Predigt "Lebendig, kräftig und schärfer"

Text: Hebräer 4, 9-16

Die Losung des Kölner Kirchentages ›lebendig und kräftig und schärfer stammt aus dem Hebräerbrief im Neuen Testament. Der Verfasser, von dem wir nicht einmal den Namen wissen, mahnt Christinnen und Christen seiner Zeit, nicht vom Weg des Glaubens abzukommen. Als warnendes Beispiel dient ihm die Generation des Volkes Israel, die nicht in das verheißene Land, zu der verheißenen ›Ruhe‹, gelangt ist, weil sie auf ihrem Weg in der Wüste ungehorsam war. Der Verfasser mahnt und warnt, aber er ermutigt auch. Hören wir also  die Lesung aus

Hebräer 4,9-16.
9 Es ist also noch eine Ruhe vorhanden für das Volk Gottes.
10 Denn wer zu Gottes Ruhe gekommen ist, der ruht auch von seinen Werken so wie Gott von den seinen.
11 So lasst uns nun bemüht sein, zu dieser Ruhe zu kommen, damit nicht jemand zu Fall komme durch den gleichen Ungehorsam.
12 Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.
13 Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen.
14 Weil wir denn einen großen Hohenpriester haben, Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat, so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis.
15 Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde.
16 Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.

Liebe Gemeinde!

An der Kanzel hängt das Kirchentagslogo. Es zeigt einen Fisch. Der Fisch ist ein frühchristliches Bekenntnis- und Erkennungszeichen: Die Buchstaben des griechischen Wortes für »Fisch«, »I-Ch-Th-Y-S«, wurden als Abkürzung der Bekenntnisaussage »Jesus Christus, Gottes Sohn, Retter« (»Iesoys Christos Theoy Yios Soter«) genommen. In Verfolgungszeiten war der Fisch heimliches Zeichen der Zugehörigkeit zu diesem Jesus Christus und damit zur christlichen Kirche. Und noch heute zeigen viele Autobesitzer mit dem Fischaufkleber: Ich bekenne mich zu Jesus Christus. Doch im Unterschied zu den bekannten Fischsymbol trägt dieser eine keck aufgesetzte Flosse. Warum eigentlich?
Soll der Fisch damit zum Hai mutieren? Doch dann fehlen ihm die scharfen Zähne?

Soll der Fisch damit nur zeigen: Seht her, auch wir Christen verstehen uns auf das Moderne, Peppige? Doch das wäre wohl nur billige Anpassung an den Zeitgeist. Vielmehr möchte der Fisch mit der Flosse  hinweisen auf die Kirchentagslosung “lebendig, kräftig und schärfer“. Er will sozusagen neugierig machen auf die Botschaft von Jesus Christus.

„Mit dem Fisch konnte in der frühen Kirche trennscharf zwischen einem Leben nach dem Evangelium und einem indifferenten Dahinexistieren unterschieden werden“, sagt Dr. Ellen Ueberschär, Fulda, Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags und fragt: „Wie machen wir das heute?“
Zunächst ist die Losung eine Aussage über das Wort Gottes. Es ist lebendig, kräftig und schärfer als ein zweischneidiges Schwert. Im Johannesevangelium sagt Jesus zu seinen Jüngern:

„Die Worte, die ich zu euch geredet habe, sind Leben.“

Das heißt, Jesus teilt den Jüngern mehr mit als irgendwelche Lebensweisheiten. Wie z.B. „Der Mensch denkt, Gott lenkt.“. Gottes Lebensworte lassen sich dagegen nicht als ewige Wahrheiten verkünden.
Sie sind darin lebendig, dass sie uns in verschiedenen Situationen jeweils unterschiedlich ansprechen. So ist das Psalmwort: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“ mehr als nur ein Trostwort, das selbst angesichts des Todes noch seine Gültigkeit behält. Es kann zu einem starken Protestwort werden gegenüber den anderen Herren und Herrinnen, die mein Leben bestimmen wollen. Es kann dazu aufrütteln, schon jetzt aktiv jeden Mangel zu bekämpfen. Man kann dieses Wort flüstern, schreien, singen, zaghaft oderselbstbewusst aussprechen oder es auch mit Fragezeichen versehen. Aber immer wird es unseren Lebensnerv berühren, unsere Seele aufwecken.

