|

Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus Amen.

Liebe Gemeinde, „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen“, so heißt es im Psalm 18, Vers 30. Diese Worte kamen mir in den Kopf, als ich den Predigttext für den heutigen Sonntag, den 14. Sonntag nach Trinitatis, las.

Am Anfang seines Evangeliums erzählt uns Markus von einem Mann, der von allen ausgegrenzt lebte, weil seine Krankheit, die er hatte, ihn wie eine Mauer umgab.

Jedoch durch Jesus erlebte dieser Aussätzige Annahme und Befreiung, denn hier war einer, der die unsichtbare Grenze überwand und ihn wieder ins Leben zurückholte.

Hören wir hierzu, was Markus uns im 1. Kapitel in den Versen 40 bis 45 zu erzählen hat.

Mk 1, 40 - 45
40 Einmal kam ein Aussätziger zu Jesus, warf sich vor ihm auf die Knie und flehte ihn an: »Wenn du willst, kannst du mich rein machen!«
41 Von tiefem Mitleid ergriffen, streckte Jesus die Hand aus und berührte ihn. »Ich will es«, sagte er, »sei rein!«
42 Im selben Augenblick verschwand der Aussatz, und der Mann war geheilt.
43 Jesus schickte ihn daraufhin sofort weg. Mit aller Entschiedenheit
44 ermahnte er ihn: »Hüte dich, mit jemand darüber zu sprechen! Geh stattdessen zum Priester, zeig dich ihm und bring für deine Reinigung das Opfer dar, das Mose vorgeschrieben hat. Das soll ein Zeichen für sie sein.«
45 Der Mann ging weg, doch er fing sofort an, überall zu erzählen, wie er geheilt worden war. Bald war die Sache so bekannt, dass Jesus in keine Stadt mehr gehen konnte, ohne Aufsehen zu erregen. Er hielt sich daher außerhalb der Ortschaften in unbewohnten Gegenden auf, aber auch dort kamen die Leute von überallher zu ihm.
GNÜ 2009

Es ist noch gar nicht so lange her, da gibt es sie auch in unserem Land, die Unreinen und die Aussätzigen. Sie haben eine tödliche, ansteckende und unheilbare Krankheit.

Aussatz ─ hinter diesem Wort verbargen sich damals Angst, Tod, Ausgestoßensein, Ekel und die heimliche Frage nach der Schuld. Aussatz ─ die AIDS-Krankheit zur Zeit Jesu.

Aussatz, damit beschreibt das Alte Testament verschiedene Geschwüre und Hautkrankheiten, unter anderem auch die sog. Lepra. Aussatz war entgegen allgemeiner Meinung nicht immer ein Todesurteil. Ärztlich behandelt wurde zwar nicht, doch der Aussatz konnte alleine wieder vergehen.

Ein Priester am Tempel hatte dann zur Sicherheit die Heilung zu bestätigen, und der Betreffende brachte ein Dankopfer dar.

Wenn die Aussätzigen zu den Armseligsten der damaligen Zeit gehörten, dann weniger wegen der Folgen ihrer Krankheit, sondern weil man sie ausstieß, ja, weil man sie aus der Gesellschaft verbannte.

Und das geschah nicht nur wegen der Ansteckung, sondern weil man in einem Aussätzigen auch einen von Gott Gestraften sah. Das heilige Gottesvolk aber sollte nach dem Willen der Frommen ein Volk reiner Menschen sein, rein in einem religiösen Sinn.

Würden Sie einem AIDS-Kranken so ohne weiteres die Hand geben? Würden Sie einen Körperbehinderten so ohne weiteres in den Arm nehmen? Würden Sie einen pflegebedürftigen alten Menschen so ohne weiteres betten und wickeln?

In wem steckt dieser innere Schweinehund nicht, es sei denn, er hätte beruflich mit Kranken zu tun? Wer macht schon gerne Krankenbesuche? Wer geht schon gerne als Besucher ins Pflegeheim?

Wenn es irgend wie geht, dann meidet man die Begegnung und die Berührung, denn die AIDS–Kranken, die Aussätzigen der Moderne, sie gibt es immer noch.

