Predigt - Lähmung
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus Amen.
Warum war der Gichtbrüchige, wie wir es eben im Evangelium hörten, zu Jesus gekommen? War Jesus für ihn die letzte Hoffnung, ihn von seinem Leiden befreien zu können? Warum unternahm er das halsbrecherische Wagnis und ließ sich von seinen Freunden durch das Dach des Hauses herablassen, um zu Jesus zu gelangen?
Jesus sah seinen Glauben und sprach: Dir sind deine Sünden vergeben. Und die Pharisäer ärgerten sich an Jesus und sprachen, er lästert Gott. Nur Gott allein kann die Sünde vergeben.
Die Aufregung der Pharisäer über den nach ihrer Meinung Gott lästernden Anspruch von Jesus, Sünden zu vergeben, lässt uns heutige Menschen unberührt.
Auch wir sind versucht, Anstoß an ihm zu nehmen. Auch wir sind enttäuscht über Jesu Handeln. Übersieht er die körperliche Not des Menschen?
Doch Jesus, liebe Gemeinde, sieht, was wir nicht sehen. Er weiß, dass wir Menschen unter der Qual der Sünde mehr leiden als unter jedem körperlichen Übel. Jesus, er hat die Vollmacht, das größte Leiden von uns Menschen zu heilen, uns von der Angst unserer Seele zu befreien und uns unsere Sünden zu vergeben.
Was Sünde ist, ja, was die Sünde für Auswirkungen haben kann, das demonstriert Jesus, indem er zeigt, welche Macht er über die Sünde hat. Er befreit einen Menschen von der Sünde. Er löst ihn aus Verstrickungen, in denen er hilflos seiner nicht mehr mächtig war.
Das Fatale damals wie heute ist, dass das sichtbare Zeichen die Menschen zwar fasziniert, dass die Sündenvergebung gegenüber der Heilung im Bewusstsein von uns Menschen verblasst. Das bedeutet, was Jesus eigentlich wollte, wurde nicht verstanden und wird auch heute nicht verstanden.
Die Pharisäer wollten nicht verstehen, obwohl sie genau wussten, was Sünde ist. Gerade deshalb sahen sie in dem Anspruch Jesu eine Anmaßung.
Wir können dies nicht verstehen, weil wir nicht wissen, was Sünde ist. Wissen wir es wirklich nicht? Oder ist das nur eine Ausrede um nicht auf den Anspruch, den Jesus erhebt, antworten zu müssen. Dann stünden wir mit den Pharisäern auf einer Stufe.
Wissen wir tatsächlich nicht, dass, wenn wir unserem Nächsten und unserer Nächsten unsere Liebe, unsere Hilfe, vielleicht auch nur ein gutes Wort versagen, wir uns gegen Gott versündigen.
Wir versagen unserem Gegenüber, weil wir über unseren eigenen, engen Horizont unseres eigenen Denkens und unserer eigenen Probleme nicht hinaus gelangen. Wir sind in uns selbst gefangen.
Was ist leichter zu sagen, dir sind deine Sünden vergeben oder körperliches Gebrechen zu heilen?
Jesus hat die Sündenvergebung in das Hier, Jetzt und Heute verlegt. Ein solches Geschenk verpflichtet uns, auch anderen gegenüber Versöhnungsbereitschaft zu zeigen und keine Gedanken der Rache aufkommen zu lassen. Man kann vergeben, aber kann man auch vergessen?
Den Vater, der von der Familie davongegangen ist, die schweren Verleumdungen, die den guten Ruf zerstört haben, die Bluttaten und Kriege, die immer neues Blutvergießen hervorrufen?
Wir helfen uns mit Verdrängungsmechanismen; die allerdings bringen oft neurotische Störungen mit sich. Der Weg der Heilung ist oft ein langer und braucht viel Zeit, Kraft und Gnade.
Jesu Barmherzigkeit ist groß. Er nimmt das Schwerste zuerst, ehe er zu dem Gichtbrüchigen sagt: Steh auf, nimm dein Bett und wandle.
Wenn wir lernen, immer tiefer in die Schuldverstrickungen unseres Lebens hineinzuschauen und hineinzusehen, wie die Sünde uns Menschen lähmt, wie wir unser, durch Jesus Christus, geschenktes neues Leben wieder zerstören und damit das Ziel des Lebens, das ewige Sein in Gott verlieren, dann wird die Sehnsucht nach einer radikalen Umkehr immer größer.
Umkehr ist immer ein schwieriger Prozess, liebe Gemeinde, ähnlich dem Trauerprozess und braucht seine Zeit; Trauer über das verlorene Leben, über nicht wahrgenommene Chancen, über Irrtümer und zerbrochene Gemeinschaften.
Sünden sind wie eine schwere Lähmung, wie eine ernste Krankheit, sie brauchen eine lange Zeit, um auszuheilen. Rückfälle kommen immer wieder vor.
Nur wer an sich selbst nicht verzweifelt und seine Sorgen auf den Herrn wirft, der wird gerettet werden. Jesu Sündenvergebung bringt den Gelähmten, aber auch das Volk, außer Rand und Band.
Wie oft sind wir Gelähmte, wenn wir mal an unsere Ängste denken, ja, an unsere Unzufriedenheiten, unsere Hoffnungslosigkeiten, oder auch an unsere Überheblichkeiten. Ja, wie oft sind wir Gelähmte, wenn wir mal daran denken, dass wir in dieser Welt alles selbst in die Hand nehmen wollen.
All das macht uns doch zu Menschen, die gar keine Möglichkeit mehr haben zu Gott und einem wirklich erfülltem Leben zu finden. Da brauchen wir auch Menschen, die uns in unserer Gelähmtheit nehmen und irgendwo ein Dach aufreißen und damit den Weg zum Himmel freimachen.
Jesus ermöglicht diesen Weg zum Himmel. Er sieht unsere Lähmungen, er sieht, was in unserem Leben uns von Gott trennt und er überwindet es, indem er uns nahe kommt und so Gott nahe bringt.
Jesus rüttelt uns auf und befreit uns zum Gehen, er befreit uns von dem, was uns lahm macht. Und das ist das Besondere seiner Person, das ist es, was ihn ausmacht und darin ist er der befreiende Gott.
Wenn wir diese biblische Geschichte nun auf uns übertragen, wo finden wir uns wieder? Vielleicht gehören wir zu den Skeptikern und Zweiflern wie diese Rechtsgelehrten. Vielleicht gehören wir zu den staunenden Zuschauern, die am Ende Gott loben.
Vielleicht gehören wir zu den Kranken, die wie der Gelähmte, Erlösung und Heilung brauchen. Vielleicht gehören wir zu solchen Helfern, die Menschen zu Jesus bringen können, wie es die vier Männer getan haben, die den Gelähmten getragen haben. Es ist schon viel erreicht, wenn auch wir uns auf den Weg zu Jesus machen und andere mitnehmen.
Das Volk sah, wie der Kranke geheilt von dannen ging. Und sie entsetzten sich vor dem, was sie sahen und priesen Gott für das, was sie noch nie gesehen hatten.
Wer an Jesus glaubt und zu ihm kommt, um Kleinstes zu erbitten, wird das Größte erfahren.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
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