Predigt "Gott gibt uns Anteil an seinem Leben"

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde, in unserem Leben sind uns viele Dinge so wichtig geworden, dass wir keine Zeit mehr haben, über diese gründlich nachzudenken. Zu diesen vielen Dingen gehört auch, so denke ich, unser Leben.
Wenn wir es versäumt haben, über unser Leben nachzudenken, dann hat das für uns verheerende Folgen. Es ist dann so, als würden wir an einer Reise teilnehmen, ohne zu wissen, wo die Fahrt hin geht.
Eine Fahrt ins Blaue kann sehr reizvoll sein, aber wir alle wissen, dass unser Leben nicht nur ein Ausflug zum Vergnügen ist. Manchmal packt uns das Leben sehr hart an.
Wenn wir nicht gründlich über unser Leben nachdenken, droht uns ein schlimmes Ende. Und wenn wir gar unmittelbar mit dem Tod konfrontiert werden, dann machen wir uns keinerlei Gedanken, warum wir überhaupt gelebt haben.

Unmittelbar nach der Scheidung hat ein 35-Jähriger in Garching bei München seine Ex-Frau vor den Augen des gemeinsamen fünfjährigen Sohnes getötet.

Der Mann stach die 24-Jährige auf offener Straße nieder und zündete sie an. Das Opfer starb wenig später im Krankenhaus.

In Österreich hat ein Mann vier seiner Töchter getötet und sich bei der anschließenden Flucht vor der Polizei selbst das Leben genommen. Seine Frau entging nach Angaben der Polizei knapp dem Tod.

Warum ausgerechnet diese vier Kinder? Warum tut ein Mensch überhaupt so etwas? Diese Kinder hatten doch noch ihr ganzes Leben vor sich. Warum hat Gott zugelassen, dass diese unschuldigen Kinder auf so brutale Weise umgebracht worden sind?

Ein zwölfjähriges Mädchen ist von einem jungen Mann aus ihrer Nachbarschaft erst vergewaltigt und dann ermordet worden. Für die Öffentlichkeit war es ein Fall unter vielen, der Empörung hervorrief.

Jedoch für die Eltern und ebenso für die Geschwister des Mädchens, sowie für die Großeltern und ebenso für ihre Mitschüler, ihre Lehrer war es der sinnlose und schreckliche Tod eines Menschen, der einen Platz in ihrer Mitte hatte.

Warum ausgerechnet sie, warum tut ein Mensch überhaupt so etwas? Sie hatte doch noch ihr ganzes Leben vor sich. Warum hat Gott zugelassen, dass ein unschuldiges Kind auf so brutale Weise umgebracht worden ist? Was hätten wir tun können, um das zu verhindern? Haben wir genug aufgepasst?

Immer wieder werden wir mit dem Tod konfrontiert. Die Todesanzeigen in den Zeitungen, Fernsehen und Radio bringen uns fast täglich Nachrichten darüber ins Haus, dass der Tod wieder in unserer Nähe oder irgendwo in der Welt reiche Ernte gehalten hat.

Wir denken an Menschen, die durch einen Unfall mitten aus dem Leben gerissen wurden, an junge Leute, die durch eine schwere Krankheit innerhalb von wenigen Wochen starben oder auch an Menschen, die sich aus Verzweiflung das Leben nahmen.

Der Tod, der qualvolle gewaltsame Tod hat ein hässliches Gesicht. Die niedergemetzelten Männer, Frauen und Kinder im Irak und in anderen Kriegsgebieten, sind Gewaltakte, über die Menschen zu Recht untröstlich sind.

Was uns der Prophet Hiob hierzu zu sagen hat hören wir jetzt in unserem Predigttext.

