Predigt und Liturgie - Inmitten des Wartens
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus Amen
Es ist schon einige Jahre her, da besuchte ich im Rahmen meiner Tätigkeit, einen allein stehenden wohnungslosen Mann. Er war gerade mal Ende 30, als die Ärzte bei ihm während einer Routineuntersuchung Kehlkopfkrebs diagnostiziert hatten.
Kaum hatte ich seinen Wohnbereich betreten stellte er mir die Frage: „Glauben Sie an Gott?“ Bei dieser Frage aus heiterem Himmel stieg in mir der Verdacht auf, er wolle sich mit mir einen Spaß erlauben, da er mich und ebenso meine Einstellung hierzu, schon seit längerem kannte.
Doch, liebe Gemeinde, seine Frage nahm ich ernst und antwortete ihm: „Ja, ich glaube an Gott.“ Daraufhin fragte ganz spontan weiter: „Was ist Gott?“ ─ Wie sollte ich diese sehr tiefgründige Menschheitsfrage beantworten?
„Was Gott ist, das kann ich Ihnen nicht sagen und trotzdem bin ich fest davon überzeugt, dass es Gott gibt“, so meine Antwort.
„Aber man kann doch nicht ohne weiteres an Gott glauben“, so seine Reaktion.
„Ohne Weiteres glaube ich auch nicht an Gott, jedoch habe ich manche Gründe dafür. Trotzdem glaube ich an ihn, weil Jesus Christus mich überzeugt hat. Was der uns von Gott gesagt und wie er selbst uns Gott bezeugt hat, überzeugt mich. Wenn wir ihm nicht vertrauen können, wem in aller Welt sollen wir dann noch vertrauen?“
Darauf sagte er: „Ja, dann können wir wohl keinem vertrauen.“ Ich antwortete ihm: „Ja, so ist es und weil ich Jesus vertraue, glaube ich an Gott.“ Dann sagte er noch: „Ich danke Ihnen für das schöne Gespräch.“ Anschließend verließ er sein Zimmer und begab sich zu einem anderen Bewohner der Einrichtung.
Vielleicht grübelten und diskutierten beide über unser Gespräch. Für manch einer und manch einem von uns sind solche Gedanken bedrückend, besonders dann, wenn die Frage auftaucht: Was habe ich von meinem Leben noch zu erwarten, was wird noch alles auf mich zukommen?
Und wenn wir uns dann sehr tief ins Nachdenken hineinbegeben, dann taucht mit Sicherheit auch einmal die Frage auf: Wo ist denn Gott in dieser Zeit und in meinem Leben, was bedeutet es, dass wir Weihnachten entgegengehen, dass Gott uns entgegengegangen ist und uns zu Weihnachten Gottes Nähe neu verkündet wird?
Das, liebe Gemeinde, können Gedanken von Advent sein, auch wenn diese Gedanken vielleicht eher traurig klingen und etwas düster sind. Aber es sind Adventsgedanken, die noch nicht von Weihnachten überlagert sind, ja, Adventsgedanken, die wirklich erst einmal fragen: Was erwarten wir, was erhoffen wir wirklich für unser Leben?
Wir erhoffen mehr, als nur eine kurze Zeit vorweihnachtlicher Freude auf eine Feier, die dann zwar als schöne Erinnerung im Gedächtnis bleibt, die aber in unserem Leben nicht viel verändert.
Solche Adventsgedanken hat wohl auch Johannes der Täufer gehabt, als er im Gefängnis gesessen hat.
Mt 11, 2 - 6
2 Der Täufer Johannes hatte im Gefängnis von den Taten gehört, die Jesus als den versprochenen Retter auswiesen; darum schickte er einige seiner Jünger zu ihm.
3 »Bist du wirklich der, der kommen soll«, ließ er fragen, »oder müssen wir auf einen anderen warten?«
4 Jesus antwortete ihnen: »Geht zu Johannes und berichtet ihm, was ihr hört und seht:
5 Blinde sehen, Gelähmte gehen, Aussätzige werden gesund, Taube hören, Tote stehen auf, und den Armen wird die Gute Nachricht verkündet.
6 Freuen darf sich, wer nicht an mir irre wird!«
Gute Nachricht 1997
Liebe Gemeinde, können wir uns als Erwachsene eigentlich noch so richtig auf Advent freuen und feiern? Können wir noch mit der Ungeduld unserer Kinder oder Enkel warten?
