Anliegen am besten vertritt. In der Kirche sind wir aufgerufen selbst mitzuarbeiten und so über ihren Weg mit zu bestimmen.

Oder sind am Ende wir selbst auch nicht viel besser als die Menschen, auf die wir nur zu gerne zeigen. Hier ein wenig Arbeit unter der Hand bezahlt, dort ein wenig bei der Steuererklärung geschwindelt. Auch wir führen unser Land und auch wir sind nicht ganz unschuldig, wenn es nicht so läuft, wie wir uns das vorstellen.

 

2. Teil des Textes

Doch wenn alle mehr oder weniger Versagen, wie soll es weitergehen. Wenn hier kein Evangelium, keine Gute Botschaft, gepredigt wird, warum stehe ich dann hier.

Hesekiel lässt unseren heutigen Text nicht so enden, es geht weiter und eröffnet damit einen neuen Horizont.

11 Denn so spricht Gott der HERR: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen.

12 Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war. ...

16 Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist.

31 Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott der HERR.

Gott der gute Hirte

Sie haben es wahrscheinlich schon geahnt. Da ist doch noch einer; da ist doch noch einer, der uns nicht im Stich lässt. So haben wir es doch im Konfirmanden-Unterricht gelernt und eben gebetet. „Gott ist der gute Hirte“ heißt es in Psalm 23. Auf ihn lohnt es sich sein ganz vertrauen zu setzen.

Schöne Worte, mag manch einer denken, schöne Worte, wenn man auf ein solches Vertrauen nicht angewiesen ist. Doch wo ist nun dieser Gott in all unseren Problemen? Wo ist seine Führung in schweren Zeiten? Wo sind heute die grünen Auen?

Der Gott der Bibel ist kein Manager- oder Politiker-Gott; der aus seiner Machtfülle alles Unrecht auf einmal ändert. Der Gott der Bibel ist kein Despot, der anderen seinen Willen aufzwingt. Der Gott der Bibel ist aber auch kein Kuschelgott, nur für die warmen Momente im Leben. Der Gott der Bibel ist ein Hirten-Gott, ein Gott der die schmutzigen und steinigen Wege unseres Lebens mitgeht. Er lässt uns unsere Weg selbst gehen, aber er lässt uns dabei nicht allein. Er zeigt uns wo es sich gut lagern lässt, was uns gut tut und was wir besser lassen sollten. Dabei ist er aber ein Hirte, der uns Freiheit gibt.

Wir werden von ihm nicht zu unserem Glück gezwungen. Wir werden von ihm nicht am Gängelband geführt. Uns verfolgen keine scharfen Hütehunde; Sondern wir können uns entscheiden ob wir diesen Hirten folgen wollen, oder ob wir uns selbst durchschlagen. Doch selbst wenn wir uns gegen ihn entschieden haben, sind wir ihm nicht egal. Dieser Hirte geht auch den verlorenen Schafen seiner Herde nach, sucht sie und freut sich über jedes, dass zurück kommt.

Und dass heißt für uns:

In dieser Welt, in der sicher nicht alles nach Gottes Plan läuft, bin ich nicht allein. Ich weiß Gott, der gute Hirte, kennt und sieht mich. Und dieses Vertrauen auf Gott macht mir Mut und macht mich stark aufzustehen und zu widerstehen, von neuem zu suchen nach meinem Weg.

Gott kennt als guter Hirte meine Stärken und Schwächen und lässt mich damit nicht allein, das entlastet mich und ermutigt mich, nicht nur über die anderen zu schimpfen sondern auch mich immer wieder selbst zu prüfen, mich zu hinterfragen.

Denn ich weiß, dieser gute Hirte geht auch dem Verlorenen in mir nach.

 

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und unsere Sinne in Christus Jesus.

Amen.

 

 

Erstellt: 21.4.2005
Zuletzt aktualisiert: 11.4.2010 11:10 Uhr