Predigt "Gelingendes Leben"
Text:1.Joh 2,12-17
12 Liebe Kinder, ich schreibe euch, dass euch die Sünden vergeben sind um seines Namens willen.
13 Ich schreibe euch Vätern; denn ihr kennt den, der von Anfang an ist. Ich schreibe euch jungen Männern; denn ihr habt den Bösen überwunden.
14 Ich habe euch Kindern geschrieben; denn ihr kennt den Vater. Ich habe euch Vätern geschrieben; denn ihr kennt den, der von Anfang an ist. Ich habe euch jungen Männern geschrieben; denn ihr seid stark, und das Wort Gottes bleibt in euch, und ihr habt den Bösen überwunden.
15 Habt nicht lieb die Welt noch was in der Welt ist. Wenn jemand die Welt lieb hat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters.
16 Denn alles, was in der Welt ist, des Fleisches Lust und der Augen Lust und hoffärtiges Leben, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt.
17 Und die Welt vergeht mit ihrer Lust; wer aber den Willen Gottes tut, der bleibt in Ewigkeit.
Liebe Gemeinde!
"Habt nicht lieb die Welt noch was in der Welt ist. Wenn jemand die Welt lieb hat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters."
Alles in mir will protestieren gegen diesen Satz! Natürlich liebe ich die Welt! Wie könnte ich auch anders? Schließlich lebe ich in ihr; und ich lebe gerne. Und außerdem: Gott hat sie doch geschaffen, die Welt. Warum sollte ich dann nicht die Welt und zugleich Gott lieben können?
Sollte der Liederdichter etwa irren, wenn er schreibt:
"Freuet euch der schönen Erde, denn sie ist wohl wert der Freud. O was hat für Herrlichkeiten unser Gott da ausgestreut..." (EG 510,1)
"Habt nicht lieb die Welt noch was in der Welt ist. Wenn jemand die Welt lieb hat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters."
Aus dieser Anweisung zogen Menschen schon immer ganz verschiedene Konsequenzen. In der frühen Kirche z.B. ließen sich Menschen erst auf dem Totenbett taufen; denn es war und ist gar nicht so einfach, der Welt und ihren Versuchungen fern zu bleiben. Andere wiederum zogen sich in die menschenleeren Wüsten zurück, lebten dort als Eremiten. Das Mönchtum zog sich hinter Klostermauern zurück. Doch das alles war keine praktikable Antwort auf die Frage, wie führe ich ein sündloses Leben.
Nun, wenn ich etwas genauer hinschaut; dann kann ich feststellen, dass es dem Verfasser des 1. Joh auch gar nicht um die völlige Ablehnung, Abkehr von der Welt geht - zum Glück. Schließlich hat er auch beschrieben, dass in dieser Welt - "bei euch" - bereits das wahre Licht leuchtet. Es kann also nicht alles schlecht sein in der Welt.
Wenn der Apostel dennoch herbe Kritik übt, dann übt er sie daran, wie wir unser Leben ausgerichtet haben. Deshalb schreibt er von "der Begierde des Fleisches und der Augen" und von "der Prahlerei mit dem Vermögen" - und es ist, als hätte er nicht das Leben vor 1900 Jahren vor Augen gehabt, sondern unsere Lebenswelt heute.
Da ist die "Begierde der Augen": Da wird täglich neu mittels Werbung versucht, immer wieder neue Begierden in uns zu wecken. Und wie oft lassen wir uns darauf ein: Wir sehen etwas, und wollen es unbedingt haben. Schon im Kindergartenalter fängt es an. Und das Konsumkarussell dreht sich immer schneller. Während früher so manches Kleidungsstück jahrzehntelang oder gar ein Leben lang diente, müssen heute jedes Jahr neue Klamotten her. Man muss ja mit der Mode gehen! Muss man? Auf jeden Fall kann man so zeigen, was man hat ("Prahlerei mit dem Vermögen")! Oder wenigstens so tun, als ob man es hätte - schließlich lässt sich heute alles auf Pump kaufen...
