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Predigt - In der Fremde Heimat finden

Text: Jeremia 29, 1+4-7+10-14

Liebe Gemeinde!

Es war nicht so schlimm, wie es wenige Jahre später noch kommen sollte. Aber es war schlimm genug. Ein Krieg ging auf heimischem Boden verloren, die politische und wirtschaftliche Elite musste ins Exil. Sie wurde nach Babylonien verschleppt, dem Land Nebukadnezars, der in den Augen der Israeliten nur einer von vielen dieser Heeresstrategen und Weltreichherrscher war, die ihr kleines Land nicht in Ruhe lassen wollten.

Nun hieß es also: weg von zu Hause, weg von der Heimat, weg von dem Land, das Gott ihnen als gelobtes Land geschenkt hatte, weg von dem Ort, an dem er Wohnung genommen hatte, weg von Jerusalem, weg vom Tempel, dem Kommunikationszentrum zwischen Himmel und Erde, weg von einer Zukunft, die noch lebenswert ist. Für jene, denen der Glaube mehr war als Tradition und Verpflichtung, die ihn im Alltag ebenso ernst nahmen wie am Sabbat, war dies die Katastrophe schlechthin. Man hatte auf doppelte Weise seine Heimat verloren: der Mensch hatte keinen Ort mehr, der ihm vertraut war und Geborgenheit schenkte; und der Glaube hatte keinen Ort mehr, an dem er gelebt werden konnte.

An sie schreibt Jeremia einen Brief. Es sind Zeilen, die Hoffnung machen wollen, aber zugleich eine bittere Wahrheit beinhalten: Es wird lange dauern, das Exil. 70 Jahre - mehr als zwei Generationen lang. Darauf sollen sich die Menschen einstellen. So gut es eben geht. Jeremia ermutigt sie, ein "normales" Leben zu führen, sich einzurichten, sich ein neues Leben aufzubauen. Kurz: Sie sollen in der Fremde Heimat finden. Mit allem, was dazu gehört. Und dazu zählt auch ihr Glaube.

Hören Abschnitte aus seinem Brief:
1 Dies sind die Worte des Briefes, den der Prophet Jeremia von Jerusalem sandte an den Rest der Ältesten, die weggeführt waren, an die Priester und Propheten und an das ganze Volk, das Nebukadnezar von Jerusalem nach Babel weggeführt hatte
4 So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels, zu den Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen:
5 Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte;
6 nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen, und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehret euch dort, dass ihr nicht weniger werdet.
7 Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn's ihr wohl geht, so geht's auch euch wohl.
10 Denn so spricht der HERR: Wenn für Babel siebzig Jahre voll sind, so will ich euch heimsuchen und will mein gnädiges Wort an euch erfüllen, dass ich euch wieder an diesen Ort bringe.
11 Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.
12 Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören.
13 Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet,
14 so will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR, und will eure Gefangenschaft wenden und euch sammeln aus allen Völkern und von allen Orten, wohin ich euch verstoßen habe, spricht der HERR, und will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen.

In der Fremde Heimat finden - das müssen oder wollen auch heutzutage noch viele Menschen. Deportationen, erzwungene Umsiedlung, gibt es auch in unserer Zeit, nicht nur in der Kriegs- und Nachkriegszeit. In China wurden und werden durch die Errichtung des Yangtse-Staudamms über eine Million Menschen "umgesiedelt". Und "weggebaggert" und "fremdbestimmt" fühlen sich die 1.700 Menschen aus Otzenrath, die wegen des Braunkohletagebaus Garzweiler II ihre Heimat verlegen mussten.

Andere gehen zwar nicht gezwungenermaßen, aber auch nicht wirklich freiwillig. Millionen junger Menschen werden in den nächsten Jahren vom Südosten in den Nordwesten, vor allem aus Afrika, drängen. "Verlorene Söhne", wie sie der Bremer Soziologe Gunnar Heinsohn nennt, die keine Perspektive in ihrem eigenen Land sehen und deshalb nach einer neuen Heimat suchen, nach einer besseren Zukunft. Viele sind in den letzten Jahren und Jahrzehnten schon zu uns gekommen. Viele von ihnen haben eine leidvolle Geschichte hinter sich - und die Erfahrung gemacht, dass sie nicht überall willkommen sind. Viele leiden auch unter und in ihrer neuen Situation. Auch, weil sich bei uns die gewaltsamen Übergriffe auf Flüchtlinge und Emigranten mehren und es auch schon Todesopfer gegeben hat.

Was mich an Jeremias Brief fasziniert, das ist die Radikalität und der Pragmatismus, mit der er die Menschen auffordert, ihre Situation nicht nur zu realisieren, sondern darüber hinaus auch zu akzeptieren. Vielleicht ist das ja auch der Grund, warum er so deutlich sagt, dass dieses Leid kein Zufall ist, dass selbst hinter dieser Katastrophe Gott am Werk ist. Denn nun ist diese Deportation kein Schicksal mehr, dem man ausgeliefert ist und dem man sich beugen muss, sondern eine Aufgabe, die gestaltungsfähig ist.

