Predigt "Zum Ende des II. Weltkriegs"
Als Predigttext für den heutigen Sonntag habe ich einen Vers aus dem Römerbrief ausgewählt im 12 Kapitel schreibt Paulus:
Laß dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.
Liebe Gemeinde,
heute ist das Kriegsende genau 60 Jahre her. Und ich stehe vor ihnen, quasi als das Problem, was immer dringlicher wird. Ich mit meinen nun 31 Jahren weiß nicht was Krieg bedeutet. Natürlich kenne ich die Bilder und Filme vom 2. Weltkrieg und die Reportagen und Nachrichten von den heutigen Kriegsschauplätzen, aber einen Krieg habe ich „Gott sei dank“ nie mit erleben müssen.
Als erstes fallen mir die Bilder der zerstörten Städte ein, die zerbombten Häuserschluchten wirken ungewöhnlich monoton. Das diese Bilder Berlin, Köln, Mainz oder Kreuznach zeigen, kann ich dann fast nicht glauben. Städte die ich nur als intakte ganze lebendige Städte kenne, sind auf den Bildern tot, ja wirken so als wolle aus ihnen nie wieder Leben entspringen, als hätten sie ihr Leben ein für allemal ausgehaucht.
Wenn ich diese Bilder mir ansehe, auf mich wirken lasse, dann entsteht bei mir langsam ein Bild, was es bedeuten muss ausgebombt, vertreiben, oder in Gefangenschaft geraten zu sein.
Wenn ich diese Bilder auf mich wirken lasse, kommen Fragen in mir hoch:
Wie konnte so etwas geschehen?
Wer trägt für das alles die Verantwortung?
Woher kam die Kraft zum Wiederaufbau?
Zeitzeugen
Als zweites fallen mir die Zeitzeugen ein. Viele Menschen sind noch unter uns, die uns berichten können, was Krieg bedeutet und immer mehr werden sich die Nachgeborenen bewusst, das der Schatz der Erinnerungen an den Krieg, die viele Menschen noch mit sich tragen, kostbar sind. Das es nicht bis in alle Ewigkeit Zeitzeugen dieses dunklen Kapitels deutscher Geschichte geben wird. Sondern, dass heute gefragt, erzählt und berichtet werden muss, was damals geschehen ist, weil es bald schon ein zu spät geben kann.
Zum anderen Beobachte ich, dass der Blick sich mehr auf die einfachen Menschen richtet. Wie sie den Krieg und das Ende des Krieges erlebt haben. Es wird feiner unterschieden: Es gilt nicht länger die bösen Deutschen und die guten Alliierten, sondern es kann davon geredet werden, wie Deutsche SS-Truppen in den letzten Tagen noch Jagd auf die eigene Bevölkerung gemacht haben, weil diese lieber sich ergab als noch an den Endsieg zu glauben. Es können die deutschen Opfer betrauert und beklagt werden und der Bombenterror kann auf beiden Seiten als sinnloses Morden bezeichnet werden. Langezeit bestand in Deutschland eine große Scheu über die deutschen Opfer von Bombenkrieg, Flucht und Vertreibung in das Gedenken mit einzubeziehen. Diese Scheu entstand aus der verständlichen Besorgnis, auf diese Weise könnte versucht werden die Opfer gegen einander aufzurechnen, und so versucht werden die deutsche Schuld zu relativieren. Jenen ewig Gestrigen oder jungen Nachahmern dürfen und wollen wir aber nicht das Gedächtnis an unsere Toten überlassen. Sondern ohne Ursache und Folge zu verwischen, sollen alle Ofer von Krieg und Vertreibung erinnert werden und uns mahnen, dass Böses mit Bösem zu vergelten nur in den Untergang führen kann.
Widerstand
Eine dritte Beobachtung habe ich gemacht. Der Widerstand gegen Hitler und die Nationalsozialisten erfährt eine neue Beachtung. So zum Beispiel im neuen Film über „Sophie Scholl“ und ihren Bruder, die sich mit ihren Mitstreitern der „Weißen Rose“ dem übermächtigen NS-Apparat in den Weg stellten und dafür mit ihrem Leben bezahlten. Und das nicht weil sie Anschläge planten oder zum gewaltsamen Umsturz aufriefen, sondern weil sie mit Flugblättern auf die vollkommen hoffnungslose Situation hinwiesen, die nur in der Niederlage enden kann. So fand ich die stärkste Szene im Film als beide nochmals ihre Eltern vor ihrer Ermordung sehen durften und der Vater beide an sich drückte und sagte: „Ich bin stolz auf euch!“; wohlwissend seine Kinder nie mehr wiederzusehen. Aber in der Gewissheit, dass sie nicht ander hätten handeln können.
Zusammenfassung I.
Nur drei subjektive Eindrücke von mir und doch haben alle drei etwas mit dem heutigen Predigttext zu tun. „Lass dich nicht von Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“
Widerstand
Blicken wir auf den Widerstand, viele Menschen gab es, die sich dem mörderischen Regime widersetzt haben. Manche offen, viele aber verdeckt. Die sich trauten unter Lebensgefahr anderen Menschen zu helfen. Die sich einsetzten für das, was sie für richtig hielten, und denen auch der ausgeklügelste Propaganda-Apperat nicht von Gegenteil überzeugen konnte. Die Menschen, die aus christlicher Überzeugung handelten, weil Gottes Gebote für sie mehr bedeuteten als die Befehle eines Regimes, was von allen guten Geistern verlassen war.