Und da ist die "Begierde des Fleisches": Frauen und auch Männer, die der ewigen Jugend hinterher rennen - im harmlosen Fall mit teuren und genauso nutzlosen Kosmetikartikeln. Im schlimmeren Fall lassen sie sich Gift ins Gesicht spritzen, mit dem zwar die Falten verschwinden, das aber zugleich die Gesichtsmuskeln lähmt. Das Gesicht wird zur Maske, in der kaum noch Mimik zu finden ist. Männer, die ihrer Potenz mit Viagra und anderen Mitteln nachhelfen wollen, und die damit hohe gesundheitliche Risiken bis hin zum Tod in Kauf nehmen. Models und Jugendliche, die sich mager hungern, bis fast nichts mehr von ihnen übrig ist, um einem Schönheitsideal zu entsprechen, das fern jeder gesunder Realität liegt. SportlerInnen, die ihrem Körper zu mehr Leistung verhelfen wollen, als das Training ehrlicherweise hergibt. Immer wieder werden Dopingfälle bekannt - der Radsport steht dabei seit einiger Zeit besonders im Fokus - wo Athleten auf ungerechte Weise ihre Konkurrenz hinter sich gelassen haben.
Bei ihrer Jagd nach so vergänglichem Gut wie Jugend und Leistung bleiben ihnen allen letztlich nur Masken, hinter denen ihr wahres Ich, ihr wahres Aussehen und Sein verschwindet. Und sie bezahlen unendlich viel für all das, was keinen Bestand hat und am Ende bedeutungslos ist.
Vor solchem Festklammern an Konsumgütern und Idealen, die keinen dauerhaften Halt bieten will uns der Verfasser des 1. Joh bewahren. Stattdessen will er unser Augenmerk auf das richten, was wirklich Bestand hat und was uns ein Stück Ewigkeit schenkt:
Das Wort Gottes. Gottes Gebot war von Beginn an in der Welt. Und es ist bis heute aktuell - uralt und brandneu zugleich. Und dieses Gebot wird auch gleich auf den Punkt gebracht - in unserem Predigttext wie auch im ganzen 1. Joh. Es geht um das Liebesgebot, das Sch'ma Jisra'el, das auch Jesus als das höchste Gebot zitiert hat: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, mit all deinem Leben und mit all deiner Kraft; und deinen Nächsten wie dich selbst (vgl. Lk 10,27).
Gott hat mit der Schöpfung seine Liebe in die Welt gelegt - wer schon einmal künstlerisch tätig war, kann diese Liebe zu seinem Werk nachvollziehen. Und Gott hat seine Liebe zu seiner Schöpfung immer wieder neu bezeugt: in seiner Treue zu seinem Volk Israel, und in Jesus.
Und es war Martin Luther, der bei dem Apostel Paulus die Erkenntnis wieder entdeckte, dass der Mensch aus eigner Kraft heraus gar nichts erreichen kann. Vielmehr ist er allein auf die Gnade Gottes angewiesen.
Von dieser unbedingten Liebe Gottes dürfen wir uns jederzeit getragen und begleitet wissen, eine Liebe, wie Eltern sie ihren Kindern entgegenbringen, weshalb wir Gott auch "Vater" nennen. Und zugleich ist diese Liebe Richtschnur unseres Lebens. Ob wir unseren "Bruder lieben", so heißt es im V. 10, daran entscheidet sich, ob wir im Licht wandeln bzw., wenn wir das Gegenteil tun, nämlich den Bruder hassen, so stecken wir noch in der Finsternis, so tief, dass sie uns sogar blind macht wie einen Maulwurf. Und das gilt für alle Generationen: für die Jungen Leute wie für die Alten und auch für die Kinder.
Wir dürfen die Welt also doch lieben! Aber wir sollen dabei nicht irgendwelchen vergänglichen Trugbildern aufsitzen und irgendwelchen Konsumgütern oder Idealen hinterher rennen, sondern uns auf das besinnen, was überhaupt erst Leben ermöglicht: die Liebe Gottes, der die Gebote zu einem guten, menschlichen Zusammenleben entspringen.
Das bedeutet nicht, dass wir im Leben nichts mehr genießen, dass wir auf jedes Vergnügen verzichten, uns nicht mehr an den Dingen des Lebens freuen sollen. Aber wir sollen die Dinge ins rechte Licht rücken, in ihnen erkennen, was sie sind: ein vergängliches Gut nämlich.
Noch mal der Liederdichter:
"Und doch ist sie seiner Füße reich geschmückter Schemel nur, ist nur eine schön begabte,wunderreiche Kreatur..." (EG 510,2)
Ewigkeit leuchtet in ihnen nur auf, wo durch uns Menschen die Liebe Gottes erkennbar wird.
