Predigt "Mir ist Erbarmung widerfahren"
Text: Römer 9,14-24
Liebe Gemeinde!
Eine russische Geschichte erzählt, da läuft einem Bauern das Pferd davon. „So ein Unglück", jammert der Bauer. Nach geraumer Zeit kommt das Pferd wieder und bringt ein zweites mit. „So ein Glück", jubelt der Bauer, „jetzt habe ich zwei Pferde.". Sein Sohn setzt sich sofort auf das neue und reitet damit eine Runde, fällt vom Pferd und verletzt sich den Fuß. „So ein Unglück", jammert der Bauer. Der Sohn kann nur noch humpeln.. Eines Tages kommen Männer, Soldaten, die junge Leute für den Krieg holen wollen. Den hinkenden Sohn können sie nicht gebrauchen. „Welch ein Glück", denkt der Bauer und lässt sie frohen Herzens weiter ziehen.
Glück im Unglück sagen wir. Was uns Unglück und sinnlos erschien, erweist sich als Segen.
Vielleicht hilft uns diese kleine Geschichte den heute vorgegebenen Predigttext ein wenig besser zu verstehen. Es sind Gedanken des Apostels Paulus aus dem 9. Kapitel des Römerbriefes. Sie beschäftigen sich mit Gottes Handeln, mit der gewichtigen Frage nach Erwählung und Verwerfung.
14 Was sollen wir nun hierzu sagen? Ist denn Gott ungerecht? Das sei ferne!
15 Denn er spricht zu Mose (2. Mose 33,19): »Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig; und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.«
16 So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen.
17 Denn die Schrift sagt zum Pharao (2. Mose 9,16): »Eben dazu habe ich dich erweckt, damit ich an dir meine Macht erweise und damit mein Name auf der ganzen Erde verkündigt werde.«
18 So erbarmt er sich nun, wessen er will, und verstockt, wen er will.
19 Nun sagst du zu mir: Warum beschuldigt er uns dann noch? Wer kann seinem Willen widerstehen?
20 Ja, lieber Mensch, wer bist du denn, dass du mit Gott rechten willst? Spricht auch ein Werk zu seinem Meister: Warum machst du mich so?
21 Hat nicht ein Töpfer Macht über den Ton, aus demselben Klumpen ein Gefäß zu ehrenvollem und ein anderes zu nicht ehrenvollem Gebrauch zu machen?
22 Da Gott seinen Zorn erzeigen und seine Macht kundtun wollte, hat er mit großer Geduld ertragen die Gefäße des Zorns, die zum Verderben bestimmt waren,
23 damit er den Reichtum seiner Herrlichkeit kundtue an den Gefäßen der Barmherzigkeit, die er zuvor bereitet hatte zur Herrlichkeit.
24 Dazu hat er uns berufen, nicht allein aus den Juden, sondern auch aus den Heiden.
Die Gedanken des Paulus sind „ein schwerer Wein und eine sehr anspruchsvolle Kost“, so hat Martin Luther geurteilt, denn Paulus ringt mit Worten und mit Argumenten, um Gottes Handeln einsichtig darzustellen.
Er zitiert die eine Stelle aus der Exodusgeschichte, in der Mose den Lichtglanz Gottes
sehen will. Moses sehnt sich nach Kraft, Ermutigung und Bestätigung, die Führungsrolle gegenüber dem hier so unverständigen und undankbaren Landsleuten auszufüllen. Hatten sie sich doch ihren sichtbaren Götzen im Goldenen Kalb errichtet.
Nun steht Moses in der Felsspalte am Sinai. Gott hält die Hand über ihn und - er sieht IHM nach. Denn Gottes Angesicht kann kein Mensch sehen. Nur im Nachhinein wird man ihn spüren, wird man seinem Vorübergehen nachsinnen und nachsehen können.
Eine Diskussion auf Augenhöhe ist unmöglich.
Das zweite Beispiel verschärft noch die Argumentation: Gott hat den Pharao aufgestellt, um seine Macht zu erweisen. So erfahren die einen Barmherzigkeit, die andern werden hart gemacht wie ein Stock - verhärtet.
