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Predigt - Leitlinien

Text: Römer 14,17-19
17 Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem heiligen Geist.
18 Wer darin Christus dient, der ist Gott wohlgefällig und bei den Menschen geachtet.
19 Darum lasst uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur Erbauung untereinander.

Liebe Gemeinde!

Heute lade ich Sie ein zu einer kleinen Zeitreise. Machen Sie mit mir einen Spaziergang durchs alte Rom, in der Mitte der fünfziger Jahre des ersten christlichen Jahrhunderts. Wir schlendern über's Forum Romanum. Es ist Markttag. Die Marktschreier bieten ihre Waren feil. Und aus dem nahen Tempel werden Berge von Fleisch angeschleppt. Fleisch aus dem Tempel? Ja, es ist Fleisch, das einem der römischen Götter geopfert wurde - als geweihtes Fleisch ist es besonders wertvoll, aber weil es übrig geblieben und nicht verbrannt worden ist, ist es günstig zu haben.
Da drängt Priscilla sich heran an den Marktstand und kauft etwas von diesem Fleisch. Doch so gleich wird sie angesprochen:

Urbanus: Guten Tag, Priscilla. Du hast ja gut zugeschlagen hier auf dem Markt.

Priscilla: Hallo, Urbanus! Was bin ich froh: Endlich einmal Fleisch für die Kinder statt Hirse- oder Gerstenbrei! Fleisch, das wir uns leisten können. Du weißt doch, Crespus, mein Mann, bringt als Sklave eines römischen Senators wenig Geld nach Hause.

Urbanus: Aber bedenke, was Du da kaufst ist Götzenfleisch. Das dürfen Du und Deine Familie nicht essen.

Priscilla: Wieso denn nicht? Es ist doch gutes makelloses, geprüftes Fleisch. Wo kann ich sonst so preiswert einkaufen?

Urbanus: Als Christ kann ich und darf ich das nicht. Ich muss mich doch von denen hier unterscheiden. Ich will mit diesem Tempelkonzern nichts zu tun haben. Also lebt meine Familie vegetarisch. Das ist übrigens gut biblisch.

Priscilla: Das sehe ich doch ganz anders! Als meine Familie beim letzten Osterfest getauft wurde, da hieß es:

"Jetzt seid ihr frei von der Macht der vielen Götter, die doch nur machtlose Götzen sind. Jetzt könnt ihr euch freuen an allen Gaben des Lebens. Alles ist euer, ihr aber seid Christi."

Das ist echt schön. Das genieße ich.

Urbanus: Nein, das hast Du falsch verstanden. Frei sind wir schon von den Göttern. Doch deshalb essen wir als Christen noch lange kein Tempelfleisch. Der Apostel Paulus hat es selbst gesagt.

 "Meidet das Böse in jeder Gestalt."
(1.Thessalonicher 5,22)

Priscilla: Jetzt bleib mal auf dem Boden der Tatsachen! Was soll daran Böses sein? Meinst Du die Götter haben das Fleisch verflucht? Ich denke Sie haben keine Macht mehr über uns, wer Jesus als Herrn bekennt.

Urbanus: Da hast Du nur vergessen, dass wir auch Jesus gemäß zu leben haben.

Priscilla: Doch Jesus hat sehr deutlich gesagt:

"Merkt ihr nicht, dass alles, was von außen in den Menschen hineingeht, ihn nicht unrein machen kann? Denn es geht nicht in sein Herz, sondern in den Bauch, und kommt heraus in die Grube."

 Damit erklärte er alle Speisen für rein.

"Was aus dem Menschen herauskommt, das macht den Menschen unrein...
(Markus 7,18-20)

Urbanus: So einfach geht es aber nicht. Auch in der christlichen Gemeinde gibt es Regeln und Vorschriften. Sie sind einzuhalten. Ich werde das der Gemeindeversammlung heute vortragen. Wo kommen wir denn hin, wenn jeder tut, was ihm beliebt! Aber das kommt davon, wenn selbst Sklaven in der christlichen Gemeinde aufgenommen werden.

Priscilla: Was willst Du damit sagen? Das Du etwas Besseres bist? Du meinst meine Familie beleidigen zu müssen! Ist das Jesus gemäß? Also auf die Gemeindeversammlung komme ich auch. Das lass uns dort ausdiskutieren!