Gott sei Dank, wenn man dann in der eigenen Familie damit konfrontiert wird, dann gibt Gott mit der anstehenden Aufgabe meist auch die nötige Kraft, mit der man zuvor nie gerechnet hatte.

Wie lange mag man diesen Mann, in unserem Predigttext, nicht mehr angerührt haben? Wie lange hat er vielleicht innerlich schon auf eine menschliche Geste gewartet?

Alle sind sie ihm aus dem Weg gegangen und haben ihn sein Ausgestoßensein spüren lassen. Die Frommen, weil sie den Umgang mit dem Sünder meiden wollten, die anderen, weil sie sich das Leid und den Ekel vom Hals halten wollten.

Wenn es stimmt, dass das Leben darin besteht, Beziehungen und Kontakte zu anderen Menschen zu haben, dann war er jahrelang ein lebendiger Toter.

Solche lebendigen Toten, die es auch in unserer Nachbarschaft gibt, blühen oft alleine schon dadurch auf, dass man sie besucht, sie reden lässt, ja, dass man ihnen zuhört, ohne gleich von den eigenen Sorgen zu sprechen oder das Gespräch geschickt auf ein anderes Thema bringt.

Wie viele Kranke und Alte in unserer Nachbarschaft leiden weniger darunter, dass sie alt und krank sind, als darunter, dass man ihnen aus dem Weg geht und dass so wenige ihre Scheu, ihre Angst, ihren Ekel überwinden und einmal eine Hand oder ein Ohr übrig haben?

Das würde Kranke und Alte in unserer Nachbarschaft gewiss nicht gesund und auch nicht wieder jünger machen, aber es würde ihnen vielleicht das Leben und die Würde zurückgeben.

Die Geschichte mit dem Aussätzigen könnte damit eigentlich schon zu Ende sein. Doch das größere Wunder ist nicht so sehr, dass er gesund wird, sondern dass diese Schranke zu ihm abgebrochen und seine Isolation aufgehoben wird.

Aber auch das Unerwartete geschieht: er wird von seinem Aussatz heil.

Es hat keinen Sinn, zu spekulieren, wie das vor sich ging. Die Bibel sagt, dass in Jesus Gott, der Schöpfer, selbst wirkt.

Deshalb geht die Frage, wie Jesus das kann und wie er es gemacht hat, in die verkehrte Richtung. Auch Jesus versucht, dem aus dem Weg zu gehen, indem er dem Kranken verbietet, davon zu erzählen.

Er möchte nicht einseitig als Wunderdoktor angesehen und verkündigt werden. Gott, der Schöpfer, wirkt, doch er entzieht sich leider unseren Erklärungen und mutet uns zu, damit zu leben, dass der eine gesund wird und der andere krank bleibt.

Der Glaube an Jesus Christus vermag diese verändernde Kraft zu beleben. Die Annahme von uns Menschen, die Nachfolge Jesu vermag den Glauben zu beleben, den Glauben, dass das Aussätzige überwunden werden kann und dass trotz allem Leben bis zum Sterben möglich ist.

Und in diesem Sinne verstehe ich dann auch die Heilungsgeschichten des Neuen Testamentes. Sie sind Hinweis auf den, der uns die Kraft gibt zum Leben, der uns auf eine über alles Äußere hinausgehende Gemeinschaft verweist, der uns ermutigt, Trennungen zu überwinden.

„Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen“, mit diesem Psalmwort haben wir begonnen, mit ihm möchte ich auch enden. Denn es macht uns Mut, Grenzen zu überwinden, unter denen wir leiden.

Der Aussätzige in unserem Predigttext hat erlebt, wie er die Mauer seiner Krankheit überwinden konnte, weil ein anderer sich ihm liebevoll zugewandt hat.

Wo uns dies gelingt, einen Menschen wieder zurück ins Leben zu holen, da wird schon jetzt und hier ein Stück vom Himmel sichtbar. Gebe Gott uns dazu den Mut und die Phantasie, die Liebe und den langen Atem. Amen.

Erstellt: 3.10.2011
Zuletzt aktualisiert: 3.10.2011 19:32 Uhr
Redakteur (nicht zwingend Autor): Anders Grüning

Kommentare [KEINE Anfragen!]

Keine Kommentare
Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
*
*


*
Bei neuen Kommentaren benachrichtigen.