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Predigt - Jubelkonfirmation 2005

Text: Jesaja 6,1-13

Liebe Jubilare! Liebe Gemeinde!

Die Losung des Ev. Kirchentages in Hannover lautet:

"Wenn dein Kind dich morgen fragt..."

Damit nimmt sie eine alltägliche Erfahrung auf, die wir zur Genüge kennen; denn Kinder können einem immer wieder Löcher in den Bauch fragen. Die Losung ist nu ein Halbsatz, denn was Kinder fragen, das kann sehr verschieden sein. So lädt der Halbsatz ein, ihn zu ergänzen, z.B. mit der mir gestellten Kinderfrage:

"...hast du Gott schon einmal gesehen?"

Was würden Sie dann wohl antworten?

  • Gott kann man nicht sehen! Dann wird Ihr Kind gewiss zurückfragen. Warum nicht?
  • Du kannst ihn überall sehen! Er hat unsere schöne Erde und die Pflanzen, die Tiere, ja uns Menschen geschaffen! Dann wird Ihr Kind gewiss zurückfragen: Ist Gott ein Baum oder ein Löwe?
  • Das kannst Du mich nicht fragen. Da frag mal die Fachleute, deine Religionslehrerin oder den Pfarrer unserer Gemeinde. Die müssen das wissen. Dann wird Ihr Kind zurückfragen: Glaubst Du nicht an Gott?
  • Gott ist wie der Wind. Wir können ihn nicht sehen. Aber wie wir den Wind spüren, wenn er uns ins Gesicht bläst, so spüren wir Gott. Dann wird Ihr Kind gewiss zurückfragen: Hast Du ihn schon mal gespürt?

Sie sehen, so einfach die Frage auch klingen mag, jeder Versuch sie zu beantworten, bringt eine neue Frage hervor und fordert zu einer neuen Antwort heraus.

Auf diese Kinderfrage möchte ich, wie es die Bibel oft tut, mit einer Geschichte antworten. Gewöhnlich sagt man: "Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte." und ich füge gern hinzu: "Eine Geschichte sagt oft mehr als 1000 kluge Sätze". Die Geschichte ist die Berufung des Jesaja, der Gott gesehen hat.

1 In dem Jahr, als der König Usija starb, sah ich den Herrn sitzen auf einem hohen und erhabenen Thron, und sein Saum füllte den Tempel.
2 Serafim standen über ihm; ein jeder hatte sechs Flügel: mit zweien deckten sie ihr Antlitz, mit zweien deckten sie ihre Füße, und mit zweien flogen sie.
3 Und einer rief zum andern und sprach: Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll!
4 Und die Schwellen bebten von der Stimme ihres Rufens, und das Haus ward voll Rauch.
5 Da sprach ich: Weh mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König, den HERRN Zebaoth, gesehen mit meinen Augen.

Was Jesaja sieht, lässt ihn in Demut staunen vor der majestätischen Erhabenheit.

Können wir noch in Demut staunen? Können Sie, liebe Jubilare, die Sie heute auf den Tag Ihrer Konfirmation zurückblicken, wie die Liederdichterin Ämilie Juliane von Schwarzburg-Rudolstadt sprechen:

"Bis hierher hat mich Gott gebracht durch seine große Güte,
bis hierher hat er Tag und Nacht bewahrt Herz und Gemüte,
bis hierher hat er mich geleit', bis hierher hat er mich erfreut,
bis hierher mir geholfen." ????

Können wir noch mit Ehrfurcht dem anderen begegnen? Albert Schweitzer schrieb vor 80 Jahren ein bis heute aktuell gebliebenes Buch, das den Titel trägt. "Ehrfurcht vor dem Leben". Da skizziert er seine aus dem christlichen Glauben gewonnenen ethischen Grundsätze. Wo Ehrfurcht fehlt, da ist letztlich nichts mehr heilig, kein Berg und kein Gott. Der Dichter Rainer Maria Rilke hat es in die leicht verständlichen Worte gefasst:

"Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus.
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus
Und hier ist Beginn und das Ende ist dort.
Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott.
Sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.
Ich will immer warnen und wehren: Bleib fern.
Die Dinge singen höre ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um."

"Die Dinge singen höre ich so gern."

Jesaja hat diese Erhabenheit gesehen und gespürt. Sie hat ihn verstummen lassen:

"Weh mir, ich vergehe…denn ich habe den König, den HERRN Zebaoth, gesehen mit meinen Augen."

Aber es kommt anders. Hören wir den zweiten Teil seiner Geschichte:

6 Da flog einer der Serafim zu mir und hatte eine glühende Kohle in der Hand, die er mit der Zange vom Altar nahm,
7 und rührte meinen Mund an und sprach: Siehe, hiermit sind deine Lippen berührt, dass deine Schuld von dir genommen werde und deine Sünde gesühnt sei.

