Predigt "Glaubenswächter"

Text: Jesaja 62, 6-12

Liebe Gemeinde!

Die Aufgabe eines Wächters ist klar: In frührer Zeit hieß das, er soll Ausschau nach Feinden halten und eine Stadt vor Eindringlingen warnen, eventuell auch Vorkehrungen treffen, um mögliche Überfälle schon im Vorfeld zu verhindern. Er ist für die Verteidigung der Stadt zuständig. Ohne ihn könnten die Bewohner nicht ruhig schlafen oder unbesorgt ihren alltäglichen Geschäften nachgehen. Der Wächter auf der Stadtmauer gibt das gute Gefühl, in Sicherheit zu sein.
Solche Wächter haben seit dem 11. September 2001 Hochkonjunktur.

Zuletzt konnte man sich in England davon überzeugen. Dort haben sie allem Anschein nach einen Terroranschlag verhindert, der vielen Menschen das Leben gekostet hätte. Anders als zu früheren Zeiten marschieren moderne Wächter nicht auf Stadtmauern herum. Sie haben sich den Gegebenheiten angepasst und arbeiten im Verborgenen. Innere Sicherheit heißt ihr Ziel und sie verfolgen es, in dem sie Angriffe von außen erst gar nicht zulassen. Nicht die Verteidigung ist ihre Aufgabe, sondern die Prävention.

Von einer ganz anderen Aufgabe der Wächter ist in unserem Predigttext die Rede.

6 O Jerusalem, ich habe Wächter über deine Mauern bestellt, die den ganzen Tag und die ganze Nacht nicht mehr schweigen sollen. Die ihr den HERRN erinnern sollt, ohne euch Ruhe zu gönnen,
7 lasst ihm keine Ruhe, bis er Jerusalem wieder aufrichte und es setze zum Lobpreis auf Erden!
8 Der HERR hat geschworen bei seiner Rechten und bei seinem starken Arm: Ich will dein Getreide nicht mehr deinen Feinden zu essen geben noch deinen Wein, mit dem du soviel Arbeit hattest, die Fremden trinken lassen,
9 sondern die es einsammeln, sollen's auch essen und den HERRN rühmen, und die ihn einbringen, sollen ihn trinken in den Vorhöfen meines Heiligtums.
10 Gehet ein, gehet ein durch die Tore! Bereitet dem Volk den Weg! Machet Bahn, machet Bahn, räumt die Steine hinweg! Richtet ein Zeichen auf für die Völker!
11 Siehe, der HERR lässt es hören bis an die Enden der Erde: Saget der Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt! Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her!
12 Man wird sie nennen »Heiliges Volk«, »Erlöste des HERRN«, und dich wird man nennen »Gesuchte« und »Nicht mehr verlassene Stadt«.

Ihr Auftrag lautet nicht, Jerusalem zu bewachen, jedenfalls nicht im herkömmlichen Sinn. Die Wächter Jerusalems sollen vielmehr etwas wach halten - nämlich die Erinnerung an das Versprechen Gottes, Jerusalem zum Platz des irdischen Friedens für alle Völker zu machen. Ihr Wächteramt richtet sich also nicht nach außen, sondern nach innen - zu Gott und mit ihm zum eigenen Volk.

Es hat in der Geschichte Gottes mit den Menschen immer wieder solche Wächter gegeben, die das Rufen nicht gelassen haben. Im Alten Testament waren es vor allem die Propheten, die sich dieser Aufgabe widmeten. Wir Evangelischen schauen auf Luther, den Augustinermönch, der mit seinen 95 Thesen an die Öffentlichkeit gegangen ist. Auch dieser Ruf richtete sich an seine eigene Kirche! Und er erinnerte sie an ihren eigentlichen Auftrag: den Menschen einen gnädigen Gott zu predigen. Auch damals hatten viele Menschen - wie Luther auch - Angst. Doch fürchtete man sich damals weniger vor dem Gott anderer Religionen. Vor dem eigenen Gott hatte man Angst! Und davon wollte Martin Luther sich selbst und seine Zeitgenossen befreien.

Es war nicht seine Absicht gewesen, damit eine Kirchenspaltung zu betreiben. Ihm ging es um eine Reformation seiner römisch-katholischen Papstkirche, nicht mehr aber auch nicht weniger. Eine Lehre, die die evangelischen Kirchen daraus gezogen haben, war ein Anspruch, den sie sich selbst zumuteten: ecclesia semper reformanda est - die Kirche muss sich selbst immer wieder reformieren. Sie darf nicht still stehen, nicht in feste Strukturen erstarren und nur Traditionspflege betreiben. Zum protestantischen Verständnis von Kirche gehört es, dass sie sich selbst und wie sie ihrer eigentlichen Aufgabe, einen gnädigen Gott zu predigen, nachkommt, immer wieder in Frage stellt.

