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Predigt - Größenwahn mal anders

Liebe Gemeinde.

1. Text

Hören sie eine der berühmtesten Geschichten der Bibel: Die Geschichte vom Turmbau zu Babel.

Eine Geschichte, die nur auf den ersten Blick nichts mit Pfingsten zu tun hat.

1 Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache.
2 Als sie nun nach Osten zogen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar und wohnten daselbst.
3 Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, laßt uns Ziegel streichen und brennen! - und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel
4 und sprachen: Wohlauf, laßt uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder.
5 Da fuhr der HERR hernieder, daß er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten.
6 Und der HERR sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen, und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun.
7 Wohlauf, laßt uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, daß keiner des andern Sprache verstehe!
8 So zerstreute sie der HERR von dort in alle Länder, daß sie aufhören mußten, die Stadt zu bauen.
9 Daher heißt ihr Name Babel, weil der HERR daselbst verwirrt hat aller Länder Sprache und sie von dort zerstreut hat in alle Länder.

2. Eine Pfingstgeschichte?!

2.1. Die Pfingstgeschichte

Das ist nicht die klassische Pfingstgeschichte.

Die Pfingstgeschichte erzählt vom der Geburtsstunde der Kirche. Als der Heilige Geist über die Apostel kommt, und sie anfangen in Jerusalem das Evangelium, die Gute Nachricht von Jesus Christus auszubreiten.

Und trotzdem, dass ihre Zuhörer aus verschiedenen Ländern kommen, kann jeder sie verstehen, weil jeder sie in seiner Sprache reden hört. Das ist die klassische Pfingstgeschichte. Aber was soll an Pfingsten die Geschichte vom Turmbau zu Babel, ist hier etwas durcheinander geraten, wie damals am Turm in Babel?

2.2. Gemeinsamkeiten

Nein, beide Geschichten haben mehr mit einander zu tun, als es auf den ersten Blick scheint. In beiden Geschichten ist die gemeinsame Sprache von entscheidender Wichtigkeit.

Beim Turmbau zu Babel steht die gemeinsame Sprache am Anfang, sie sorgt für den Zusammenhalt. Doch dieser Zusammenhalt scheint den Menschen noch nicht genug, um sich einen Namen zu machen, wollen sie hoch hinaus. Ihre Stadt soll ein Turm schmücken, der bis an den Himmel reicht.

In der der Bibel ist es gerade mal 10. Kapitel her, dass Gott den Menschen gemacht hat und nun will der Mensch schon Gott gleich sein. Sich mit Gott auf gleicher Augenhöhe befinden, zu ihm in den Himmel hinauf gelangen. Doch Gott sieht von oben ihr Treiben und er greift ein. Gott gebietet den Menschen und ihrem größenwahnsinnigen Projekt Einhalt indem er die Sprachen der Menschen in Babel verwirrt. Man versteht sich nicht mehr, der eine weiß nicht was der andere will und so muss der Bau aufgegeben werden.

Gott bewahrt die Menschen ihre ihre größenwahnsinnigen Pläne in die Tat umzusetzen; man könnte sagen, die Geschichte von Turmbau ist eine Geschichte mit einem Happy-End.

Und so verstehen sich die Menschen untereinander nicht mehr, bis zu dem Pfingstereignissen in Jerusalem. Es scheint als würde an Pfingsten, dass zusammengeführt, was damals in Babel verwirrt wurde. Auf einmal versteht jeder Zuhörer die Apostel in seiner Sprache reden, am Anfang wundern sich die einen und die anderen behaupten, dass die Apostel betrunken sind und nun nur Lallen. Doch bald wird jedem der dabei ist klar, hier geschieht etwas außergewöhnliches. Hier ist Gott mit im Spiel, wie damals in Babel nur diesmal anders herum. Die Sprachen werden nicht verwirrt sondern nun wieder zusammengefügt, so dass jeder verstehen kann, was die Apostel von Jesus berichten.

3. Was hat sich geändert

Nun ist Pfingsten aber schon fast 2000 Jahre her.

Doch hat sich etwas verändert? Größenwahn scheint weiter ein wichtiges Kennzeichen der Menschheit zu sein. Das mehr haben zu wollen, scheint im Menschen angelegt, wie essen und trinken. Sich mit anderen zu vergleichen, die besten, die Schönste oder der Reichste zu sein, ist in vielen Menschen wie ein innerer Drang.

3.1. Mondlandung

Denken sie nur an die Mondlandung vor nun über 35 Jahren, was für einen Wettlauf lieferten sich Amerika und Russland. Jeder wollte der erste sein der einen Menschen auf den Mond bringt. Auf die Frage, warum es so wichtig ist einen Menschen dort hin zu bringen antwortete ein Mitarbeiter der NASA: „Ganz einfach, weil er da ist.“ Und so scheint sich die Geschichte des Turmbaus in der Geschichte der Menschen immer wieder zu wiederholen. „Auf das wir uns einen Namen machen.“ Nun den Namen des ersten Menschen auf dem Mond kennt fast jeder und seinen berühmten ersten Satz: „Ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer für die Menschheit.“ Für den zweiten und dritten hat sich kaum je einer interessiert. So weit weg scheint als die Geschichte vom Turmbau gar nicht zu sein.

3.2. Speer und Er

Oder denken wir an die Bauplane Hitlers und seines Architekten Albert Speers Berlin zur Welthauptstadt Germania um bauen zulassen, dagegen scheint mir der Turm zu Babel als reines Lehrlingsstück der Menschheit.

