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Predigt - liberté, égalité, fraternité

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

manchmal es ist es schon gut, sich an bereits vergangene Zeiten zu erinnern. Denn gerade in der heutigen Zeit, wo sich so viele Stimmen, Schlagworte oder Werbeslogans viel leichter bei uns einprägen, als beispielsweise Worte des Lebens, Worte, die uns helfen können, unser Leben wieder auf die Reihe zu bringen. Welch eine Begeisterung muss damals geherrscht haben, als die Anführer der Französischen Revolution „liberté, égalité, fraternité“ zu deutsch „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" verkündetet haben. Damals jubelten die Menschen und glaubten am Ziel ihrer Träume angelangt zu sein.

Heute wissen wir, dass die Gleichheit, nach der Enthauptung Ludwig des XVI, welche die Menschen von damals für vollendet hielten, im Vergleich zu dem Lebensgefühl von heute, dem Geist unserer modernen Gesellschaft, gar nichts ist. Heute glauben wir, gleichberechtigt und gleichwertig zu sein, egal ob Millionär oder Arbeitsloser, egal ob Minister oder Hausmeister. Besonders junge Menschen reagieren äußerst empfindlich, ja geradezu aggressiv, wenn ihnen eine Respektsperson entgegentritt und diese ihre Autorität behauptet. Herausfordernd klopfen sie ihrem Vorgesetzten auf die Schulter und duzen ihn.

Unser Predigttext heute scheint dieser Mentalität recht zugeben.

Jak 2,1 - 13
1 Meine Brüder, ihr glaubt an Jesus Christus, unseren Herrn, der Gottes Herrlichkeit teilt und dem alle Ehre zusteht. Dann dürft ihr unter euren Glaubensbrüdern nicht Unterschiede machen, je nachdem, ob jemand in der sozialen Rangordnung hoch oder niedrig steht!
2 Nehmt einmal an, ihr seid zum Gottesdienst versammelt, und es kommt ein reicher Mann mit goldenen Ringen und in vornehmer Kleidung herein und ebenso ein armer Mann in Lumpen.
3 Und ihr sagt zu dem gut gekleideten Mann respektvoll: »Bitte, hier ist noch ein bequemer Platz«! Aber zu dem Armen sagt ihr: »Du kannst dort hinten stehen«, oder auch: »Setz dich hier neben meinen Stuhl auf den Boden«!
4 Trefft ihr da nicht höchst fragwürdige Unterscheidungen und urteilt nach verwerflichen Maßstäben?
5 Hört gut zu, meine lieben Brüder! Hat Gott nicht gerade die erwählt, die in den Augen dieser Welt arm sind, um sie aufgrund ihres Glaubens reich zu machen? Sie sollen in Gottes neue Welt kommen, die er denen versprochen hat, die ihn lieben.
6 Ihr aber verachtet die Armen! Und wer unterdrückt euch und bringt euch vor Gericht? Die Reichen!
7 Sind sie es nicht, die den hohen Namen lästern, der bei der Taufe über euch ausgerufen wurde?
8 Handelt nach dem wahrhaft königlichen Gesetz: »Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst!« Dann tut ihr recht.
9 Wenn ihr aber dabei Unterschiede macht, begeht ihr eine Sünde und steht vor dem Gesetz als Übertreter da.
10 Denn wer das gesamte Gesetz befolgt, aber gegen ein einziges Gebot verstößt, hat gegen alle verstoßen und ist vor dem ganzen Gesetz schuldig geworden.
11 Derselbe Gott, der gesagt hat: »Brich nicht die Ehe!«, hat auch gesagt: »Morde nicht!« Wenn du also keinen Ehebruch begehst, aber jemand tötest, bist du ein Übertreter des Gesetzes.
12 Redet und handelt als Menschen, die einst vor Gott nach dem Gesetz beurteilt werden sollen, das wahrhaft frei macht.
13 Wer selbst kein Erbarmen gehabt hat, über den wird auch Gott erbarmungslos Gericht halten. Wenn aber jemand barmherzig war, dann gilt: Das Erbarmen triumphiert über das Gericht.
(Gute Nachricht 1997)

Liebe Gemeinde, von wem erwarte ich etwas? Vom Geld oder von Gott? Vom materiellen Reichtum oder aus der Fülle göttlicher Gaben? Vom Vergänglichen oder Unvergänglichen? Es ist schon erstaunlich und die eine oder der andere von uns wundern sich, dass wir Christen über 1800 Jahre mit diesem Brief leben konnten, ohne dass Kaiser, Könige und Grafen, Großgrundbesitzer, Aktionäre und Großindustrielle vom schlechten Gewissen geplagt wurden. Das verleitet uns dazu, unsere Nächste und auch unseren Nächsten zu beurteilen? Wenn wir lieblos urteilen, dann werten wir und unser nächster Schritt ist das Verurteilen.