Es gibt viele Beispiele für die Lebendigkeit des Wortes Gottes. Ich denke an Menschen wie Christoph Blumhardt, der in der Begegnung mit einer kranken Frau die Wirkungsmacht des Wortes Jesu erfuhr. Dietrich Bonhoeffer hat durch sein intensives Bibelstudium erkannt, dass Glaube eine politische Dimension hat. Für ihn wurde es wichtig, dem Rad in die Speichen zu fallen. Vom dem Pfarrer und Bürgerrechtler Martin Luther King stammt sinngemäß der Satz: „Christen sind nicht das Öl, sondern der Sand im Getriebe der Welt.“
Und ich beobachte, dass kirchenfremde Menschen gar nicht so sehr auf noch mehr niederschwellige Angebote warten, sondern bei uns suchen, was sie sich nicht selbst sagen können oder anderswo auch zu hören bekommen, nämlich Gottes heiliges und in seiner Heiligkeit heilsames Wort. So erweist sich Gottes Wort immer wieder neu als lebendig und kräftig. Anders übersetzt: Es ist wirksam. “Wenn Gott spricht, so geschieht’s“, heißt es schon im 33. Psalm. Und durch den Propheten Jesaja bekräftigt Gott: „Mein Wort wird nicht leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.“

Zugleich deutet die Kirchentagslosung mit dem Attribut »und schärfer« an, dass auch Kritik zum Wort Gottes gehört. Aber während dabei der Vergleichspunkt offen bleibt, heißt es im Hebräerbrief: „Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens“.

Das klingt nun gar nicht sehr aufbauend, sondern eher bedrohlich. Und viele möchten am liebsten alle bedrohlich wirkenden Seiten Gottes aus der Bibel ausblenden und lieber nur von seiner Liebe, seiner Geduld und seinem großen Ja zu uns reden. „Gott nimmt dich so wie du bist!“ Diese Botschaft hat gerade in der letzten Zeit unser Reden und Predigen von Gott bestimmt und im Umgang miteinander haben wir gelernt, nicht nur „ich bin ok“ zu sagen gegen die, die immer an unszu mäkrln haben, sondern wir bemühen uns auch, anderen zu signalisieren: „du bist ok!“ Es geht dabei um mehr Selbstbewusstsein für sich und andere und um mehr Freiheit gegenüber moralischen Zwängen und gesellschaftlichen Normen.

Aber einen harmlos lieben Gott kennt die Bibel nicht. Ein Gott, der uns Menschen nur bestätigt, ist ihr fremd. Gott sei Dank! Denn es ist doch keineswegs alles ok –in Ordnung, was wir tun oder wie wir sind. Wir brauchen den biblischen Gott, der auch bei uns selber Unrecht als Unrecht entlarvt, der Lüge trotz aller Schönredens als Lüge aufdeckt und der sich nicht abfindet mit dem, was wir aus uns und aus unserer Welt gemacht haben, sondern alles in Ordnung – besser – zu Recht bringt. Sein Wort ist schärfer als ein zweischneidiges Schwert.
Der Gewaltkontext des Begriffs Schwert mag uns abstoßen, zumal gerade in unserer Gegenwart von Fundamentalisten jeder Glaubensrichtung Gewalt wieder religiös motiviert und gerechtfertigt wird, um „die Bösen“ zu strafen. Unser Gott lässt sich dafür nicht einspannen. Er kämpft niemals gegen die Bösen, sondern gegen das Böse. Deshalb denkt man vielleicht an dieser Stelle auch besser an das Skalpell eines Arztes, der uns von unseren bösen Auswüchsen befreit. Das tut weh, aber es ist ein heilsamer Schmerz.

Die Schärfe von Gottes Wort trifft natürlich nicht nur andere. Sie legt auch bei uns bloß, was nicht so ist, wie es nach Gottes Willen sein sollte.
„Du bist der Mann!“ sagt Nathan zu David, als der sich über den gemeinen Großbauern entrüstet, der seinem armen Nachbarn auch noch das letzte kleine Schaf wegnimmt.  „Was sieht du den Splitter im Augen deines Bruders, deiner Schwester, und den Balken im eigenen Auge nicht!“, warnt auch Jesus.
Das heißt: Auch wir müssen damit rechnen, dass Gottes Wort uns in Frage stellt, dass es auch an uns Gottes Maßstab von Gut und Böse anlegt und uns damit richtet. Aber das Ziel ist nie, uns damit klein zu halten, sondern uns frei zu machen auch von aller Selbsttäuschung und Selbstbeschädigung. Gottes kritisches Wort dient dem Leben, ist Lebenswort.