Den meisten von uns fehlt nichts oder nicht viel. Was wir brauchen, das haben wir bereits. Und so sind wir eher Betrachter bzw. Zuschauer der Adventszeit. Sicher, wir freuen uns, für unsere Nächsten Advent werden zu lassen. Ja, wir freuen uns über die ungeduldigen und leuchtenden Augen unserer Nächsten, doch unsere eigenen Adventsaugen leuchten nicht mehr so wie früher.
Unser größtes Hindernis auf unserem Weg zum Heil ist unser Eigenwille. Ja, wir machen uns unsere eigenen Gedanken über alles unwesentlich Mögliche, aber auch über Gott und seinen Weg.
Selbst einem Johannes geht es so. Er weiß zwar, Jesus ist der Vorläufer der Sohnes Davis, der als Erlöser kommen wird. Johannes hat ihn selbst gesehen und ihn sogar getauft. Doch was er nun im Gefängnis von Jesus hört, ist ganz anders als das, was Johannes sich vorstellt und verkündet hat.
Im Gefängnis war das Himmelreich für Johannes weiter entfernt, als wir uns dies heute vorstellen können. Und das, obgleich viele sagten, in Jesus wäre der Messias erschienen.
Die Zweifel des Täufers, die können wir uns ausmalen, seine quälenden Fragen, ist das der Heiland, der da kommen soll? War ich wirklich sein Wegbereiter? Wo bleibt denn der Himmel auf Erden, den ich ankündigte? Wo ist die Herrschaft Gottes? Warum liege ich hier im Kerker in Ketten?
Und so lässt Johannes Jesus fragen, bist du wirklich der, der kommen soll? Bist du der Heiland, der Messias, der Christus?
Diese Fragen sind, so denke ich, uns nicht so fremd. Wir selbst sind in unserem Gefängnis des persönlichen Leids, der Angst und der Krankheit. Ja, wir sind im Kerker unserer Einsamkeit, unseres Alters und unserer körperlichen Gebrechen. Wir liegen in den Ketten eines sinnlosen Lebens, verstrickt in die Langeweile des Alltags.
Bist du wirklich der, der kommen soll? Bist du der Heiland, der mich endlich frei macht aus allem, was mich bindet und gefangen hält?
Der letzte prophetische Vorläufer des Messias scheint in seiner Einsamkeit und Untätigkeit in ein gefährliches Grübeln und Brüten geraten zu sein. Bist du wirklich der, der kommen soll?", oder müssen wir auf einen anderen warten?“, lässt er fragen.
Johannes hat jetzt im Kerker Zeit, seine hochgespannten Erwartungen mit der Erscheinung dieses Jesus zu vergleichen. Ist er's oder ist er's nicht? Hab ich am Ende auf den Falschen gesetzt? Johannes war mit solchen Fragen nicht allein.
Man darf vermuten, dass all die biblischen Propheten, welche Vermittler von Messiasverheißungen waren, vor der Wirklichkeit dieses Mannes aus Nazareth ähnlich gestutzt oder gefragt hätten.
Wie, der Retter der Welt soll im unscheinbarsten Winkel der damaligen Ökumene aufgetreten sein? Er soll ein Leben in Einfachheit unter Fischern und Zöllnern geführt haben, abseits von Kultur und Politik? Er soll ein paar Kranke geheilt haben, als ob damit auch nur etwas für die Gesundheit der Weltbevölkerung getan wäre? Er kam, um uns in Gottes Herz sehen zu lassen und dann blieb doch alles so unsichtbar, ungreifbar?
Ist denn nicht Sokrates oder Buddha, mit Jesus verglichen, nicht sehr viel verständlicher, sehr viel weniger ärgerlich und anstößig? Rätsel über Rätsel umgibt diese Gestalt.
Und es gibt Menschen, die von ihm nicht loskommen. Verstehen und erkennen können wir ihn nur, wenn wir uns trotz allem mit ihm einlassen.
Es ist ein Wunder, so denke ich, wenn es uns nicht von ihm wegtreibt, sondern zu ihm hin. Dass wir an ihn glauben können, das ist nicht erklärbar. Es sei denn, man wolle uns zugestehen, dass Gott dahinter steckt.