Das ist das Evangelium, in dem wir Gott spüren können. Er reinigt uns, er nimmt die Schuld von uns. Er spricht Vergebung zu. So vollzieht sich an Jesaja die Wandlung. Es ist ein schmerzlicher Prozess, wenn er von glühenden Kohlen erzählt.

Sie, liebe Jubilare, haben in Ihrem bisherigen Leben wohl solche schmerzliche Prozesse ebenfalls erlebt und durchlitten. Zeiten, in denen Sie vor Trümmern Ihres Lebens standen. Es waren für manche die Trümmer, die der Krieg hinterlassen hat. Es waren für andere die Reste von Lebensträumen. Und für nochmals andere schwere Schicksalsschläge, die sich wie glühende Kohle in Herz und Seele bohrten.

Dann war es befreiend, wenn ein anderer das erlösende Wort sprach, wenn einer einen in den Arm nahm, wenn einer einfach durch seine Nähe spüren ließ: Ich steh zu dir. Hier können Sie eine jede und ein jeder ihre/ seine Geschichte erzählen. Und ich bin mir sicher, dass im Rückblick Sie erkennen werden, dass da auch eine Wandlung eintrat. Manchmal erzählen mir Menschen sehr glaubwürdig, dass dieser oder jener Schicksalsschlag sie bewusster den Tag, die Gemeinschaft erleben lasse. Ja, dass sich eine neue Dankbarkeit eingestellt habe.

Was Jesaja erfahren, was Sie in Ihrer Weise erlebt haben mögen, im Abendmahl  verdichtet sich dieses Erleben in dem Zuspruch:

"Dir sind deine Sünden vergeben"

, damit wir verwandelt neu ins Leben gehen können.

Für Jesaja wandelt sich sehr einschneidend sein Leben. Hören wir nun den dritten Teil seiner Geschichte.

8 Und ich hörte die Stimme des Herrn, wie er sprach: Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein? Ich aber sprach: Hier bin ich, sende mich!
9 Und er sprach: Geh hin und sprich zu diesem Volk: Höret und verstehet's nicht; sehet und merket's nicht!
10 Verstocke das Herz dieses Volks und lass ihre Ohren taub sein und ihre Augen blind, dass sie nicht sehen mit ihren Augen noch hören mit ihren Ohren noch verstehen mit ihrem Herzen und sich nicht bekehren und genesen.
11 Ich aber sprach: Herr, wie lange? Er sprach: Bis die Städte wüst werden, ohne Einwohner, und die Häuser ohne Menschen und das Feld ganz wüst daliegt.
12 Denn der HERR wird die Menschen weit wegtun, so dass das Land sehr verlassen sein wird.
13 Auch wenn nur der zehnte Teil darin bleibt, so wird es abermals verheert werden, doch wie bei einer Eiche undLinde, von denen beim Fällen noch ein Stumpf bleibt. Ein heiliger Same wird solcher Stumpf sein.

Ein Bote Gottes soll Jesaja sein. Gottes Wort soll Jesaja in seiner Zeit verkünden. Kein einfacher Auftrag, denn er wird auf taube Ohren, blinde Augen und verstockte Herzen treffen. Er wird keinen Erfolg verbuchen können, keine stolze Bilanz vorweisen wie ein Unternehmen in seinem Jahresbericht. Vielleicht haben Sie das, liebe Jubilare auch hin und wieder erfahren, dass Sie vergeblich geredet haben. Ihre Worte verhallten. All Ihre Mühen umsonst waren. Als Ausblick bleibt, das am Ende ein Neuanfang stehen wird:

"Ein heiliger Same wird solcher Stumpf sein."

Ein Bote Gottes sollen auch wir sein, mehr wird nicht erwartet. Ein Bote Gottes können auch wir sein, indem wir uns den Fragen stellen wie zum Beispiel der eingangs gestellten Frage:

"Hast du Gott gesehen?"

Dann erzählen Sie doch die Geschichte des Jesajas und damit Ihre Lebens- und Glaubensgeschichte. So werden und bleiben Sie Boten der befreienden Botschaft bis ins hohe Alter hinein: So bewahren Sie sich vor Resignation und Depression. Somit geben Sie weiter, was in früheren Zeiten, wie sich wohl die ältesten Jubilare noch erinnern können, "die eiserne Ration fürs Leben" genannt wurde. Gemeint war damit der Glaube an den dreieinigen Gott, der Glaube Hoffnung, Liebe wirkt. Da sieht, da hört, da spürt man: Gott wirkt noch heute oder mit Paul Gerhardt gesprochen:

"Ihn, ihn lass tun und walten, er ist ein weiser Fürst
und wird sich so verhalten, dass du dich wundern wirst,
wenn er, wie ihm gebühret, mit wunderbarem Rat
das Werk hinausgeführet, das dich bekümmert hat."
(EG 361,8)

Amen.

Erstellt: 22.5.2005
Zuletzt aktualisiert: 2.4.2011 20:33 Uhr
Redakteur: Anders Grüning

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