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Predigt - Lk10,38-42

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus
Amen.

Liebe Gemeinde, im Sommer werden es 63 Jahre, als die Mutter meines Vaters aus einem Internierungslager von Dänemark zu uns kam. Damals, da lebten meine Eltern und ich bei den Eltern meiner Mutter. Diesen Tag, als Vaters Mutter zu uns kam, den werde ich so schnell nicht vergessen können.

Die Mutter meiner Mutter, sie kam mit vollem Tablett, stellte es hin und eilte wieder in den Keller, um Getränke zu holen. Dann hatte sie immer noch keine Zeit. Sie besorgte die Tischdecke und wollte eben noch in den Garten gehen, um Blumen für die Vase zu holen.

Während dessen saß meine Mutter neben ihrer Schwiegermutter. Sie hörte ihr zu, was die Mutter meines Vaters alles auf der Flucht erlebt hatte. Als endlich der Tisch gedeckt war und die Blumen in der Vase standen, war die Zeit abgelaufen. Vaters Mutter musste gehen, denn sie musste sich ihr neues Zuhause ansehen.

Wie ist das bei Ihnen zu Hause, wenn sich Besuch angesagt hat – oder wenn Besuch plötzlich kommt? Gibt es dann eine rege Geschäftigkeit?

Bei vielen Menschen ist das so. Die Wohnung muss noch schnell in Ordnung gebracht werden. Einige Dinge werden hastig weggeräumt. Ein Blick in den Kühlschrank oder in den Küchenschrank, denn man möchte ja seinen Gästen auch etwas Schönes und Leckeres anbieten. Alles soll wirklich schön sein. Denn die Gäste sollen sich wohl fühlen. Der Besuch soll einfach spüren, dass er uns wertvoll und wichtig ist.

Zum Luftholen kommen wir dann erst, wenn alle am Tisch sitzen. Dann beginnt das Erzählen und Zuhören. Über eine ganz ähnliche Geschichte berichtet uns auch der heutige Predigttext, der im Evangelium bei Lk 10, 38 – 42 steht.

Lk 10, 38 - 42
38 Als Jesus mit seinen Jüngern weiter zog, kam er in ein Dorf, wo ihn eine Frau mit Namen Martha in ihr Haus einlud.
39 Sie hatte eine Schwester, die Maria hieß. Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte ihm zu.
40 Martha hingegen machte sich viel Arbeit, um für das Wohl ihrer Gäste zu sorgen. Schließlich stellte sie sich vor Jesus hin und sagte: »Herr, findest du es richtig, dass meine Schwester mich die ganze Arbeit allein tun lässt? Sag ihr doch, sie soll mir helfen!« -
41 »Martha, Martha«, erwiderte der Herr, »du bist wegen so vielem in Sorge und Unruhe,
42 aber notwendig ist nur eines. Maria hat das Bessere gewählt, und das soll ihr nicht genommen werden.«
NGÜ 2009

Von den Jüngern ist in unserem Predigttext keine Rede. Mit dem Evangelisten Lukas folge ich Jesus in das Haus der Frau. Sie heißt Martha und kennt Jesus.

Wahrscheinlich ist Jesus in dieser Gegend schon eine bekannte Persönlichkeit. Und deshalb für Martha ein ehrenvoller Besuch, die jetzt seine Gastgeberin geworden ist. Den geladen Gast, den muss man bedienen. Erst recht einen so bekannten Gast.

Dass gerade eine Frau Jesus aufnimmt, das ist ungewöhnlich und galt zu der damaligen Zeit als sehr anstößig. Doch Jesus nimmt ihre Einladung an und geht in ihr Haus. Martha verfällt in dem Moment, in dem Jesus ihr Haus betritt, in einen blinden Aktionismus.

Sie hofft sicherlich auf die Mithilfe ihrer Schwester. Aber was macht diese? Sie setzt sich zu Jesu Füßen und hört zu, hört auf das, was der Gast spricht, was er zu ihr spricht.

Die Martha, sie war schon in Ordnung. Sie hatte alles parat, als Jesus kam, und holte aus Keller und Küche die besten Sachen auf den Tisch.

Nur eins hatte Martha verpasst, was notwendig ist, die Zeit, die für das bleibt, was Gott uns sagen will.

Oder reichen dazu unsere Nerven nicht mehr aus? Sind wir dazu zu müde? Sind wir vom Samstagabend so fertig, dass wir am Sonntagmorgen nicht zum Gottesdienst kommen? Sind wir falsch engagiert?

Mancher hat so den Kontakt zu Gott abreißen lassen; er oder sie ist dabei ein ganz armer Mensch ohne Halt geworden.