Johannes, liebe Gemeinde, bekommt in seiner recht zweifelhaften Situation eine Antwort: Freuen darf sich, wer nicht an mir irre wird! Diese Antwort Jesu klinkt fast wie eine Zurechtweisung, aber sie ist sehr eindeutig: Der Heiland ist da. Blinde sehen, Gelähmte gehen, Aussätzige werden gesund, Taube hören, Tote stehen auf, und den Armen wird die Gute Nachricht verkündet.
Jesus bestätigt hierdurch sozusagen Johannes dem Täufer sein Tun. Es ist genau das Tun, was Gott der Vater will. Jesus ruft zum ewigen Reich, zu seinem Vater. Jesu Werke sollen dem Täufer gegenüber beweisen, dass er wirklich der Heiland ist.
Auch ein Johannes darf sich keinen Erlöser nach seinen Gedanken zurechtmachen. Er soll den Messias nehmen, wie er ist.
Lebt nicht auch in uns immer wieder dieser Geist des Johannes? Möchten wir uns nicht auch einen Heiland nach unseren eigenen Gedanken zu Recht machen?
Liebe Gemeinde, wenn wir Jesus Christus Glauben schenken, dann werden auch heute all die Wunder möglich, von denen wir im Predigttext hörten.
Blinden, die keinen Lebenssinn mehr sehen, gehen die Augen auf. Sie erkennen, dass sich ihr Leben lohnt. Lahme, die den Weg zu ihren Mitmenschen immer scheuten, gehen auf ihren Nächsten zu. Taube, die nie ein Ohr für ihre Nächsten hatten, werden hellhörig für ihre Nöte und Sorgen.
Aussätzige, belastet mit Schuld und Sünde, werden rein und haben einen neuen Anfang. Tote, unfähig zu allem Guten, erwachen aus ihrer Starre, sie werden lebendig zum Dienst am Menschen.
Der Glaube an Jesus Christus macht das alles möglich. Die Wunder, die er an uns tun will, geschehen, gestern, heute, morgen und jeden Tag.
All das, liebe Gemeinde, ist ein Aufleuchten der Wirklichkeit Gottes unter uns, ja, es ist ein Zeichen seines mit Jesus Christus angebrochenen Reiches. Aber es ist noch nicht ganz vollendet. So wie Johannes wartete, so warten auch wir, dass das Reich Gottes einmal vollendet werden wird.
Wenn wir Advent feiern, so können unsere Feiern vielleicht so gestaltet und erlebt werden, dass wir inmitten des Wartens und des Wissens um eine schwierige Welt, dennoch froh leben und feiern, weil wir von der Freude leben, die in dem Leben Jesu Christi schon offenbar wird und am Ende der Zeit ihre Erfüllung finden wird.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus Amen
Liturgie
Wochenspruch: Jes 40,3.10
Bereitet dem HERRN den Weg; denn siehe, der HERR kommt gewaltig.
Kyrie
Barmherziger Gott,
lass mich die Wunder sehen,
die du vollbringst.
Lass mich die Worte hören,
die du in unsere Welt sprichst.
Lass mich in meinem Alltag
deinen Sonntag entdecken.
Auf dass ich glauben kann,
dass du in die Welt gekommen bist.
Kyrie Eleison ...
Kollektengebet
"Bist du, der da kommen soll?
Oder sollen wir auf einen anderen warten?"
Du hast uns die Antwort gegeben,
Herr.
In deinen Worten,
mit deiner Liebe,
durch deine Wunder.
So wollen wir an dir festhalten
und uns darüber freuen,
dass wir nicht länger warten müssen.
Du kommst.
Jeden Tag neu.
Fürbitten
Nein,
Gott,
wir wollen nicht auf einen anderen warten,
sondern fortsetzen,
was du begonnen hast:
Den Menschen begegnen wir freundlich.
Unseren Planeten beschützen und bewahren wir.
Das Leben werden wir respektieren,
ebenso die Würde eines jeden Geschöpfes.
Niemand wird übersehen,
alle kommen zu ihrem Recht.
Wir nähren die Hungernden.
Wir befreien die Gefangenen.
Wir beheimaten die Flüchtenden.
Wir besuchen die Vergessenen.
Wir teilen die Sorgen der Kranken.
Wir trösten die Trauernden.
Deinem Wort schenken wir Glauben.
Deinen Geboten lassen wir Taten folgen.
Nein,
Gott,
wir warten nicht.
Wir fangen an.
Jetzt.
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