3.3. Veränderung

Was hat sich also seit Pfingsten verändert? Einerseits gar nichts, die Menschen streben weiter und verwechseln oft genug dabei Fortschritt mit Größenwahn. Andererseits hat sich mit Pfingsten alles verändert. Denn mit Jesus Christus und Pfingsten hat buchstäblich eine neue Zeitrechnung angefangen. Denn in Jesus Christus ist Gott nicht von oben herab gefahren als Besucher auf Stippvisite wie bei der Geschichte vom Turmbau. Gott ist in Jesus Christus bei uns Menschen gewesen und ist selbst Mensch geworden. Hat sich den Menschen in ihren Ängsten, Nöten und Krankheiten zu gewendet, und hat uns gezeigt, was es heißen kann als Mensch zu leben. Selbst den Tod hat er auf sich genommen. Er hat das erlitten, was keinem von uns erspart bleibt. Doch er hat uns auch gezeigt, dass mit dem Tod nicht alles aus ist. Sondern nach drei Tagen im Grab ist er auferstanden, und hat uns damit eine Hoffnung gegeben, dass auch unser Tod nicht das letzte Wort über uns haben wird.

Und nachdem Jesus an Himmelfahrt zu seinem Vater zurückkehrt, sendet er nun an Pfingsten den Geist.

Jesu Leben hinterlässt nicht nur Spuren auf der Erde, sondern unser Verhältnis zu Gott ist nun ein anderes.

Wir können nun zu Gott als unserem Vater beten. Gott ist nicht länger ein Wesen, in einer fernen Welt, der nur mal einen kurzen Kontrollbesuch auf der Erde macht. Nein Gott hat sich mit Jesus an diese Welt gebunden und an Pfingsten wird dieser Bund bekräftigt durch die Sendung des Geistes.

4. Vielfalt

4.1. Größenwahn

Also an Pfingsten verändert sich alles in der Beziehung zu Gott, jedoch bleibt der Mensch weiterhin Mensch mit seinen Fehlern und seinem Größenwahn.

So ist auch das Pfingstwunder nicht die Umkehrung des Turmbaus zu Babel. Zwar hören die Menschen die Apostel in ihren Sprachen reden, aber die Sprachenvielfalt wird nicht aufgehoben. Auch nach Pfingsten verstehen sich die Menschen nicht, vielleicht weil sie unterschiedliche Sprachen sprechen, vielleicht weil sie andere Meinungen haben, vielleicht weil sie andere Ziele verfolgen.

4.2. Unterschiedlichkeiten als Stärke

Und ich glaube, das unsere Unterschiedlichkeit wichtiger für uns ist als wir allgemein glauben. Oft wird Unterschiedlichkeit mit Schwäche verwechselt, und natürlich gibt es Probleme, wenn unterschiedliche Menschen auf einander treffen. Am deutlichsten wird dieses wenn man nicht die selbe Sprache spricht. Doch auch unterschiedliche Herkunft oder unterschiedliche Vorstellungen können dazu führen das die Verständigung schwierig ist.

Da kann schnell der Wunschtraum aufkommen nach einer Zeit vor dem Turmbau zu Babel, als alle eine Sprach hatten und sich alle einig waren.

Doch wo hin das führt, wenn alle sich einig sind, haben wir oft genug in der Geschichte vom Turmbau bist heute gesehen. Wenn sich alle oder die große Mehrheit einig ist, werden schnell die anderen Mundtod gemacht; wird schnell dafür gesorgt, dass die, die sich nicht überzeugen lassen aus dem Weg geräumt werden.

Andere Meinungen, andere Stimmen zu zulassen, ist anstrengend. Wenn nicht alle einer Meinung sind, dann muss diskutiert werden, und das kann langwierig und ermüdend sein. Doch auf einander und auf die Stimmen der anderen zu hören ist die beste Möglichkeit sich gegen den Größenwahn, der in uns Menschen angelegt ist, zu schützen. Auf die kritischen Stimmen hören, gibt unserem Fortschritt ein menschlicheres Gesicht.

Und noch ein entscheidender Vorteil fällt mir ein, wenn nicht alle einer Meinung sind. Es entsteht eine Vielfalt. Denken sie doch mal an die ganzen ausländischen Restaurants. Möchte sie nur deutsch essen gehen? Nur wählen können zwischen Schnitzel, Saumagen und Sauerkraut. Ich für meinen Teil nicht. Italienische Pizza, griechisches Gyros und asiatische Ente, geben ein gutes Beispiel für die Vielfalt, die ich zumindest nicht mehr missen möchte.

Und genau wie beim Essen, bin ich auch froh in einer Kirche zu sein, die sich traut diese Vielfalt zu zulassen. Wo politische Gruppen ebenso ihren Platz haben, wie charismatische Kreise; wo Rock- und Barockmusik geschätzt werden. Denken sie nur an den bald beginnenden Kirchentag; hier kann in unterschiedlichster Weise der Glauben zum Ausdruck kommen. Ob in der Meditation oder im lauten Gospel-Gottesdienst; ob in der kontroversen Diskussion oder in einem ausgelassenem Fest.

Aber vielfalt beinhaltet aber immer auch die Gefahr der Beliebigkeit, wo sind die Grenzen, was kann noch unter ein Dach gebracht werden, und wo muss man eine Grenze ziehen?

Und da kommen wir wieder zu Pfingsten, der Geist Gottes, der von Jesus gesendet ist, grenzt die Vielfalt unseres Glaubens von der Beliebigkeit ab. In Jesus und dank des Heiligen Geistes haben wir den Rahmen erhalten, in dem wir Menschen als Christen unsere Vielfalt leben können und dürfen. Denn Gottes Geist ist ein Geist der Freiheit und nicht der Eingrenzung.

Erstellt: 6.6.2005
Zuletzt aktualisiert: 2.4.2011 21:02 Uhr
Redakteur: Anders Grüning

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