Spielt Gott denn mit Menschen, wie mit Marionetten? Die einen nimmt er an, die anderen verwirft er! Wer ist dann noch verantwortlich für die Rolle, die er darstellt?
Bis heute sind die Begründungen vielfältig, mit denen wir Menschen uns der Verantwortung entziehen und entschuldigen wollen?
Da sind es glückliche oder unglückliche Zeitumstände, da hat einer „Schwein" oder „Pech", da entscheiden Veranlagung und Vererbung, da bestimmt die genetische Disposition alles...
Wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, müssen wir eingestehen, dass vieles davon abhängt, was andere Menschen für - oder gegen - mich tun. Als Tochter und Sohn sind wir vom Elternhaus geprägt, im Beruf sind wir abhängig von der Beurteilung des Chefs, ob meine Arbeit Anerkennung und Förderung erhält oder ob ich gemobbt, ja gekündigt werde .Herr Steinbrück entscheidet, wie viel am Ende von meinem Lohn in meinen Taschen landet und von Frau von der Layen hängt es ab, ob ich meinen Job ruhen und mich um meine Kinder kümmern kann und von vielen anderen Politikern, ob ich in Ruhe und Frieden schlafen darf. Und dann hat man auf einmal das Gefühl, nur noch wenig in der Hand zu haben und kaum etwas ändern zu können. Dann hängt es von anderen ab, das Gute und Böse, das Gelingen und Scheitern, das Glück und Unglück, der Krieg und der Frieden in meinem Leben...
Im Grunde genommen leben wir in einem Dilemma: Einerseits wollen wir unabhängig sein, andererseits gut behütet. Wir wollen selbst über unser Leben entscheiden und sehnen uns doch nach einer Richtschnur. Wir gestalten unseren Alltag oft ohne Gott und klagen ihn dann doch an, falls einmal etwas schief gehen sollte. Unser Verhalten entspricht unserer Lebenswirklichkeit. Mal überwiegt das eine, mal das andere. Hin- und her gerissen sind wir auf jeden Fall: angenommen oder verworfen. Wer kann diese Willkür verstehen? Zumal das Bild vom Ton und Töpfer dieses Gefühl verstärkt.
Doch Paulus greift es auf, weil er der Gemeinde in Rom und uns heute klar machen, dass allein Gott der Herr der Welt ist. Das heißt einerseits: Kein Mensch hat sein Leben in der Hand. Das heißt aber auch andererseits: Kein Mensch hat mein Leben in der Hand. Das heißt: Ich kann das Leben nicht einfach leben, wie ich will. Das heißt aber auch: Ich werde nicht einfach gelebt. Der Mensch und das Leben sind einzig und allein in Gottes Hand. Im Grunde genommen ist das eine Art Befreiung, auch wenn es sich gar nicht danach anhört. Denn kein Ereignis ist endgültig und kein Mensch hat das letzte Wort. Das mag uns bei den schönen Dingen des Lebens nicht so Recht sein. Aber es ist die Hoffnung schlechthin dafür, dass alles Leiden einmal ein Ende hat.
Wenn Gott der Herr der Welt, meines Lebens ist, dann bin ich nicht ein Spielball seiner wechselnden Launen, sondern dann bin ich hinein genommen in die spannendste Geschichte, nämlich in die Geschichte göttlichen Erbarmens.
Viermal benutzt Paulus das Wort Erbarmen. Viermal, um das Ziel Gottes mit den Menschen und der Welt zu beschreiben. Und indem Paulus das Bild vom Ton und Töpfer aufgreift, führt er das Bild von den Gefäßen ein, um deutlich zu machen, was Gottes Wille ist.
Im Bild gesprochen: die Gefäße des Zorns sind da. Verheerende Schicksale, bösartiges Handeln, unmenschliche Zerstörungswut. Aber daneben existieren auch die Gefäße der Barmherzigkeit, mit denen Gott wirkt.