Hiob 14,1 - 6
1 Was ist der Mensch, von einer Frau geboren? Sein Leben ist nur kurz, doch voller Unrast.
2 Wie eine Blume blüht er und verwelkt, so wie ein Schatten ist er plötzlich fort.
3 Und trotzdem lässt du ihn nicht aus den Augen, du ziehst ihn vor Gericht, verurteilst ihn!
4 Du musst doch wissen, dass er unrein ist, dass niemals etwas Reines von ihm ausgeht!
5 Im voraus setzt du fest, wie alt er wird, auf Tag und Monat hast du es beschlossen. Du selbst bestimmst die Grenzen seines Lebens,er kann und darf sie niemals überschreiten.
6 Darum blick weg von ihm, lass ihn in Ruhe,und gönne ihm sein bisschen Lebensfreude!

Trostlosigkeit unendlicher Tiefe spricht aus diesen Worten. Gedanken, die uns vielleicht auch überfallen, wenn wir an einem trüben Novembertag über den Friedhof gehen.

Dann denken wir an Menschen, die durch einen Unfall mitten aus dem Leben gerissen wurden. Oder wir denken an junge Leute, die durch schwere Krankheit in den letzten Wochen verstarben oder an die Menschen, die sich aus Verzweiflung das Leben nahmen.

Wie gehen wir mit unseren Todesgedanken, mit unseren Ängsten und den vielen ungelösten Fragen um? Lassen wir sie zu oder verdrängen wir sie?

Denken wir an die vielen Leidenden in den Gaskammern von Auschwitz, Buchenwald oder Birkenau?

Denken wir an die vielen Leidenden, die sinnlos im 2. Weltkrieg an den Fronten sterben mussten?

Denken wir an die vielen Leidenden in der Hölle vom Irak in jüngster Zeit?

Die Kette des Grauens ist ungezählt, ja sie ist endlos. Und dennoch stellt sich uns immer wieder die Frage nach Gott.

Wo ist Gott im Leid? Wann stand Gott den unschuldigen Opfern bei?

Liebe Gemeinde, diese Spannung, zwischen dem liebenden Gott, der in Jesus Christus, dem fleischgewordenem Wort, offenbar wurde und dem verborgenen Gott in der Welt des Leids, ist für uns sehr schwer erträglich.

Denn der wohlwollende Gott, der über uns Menschen und seine Schöpfung wacht, er lehrt uns doch, dass wir ihm angesichts des furchtbaren Leids und der Ungerechtigkeiten auf der Welt, habhaft werden können.

So frage ich mich, liebe Gemeinde, ist nicht durch den leidenden Christus am Kreuz uns der verborgene Gott vor Augen geführt?

Jesus Christus selbst erfährt am Kreuz in seinem Leiden und Sterben die Abwesenheit Gottes. Schweres Unrecht und schreckliche Qualen erlitt der Sohn Gottes am Kreuz.

Sein Schrei:

„Mein Gott, mein Gott warum hast du mich verlassen?“
(Mt. 27,46b)

ist inhaltlich mit der verzweifelten Frage Hiobs: „Was ist der Mensch, von einer Frau geboren?“ und hunderttausender Leidender auf dieser Erde gleich zu setzen.

Ist das alles? Wo bleibt nun der Trost? Hiob wurde nicht getröstet. Trösten kann nicht heißen, das Unheil wegzureden. Und wie oft gehen auch unsere schnell dahingesagten Trostworte am anderen vorbei. Worin aber besteht Trost dann?

Sicher, wir müssen sterben, doch das ist nur die halbe Wahrheit. Die ganze Wahrheit ist, dass Gott uns nicht im Abgrund des Todes versinken lässt.

Gott gibt uns Anteil an seinem Leben. Wir sind Gottes geliebte Kinder. Und jeder Tag ist ein Geschenk Gottes. Nicht ein Tag unseres Lebens ist vergeblich.

Wir dürfen gespannt sein, was Gott uns noch alles zeigen, sagen und schenken will. Gott, liebe Gemeinde, ist unsere Zuflucht. Zu ihm können wir uns in unserer Angst vor dem Tod hinwenden. Gott wird sich als Gott des Lebens erweisen, denn das hat er uns durch Jesus Christus zugesagt:

„Ich lebe und ihr sollt auch leben“
(Jh14,19)

Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus  Amen.

Erstellt: 15.11.2006
Zuletzt aktualisiert: 11.4.2010 12:15 Uhr