Hier wird versucht, den Menschen in der Gefangenschaft einen Freiraum zu schaffen, in dem sie in diesem Leid und mit dem, was sie zu ertragen haben, leben können! Wir scheuen uns heutzutage ja davor, Gott und Leid zusammen zu denken. Wo das Leben gelingt, wo wir seinen Segen erfahren, wo es uns gut geht, da macht es uns keine Schwierigkeiten. In all den anderen Fällen fragen wir uns stattdessen: Wo war, wo ist Gott? Eine Frage, die sich die Israeliten in Babylonien vielleicht auch gestellt haben. Und die Jeremia damit beantwortet, dass er ihnen einen Glauben zumutet, der die Welt auch an ihren dunklen Seiten nicht ohne Gott denken kann.

Ich glaube deshalb, dass sich Jeremias Worte nicht nur an die richten, die ihre Heimat verlassen mussten. Seine Zeilen sind vielmehr für jene bestimmt, die ihren Halt im Leben verloren haben. Es gibt viele Formen des Exils. Auch wer Leidvolles erfährt, fühlt sich oft fremd und heimatlos. Weil die Dinge auf einmal nicht mehr so sind, wie sie waren. Weil sich die Welt verändert, wenn man selbst betroffen ist. Darum ist dieser Brief auch an uns adressiert. Als Menschen, die Gott gerade in den schweren Zeiten brauchen und suchen. Auch in ihnen ist er zu finden. Wir müssen nur den Mut haben, ihn in unserem Leben auch dort zu suchen, wo wir ihn uns nicht vorstellen können. Denn eines ist gewiss: Es gibt keinen Ort und keine Zeit, wo er nicht bei uns ist.

In der Fremde Heimat finden, dass hat ganz pragmatische Folgen:

„Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn's ihr wohl geht, so geht's auch euch wohl.“

D.h. Verantwortung zu übernehmen.
Der Heidelberger Katechismus versteht die zehn Gebote als Leitlinie für solche Verantwortung. So stellt er sich u.a. die Frage zu dem Gebot. „Du sollst nicht töten“:

Haben wir das Gebot schon erfüllt, wenn wir unseren Nächsten nicht töten? Und seine Antwort lautet: Nein. Indem Gott Neid, Hass und Zorn verdammt, will er, dass wir unseren Nächsten lieben wie uns selbst, ihm Geduld, Frieden, Sanftmut, Barmherzigkeit und Freundlichkeit erweisen, Schaden, so viel uns möglich, von ihm abwenden, und auch unseren Feinden Gutes tun. (Frage 107)
Es geht also auch um praktisch gelebte Feindesliebe:

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.
(Römer 12,21 Wochenspruch).

Das Böse, das ist oft auch einfach eine feindliche Umwelt, eine Mitwelt, die ich als unfreundlich empfinde. Sie soll ich nicht nur aushalten, sondern in ihr leben, arbeiten und für sie beten.

Ein bisschen erinnert mich das an unsere Situation heute. Manches empfinden wir als unwirtlich, feindlich: die wachsende Armut und der neue Reichtum in unserer Gesellschaft, hässliche Bilder von deutschen Soldaten, die mit den Gebeinen fremder Menschen spielen und Flüchtlinge, die in Nussschalen auf den Meeren unterwegs sind ohne Chance auf freundliche Aufnahme. Politikverdrossenheit lässt sich dort überall festmachen. Aber sie ist keine christliche Lebenseinstellung.

Auch das Gebet für die Andersgläubigen gehört zur Tradition der christlich-jüdischen Glaubensgemeinschaft. So wie die Kirche 1945 bekennen musste, dass sie nicht intensiv genug gebetet hat für ihre jüdischen Geschwister, so muss sie heute bekennen, das Gebet für Menschen anderen Glaubens zu vernachlässigen. Suchet der Stadt Bestes und betet für sie.

Für die weltliche Gemeinde arbeiten nach bestem Wissen und Gewissen und beten, dass Gott selber sein Urteil bleibt und er das Seine wirkt. Der Enttäuschung, dass die Besserung nicht über Nacht kommt, entspricht die Mut machende Botschaft, Geduld zu entwickeln und zu leben in den bestehenden Verhältnissen. Es muss nicht alles perfekt sein, aber ich darf die Situation annehmen so wie sie ist. Ich darf das Jetzt so hinnehmen, wie es ist – aber die Hoffnung auf bessere Zeiten, die darf ich nicht verlieren. Ich darf auf Gott hoffen, dass sein Reich kommt, um das ich in jedem Vaterunser bete, und ich darf das Meine tun, dafür, dass es den Menschen, inmitten derer ich lebe, gut geht.

Erstellt: 5.11.2006
Zuletzt aktualisiert: 31.3.2011 16:50 Uhr
Redakteur: Anders Grüning

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