Predigt und Liturgie - Hören - nachsehen - weitersagen
Text: Lukas 2,15-20
15 Und als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat.
16 Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen.
17 Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war.
18 Und alle, vor die es kam, wunderten sich über das, was ihnen die Hirten gesagt hatten.
19 Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.
20 Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.
Liebe Gemeinde!
Hören nachsehen weitersagen: So lautet die Botschaft des heutigen Weihnachtstages.
I. Hören
Was haben die Hirten damals nicht alles zu hören bekommen: Sie die Randsiedler ihrer Zeit. Raue Burschen! Aufgepasst! Sie sind unberechenbar! Wenn die erst mal über den Durst getrunken haben. Wehe! Denen ist nicht zu trauen! Und gerade sie hörten die Botschaft der Engel.
„Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.“
Und bis heute verschafft sich diese Weihnachtsbotschaft immer wieder neu Gehör.
Gott sei Dank.
Die Hirten haben damals die Engelsbotschaft nicht als Fatama Morgana abgetan. Denn es leuchtet nicht gerade ein, dass ein Kind in der Krippe der Heiland der Welt sein soll.
Gott sei Dank.
Sie haben die Worte der Engel nicht diskutiert und zerredet oder die Fachleute ihrer Zeit gefragt, die Theologen in Jerusalem. Diese hätten gewiss einen Ausschuss gebildet, vielleicht eine ausgewogene Denkschrift mit Pro und Contra nach einigen Jahren herausgegeben. Und ihr Fazit hätte wohl gelautet: „Siehe, wir erläutern euch große Probleme…“
Gott sei Dank.
Die Hirten haben ganz schlicht gehandelt. Sie haben das Unerhörte aufgenommen und für wahr gehalten.
Wir suchen dich nicht, wir finden dich nicht,
du suchst und du findest uns, ewiges Licht.
Wir können dich, Kind in der Krippe, nicht fassen,
wir können die Botschaft nur wahr sein lassen.
Albrecht Goes
Gott sei Dank.
Die Hirten haben wie mündige Christen gehandelt. Sie haben sich auf den Weg gemacht. Sie haben überprüft, was die Engel gesagt haben:
„Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.“
II. Sehen
Die Hirten haben sich aufgemacht und die Freude des Findens erlebt. Sie haben mit eigenen Augen gesehen, was sie zuvor gehört hatten. Andere werden ebenfalls das Kind gesehen haben. Aber es war für sie ein Kind wie jedes andere. Sie haben allenfalls die Eltern bedauert, in welch schweren Zeit, unter welch schwierigen Umständen das Kind zur Welt gekommen ist. Doch die Hirten hatten erleuchtete Augen – dank der Engelbotschaft. Darum konnten sie zusammenfügen, was uns so schwer fällt:
Das Wort und das Kind,
die Hoffnung und die Armseligkeit,
die Zukunft und die Gegenwart,
Gott und Mensch in einem Kind:
Sehet dies Wunder, wie tief sich der Höchste hier beuget;
sehet die Liebe, die endlich als Liebe sich zeiget!
Gott wird ein Kind,
träget und hebet die Sünd;
alles anbetet und schweiget.
(Gerhard Tersteegen EG 41,3)
Das also sehen die Hirten in dem neugeborenen Kind: Gott fängt neu an.
Das gilt es bis heute sehen und begreifen zu lernen: Gott fängt neu an.
Es wird Ihnen wie mir gehen:
Ich wollte immer mal wieder »neu anfangen«. Fehler ausradieren. Fehler passieren.
Die falsche Postleitzahl, das falsche Wort, die rote Ampel, ein falscher Handgriff, ein verkehrter Mausklick, ein Sekundenschlaf.
Wie gehen wir mit Fehlern um? Ausradieren. Löschen. Neu anfangen.
Wer wollte das nicht?
Doch Du fängst ja nie wirklich »neu« an.
Du nimmst als Hirte mit, was du auf den Feldern um Bethlehem erfahren hast. Die Härte, die Kälte, die Erfahrung, dass dir – und nicht nur den Schafen – andere das Fell über die Ohren ziehen.
Du nimmst als Hirte mit, was Dich die die Erfahrung gelehrt hat: Trau keinem Wolf! In welcher Gestalt er auf Dich zukommt.
Doch vor dem Kind erlebst Du bisher nicht Gehörtes und Gesehenes: Gott fängt neu an.
Bis heute stößt diese Aussage auf Unverständnis:
„Gott selbst zeige in einem Menschen sein wahres Gesicht, in der Hilflosigkeit eines Neugeborenen seine Solidarität mit der menschlichen Bedürftigkeit, im Leben und Sterben des Mannes von Nazareth seine grenzenlose Liebe und Nähe, die alle Abgründe umschließt.“
(J.B. Metz)
Ganz unten. Bei denen, die kein Vertrauen mehr finden und kein Vertrauen mehr wagen, weil zu oft ausgenutzt und ausgelacht, werden die Augen geöffnet für Gottes Geschenk:
Gott fängt neu an:
„Euch ist heute der Heiland geboren.“
III. Weitersagen
Im Deutschen gibt es das Sprichwort. „Wes Herz voll ist, dem geht der Mund über“.
