Predigt "Mit den Augen Anderer sehen"

Gnade sei mit euch und Frieden von Gott, unserem Vater, und unserem Herren Jesus Christus.

1. Sternschnuppensuche

"Die beiden liegen schon seit geraumer Zeit im Gras und suchen den sternenklaren Nachthimmel ab. Die Hitze des Tages ist einer angenehmen Kühle gewichen und die letzten Spaziergänger haben den Park geräumt.
Heute Nacht soll es Sternschnuppen regnen, das haben sie zumindest im Fernsehen gesagt. Die beiden Freunde haben kurz miteinander telefoniert und sich für diesen Abend verabredet, auf Sternschnuppenjagd zu gehen.

Schließlich, das weiß man ja, kann sich jeder etwas wünschen, der eine Sternschnuppe beobachtet. Nun warten die beiden und sind gespannt, wer als erstes einen Lichtstreif ausfindig macht.
"Da, ich hab' eine!" Alex zeigt mit seiner Hand nach oben. "Wo denn?", fragt Benny, "Ich sehe nichts."
"Schon vorbei," meint Alex, "hättest eben besser aufpassen sollen. Jetzt wünsche ich mir was." Alex macht die Augen zu und denkt ganz feste nach. Kurze Zeit später erblickt er wieder eine. "Noch eine, Mann, toll!" - Benny hat schon wieder nichts mitgekriegt. "Ich habe das Gefühl, ich guck immer zur falschen Zeit auf die falsche Stelle."
Alex kann die Enttäuschung in seiner Stimme deutlich hören. "Weißt du was?", meint er, "Die nächste Sternschnuppe, die ich sehe, schenke ich dir! Dann kannst auch du dir was wünschen." "Gilt das denn?" Benny ist skeptisch. "Klar doch", bestätigt Alex, "Sternschnuppe ist Sternschnuppe. Also gibt es auch einen Wunsch frei. Und wenn ich eine gesehen habe, dann hast du auch eine gesehen. Schließlich sind wir Freunde." Benny überlegt einen Augenblick. Dann freut er sich.

Früher habe ich öfter einmal mit meinen Freunden im Gras gelegen und nach Sternschnuppen Ausschau gehalten. Natürlich wussten wir, dass das mit den Wünschen nur so eine Spinnerei war, aber es war trotzdem ein schöner Gedanke, etwas geschenkt zu bekommen, auf das man sich freuen durfte. Eines war dabei immer von vornherein klar. Wenn einer eine Sternschnuppe zu sehen bekam, sagte er es den anderen. So haben wir die Wünsche miteinander geteilt, auch wenn das eigentlich verboten war. Doch uns war es wichtiger, dass niemand leer ausgeht. Und diejenigen, die vergeblich in den Nachthimmel blickten, konnten sich auf die anderen verlassen.

2. Der Predigttext

Paulus schreibt heute im Predigttext an die Gemeinde in Korinth:
Ich erinnere euch aber, liebe Brüder, an das Evangelium, das ich euch verkündigt habe, das ihr auch angenommen habt, in dem ihr auch fest steht, durch das ihr auch selig werdet, wenn ihr's festhaltet in der Gestalt, in der ich es euch verkündigt habe; es sei denn, dass ihr umsonst gläubig geworden wärt. Denn als Erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift; und dass er begraben worden ist; und dass er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift; und dass er gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen.

Danach ist er gesehen worden von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch heute leben, einige aber sind entschlafen. Danach ist er gesehen worden von Jakobus, danach von allen Aposteln. Zuletzt von allen ist er auch von mir als einer unzeitigen Geburt gesehen worden. Denn ich bin der geringste unter den Aposteln, der ich nicht wert bin, dass ich ein Apostel heiße, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe. Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle; nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist. Es sei nun ich oder jene: so predigen wir und so habt ihr geglaubt.