Ich kann ein und denselben Menschen, wie hier den Armen, auf unterschiedliche Weise betrachten: Ich kann seine zerrissenen und schmutzigen Kleider sehen und ihn als gesellschaftsunfähig hinstellen. Ich kann aber auch, sein rissiges Gesicht und seinen traurigen Gesichtsausdruck sehen, ich kann aus seinen Augen lesen, was er durchgemacht hat, und ich kann, wenn ich bereit bin ihm etwas zu geben, ihn fragen, was er dringend benötigt. Soziale Unterschiede scheinen in den Augen des Apostels Jakobus nur aus Urteilen zu entstehen, die in böser Absicht geäußert werden. Und doch, gibt es nicht gleichzeitig eine andere Strömung? In jüngster Zeit noch stärker als bis vor wenigen Jahren? Eine Suche, ein Bedürfnis, ein Verlangen nach Echtheit, nach Ursprünglichkeit, nach unverwechselbarer Schöpferkraft?

Die Sehnsucht unserer Zeit will tatsächlich die Nähe zum Nächsten wie die Unverbrauchtheit des einzelnen. Die Sehnsucht unserer Zeit will offensichtlich etwas, was wir aus uns heraus niemals leisten können. Sie will im Grunde Jesus Christus, den eingeborenen Sohn des himmlischen Vaters. Gott kehrt die Maßstäbe um. Denn er hat die Armen erwählt: Reich ist, wer im Glauben reich ist. Gott verheißt sein ewiges Reich denen, die ihn lieben.

Sich an das Gebot zu halten „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" schützt uns vor dem Personenkult der Reichen. Denn bei Gott gibt es kein Ansehen der Person, alle irdischen Unterschiede verschwinden in der Gegenwart Jesu Christi.
Unsere Verbindung zu Gott, zu Jesus Christus, befreit uns davon, irdische Maßstäbe anzusetzen und meine Nächste und auch meinen Nächsten nach dem zu beurteilen, was sie oder er hat. Wir müssen und sollen auch nicht die Reichen vorrangig behandeln. Denn unsere Verbindung zu Jesus Christus stärkt uns darin, dass wir uns dem andern zuzuwenden, weil auch sie und er von Gott geliebt ist. Genau hier setzt der Jakobusbrief an.

„Haltet den Glauben an unseren Herrn Jesus Christus frei von jedem Ansehen der Person!“

Der Apostel Jakobus predigt nicht den Klassenkampf der Armen in schmutzigen Kleidern gegen die Menschen mit goldenen Ringen.

Er führt vielmehr Reiche wie Arme vor das Geheimnis der Selbsterniedrigung Gottes in Christus Jesus. Nicht von uns aus, ob wir arm oder reich sind, werden Klassenunterschiede überwunden, sondern von Gott her, der alle liebt und sich uns allen schenkt. Nicht der Besitz, sondern die Realität ist entscheidend. Nicht was wir haben, sondern wie wir sind, macht uns zu Menschen. Nicht der Besitz, sondern die Realität für andere macht unser Leben menschlich.

Die Barmherzigkeit Gottes, die wir von ihm erfahren, dürfen, sollen wir an andere weitergeben.  Wir leben in einer anderen Welt, im Wohlstand, den wir uns mit unseren Fähigkeiten, Fleiß und Glück erworben haben. Und doch steigt manchmal die Furcht in uns auf, die eigentlichen Armen zu sein.

Darum hört gut zu, meine lieben Schwestern und meine lieben Brüder! Hat Gott nicht gerade die erwählt, die in den Augen dieser Welt arm sind, um sie aufgrund ihres Glaubens reich zu machen? Diese Einladung ist an uns gerichtet, hier und heute, an eine jede und jeden von uns. Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Erstellt: 22.10.2006
Zuletzt aktualisiert: 31.3.2011 16:50 Uhr
Redakteur: Anders Grüning

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