So verhalten sich die Hirten damals. Sie können gar nicht anders als die gute Nachricht erzählend und singend weitersagen. Sie in ihren Alltag mitnehmen. Die Verhältnisse bleiben. Doch im Lichte der göttlichen Klarheit beginnen sie sich zu ändern, verlieren sie ihre dämonische, fesselnde Macht.
Und wie verhalten wir uns heute?
Wie lautet meine Antwort auf Gottes Entgegenkommen?
Denn Gott schaltet nicht auf einen Klick die Heizungen ab und die Erde wird befreit von allen Schadstoffen.
Gott hebt nicht auf einen Klick die Ufer Bangladeschs oder der Inseln im Indischen Ozean höher, damit sie das Meer nicht mehr überflutet. Gott macht nicht auf einen Klick die vertrockneten Steppen Äthiopiens fruchtbar und die Armen dieser Erde reich. Gott macht nicht auf einen Klick Frieden in Sudan, im Nahen Osten und anderswo. Das ist der große Zampano, aber das ist nicht Gott. Das ist Schau, aber nicht Leben. Das sind Märchen.
Gott fängt neu an und ich kann es auch. Dazu ermutigt uns Gott mit seiner Zusage:
»Fürchtet euch nicht!«, »Habt keine Angst!«, »Seid mutig!«, »Geht aufrecht!«
In welchen Schwierigkeiten Du Dich auch befindest:
- Auf der Suche nach einer Anstellung am Ende der Lehrzeit
- Durch die Wirtschaftskrise plötzlich von Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit betroffen
- Eben noch erfolgreicher Finanzjongleur, nun abgestürzt
- Eben noch gefragt und gefördert, nun zu alt und überfordert
- Von Zweifeln und Selbstvorwürfen in persönlichen Krisen geschüttelt
- Von Krankheit gezeichnet, vom Tod betroffen
Wenn wir wie die Hirten das Wort annehmen, dann leuchtet auch Klarheit um uns. Licht von seinem Licht. Dann können wir gar nicht anders:
Solange es Krieg gibt, werden wir für den Frieden arbeiten.
Solange es Unrecht gibt, werden wir das Recht einklagen.
Solange es Tod gibt, werden wir vom Leben erzählen.
Solange es Anpassung gibt, werden wir Christen das Recht auf Umwege einklagen und darauf bestehen, dass Fehler verziehen werden.
Solange Menschen in Elend leben, werden wir den Glanz predigen.
Denn Weihnachten ist eine Sache des Volkes, nicht seiner politischen Eliten. Augustus wird zur Randfigur. Ein Kind steht im Mittelpunkt der Weltgeschichte. Einfachste Verhältnisse. Neues bricht auf.
»Fürchtet euch nicht!«
Ich will nicht sagen: Dann wird alles gut. Das wäre ein Märchen. Ich will nur wiederholen:
»Fürchtet euch nicht! Euch ist heute der Heiland geboren.«
Denn
„wir fassen keinen andern Gott als den, der in jenem Menschen ist, der vom Himmel kam. Ich fange bei der Krippe an.“
(Martin Luther)
Amen.
Liturgie
Wochenspruch: Joh 1,14a
Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.
Kyrie
Gott,
was hast du nicht alles auf dich genommen,
um uns zu zeigen, wie nahe du uns sein willst.
Welches Vertrauen hast du in uns gesetzt,
als du dich uns als kleines Kind in der Krippe ausliefertest.
Und was tun wir?
Wie schnell vergessen wir deinen Einsatz.
Wie oft werden wir deinem Vertrauen nicht gerecht?
Leicht ist es, dich zu vergessen,
manchmal auch bequemer, dich aus unserem Leben zu verdrängen.
Erbarme dich,
dass die Weihnachtsbotschaft zu uns durchdringt
und unser Herz erreicht,
nicht nur in den Weihnachtstagen.
Kollektengebet
Gott,
die Spannung und Erwartung
des gestrigen Tages hat nachgelassen.
Auf manches blicken wir vielleicht noch erwartungsvoll
in diesen Weihnachtstagen.
Lass Du das Gute,
das wir von Dir und mit Dir erfahren,
nicht im Sande verlaufen.
Hilf uns,
dass Deine frohe Botschaft
unseren Alltag erhellt
das ganze Jahr hindurch.
Errichte du dein Reich bei uns!
Fürbitten
Gott,
bewege uns wie die Hirten.
Hilf uns hören auf das,
was du uns zu sagen hast.
Ermutige uns,
uns auf den Weg zu machen:
auf den Weg zu dir,
und auf den Weg zurück zu den Menschen.
Gott,
gib uns Worte für das,
was wir mit dir erleben.
Erfülle uns,
dass wir das auch weitertragen
und weitersagen wollen.
Beflügle uns,
dass wir dich bewahrheiten mit unserem Leben
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