Wenn ich den Paulustext lese, dann kommen in mir diese Erinnerungen an diese Abende wieder hoch. Ich habe den Eindruck, als wollte der Völkerapostel seiner Gemeinde Anteil an dem geben, was ihm und seinen Apostelbrüdern vergönnt war - nämlich den Auferstandenen zu sehen. Weniger um etwas unbedingt beweisen zu müssen, sondern vielmehr um zu trösten. Scheinbar hat sich schon sehr früh in den christlichen Gemeinden dieses dumme Gefühl breit gemacht, dass man an etwas glauben sollte, was man selbst nie zu Gesicht bekommen hat. Manche werden sich ehrlich danach gesehnt haben, endlich die Erfahrung machen zu dürfen, die auch die ersten Zeugen der Auferstehung Jesu machen durften - und dann immer mehr enttäuscht wurden, als nichts passierte.

3. Glaube was wir sehen

Wir haben ja heutzutage ein ähnliches Problem. Die Menschen glauben nur das, was sie selbst gesehen haben. Übersetzt in unsere Zeit heißt das: Man hält nur das für wahr, was wissenschaftlich erwiesen und nachweisbar ist. Alles andere gehört in die Esoterikkiste oder in den Bereich der Spekulation. Machen wir aber unser Verstehen zum Maßstab, dann müssten wir in gleicher Konsequenz auch die Photosynthese und das menschliche Gehirn als nicht wirklich verwerfen, denn wie sie funktionieren, ist bis heute wissenschaftlich weitgehend unverstanden, und nach bauen kann man beides nicht.

Was aber Gott tut, ist immer größer als unsere Gedanken, seien es die biblisch bezeugten Taten oder die genialen Gedanken in den Werken seiner Schöpfung. Aber ist das ein Wunder, dass viele mit der Ostergeschichte wenig anfangen können. Die ist einfach so weit weg vom eigenen Erfahrungshorizont, dass man ihr keinen Glauben schenken mag.

Und dennoch spüre ich auch immer wieder diese Sehnsucht, diesen Ereignissen doch irgendwie noch Glauben schenken zu können. "Ja, wenn ich selbst dabei gewesen wäre ..." oder "Wenn Jesus sich heute mal wieder blicken lassen würde ... ja dann ...!" - Hinter solchen Sätzen verbirgt sich eine große Enttäuschung, die mit der steigenden Wissenschaftsgläubigkeit zugenommen hat. Man fühlte sich halt doch seliger, wenn man was zu sehen bekommen würde.

Für mich ist die Erinnerung an meine Freunde und dem Sternschnuppensuchen darum ein möglicher Brückenschlag, das Wunder des leeren Grabes näher zu bringen. Es hat Menschen gegeben, die dieses Wunder miterleben durften. Sie leben schon lange nicht mehr, aber wir sind durch die Jahrhunderte hinweg in einer Weise miteinander verbunden, die Zeit und Raum überdauert - wie eine tief gehende Freundschaft oder Partnerschaft. Sie haben - zu nicht geringem Teil mit ihrem eigenen Leben - bezeugt, dass der Tod Jesu nicht das Ende war, sondern der Ostermorgen ein neuer Anfang. Selbst für diejenigen, die Jesus zu seinen Lebzeiten nicht gekannt haben, wie z.B. Paulus. Auch knapp 2.000 Jahre später dürfen wir darauf vertrauen, dass sie ihre Zeitgenossen damals und uns heute nicht belügen und betrügen wollten. Im Gegenteil: Was sie gesehen haben, haben sie auch für uns gesehen. Darüber sollten wir uns freuen - auch heute noch.

Und vielleicht ist gerade das was draussen geschieht der beste Beweis für Gottes Handeln. Ostern liegt im Frühjahr. Im Winter scheint die Natur wie ausgestorben. Kein grünes Blatt kein Vogel singt. Wenn wir vom Frühjahr nichts wüssten, wir würden nicht glauben, dass bald alles in voller Blütenpracht vor uns steht, dass selbst der die Weinrebe wieder neue Blätter und Früchte bekommt. Wir vertrauen unseren Beobachtungen und Erfahrungen mehr als dem Augenblick.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft regiere und bewahre unsere Herzen und unsere Sinne in Christus Jesus.
Amen.

Erstellt: 8.1.2005
Zuletzt aktualisiert: 11.4.2010 10:47 Uhr
Redakteur: Simone Schreiner