Maria aber hatte erkannt: Es kommt jetzt gar nicht darauf an, ob wir Menschen alles parat haben und Gott etwas anzubieten haben. Sondern es kommt jetzt darauf an, ob wir Menschen, das Wichtigste von Gott empfangen wollen oder nicht.

Darum setzte sie sich zu den Füßen Jesu hin und hörte zu, was er sagte. Hauptsache ist, dass Gott in unserem Leben zum Zuge kommt. Maria war das Herz aufgegangen, denn so wie Jesus, hatte noch kein Mensch mit ihr geredet.

Darum haben wir ganz ernstlich zu fragen, was uns daran hindert, mit Gott das Gespräch aufzunehmen.

Die Martha hinderte der viele Dienst im Haushalt daran. Sie vergisst sich in ihrer Rolle als Gastgeberin, was einer Frau damals anstand: sich um den Haushalt zu kümmern, die Gäste zu bewirten und sich nützlich zu machen.

Uns hindert die harte Arbeit um das tägliche Brot. Ja, uns hindert auch die herrliche Begeisterung für das Kino oder das Theater, vielleicht auch die jugendliche Hingabe an den Sport.

Maria sitzt zu Jesu Füßen und ist versunken im Zuhören; sie ist hin und her gerissen. Maria sitzt da und hört nur zu. Sie erlebt und erfasst die Anwesenheit Gottes.

Das ist nicht nur wichtig, sondern auch lebensnotwendig. Maria hat dies erkannt, sie hat die Stunde genutzt und hat sie bekommen. Der Herr, von dem ich etwas für mein Leben erwarte, sitzt ihr gegenüber, tritt in ihr Haus, tritt in ihr Leben und sie setzt sich dem nun aus.

Aber eben nicht so, dass Maria in fromme oder soziale Aktivität verfällt, nein, sondern so, dass sie dem Hören, Raum gibt, dass sie versucht wahrzunehmen, was dieser Herr ihr zu sagen hat.

Nicht das eigene Tun, nicht die eigenen Gedanken stehen im Vordergrund, sondern das Gegenüber, das in ihr Leben getreten ist, ist für Maria das Wichtige.

Was könnten wir daraus lernen, wenn wir uns heimlich in Maria oder Martha wiederentdecken? So wie die beide haben wir unsere Stärken und haben auch unsere Schwächen und stehen manchmal in der Gefahr, einseitig zu werden.

Vielleicht vergessen die einen vor lauter Beschäftigung, dass auch ihre Seele einmal zur Ruhe kommen muss, dass die Lösung vieler seelischen Fragen nur in der Stille geschehen kann. „In der Ruhe liegt die Kraft“, so sagt es ein altes Sprichwort.

Jedoch die größte innere Gefahr ist, dass unsere Sorgen zur Flucht vor uns selbst und vor Gott werden können. Da stürzt sich jemand in Aktivitäten, weil er oder sie die innere Ruhe nicht erträgt und die Gedanken, die dann kommen, die kann man dann so nicht ertragen.

Maria und Martha stellen unsere zwei Seiten dar. Die Frage ist, ob die beiden Seiten in uns, im Gleichgewicht sind oder ob wir nicht eher wie Martha die aktive Seite, aber auch die sorgende Seite betonen. Immer wieder neu sehen, worauf es gerade ankommt, darum geht es: Aber notwendig ist nur eines, sagt Jesus, und meint damit nicht, dass immer nur das Hören auf Gott das Notwendigste sei.

Einmal muss ich zupacken, ohne lange nachzudenken und hin und her abzuwägen. Das andere Mal muss ich wieder alles stehen und liegen lassen und still sein und hören, um meinetwillen und um Gotteswillen.

Liebe Gemeinde, kehren wir noch einmal zu unserem Predigttext zurück. Dass eine Frau Jesus aufnimmt, ist ungewöhnlich und galt eher als anstößig. Genauso zeigt das „Zu-Füßen-Sitzen“ Marias ein anderes Verhältnis und Verständnis als es zur damaligen Zeit üblich war, denn kein jüdischer Rabbi hätte je eine Frau in seinen Schülerkreis aufgenommen.

Jesus stellt durch sein Handeln die gültigen Ordnungen auf den Kopf, nicht um die Ordnung zu verunglimpfen, sondern um des Menschen willen nach dem tieferen Sinn zu fragen.

Maria und Marta, sie stellen zwei Seiten unseres persönlichen Glaubenslebens vor Augen. Sie zeigen uns, dass menschliche, und christliche Gemeinschaft vielseitig ist und in allem immer wieder davon geprägt ist, dass wir von Gott und mit Gott leben, dass wir von Menschen und mit ihnen leben. Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus
Amen.

Erstellt: 22.4.2011
Zuletzt aktualisiert: 18.5.2011 09:33 Uhr
Redakteur (nicht zwingend Autor): Anders Grüning

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