Predigt - Und ich will euch noch einen besseren Weg zeigen
Text: Epheser 5,8-14
Liebe Gemeinde!
Sitz gerade! Kau nicht auf Deinen Fingernägeln! Räum dein Zimmer auf! Lass Deine Sachen nicht einfach überall liegen! Du sollst doch den Müll raus bringen!
Sicherlich kennen Sie alle diese oder ähnliche Aufforderungen. Als Kind findet man solche und ähnliche Ermahnungen einfach lästig und als Erwachsener bedienen wir uns dennoch ihrer, um das Kind zu erziehen, um das häusliche Chaos wenigstens einigermaßen zu bändigen.
Je öfter und je eindringlicher Ermahnungen sind, stellen dann Kinder ihre Ohren oftmals auf Durchzug, bis sie zu guter Letzt laut die Tür hinter sich zuknallen. Nun begegnet uns heute Morgen ein Predigttext voller Ermahnungen, recht zu leben und zu handeln. Der Apostel hat sie an seine Gemeinde in Ephesus sozusagen ins Stammbuch geschrieben. Doch hören wir ihn selbst:
8 Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Lebt als Kinder des Lichts;
9 die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.
10 Prüft, was dem Herrn wohlgefällig ist,
11 und habt nicht Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis; deckt sie vielmehr auf.
12 Denn was von ihnen heimlich getan wird, davon auch nur zu reden ist schändlich.
13 Das alles aber wird offenbar, wenn's vom Licht aufgedeckt wird;
14 denn alles, was offenbar wird, das ist Licht. Darum heißt es: Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten
"Lebt als Kinder des Lichts!"
Damit erinnert der Apostel an die Wesensbestimmung eines Christen. Er beginnt das Kapitel, aus dem unser Abschnitt genommen ist, mit dem Satz:
"So seid nun Gottes Nachfolger als seine geliebten Kinder und lebt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt...hat."
Das also ist der Grund. Christen begreifen sich als Gottes geliebte Kinder. Gott hat Ihnen in Christus vergeben. Christus hat ihnen seine Liebe durch den Opfergang an das Kreuz erwiesen. Und weil sie in diesem Bewusstsein leben dürfen, können sie Kinder des Lichts genannt werden, kann ihre Ethik, eine andere sein, hat der Antrieb ihres Handelns einen anderen Grund als all das, was sie in ihrer Umwelt erleben. Sie haben die Liebe Gottes erfahren und können Liebe weitergeben. Sie haben Vergebung ihrer Schuld durch Jesus Christus erfahren und können vergeben. Sie haben die Gnade Gottes erfahren und können gnädig sein.
Im Lukas-Evangelium wird eine Geschichte berichtet, die Jesus einigen Leuten erzählt. Da gingen zwei Menschen in den Tempel, um zu beten. Der eine war ein geachteter Bürger seiner Gemeinde, ein Pharisäer, der andere ein recht übler Bursche, ein Zöllner also Halsabschneider und Vaterlandsverräter. Der gerechte, ehrbare Mann schritt bis vorne vor und betete: Ich danke dir Gott, dass ich nicht so einer bin wie die anderen. Der Zöllner blieb hinten stehen und betete: Gott sei mir Sünder gnädig. Jesus erklärte seinen Zuhörern, dass dieser, der sich ganz der Gnade Gottes unterwirft, der auch selbst gar nichts vorzuweisen hat, gerechtfertigt aus dem Tempel herausgehen kann.
Wenn wir das auf unseren Predigttext übertragen: Er, der Zöllner, würde nach Jesu Worten zu den Kindern des Lichts, zu Gottes geliebten Kindern gehören. Der selbstgerechte ehrbare Bürger hingegen hat zwar all die Gaunereien, Gesetzesübertretungen und vielleicht sogar Verbrechen des Zöllners nicht begangen, aber er hält sich selbst für den Größten und verachtet die Gnade Gottes. Er baut zwischen sich und Gott eine Mauer und sitzt nun in der Finsternis, denn das Licht der göttlichen Gnade kann diese Mauer nicht durchdringen, ihn nicht erleuchten.
