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Hatte Jesus wirklich eine Familie?

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus Amen.

Liebe Gemeinde, wir alle haben Jesus durch die vier Evangelien kennen gelernt. Nach den Berichten der Evangelien war Jesus ein Freund der Kinder. Ihr Spiel, das fröhliche Lachen, ihre Hemmungslosigkeit, ihre Fragen und ihre Offenheit schätzte er als wundervolle Begabungen.

»Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder« – das müssen wir uns als Erwachsene von ihm kritisch sagen lassen – »dann werdet ihr das Himmelreich nicht ererben!«

Und auch mit den Frauen seiner Zeit war Jesus im intensiven Gespräch – am Brunnen, in den Häusern und unterwegs. Wer Frauen und Kinder so freundlich in den Blick nimmt, der ist kein Feind der Familie.

Um so mehr verwundert der heutige Predigttext, er wirkt fremd und anstößig, denn Jesus redet respektlos über seine Mutter und seine Geschwister, ja fast verachtend zeigt er ihnen die kalte Schulter, als ob sie ihm völlig egal wären.

Mk 3, 31 - 35
31 Inzwischen waren Jesu Mutter und seine Geschwister gekommen. Sie blieben vor dem Haus stehen und schickten jemand zu ihm, um ihn zu rufen.
32 Die Menschen saßen dicht gedrängt um Jesus herum, als man ihm ausrichtete: »Deine Mutter und deine Brüder und Schwestern sind draußen und wollen dich sprechen.«
33 »Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Geschwister?«, erwiderte Jesus.
34 Er sah die an, die rings um ihn herum saßen, und fuhr fort: »Seht, das sind meine Mutter und meine Geschwister!
35 Denn wer den Willen Gottes tut, der ist mein Bruder, meine Schwester und meine Mutter.«
GNÜ 2009

Liebe Gemeinde, dies ist eine sehr emotionale Geschichte für Bibelleser und Predigthörer. Denn sonst ist Jesus ja immer der Gute, aber hier? Warum muss er so hart sein?

Die Älteren von uns fühlen sich jetzt vielleicht an die eigenen Kinder erinnert. „Die könnten sich auch ein wenig mehr um mich kümmern.

Sie könnten mich öfter mal besuchen. Sie könnten auch mal fragen: Mutter, kann ich dir helfen, oder soll ich dir etwas einkaufen?

Aber nein, ihre Freunde, ihre Bekannten und ihre Hobbys sind unseren Kindern wichtiger.“

Unmöglich, ja anstößig benimmt Jesus sich, zumal für die orientalisch Welt, wo die Sippe alles und der Einzelne nichts ist.

Ich versuche mal Jesus mit den Augen seiner Familie zu sehen. ─ Ein Rumtreiber war er. Ohne festen Wohnsitz, so würde man heute sagen. Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.

Jesus hat nichts gearbeitet. Er zieht durch die Gegend und hält noch dazu Menschen von ihrer Arbeit ab. Fischer ruft er weg von ihren Booten und Netzen. Sie lassen alles stehen und liegen, sogar ihre Familie lassen sie im Stich und laufen ihm nach.

Das 4. Gebot scheint Jesus nicht zu interessieren:

„Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.“

Er zieht sich aus der Verantwortung, die er als der Älteste der Kinder für die Familie und die Eltern hat zurück.

Hatte Jesus wirklich eine Familie?

Natürlich hat Jesus eine Familie, eine Mutter und leibliche Geschwister gehabt. Die römisch-katholische Lehre, wonach Maria ihr Leben lang jungfräulich geblieben sei, hat in der Bibel nicht den geringsten Anhaltspunkt.

Und nun taucht diese Familie auf einmal auf. Aber Markus vermittelt uns alles andere als ein harmonisches Familienbild, sondern eine recht unschöne Szene, einen handfesten Familienkonflikt.

Und was Jesus in der Öffentlichkeit für ein Bild abgibt. Mit fragwürdigen Leuten gibt er sich ab, mit Betrügern, mit Frauen von zweifelhaftem Ruf, mit Aussätzigen, von denen man sich fern hielt.

Die Angesehenen und Anständigen seiner Zeit aber provoziert er. Und all das wirft nicht zuletzt ein schlechtes Licht auf die Familie, denn man kennt ihn ja.