Natürlich hat das auch nach außen hin Auswirkungen. 1934, unter der Herrschaft des Hitlerregimes, hatten sich Kirchenvertreter in Wuppertal-Barmen getroffen und sich an diesen Auftrag erinnern lassen. Sie formulierten in der so genannten Theologischen Erklärung von Barmen ein Wächteramt der Kirche gegenüber dem Staat. In These V heißt es: Die Kirche "erinnert an Gottes Reich, an Gottes Gebot und Gerechtigkeit und damit an die Verantwortung der Regierenden und Regierten. Sie vertraut und gehorcht der Kraft des Wortes, durch das Gott alle Dinge trägt." Auch dies war weniger ein Ruf gegen den Staat - das auch -, als vielmehr der Versuch, die eigenen Pfarrer und Gemeindeglieder gegen eine zu große Anbiederung an den Führer Hitler wachzurütteln. "Wir verwerfen die falsche Lehre“, so heißt es nämlich weiter, "als solle und könne der Staat ... die einzige und totale Ordnung menschlichen Lebens werden und also auch die Bestimmung der Kirche füllen."

Die Bekennende Kirche setzte sich darin mit den gleichgeschalteten und führertreuen Deutschen Christen auseinander, die damals in vielen Gemeinden die Mehrheit in den Presbyterien erlangten. Leider, wie die Geschichte zeigt - hatte dieser Aufruf wenig Erfolg. Aber immerhin, es war ein Versuch...
Ich frage mich, welcher Ruf heute laut werden müsste, um dem Wächteramt der Kirche, der ihr aufgetragen ist, zu entsprechen. Ich möchte darum heute daran erinnern, dass wir alle dafür verantwortlich sind, den Festplatz herzurichten.
In unserem Predigttext ist Jerusalem dieser Festplatz. Hierhin ziehen die Völker und dürfen sich "Erlöste des Herrn" nennen.

Es ist schon traurig, in welch jämmerlichen Zustand sich heute diese Stadt und das Land, das sie repräsentiert, befindet. Der Platz des irdischen Friedens ist ein Ort des Krieges und des Terrors. Ehrlich gesagt: Mich interessiert es nicht mehr, wer wann die erste Bombe geworfen hat, welches Haus aus welchen Gründen niedergerissen und welches Land wann und von wem besetzt wurde. Mir tut es einfach besonders weh, wenn ich sehe, wie die Bewohner einer so verheißungsvollen Stadt dem Terror ausgeliefert sind und religiöse Überzeugungen missbraucht werden, um anderen ihre Daseinsberechtigung abzusprechen und sie entsprechend zu behandeln.

Papst Johannes-Paul II. hatte vor einigen Jahren einmal bei einem Treffen mit dem damaligen Palästinenserpräsidenten Arafat gefordert, Jerusalem einen internationalen Status zu verleihen. Sie sollte die Hauptstadt der drei großen monotheistischen Religionen werden. Ich weiß nicht, ob das zu dieser Zeit geboten ist und richtig wäre - aber ich sehe, dass es so wie bisher nicht weitergehen darf. Denn ich lese aus unserem Predigttext, dass Gott mit diesem Ort stets etwas anderes vorhatte. Vielleicht ist es ja tatsächlich so, wie manche Politiker, Soziologen und Friedensforscher sagen: ohne Frieden in Jerusalem gibt es keinen Frieden in der Welt.

So fordert uns der Predigttext an diesem besonderen Sonntag auf, wach zu bleiben für die Verheißungen, die Gott seinem Volk und dieser Stadt und damit allen Völkern und dieser Welt versprochen hat. Daraufhin leben und miteinander umgehen und ihn im Gebet daran zu erinnern dient der Sicherheit in der Welt vielleicht ja mehr, als CIA, MI6, BND, FBI und ähnliche Organisationen jemals garantieren können. Es wäre schön, wenn wir solche Wächter nicht mehr nötig hätten.

Vielmehr brauchen wir Wächter, die das Evangelium immer wieder neu sagen. Wenn heute in diesem Gottesdienst NN getauft wird, dann ist das nicht nur ein einmaliger Akt des Zuspruches unseres Gottes.

„Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“
(Jes.43,1)

Dann ist es zugleich eine Aufforderung an uns als Gemeinde sowie an jeden Einzelnen und jede Einzelne, darüber zu wachen, dass diese Botschaft im Leben des Kindes nicht verloren geht, ja immer wieder Gehör findet. Denn die Taufe ist das Fest der Namensgebung.

Nun gibt es zwei Arten von Namen. Den Indianernamen und den Taufnamen. Den Indianernamen bekomme ich, wenn ich mich namhaft gemacht habe. Wenn ich also scharf spähen gelernt habe, nennt man mich Adlerauge. Wenn ich schnell laufen gelernt habe, springender Hirsch. Der Indianername ist ein schöner Namen, weil er die Stärken des Menschen ehrt. Aber wehe wenn es nur den gibt. Wehe, wenn man nur erkannt wird, wenn man sich selber kenntlich gemacht hat. Wehe, wenn man nur angesehen wird, wen man sich selber ansehnlich gemacht hat.

In einer solchen Gesellschaft könnte man kein Kind sein, nicht alter Mensch, nicht Kranker, nicht Behinderter und nicht Sterbender. Das Schönste, was uns der biblische Glaube lehrt, ist die Überzeugung, dass wir nicht sind, weil wir uns verdient haben. Wir sind, weil wir schon vor aller eigenen Liebenswürdigkeit geliebt sind. Unser Name ist schon in die Hand Gottes geschrieben, ehe wir uns namhaft gemacht haben. Die Taufe macht es zeichenhaft klar: Ehe wir uns den Indianernamen verdient haben, sind wir mit dem Namen der Liebe gerufen. Darum taufen wir Kinder nicht in Zwangssysteme von Kirche und Glauben. Wir taufen sie in die große Freiheit und Güte, von der aus sie erst fähig werden, ihre Wege zu gehen. Dass dieses Geschenk nicht verloren geht, darum ist es wichtig Wächter zu haben, die Gott und sein Volk daran erinnern. Amen.

Liturgie

Wochenspruch:
Wohl dem Volk, dessen Gott der HERR ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat! (Psalm 33,12)

Kyrie
Vater im Himmel,
wir kommen zu dir
und suchen Frieden
in einer Welt,
die voller Krieg ist.
Wir kommen zu dir
und suchen Ruhe
in einer Zeit,
die angefüllt ist mit Hektik.
Wir kommen zu dir
und suchen nach Worten,
die uns trösten.
Wir kommen zu dir
und suchen nach Liebe,
die wärmt.
Wir kommen zu dir,
und bitten um deinen Segen,
der uns stärkt.
KYRIE ELEISON ...

Zuspruch:
Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der HERR, dein Erbarmer. (Jesaja 54,10)
Kollektengebet
Vater im Himmel,
wir sind hier
und finden Frieden und Ruhe,
Trost und Liebe,
weil du uns segnest
mit deinem guten Wort.
Lass uns dir dafür danken,
indem wir an andere weitergeben,
was wir von dir empfangen.
 
Fürbitten
Vater im Himmel,
an diesem Sonntag bitten wir dich besonders
für Israel-Palästina, Libanon und den ganzen Nahen Osten:
Die Waffen sollen endlich schweigen,
die Militärmaschinen zum Stehen kommen
und die Soldaten in ihre Kasernen zurückkehren.
Du hast versprochen,
dass Jerusalem einst Friedensstadt genannt wird.
Viele Menschen sehnen sich danach,
dass deine Verheißung endlich wahr wird.
So komm und segne diese Stadt und dieses Land,
auf dass Friede werde.
Wir bitten dich für deine Kirche,
dass sie wach bleibt für ihren Auftrag,
den Menschen dein Evangelium zu verkünden.
In ihr wollen wir uns daran erinnern,
dass du unser Gott bist, unser Schöpfer und Vater,
der unser Leben hält und mit Liebe segnet.
Wir bitten dich für die Menschen,
die unsere Unterstützung brauchen:
für die Kranken und Einsamen,
für die Flüchtenden und Obdachlosen,
für die Hungernden und Verzweifelten,
für die Suchenden und Rastlosen,
für die Unerwünschten und Außenseiter,
für die Fremden und Lebensmüden.
Sie alle sollen deinen Segen zu spüren bekommen.
Wir bitten dich für deine Schöpfung,
unsere Erde, dass sie von uns die Aufmerksamkeit und Beachtung erhalte,
die nötig ist, um sie für die kommenden Generationen zu bewahren.

 

Erstellt: 10.9.2006
Zuletzt aktualisiert: 11.4.2010 12:14 Uhr