In diesem Rahmen, liebe Gemeinde, sieht unser Predigttext schon ganz anders aus. Da geht es also nicht um einen Aufruf an die Guten, die Kinder des Lichts, endlich den finsteren Gestalten, den Mächten der Finsternis, das Handwerk zu legen einen Kreuzzug gegen das Böse, gegen den Terrorismus zu führen. Vielmehr geht es darum, durch die Gestaltung des Lebens "Licht der Welt" zu sein, die Aufgabe eines Leuchtturms zu übernehmen. Im heutigen Sonntagsevangelium heißt es:
"So soll euer Licht leuchten vor den Menschen, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen."
"Lebt als Kinder des Lichts, die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit."
Drei große Worte, die so oft an den kleinen Dingen des Alltags scheitern.
Da wo Licht ist, da ist Wahrheit möglich. Ich muss nichts beschönigen, ich muss nichts weglassen. Ich kann zu der Wahrheit meines Lebens stehen. Es wird eingehüllt in Gottes Zusage: Ich stehe zu dir. Ich will dich selber zum Leuchten bringen. Ein ehrlicher Umgang macht das Leben an vielen Stellen leichter. Ich muss nicht eine Illusion von mir aufbauen, der ich dann doch nicht gerecht werde. Gott wirft sein Licht auf mein Leben. Er rückt auch meine Schwächen ins rechte Licht. Selbst das Ertragen von Krankheiten und die Begegnung mit dem Tod werden leichter, wenn ich darüber offen reden kann.
Martin Luther hat es sehr präzise in der Auslegung des Gebotes
"Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten"
gefragt: Was ist das? und darauf geantwortet: Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unsern Nächsten nicht belügen, verraten, verleumden oder seinen Ruf verderben, sondern sollen ihn entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum besten kehren.
Das Licht schafft Gerechtigkeit. Noch so ein großes Wort. Ein Wort dem niemand mehr über den Weg traut. Was ist schon gerecht? Es ist nicht gerecht, dass immer weniger Arbeitnehmer für ein Sozialsystem aufkommen müssen, das gleichzeitig immer mehr Menschen auffangen soll. Es ist nicht gerecht, dass Menschen, die unverschuldet arbeitslos sind, trotz jahrelanger Beitragszahlung nur noch nach dem Existenzminimum bezahlt werden. Es ist nicht gerecht, dass Manager trotz fataler Fehlentscheidungen mit Millionen abgefunden werden. Es ist nicht gerecht, dass manche Menschen jahrlang krank sind oder früh sterben.
Die Frucht des Lichts ist Gerechtigkeit, sagt der Epheserbrief. Auch hier wechselt der Apostel die Perspektive.
Es heißt nicht: Geh aus diesem Gottesdienst und mache die Welt gerecht. Nicht die Ermahnung steht im Vordergrund. An ihr werde ich beim besten Willen wieder und wieder scheitern. Im Vordergrund steht die Zusage: Du bist Kind des Lichts. Du wirst von Gottes Liebe getragen. Du weißt um Schuld und Vergebung, deshalb kannst du aus Gottes Recht leben. Du musst nicht alles gegeneinander aufrechnen. Du kannst aus der Gerechtigkeit Gottes leben, vor dem alle angenommen und geliebt sind. Martin Luther hat es sehr präzise in der Auslegung des Gebotes
"Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus"
gefragt. Was ist das? und darauf geantwortet: Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unserm Nächsten nicht mit List nach seinem Erbe oder Hause trachten und mit einem Schein des Rechts an uns bringen, sondern ihm dasselbe zu behalten förderlich und dienlich sein.
Die Frucht des Lichts ist Güte. Das wird oft missverstanden. Die Güte Gottes ist kein stilles Erdulden, sondern ein aktives Werben. Gott meint es gut mit dir, darum kannst auch du gut sein. Auch hier wechselt die Perspektive: Der Apostel sagt: Gott schenkt dir seine Güte im Übermaß, du kannst davon verteilen ohne selber zu kurz zu kommen. Martin Luther hat es sehr präzise in der Auslegung des Gebotes
"Du sollst nicht stehlen"
gefragt: Was ist das? und geantwortet: Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unsers Nächsten Geld oder Gut nicht nehmen noch mit falscher Ware oder Handel an uns bringen, sondern ihm sein Gut und Nahrung helfen bessern und behüten.
Ermahnungen sind wie ein Spiegel, weisen sie doch daraufhin, im Lichte Jesu zu prüfen, was Gott gefällt. Zugleich erinnern sie uns an unsere Bestimmung, wie sie der Ruf aus einer altchristlichen Taufliturgie festhält:
"Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten..."
und an die großartige Verheißung
"so wird dich Christus erleuchten"
. Amen.
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