Liebe Gemeinde, stellen Sie sich vor, dieser Junge aus Nazareth sei Ihr Sohn, der sich aus dem normalen Alltagsleben ausklinkt und aus der Sicht der Eltern eigene, religiös fragwürdige Wege geht. Natürlich würden Sie Ihren Sohn zur Brust nehmen: Junge, was soll aus dir denn werden?

Die Leute reden schon über uns und solange du noch nicht volljährig bist, machst du, was wir dir sagen. Wer hat dir nur diese Flausen in den Kopf gesetzt?

All das, liebe Gemeinde, kann ich mir gut vorstellen. Streit in der Familie, Kopfschütteln und Unverständnis, hin und wieder einen heftigen Wortwechsel, Drohungen und Beleidigtsein.

Aber nicht vorstellen kann ich mir, dass Jesus, der Freund aller Menschen, der Freund der Kinder und der Frauen, dass ausgerechnet er seiner Familie die kalte Schulter zeigt, sie auf Nimmerwiedersehen verlässt und nicht mehr nach ihnen fragt.

Nein, dem Evangelisten geht es nicht, so glaube ich, um die Erzählung einer Familientragödie und auch nicht um die Abwertung der Familie, sondern es geht darum, dass zur Familie Jesu nicht nur die engsten Familienangehörigen, sondern alle Menschen, die an Gott glauben, gehören.

Spüren Sie, wie es plötzlich anfängt zu knistern? Nicht wir suchen uns aus, wer vielleicht unser Bruder oder unsere Schwester sein könnte; nicht wir bestimmen, zur Familie Gottes, zur Gemeinde Jesu Christi dazu gehört und wer besser draußen bleiben sollte. Jesus selber nennt uns Schwestern und Brüder.

In der christlichen Gemeinde ist also Offenheit gefragt; offene Türen und Herzen für die, die uns nicht gleich als erste einfallen, wenn wir an eine Gemeinschaft denken, in der wir uns zu Hause fühlen.

Die da um Jesus herumsaßen, waren ein sehr gemischter Haufen. Überwiegend werden es die Mühseligen und Beladenen gewesen sein und diejenigen, die es schwer hatten, ihren Platz in der Gesellschaft zu behaupten.

Jesus, er befreit uns aus alten Bindungen, die uns den Blick für Gott und seine rettende Liebe verstellen. Ja, Er überspringt Grenzen, um die Außenseiter und Versager, die in den Augen unserer Gesellschaft keine Chance haben, wieder in die Nähe Gottes zu kommen, hereinzuholen.

Die Liebe Gottes verbindet alle Menschen. Jesus lehnt die Familie nicht ab, aber er weitet den Blick dafür, dass es neben der Blutsverwandtschaft eine Seelenverwandtschaft gibt.

In der christlichen Gemeinde sind wir als Schwestern und Brüder miteinander verwandt, weil ein innerer roter Faden, der Glaube, uns umschließt. Verbunden durch den Glauben an Gott als den Schöpfer der Welt sind wir als Schwestern und Brüder verbunden.

Wir sind verbunden durch die Verantwortung für eine gerechte Welt, verbunden durch die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod. Wir sind verbunden durch die Liebe Gottes, die uns allen ohne Wenn und Aber gilt.

Diese Liebe Gottes macht aus der Gemeinde eine Gemeinschaft, die Liebe Gottes ist der tragfähige Grund des Miteinanders. Wir müssen nicht etwas werden, nichts leisten, nichts vorweisen – wir sind geliebte Kinder Gottes.

Und diese Liebe verpflichtet uns grundsätzlich zu einer offenen Gemeinde. Auch diejenigen, die anders leben, anders denken, anders glauben als wir, sind geliebte Kinder Gottes.

Die Liebe Gottes ist die Voraussetzung für eine Gemeinde, in der Menschen sich nicht immer nur abgrenzen, sondern Verbindungen suchen, familiäre und vertraute Beziehungen suchen und auch finden. Vom Ich zum Du zum Wir, zu der großen Familie Gottes.

Das ist die Vision, die aus den Worten Jesu aufleuchtet, eine Vision, welche die Zusage der Liebe Gottes beinhaltet. Es ist auch eine Vision, welche die Verantwortung für eine offene und freundliche Gemeinde Gottes mitten in dieser Welt fordert.
Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

Erstellt: 3.10.2011
Zuletzt aktualisiert: 3.10.2011 12:04 Uhr
Redakteur (nicht zwingend Autor): Anders Grüning

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