Der Weisheitslehrer Sirach sagt einmal:
Die Barmherzigkeit eines Menschen gilt allein seinem Nächsten; aber Gottes Barmherzigkeit gilt der ganzen Welt. Er weist zurecht, erzieht und belehrt und führt zurück wie ein Hirt seine Herde. Er erbarmt sich über alle, die sich erziehen lassen und eifrig auf sein Wort hören. (Sir 18,12-14)
„Aber Gottes Barmherzigkeit gilt der ganzen Welt.“ Diese Botschaft hat in Jesu Leben und Leiden für uns Gestalt angenommen. In ihm gibt es keine Verworfenen und Bevorzugten mehr, sondern nur zur Gnade berufene Sünder, denen Erbarmung widerfahren ist.
Daran darf ich glauben. Der Mensch und das Leben sind einzig und allein in Gottes Hand. Im Grunde genommen ist dies eine Art Befreiung, auch wenn es sich gar nicht danach anhört. Denn kein Ereignis ist endgültig und kein Mensch hat das letzte Wort.
Darum darf ich hoffen, im Nachhinein mein Leben in Klarheit zu schauen.
Was für mich zuerst als Unglück erscheint, muss nicht sinnlos sein.
Wenn ich ehrlich zurückblicke, dann habe ich mehr gelernt aus den widrigen Erfahrungen in meinem Leben. Die Zeit, wo ich ganz unten war, eingesperrt, die möchte ich nicht mehr missen aus meinem Leben. Sie hat mich geformt und meinen Horizont geweitet
Darauf darf ich bauen: solange Gott an mich glaubt, mich formt und mir Atem gibt, kann ich immer wieder ein Gefäß der Barmherzigkeit werden.
Um auf den konkreten Hintergrund des Textes noch einmal zu kommen, weder Paulus noch uns steht es zu, über die Juden in irgendeiner Weise gering zudenken.
Sie haben uns das Gefäß der Barmherzigkeit gereicht. Ihnen verdanken wir den geschichtlichen Anfang des Gottesglaubens. Ihnen verdanken wir auch Jesus, den Juden.
Und wir können unwahrscheinlich dankbar sein, dass Gottes Liebe nicht nur auf ein Volk beschränkt blieb, sondern unendlich viel größer ist, als wir uns vorstellen können.
Also werden wir zu barmherzigen Menschen, die sich nicht verhärten lassen, sondern vielmehr der Verheißung Glauben schenken: Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. (Matthäus 5,7) Amen.
Liturgie
Wochenspruch aus Daniel 9,18:
Wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.
Kyrie
Barmherziger Gott,
manchmal führen wir uns auf wie Könige.
Und manchmal fühlen wir uns wie Sklaven.
Manchmal wissen wir alles besser.
Und manchmal sind wir ratlos.
Manchmal kann uns nichts anhaben.
Doch manchmal schlägt das Leben tiefe Wunden.
Manchmal leben wir.
Und manchmal werden wir gelebt.
Herr, erbarme dich ...
Zuspruch aus Joh 3,16:
Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben,
nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.
Kollektengebet
Barmherziger Gott, du bist der Herr der Welt.
Du hältst uns in deinen Händen.
Wir bitten dich: Schenke uns die Gabe,
dir unser Leben anzuvertrauen.
Schenke uns den Mut,uns auf dich zu verlassen.
Schenke uns die Gewissheit,
dass es keinen Ort gibt, an dem wir besser aufgehoben sind
als bei dir.
Das bitten wir dich, der du mit deinem Sohn und dem Heiligen Geist lebst und regierst von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Fürbitten
Barmherziger Gott,
wir bitten dich um Vergebung.
Vergebung, die wir erfahren dürfen,
wenn wir schuldig geworden sind.
Und Vergebung, die wir zusprechen können,
wenn uns jemand Unrecht angetan hat.
Herr, erbarme dich...
Herr Jesus Christus, wir bitten dich um Frieden:
Frieden, den du uns schenkst,
wenn wir in deinem Namen versammelt sind.
Und Frieden, für den wir einzutreten wagen,
wenn sich unsere Nächsten im Streit begegnen.
Herr, erbarme dich...
Heiliger Geist,
wir bitten dich um Hoffnung.
Hoffnung, die du in uns weckst,
wenn du durch unsere Herzen wehst.
Und Hoffnung, die wir denen geben können,
die verzweifelt leben.
Herr, erbarme dich...
Vaterunser