Dazu fällt mir ein Beispiel aus Frankreich ein:
Roger Schütz, der Begründer des ökumenischen Ordens in Taize. Als er sich während des Krieges in diesem kleinen Ort im Burgund niederließ, versteckte er zuerst Franzosen vor den Deutschen und wenig später als der Krieg beendet war versteckte er mit der selben Motivation Deutsche vor den Franzosen. Ihm ging es dabei ausschließlich darum, dem Menschen egal ob Franzose oder Deutscher zu helfen. Also das Böse mit Gutem zu überwinden.
Wiederaufbau
Wenn ich an die Zerstörungen denke, die Deutschland über Europa gebracht hatte und die dann wieder auf Deutschland zurückschlug, dann wundere ich mich oft wie schnell der Wiederaufbau voran ging. Wie schnell Häuser wiederaufgebaut wurden. Wie schnell in scheinbar toten Städten neues Leben einzog. Das lag zum einem daran, dass die Deutschen gemeinsam anfassten um aus dem Schutt sich wieder hoch zu rappeln, zum anderen lag es daran, das die früheren Feinde nun versuchten zu Freunden zu wurden, die darauf verzichteten ganz Deutschland in Kollektivschuld zu nehmen und so lange dafür büßen zu lassen, bis auch die letzte Reparation geleistet war. Auch hier wurde nach dem Sieg nicht weiter Böses mit Bösem vergolten, sondern gemeinsam nach einer tragfähigen Zukunft gesucht. Anstatt weiter gegen die verhassten Deutschen zu wettern, wurden nun Care-Pakete geschickt. Anstatt die junge Bundesrepublik möglichst zu isolieren, wurde sie von Anfang an in das neue Europa integriert. Auch hier wurde Böses nicht weiter mit Bösem vergolten, sondern gemeinsam ein guter Weg für alle gesucht.
Zeitzeugen
Ich denke auch an die Zeitzeugen und ihre Berichte. Sie erzählen ihre Berichte nicht um neuen Hass zwischen den Völkern zu sehen, sondern gerade im Gegenteil, sie erzählen von ihren Erlebnissen um die Menschen zu warnen, dass so eine Katastrophe nie mehr über die Welt hereinbrechen darf. Ob KZ-Überlebender oder deutscher Soldat, ob polnischer Kriegsgefangner oder deutsche Trümmerfrau, ihre Aussagen ihre wichtige Grundaussage ist doch meist die selbe. „Nie mehr darf so etwas geschehen.“ Ihre Erfahrungen haben eine Gemeinsamkeit, sie haben in den Abgrund geblickt und sind noch einmal davon gekommen. Mit ihren Erzählungen wollen sie diesen Abgrund schließen und nicht weiter vertiefen.
Heute
Es scheint als hätten wir Menschen aus der fürchterlichsten Katastrophe des 20. Jahrhunderts unsere Lehren gezogen. Und dem Satz „Nie mehr“ findet überall Zustimmung. Aber handeln wir auch weiterhin danach. Versuchen wir im großen und kleinen Böses nicht weiter mit Bösem zu vergelten, sondern mit gutem. Ein griechischer Philosoph hat einmal vor über 2000 Jahren schon erkannt. Einen Mord mit einem Mord zu sühnen, ist so sinnvoll wie wenn man in Scheiße getreten ist, diese mit weiterer Scheiße abzuwischen. Ein Bild das durch seine Derbheit zum Nachdenken anregt. Böses mit Bösem zu vergelten führt unweigerlich in eine Spirale der Gewalt aus der es kein entrinnen gibt. Der einzige Weg der Hoffnung und Leben ermöglicht ist die Vergebung. Dieses können wir in unserem täglichen Leben erfahren, auf dem Schulhof, in den Partnerschaft, bei Freundschaften. Und ist nicht auch das Zentrum unseres Glaubens die Vergebung der Sünden, das Wissen darum, dass wir immer wieder um die Vergebung Gottes bitten dürfen.
Und doch handeln wir so oft im Kleinen wie im Großen doch so ganz anders.
Nach dem 11. September 2001 scheint die Welt wieder in 2. Lager gespalten, oder zumindest versuchen es uns ein paar Menschen glaubend zu machen. In Afganistan und im Irak wird erst gebombt und dann nach dem geschaut was übrig geblieben ist, erst geschossen und dann gefragt. Diese Strategie ist weit davon entfernt, Böses mit Gutem zu vergelten und die Ergebnisse dieser Strategie können wir all abendlich im Fernsehen dann begutachten. Bombenanschlag folgt auf Militäraktion und Militäraktion auf Bombenanschlag. Vielleicht ist dieser Krieg gar nicht so viel anders als vor 60 Jahren, aber damals hat man nach dem Krieg gemeinsam die Wende geschafft, weil man des Bösen überdrüssig war und endlich wieder an das Gute im Menschen glauben wollte.
Vielleicht kein schlechter Ansatzpunkt für uns heute, denn Paulus sagt uns auch heute: Lasst euch nicht vom Bösen überwinden sondern überwindet das Böse mit Gutem.