Als Priscilla am Abend - wie immer verspätet - zur christlichen Gemeindeversammlung kommt, da ist die Diskussion schon heftig im Gange. Gajus und Eulalia ereifern sich:

Gajus: Ich pflichte Urbanus bei. Wie kann man nur Götzenopferfleisch kaufen und essen!? Das ist doch den Göttern geweiht gewesen, denen man den Laufpass gegeben hat! Das ist doch unrein und unheilig! Auf ewig fernhalten muss man sich davon, will man sich nicht wieder beschmutzen mit dieser Viel- und Abgötterei! Und Christen dürfen kein Stück Fleisch mehr essen! Weiß man denn immer, woher es kommt?!

Eulalia: Ich finde Priscilla sehr mutig. Sie zeigt, welche Befreiung in unserem Glauben liegt.

Gajus: Das ist doch Rückfall in die Knechtschaft. Wie einst das Volk Israel in der Wüste zurück nach Ägypten wollte, weil der Hunger nach den Fleischtöpfen größer war als die Sehnsucht nach dem gelobten Land.

Eulalia: Quatsch! Unser Glaube und unser Leben leiden doch nicht darunter, wenn wir essen, was andere ihren toten Götzen dargebracht haben. Wenn diese Götzen wirklich nichts gelten, dann haben sie auch keine Macht über Fleisch, das als Opfer für sie gedacht war.

Gajus: Doch Götzenfleisch ist Götzenfleisch. Da ändert sich nichts. Da kann nur mit einem energischen Nein, Nein und noch mal Nein geantwortet werden. Christen essen kein Opferfleisch.

Eulalia: Es gibt nur ein wirkliches und wirksames Opfer: Jesus Christus für uns. Und schließlich gehört alles - die ganze Welt mit denen, die für Götter gehalten werden - dem einen, einzigen Gott, dem Jesus glaubte.

Gajus: Mir wird es zu bunt. Ende der Diskussion. Ich stelle den Antrag: Wir lehnen jedes Essen von Fleisch ab. Denn wer kennt schon den Weg, den es bis zur Theke zurückgelegt hat. So sind wir auf der sicheren Seite und geben Gott die Ehre.

Eulalia: Ich stelle den Gegenantrag: Alles ist erlaubt, denn auch das Fleisch ist eine Gabe Gottes und wie Brot stärkt es den Menschen.


Doch der Gastgeber ist weise genug, die Abstimmung nicht durchführen zu lassen.
Er bittet alle Anwesenden die Argumente in Ruhe
noch einmal zu bedenken und bei der nächsten Zusammenkunft weiter zu beraten.
Am drauffolgenden Sonntag teilt er mit, dass der Apostel Paulus einen Brief an die
römische Gemeinde geschrieben habe, aus dem er einen Abschnitt vorlesen wolle. Es
wird sehr still im Raum, als er die Pergamentrolle aufrollt, bis er die Stelle im 14.
Kapitel findet:

17 Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem heiligen Geist.
18 Wer darin Christus dient, der ist Gott wohlgefällig und bei den Menschen geachtet.
19 Darum lasst uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur Erbauung untereinander.

Nun was sagt ihr dazu, Urbanus und Priscilla, die Urheber des Streites?

Urbanus: Recht hat der Apostel. Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken. Doch gerade indem, was ich esse und trinke, zeigt sich, welcher Geist mich leitet. Um des Friedens willen in der Gemeinde ist also der Verzicht auf Götzenfleisch nötig. Denn das dient dem Frieden und der Erbauung.

Priscilla: Recht hat der Apostel. Da stimme ich dir zu. Aber nicht deiner Auslegung. Ich verstehe den Apostel so: Der Streit über Essen und Trinken hält er nicht für eine wichtige Angelegenheit. Wichtiger ist, unsere Bestimmung nicht aus den Augen zu verlieren: Gerechtigkeit, Friede.

Urbanus: Ach, Du willst wohl nur ablenken. In kleinen Schritten wird Gerechtigkeit sichtbar, wenn Du auf Opferfleisch verzichtest. Dann ist das okay. Schon das Apostelkonzil zu Jerusalem hat es so festgelegt. Ich zitiere.