Beim Umzug sind mir viele Sachen wieder in der Hand gefallen, die für Außenstehende keinen Wert haben und deshalb mir rieten: Wirf es einfach weg! Oder ein wenig zurückhaltender: Muss Du das unbedingt behalten? Manchmal bin ich ihrem Rat gefolgt. Doch es gibt auch Dinge –so unscheinbar sie in den Augen anderer sind-, die mir unendlich wichtig und wertvoll sind, weil sie mir mit Liebe geschenkt worden sind. Die Kostbarkeit, die Ewigkeit, liegt nämlich nicht in der Sache, sondern in der Liebe, mit der wir sie erhalten.
Aus dieser Liebe heraus kann ich jeden Tag neu leben. Aus ihr heraus darf ich mein Leben gestalten. Das wie nimmt mir niemand ab. Doch es gibt Leitfaden für gelingendes Gestalten. Mit den Worten des Apostel Johannes gesagt:
"Und die Welt vergeht mit ihrer Lust; wer aber den Willen Gottes tut, der bleibt in Ewigkeit." Amen.
Liturgie
Wochenspruch: Bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte.
Psalm 143 /EG760
Kyrie
Gott, immer wieder lassen wir uns fesseln von der Kurzlebigkeit unserer Welt. Wir laufen unserem Glück hinterher, lassen uns kurzfristigen Spaß eine Menge kosten. Mode, Technik, Freizeitaktivitäten ...
Dabei ist so vieles, was heute noch brandneu ist, morgen schon alt und überholt. Und so sind wir immer wieder auf der Suche nach Neuem, Besserem.
Unersättlich wollen wir immer mehr. Wir wollen den anderen in nichts nachstehen, lieber noch besser sein. Wir wollen dazugehören, zu denen, die "in" sind, zu denen, die zu wissen scheinen, wo es im Leben lang geht. Und dabei verlieren wir uns selbst und dich, Gott.
Zuspruch:
So spricht Gott, der Herr: Du hast mir Arbeit gemacht mit deinen Sünden und hast mir Mühe gemacht mit deinen Missetaten. Ich, ich tilge deine Übertretungen um meinetwillen und gedenke deiner Sünden nicht. (Jesaja 43,24b-25)
Kollektengebet
Gott, immer wieder machen wir uns in unserem Leben abhängig.
Doch längst nicht alles ist diese Abhängigkeit wert.
Bei genauerem Hinsehen merken wir, dass wir längst nicht alles brauchen: dass wir auf so manches gut verzichten können, und dass anderes uns sogar schadet.
Gott, du weißt, was wir wirklich brauchen. Hilf uns, das Unnötige loszulassen; zeige uns, was uns zu einem erfüllten Leben verhilft, worauf es wirklich ankommt.
Wo wir dich aus dem Blick verlieren, öffne du unsere Augen
und führe uns auf deinen Weg, deinem Reich entgegen.
Fürbitten
Gott,
erleuchte du unsere Dunkelheit! Mach uns sehend füreinander,
dass wir einander annehmen können und füreinander da sind,
bei aller Verschiedenheit, die unter uns Geschwistern herrscht.
Gott,
erleuchte du unsere Dunkelheit! Mach uns sehend für unsere Familien, dass wir nicht miteinander streiten, sondern versuchen, einander zu verstehen, dass wir auch gemeinsam lachen, weinen, froh und traurig sein können.
Gott,
erleuchte du unsere Dunkelheit! Mach uns sehend für die Menschen, denen wir in unserem Alltag begegnen, dass wir nicht achtlos aneinander vorbeigehen, sondern uns interessieren für das, was sie bewegt, dass wir merken, wenn ihnen etwas fehlt.
Gott,
erleuchte du unsere Dunkelheit! Mach uns sehend für die,
die am Rande unserer Gesellschaft leben, dass wir nicht auf sie herabsehen, sondern fragen, warum sie dort sind, und nicht müde werden, auf die Unbarmherzigkeit unserer Gesellschaft hinzuweisen.
Gott,
erleuchte du unsere Dunkelheit! Mach uns sehend für die Menschen, die uns sehr fern sind, dass wir nicht übersehen,
was rechts und links jenseits unserer Grenzen geschieht,
und versuchen, auch den "fernen Geschwistern" Solidarität zu zeigen.