Predigt "Lass los, Mann!"

Predigt am 9. Sonntag nach Trinitatis in Windesheim (05.08.07)
und am 13. Sonntag nach Trinitatis in Guldental (02.09.)

Text: Matthäus 13,44-46
44 Das Himmelreich gleicht einem Schatz, verborgen im Acker, den ein Mensch fand und verbarg; und in seiner Freude ging er hin und  verkaufte alles, was er hatte, und kaufte den Acker.
45 Wiederum gleicht das Himmelreich einem Kaufmann, der gute Perlen suchte,
46 und als er eine kostbare Perle fand, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte sie.

Liebe Gemeinde!
Womit könnte man heute das Himmelreich vergleichen? Vielleicht mit einem gelben Trikot, für das Rennradfahrer alles geben, bestimmt hart dafür trainiert haben, aber eben auch ihre Gesundheit aufs Spiel setzen, ihren Ruf kaputt machen und eine tolle Sportart diskreditieren, weil sie lügen und betrügen (müssen), nur um die Chance zu haben, das Stückchen Stoff in Paris überstreifen zu können? Bestimmt nicht! Denn im Gegensatz zu - man muss befürchten: - vielen Fahrern der Tour de France halten der Finder des verlorenen Schatzes im Acker und der Perlensucher die Regeln ein: sie gehen hin, verkaufen ihr Hab und Gut.

Der eine, um das Stück Land zu erwerben und so den wertvollen Fund rechtmäßig sein Eigen nennen zu können. Der andere, um die Perle zu einem angemessenen Preis zu kaufen. Kein Wort von Betrug! Das Himmelreich ein gelbes Trikot? In diesen Zeiten leider nein.

Womit könnte man heute das Himmelreich vergleichen? Vielleicht mit dem Hochgefühl eines erfolgreichen Einzelkämpfers des RAAM (Race Across America), das im Monat Juli wieder stattgefunden hat und bei dem Extremsportler 5.000 Kilometer Radtortour quer durch Amerika wagen. Nach 12 Tagen kommen die wenigsten ans Ziel, sind einfach nur froh, es geschafft zu haben. Die Vorbereitungen waren nicht umsonst, man hat Grenzen überwunden, vor allem sich selbst, um das "härteste Radrennen der Welt" zu bestehen und hinterher sagen zu können: Ich habe es geschafft. Das Himmelreich ein Moment der Glückshormonausschüttung? Vielleicht. Denn auch wenn das Gefühl nur ein paar Tage anhält, vielleicht schon bald im Alltagstrott vergraben wird oder seinen Glanz verliert, so kann ich mir vorstellen, dass man davon noch Wochen, vielleicht Jahre lang zehren kann.: „Ich war dabei gewesen!“

Womit könnte man heute das Himmelreich vergleichen? Vielleicht mit der Meisterschale der Bundesliga, die ja bald wieder beginnt? Vielleicht mit einem Lottogewinn? Vielleicht mit einer unerwarteten Erbschaft? Oder vielleicht mit einem Traum von Sportwagen? Jesus würde es nicht schwer fallen, ein Beispiel zu finden, das wir leicht nachvollziehen würden. Denn seine Gleichnisse sind alles andere als weltfremd. Sie sind Erfahrungssache. Sie schöpfen aus dem vollen Leben, denn sie wollen ins Leben hineingreifen. Jesus erzählt gerne Gleichnisse. Immer wieder lässt er sich neue Bilder einfallen, mit denen er das Himmelreich vergleicht. Denn darum geht es ihm: um das Himmelreich! Nichts ist ihm wichtiger, nichts ist ihm kostbarer als der Versuch, die Menschen einzuladen daran teilzuhaben; an dem Himmelreich, das mit ihm schon mitten unter uns ist.
Ich finde es bemerkenswert, mit welcher Leichtigkeit Jesus davon erzählen kann.

Wir tun uns da heutzutage unendlich schwerer. Für uns ist der Himmel entweder "da oben" oder "in uns drin", ein irgendwie abstraktes Gebilde, das wir zwar erleben wollen, aber schwer zu fassen ist. Was den Himmel ausmacht, welche Faszination der Himmel hinterlässt, das gelingt uns nur selten spürbar zu vermitteln. Vielleicht liegt das daran, dass wir oft die Zweischneidigkeit des Lebens erfahren. Jede glänzende Medaille hat halt ihre zwei Seiten, sagt der Volksmund.  Der Himmel aber hat nur eine, eine wunder- und wertvolle Seite, die alles andere vergessen lässt. Es ist wohl so: Himmelreicherfahrungen sind uns fremd, manchmal so fremd wie das Leben, das wir leben. Dabei spielt es sich ganz nah bei uns ab, hier, mitten unter uns, da ist es zu entdecken, da ist es zu gewinnen. Es gilt lediglich, die Augen auf zu machen und die Gelegenheit nicht zu verpassen.