Und wenn wir darauf hören, wenn wir uns gesagt sein lassen, was Gott Recht ist, werden wir die Kraft Gottes am eigenen Leib erfahren als eine Kraft, die von jeder Erstarrung heilt und unabänderlich Scheinendes verändert und die uns auf diese Weise lebendig hält.
Weil das so ist, weil Gottes Wort diese Wirkungskraft hat, haben wir Grund zu hoffen, dass nicht alles immer so weitergeht wie bisher, mit so viel Elend und Tod auf unserer Welt, und auch nicht sinnlos ist, was wir im Hören auf Gottes Wort tun, um Leben zu schützen. Denn Gott verspricht uns: „Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.“

So gesehen, ist dieses Kirchentagslogo eine Provokation in mindestens zweierlei Hinsicht: Einmal zeigt er, das Christus als das Wort Gottes uns im Leben aufstöbert, ermahnt und kritisiert. Zum anderen ruft es uns auf, als Christinnen und Christen, als Gemeinde und Kirche, sichtbar zu machen, dass Jesus der Retter und der Richter ist. Wer zu ihm gehört, dem gilt der Ruf: „Hi, Fisch, zeig Flosse!“  Amen.

Eingangsgebet:
Ich komme aus der Unruhe der Woche, mit all den Gedanken, die ich mir mache über mein Leben und den Zustand der Welt und bitte dich: Schenke meinem Herzen dein lebendiges Wort.
Ich komme mit meinen Sorgen und Ängsten, mit meiner Sehnsucht und Hoffnung und bitte dich: kräftige meine Seele durch dein Wort.
Ich komme mit meiner Unsicherheit, mit meinem Kleinglaube, ja Unglauben und bitte dich: schärfe du meinen Geist mit deinem Wort.
Hier ist ein Ort der Stille, des Gebets, der Gemeinschaft. Viele Menschen waren vor mir hier. Sie sind ermutigt und getröstet worden.
Hier kann auch ich aufatmen, meine Unruhe und meine Last ablegen und darauf vertrauen, dass du, Gott, nahe bist, mich ansprichst und aufrichtest.
Darum rufe ich voll Vertrauen zu dir: Kyrie eleison, Herr, guter  Gott, erbarme dich!
 
Zuspruch:
Ihr seid wiedergeboren nicht aus vergänglichem, sondern aus unvergänglichem Samen, nämlich aus dem lebendigen Wort Gottes, das da bleibt. (1.Petrus 1,23)

 

Kollektengebet:
Lebendig und gütig, von unschätzbarem Wert;
erhellend, verbindend für Herzen und Verstand:
Ja so ist, Gott, dein Wort. Dafür danken wir dir.
Erfüllend, vertiefend ist deine Sicht der Welt.
Ja so ist, Gott, dein Wort. Dafür danken wir dir.
Lebendig und kräftig und  schärfer als ein Schwert,
durchdringend und scheidend so geht es durch Mark und Bein.
Ja so ist, Gott, dein Wort. Dafür danken wir dir.

Fürbittengebet:
Guter Gott, in Jesus Christus ist dein Wort lebendig geworden
Darum bitten wir dich:
Lass dein Wort auch heute mitten im Alltagsgrau lebendig werden,
damit unser Leben Hoffnung habe,
damit deine Gemeinde erkenntlich werde als Ort der Wahrheit und Klarheit.
Guter Gott, in Jesus Christus ist dein Wort kräftig geworden
Darum bitten wir dich:
Lass dein Wort auch heute in und um uns kräftig werden,
wenn wir selber schwach, mutlos und enttäuscht sind,
damit wir aus der Kraft deines Wortes andere stärken und trösten
damit wir gegen die Worte des Hasses dein Wort der Liebe setzen
Guter Gott, in Jesus Christus ist dein Wort schärfer als ein Schwert.
Darum bitten wir dich:
Schärfe mit deinem Wort unser Gedanken und Sinne,
damit wir erkennen, was dem Frieden dient,
damit wir alle unsere Sinne einsetzen für gerechte Teilhabe aller.
Guter Gott, Jesus Christus ist dein Wort.
Darum bitten wir dich:
Lass uns als Gemeinde immer wieder
auf dein Wort hin neu wagen, das Evangelium zu bezeugen
- lebendig, kräftig und schärfer.

Erstellt: 28.1.2007
Zuletzt aktualisiert: 6.4.2010 19:36 Uhr