"Denn es gefällt dem heiligen Geist und uns, euch weiter keine Last aufzuerlegen als nur diese notwendigen Dinge: dass ihr euch enthaltet vom Götzenopfer und vom Blut und vom Erstickten und von Unzucht. Wenn ihr euch davor bewahrt, tut ihr recht."
(Apg. 15,28-29)

Da lies es selbst, falls Du es überhaupt kannst.

Priscilla: Das schreibt der verehrte Lukas. Doch ich halte mich an Paulus. Er schreibt in seinem Galaterbrief über das Apostelkonzil zu Jerusalem:

"Mir haben die, die das Ansehen hatten, nichts weiter auferlegt... nur dass wir an die Armen dächten, was ich mich auch eifrig bemüht habe zu tun."
(Gal.2,6+10)

Das ist unsere vornehmste Aufgabe. Darum geht es in der christlichen Gemeinde. So wird in kleinen Schritten Gerechtigkeit und Friede Gestalt gewinnen.

Urbanus: Soll das heißen, die großen Apostel haben ihr Konzil unterschiedlich interpretiert? Wo kommen wir dahin. Aber das ist nicht mein Problem. Meine Sorge: Wir brauchen ein Leitbild für unsere Gemeinde, was uns eindeutig macht, uns erkennbar werden lässt. Dafür setze ich mich ein: Christen leben anders - ohne Fleisch - Christen leben gesünder - ohne Cola.

Priscilla: Na, darin stimme ich Dir zu: Wir brauchen ein Leitbild. Doch meines sieht anders aus. Uns sollte vielmehr leiten, was der Gerechtigkeit und dem Frieden dient. Gerecht ist z.B., dem anderen die Freiheit zu lassen, zu essen und zu trinken, was ihm beliebt. Du sollst meinetwegen vegetarisch leben. Das ist okay. Doch respektiere bitte auch meine gegenteilige Entscheidung. Dem Frieden dient es, wenn wir lernen uns so anzunehmen. Toll fände ich es, darüber hinaus uns für andere, besonders für Benachteiligte, einzusetzen. So bin ich mit meiner Familie, die wir Sklaven sind, zur Gemeinde der Christen gekommen.

Hier ergreift nun der Gastgeber wieder das Wort und bittet auch die übrigen sich
zu äußern, wie sie Paulus Worte verstehen- Dabei sollte möglichst die Diskussion um
ein Leitbild der Gemeinde voran gebracht werden. Es melden sich Gajus und Eulalia.

Gajus: Also ich meine, dass Paulus - mag ihm noch so ein großer Ruf vorauseilen - erst einmal noch bei Jesus in die Lehre gehen soll. Jesus hat gern und oft gegessen und getrunken. Bei Tisch liegend hat er vom Reich Gottes erzählt und Menschen durch seine Besuche erfreut. Ich denke da an Zachäus. Nur so hat dieser Zöllner erfahren, wie gütig und großzügig unser Gott ist.

Eulalia: Mich beschämen die Worte des Paulus. Ich erkenne, dass ich zu kurz gedacht habe. Das Reicht Gottes ist mehr als Essen und Trinken. Vielleicht sollten wir statt der wöchentlichen Apagefeiern - sie sind doch manchmal wahre Fressorgien - im Wechsel mehr über die Frage der Gerechtigkeit und des Friedens nachdenken. Ja, endlich Zeichen setzen. Das sollte Leitbild für unsere Gemeinde sein.

Gajus: Da stimme ich zu. Wir haben einen missionarischen Auftrag. Ich denke, wir sollten wie eine Ferieninsel sein. Einfach ein Paradies des Wohlfühlens. Das erbaut doch oder nicht?

Eulalia: Schön geredet. Doch ich meine, wir Christen sind keine Insel der Seligen und sollten uns nicht auf eine solche zurückziehen. Wir sollten unter die Leute gehen. Denn auch Jesus hat seine Jünger hinaus in die Städte und Dörfer gesandt. Nur so erfahren die Menschen von dem neuen Frieden, den Gott uns schenkt, der die Herren und Sklaven, die Armen und die Reichen, die Starken und Schwachen, miteinander zu einer Gemeinde verbindet.

Danke, für Eure engagierten Voten. Doch es ist schon spät. Lasst uns mit einem Gebet des Paulus enden:

"Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des heiligen Geistes."
(Römer 15,13)

Amen.

Erstellt: 31.12.2004
Zuletzt aktualisiert: 3.4.2011 16:22 Uhr
Redakteur: Anders Grüning

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