Natürlich ruft das Himmelreich nicht: "Hier, hier bin ich!" Wie ein Schatz im Acker will es gefunden werden, aufgedeckt, ja offenbart werden. Und wie ein Tagelöhner, dem dieser Schatz durch Zufall in die Hände fällt, kann es jedem, wirklich jedem passieren, das Himmelreich zu finden. Niemand genießt Privilegien. Das macht das Ganze so spannend, spannender und fairer als jede Tour de France mit ihren Dopingskandalen. Dort - so hat man jedenfalls den Eindruck - gewinnt, wer sich am besten den Kontrollen entzogen und am unauffälligsten gedopt hat. Hier aber kann wirklich jede/r gewinnen. Dort gewinnt man ein paar Hunderttausend Euro Preisgeld, darf einen Stofflöwen mit nach Hause nehmen und hat ein gelbes Trikot mehr im Schrank. Hier gewinnt man ... das Leben. Und zwar das richtige Leben. Leben durch Gott, Leben von Gott, Leben in Gott: eben Himmelreich!

Aber es geht eben nicht nur um das Finden, das wäre zu einfach. Es geht auch um das Behaltenwollen! An dieser Stelle darf man auch als ChristIn ruhig einmal egoistisch sein. Wer es findet, für den ist es auch bestimmt. Keine Angst, man nimmt niemandem etwas weg. Das Himmelreich reicht, so weit der Himmel nun mal ist - und da finden alle ihren Platz. Aber es gilt schon, die Bedeutung zu erkennen, die Prioritäten richtig zu setzen. Der Kaufmann verkauft alles, was er besitzt, um die kostbare Perle zu erstehen. Will heißen: das Himmelreich stellt alles, was ich in meinem Leben erreicht, gewonnen und besessen habe in den Schatten. Hier gilt es, zuzugreifen. Und zwar ohne großartig zu überlegen oder abzuwägen.

Jetzt oder vielleicht ... nie. So könnte man Jesus verstehen, wie er die Geschichte erzählt. Irgendwann ist der Zug einmal abgefahren, nicht heute, aber vielleicht morgen schon und ich muss mich fragen (lassen): Habe ich in meinem Leben den Dingen die Bedeutung beigemessen, die sie verdienen? Würde ich das, was ich mir erarbeitet habe, jederzeit eintauschen gegen ein unverhofftes Geschenk aus dem Himmel? Ich bin mir nicht sicher, ob wir uns bewusst sind, dass das Himmelreich auch eine Alternative sein kann, für die ich mich entscheiden und für die ich auf andere, vielleicht lieb gewonnene Dinge verzichten muss. Doch das ist heutzutage nicht ganz einfach. Denn wir leben nicht in einer Entweder - Oder - Gesellschaft, sondern wir leben in einer Und – Gesellschaft. Alles muss miteinander vereinbar sein: Familie und Beruf, Freiheit und Sicherheit, Selbstverwirklichung und Partnerschaft. Nicht wenige scheitern daran - und stehen am Ende mit leeren Händen da.
Jesus lädt uns vielmehr ein, in unserem Leben zu handeln wie der Kaufmann und der Tagelöhner.

Das Besondere ihres Handelns  liegt darin, dass sie loslassen können, weil  sie sich fragen: Was ist mir wirklich wichtig? Was zählt in meinem Leben?
Und so werden die beiden Gleichnisse zur Anfrage an mich: Zählt zu den kostbaren Dingen in meinem Leben auch der Glaube an das Reich Gottes? Steckt mich die Freude darüber an?

Am Ende eines Seminars erhielt ich eine Postkarte als Wegbegleitung geschenkt, die mir bis heute Freude macht.  Die Karte zeigt einen Mann. der beinahe schwebend und völlig losgelöst und entspannt mit dem Rücken auf der Wasseroberfläche- vermutlich des Toten Meeres – liegt und seine Hände und Füße von sich streckt. „Toter Mann“ haben wir als Kinder so eine Haltung genannt. Die Karte trägt allerdings einen anderen Titel: „Lass los, Mann!“
Ich entdecke in dieser freundlich zwingenden Aufforderung: Ich muss weder mir noch andern etwas beweisen. Ich kann und darf loslassen. Gott sei Dank. Diese Entdeckung ist mir kostbar wie ein Schatz oder wie die eine Perle. Diese Karte hilft mir, Gottes Gegenwart in meinem Leben zu neu zu entdecken: „Lass los, Mann!“ Und fürwahr: Es lohnt sich. Denn wir kommen damit dem Himmel ein Stück näher. Amen.

Erstellt: 12.8.2007
Zuletzt aktualisiert: 11.4.2010 15:16 Uhr